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Ausgabe:

September/2009

Spalte:

1013–1015

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Hancock, Christopher

Titel/Untertitel:

Robert Morrison and the Birth of Chinese Protestantism.

Verlag:

London-New York: T & T Clark International (Continuum) 2008. XII, 268 S. m. Abb. gr.8° = T & T Clark Theology. Kart. £ 19,99. ISBN 978-0-567-03177-8.

Rezensent:

Hauke Christiansen

Das Vermächtnis christlicher Mission und des Christentums für Religion und Kultur Chinas steht seit einigen Jahren im Fokus asiatischer und abendländischer Missions- und Religionswissenschaft, wobei chinesische Forscherinnen und Forscher nicht selten ein positiveres Urteil über den Einfluss des Christentums aussprechen als ihre westlichen Kolleginnen und Kollegen.

Wer die Anfänge des Protestantismus in China erforschen will, kommt um Leben und Werk des Pioniermissionars der Londoner Missionsgesellschaft, Robert Morrison (1782–1834), nicht herum, der in der Nachfolge William Careys als Symbol für eine neue Missionsära in England steht und in missionarischer und philologischer Hinsicht als Vorgänger von James Hudson Taylor und James Legge gelten kann. Morrison, der zeitweise als bedeutendster Sinologe Europas galt, hat in einer politisch wie wirtschaftlich exzeptionellen bilateralen Lage dazu beigetragen, Englands Blick für China zu schärfen, und zugleich auf lange Sicht unzählige Menschen zum Missionsdienst in China inspiriert.

Kurz nach dem 200-jährigen Jubiläum von Morrisons Ankunft in Canton (1807) liegt nun eine Biographie über ihn vor, die sich von früheren Lebensbeschreibungen aus dem 19. und 20. Jh. darin unterscheidet, dass sie keinen feierlich-hagiographischen Ton anschlägt und sich der Grenzen westlicher Morrison-Interpretation bewusst ist. Als Ergebnis wird ein chronologisch lückenloses sowie prosopographisch vielschichtiges Bild von Morrison als Mensch, Diplomat, Gelehrter und Missionar präsentiert.

Der Verfasser, Christopher Hancock, lehrte an verschiedenen Universitäten in China und Indien und leitet seit 2008 als Direktor das Centre for the Study of Christianity in China (CSCIC) am King’s College in London. Das Zentrum wurde 2005 gegründet als Antwort auf das steigende akademische Interesse an sino-christlicher Forschung und unterstützt seitdem in ökumenischer Weite wissenschaftliche Vorhaben im Bereich von Geschichte und Tradition der chinesischen Kirche und der damit verknüpften Missionsbewegungen.

H. entwirft eine umfassende, informative und anregend zu le­sende Lebensgeschichte. Der Leser wird nicht nur an den äußeren Ereignisses des ersten protestantischen Missionars auf chinesischem Boden, seiner über 20-jährigen Übersetzertätigkeit für die Ostindische Handelsgesellschaft und seiner rastlosen Arbeit an einer der ersten chinesischen Bibelübersetzung beteiligt, sondern auch in die inneren Auseinandersetzungen und Zweifel des Menschen Morrison über Sinn und Erfolg seiner Sendung bis hin zu seinen familiären Sorgen mit hineingenommen. H. bezieht sich zum einen auf Primärquellen wie Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Missionsberichte, Zeitungsartikel, Predigten, Gesprächsnotizen etc., die größtenteils auf die zweibändigen, von Morrisons Witwe 1839 herausgegebenen Memoirs zurückgehen, zum anderen auf neuere Studien zum religiös-kulturellen und sozio-politischen Kontext Chinas.

