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Ausgabe:

Januar/2010

Spalte:

118-119

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Piepke, Joachim G. [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Kultur und Religion in der Begegnung mit dem Fremden. M. Beiträgen v. A. Quack, W. Marschall, U. Berner, B. Lang, K. Hock, S. Dedenbach-Salazar Sáenz, S. Schröter.

Verlag:

Nettetal: Steyler Verlag 2007. 207 S. gr.8° = Veröffentlichungen des Missions-Priesterseminars St. Augustin, 56. Kart. EUR 25,00. ISBN 978-3-8050-0544-9.

Rezensent:

Markus Roser

Vom 16. bis 20. Oktober 2006 veranstaltete die Philosophisch-Theologische Hochschule Societas Verbi Divini (bekannt als Steyler Missionare) St. Augustin in Zusammenwirken mit dem Anthropos Institut St. Augustin das Symposium »Kultur und Religion in der Begegnung mit dem Fremden«. Das Symposium sollte einen Beitrag leisten, das Phänomen der Begegnung und Vermischung von Kulturen und Religionen als historischen Prozess zu begreifen, der nicht konfliktfrei, aber dennoch kreativ ist. Der Herausgeber, Joachim Piepke, weist in seinem Vorwort auf die synkretistischen Prozesse der Kulturen und Religionen hin, die in der dynamischen Spannung der provozierenden Fremdheit des Anderen gepaart mit Fremdenfeindlichkeit und Abwehr einerseits und der Neugierde und Offenheit auf die Möglichkeiten des sich erweiternden Denk­horizontes andererseits stehen.
Der erste Beitrag von Anton Quack (9–30) gibt eine Einführung in die Thematik des Symposiums. Er präsentiert klassisch ethnologische Definitionen zu einigen wichtigen Begriffen wie Kultur, Religion, Kulturwandel und Synkretismus. Den Ethnozentrismus sieht er als universal und unabdingbar, um die Welt vom eigenen Standort aus zu begreifen. Neben der Verwurzelung in der eigenen Kultur braucht es aber auch das Wissen um die Relativität und die Begrenztheit der eigenen Kultur. Nur durch einen kritischen Ethnozentrismus kann den Fehlentwicklungen begegnet werden, so dass Kultur als Erbe der eigenen Identität dient und andererseits Raum für menschliche Kreativität und Freiheit eröffnet.
Um Kulturwandel, Elemente, Prozesse und Strukturen geht es im zweiten Beitrag von Wolfgang Marschall (31–45). Er definiert Kulturwandel als zunächst wertfreien Begriff. Angesichts aber der weltweiten Migrationsbewegungen und der daraus resultierenden Integrationsdebatte plädiert er für ausführliche Diskussionen, in die alle Beteiligten eingeschlossen werden, um den sich ab­spielenden, benötigten oder gewünschten Kulturwandel zu begleiten.
Ulrich Berner, »Synkretismus – Begegnung der Religionen« (47–74), erörtert den Synkretismusbegriff im Spannungsfeld zwischen religionswissenschaftlicher Kategorie und theologischem Kampfbegriff, bevor er sich mit der Begegnung der Religionen als analytischer Beschreibung oder metaphorischer Redeweise auseinandersetzt. Erfrischend lesen sich seine historischen Beispiele der Religionsbegegnung von Beda Venerabilis und der Bekehrung der Angelsachsen; Alkuin und der Bekehrung der Sachsen, Las Casas und der Bekehrung der Indianer, Valignano und der Bekehrung der Japaner, John William Colenso und der Bekehrung der Zulu sowie der Beitrag über Josiah Shembe und die Entstehung der unabhängigen Zulu-Kirche. Mehrheitlich liegen den Prozessen asymmetrische Machtverhältnisse zugrunde, die bisweilen politisch, aber auch individuell geprägt sind. Da kognitive Momente bei diesen synkretistischen Prozessen eine entscheidende Rolle spielen, meint er die Fremdheit im interkulturellen Vergleich überwinden zu können. Denn eine totale Verweigerung des Synkretismus wurzelt im Mangel an Einsicht in den pluralistischen Charakter der eigenen Tradition. Deshalb ist die Einsicht in den eigenen inneren Pluralismus die wichtigs­te Voraussetzung für eine offene Begegnung mit dem Fremden.
Unter dem Titel »Abgrenzung oder Öffnung? Kriegergeist oder Schreibergeist? Zwei Modelle des biblischen Israel« skizziert Bernhard Lang (75–95) sechs Thesen, die sich auf die Dynamik der beiden Grundkräfte »Schreibertum und Kriegertum« im altorientalischen Staat beziehen. Dabei steht die Option der Offenheit für andere der Option der Abgrenzung gegenüber. Beide Grundkräfte gehen eine paradoxe Allianz von Krieg und Frieden ein. Nach einem spannenden exegetischen Parcours steht die Erkenntnis, dass es nie zu einer vollständigen Synthese oder Versöhnung kommt. Die Tatsache des Bündnisses vermag an keiner Stelle das Faktum des Gegensatzes zwischen beiden Lebenshaltungen verwischen.
In seinem Beitrag »Afrikas traditionelle Kulturen und der Islam« gibt Klaus Hock (97–111) einen historischen Rückblick über die Geschichte der Islamisierung Westafrikas, die jihad-Bewegungen des 18. bis 19. Jh.s und die Kolonialzeit. Verschiedene Trägergruppen der Islamisierung wie Nomaden, Händler, Gelehrte sowie der ethnische Islam, die Bruderschaften und der Einfluss des modernen Islam werden beleuchtet. Beispiele für eine dynamische Synthese zwischen Kompatibilität und Inkompatibilität zwischen Islam und traditionaler Religion werden genannt. Das Ergebnis ist uneinheitlich und bisweilen widersprüchlich, weil der Islamismus sich einerseits unafrikanisch gebärdet, die islamistischen Akteure eine ausgrenzende Politik betreiben und im Gegensatz zu den traditionalen afrikanischen Muslimen und deren volksreligiöser Praxis stehen.
Sabine Dedenbach-Salazar Sáenz (113–178) untersucht »Andine traditionelle Kulturen und das Christentum«. Ihr Beitrag zeigt die Entwicklung der heute in den Anden ausgeprägten Religion und ihrer modernen Ausdrucksformen. Mit Rekurs auf die koloniale Kirchenpolitik, deren Wahrnehmung durch die indigene Bevölkerung und deren Reaktion werden zwei religiöse Konzepte diskursiv beschrieben und die Bedeutung der Sprache für deren Entwicklung aufgezeigt. Ihre Analyse stellt die andine Religion als kumulativ und integrierend heraus, als die Fähigkeit besitzend, Mensch, Natur und übernatürliche Welt miteinander im Einklang zu halten.
Susanne Schröter (179– 207) setzt in ihrem Beitrag »Adat und die katholische Mission auf Flores, Indonesien« mit der These ein, dass die indigenen Kulturen eben keine statischen Gebilde sind, sondern durch De- und Rekontextualisierungen zahlreiche synkretistische Kulte entstanden sind. Aufgrund der Integration des Fremden in das Eigene ist es den floresinischen Gesellschaften gelungen, keine passiven Opfer der Weltgeschichte zu sein, sondern als Akteure an der Moderne teilzuhaben, ohne die eigenen Wurzeln zu verlieren.
Der Sammelband mit seinen sechs Beiträgen gewährt einen sachlich fundierten Einblick in das Thema und einen guten – wenn auch nicht universal umfassenden – historischen und globalen Überblick; mit Respekt eine lesenswerte Lektüre.