Die Biographie ist von H. in einem zusammenhängenden Er­zählstrom gehalten und in acht Hauptkapitel eingeteilt (1. Preparation: 1782–1807; 2. Arrival: 1807–08; 3. Consolidation: 1808–13; 4. Partners: 1813–19; 5. Reputation: 1819–23; 6. Furlough: 1823–26; 7. Finale 1826–33; 8. Death and Beyond: 1834–), die wiederum in übersichtliche Abschnitte untergliedert sind. Inhaltlich und im Um­fang seiner Darstellung setzt H. den Schwerpunkt auf die zweite Phase von Morrisons Wirken in China zwischen 1813 und 1823, die in den Kapiteln 4 und 5 beschrieben ist (87–174). Das macht Sinn. Denn in diese Phase fällt nicht nur das frühzeitige Erreichen des großen Ziels von Morrisons Sendung durch die gemeinsame Bibelübersetzung mit seinem ersten und auf viele Jahre einzigen Mitarbeiter William Milne. Sondern mit Milnes Unterstützung wird Morrisons Plan, die Grundsteinlegung des Anglo-Chinese College in Malakka, 1818 verwirklicht und der Gedanke der Christianisierung durch Institutionalisierung und Akademiebetrieb geboren. Übersetzungstätigkeit und Akademiegründung kommen als die zwei Zentren der Ellipse von Morrisons vielfältigem Wirken gut zur Geltung.

In H.s ausgezeichneter Quellenzitierung und der konzisen, zusammenhängenden Darstellung historischer Fakten liegt die Stärke seiner Untersuchung – und zugleich ihre Schwäche. Denn H. hält sich mit eigenen Kommentaren, Interpretationen und Wertungen weitgehend zurück. Das ist besonders dort schade, wo er Morrisons jahrelangen Dienste für die wirtschaftlichen Ziele der Ostindischen Handelsgesellschaft und seine Teilnahme an den politisch brisanten britischen Gesandtschaften unter Lord Am­herst (1816) und Lord Napier (1834) an den chinesischen Hof ausbreitet (120 ff.234 ff.), ohne auf das mögliche Konfliktpotential durch die Verbindung von Mission und Kommerz bzw. Mission und erwachendem Imperialismus einzugehen. Hinweise auf eine Theologie des von der evangelikalen Erweckung geprägten Calvi­nis­ten Morrison finden sich über das Werk verstreut, ohne dass es zu einer zusammenhängenden Darstellung kommt und ohne dass die Linie z. B. zu Morrisons rigoristischer Anti-Haltung in der Opium-Frage ausgezogen würde – sie wird lediglich en passent erwähnt (196). Auch die theologische Modifikation reformierter Ekklesiologie bei der Schaffung einheimischer, unabhängiger Kirchen – Morrisons wiederentdecktes und nie erreichtes Ziel in der Spätphase seiner evangelistischen Rückwendung – klingt nur an, ohne vertieft zu werden (237).

Wie viele seiner zeitgenössischen Kollegen muss sich Morrison allgemein das kritische Urteil der Geschichte gefallen lassen, als Missionar per se für schuldig befunden zu werden, während er in Missionskreisen als Heiliger zu gelten hat. Das Spektrum der Morrison-Interpretation und -Kritik reicht in der Literatur vom frühkolonialen Imperialisten bis hin zum apolitischen überseeischen Sonntagsschullehrer. H.s ausgewogene Darstellung vermag es, Morrison in erster Linie als »Vermittler« zu verstehen: als Vermittler zwischen westlich geprägtem Christentum und asiatischer Religiosität, britischem Nationalbewusstsein und chinesischem Kaiserkult, europäischem Denken und chinesischer Mentalität – bei allen Missverständnissen und Fehlschlägen.

Morrison, der sich selbst als Apostel sah, aber Zeit seines Lebens keine chinesische Kirche errichten konnte, ist als Pioniermissionar ein Paradigma für den Versuch der Verbindung von Christentum und China. Er hat zu Lebzeiten wenig Wirkung seiner Missionsbemühungen gesehen, aber mit seinen philologischen Werken die Grundlagen für die Arbeit nachfolgender Generationen geschaffen.
H.s Werk geht als gründlich recherchierte missionsgeschichtliche Arbeit über herkömmliche Morrison-Biographien hinaus. Mit seiner Darstellung regt er zur selbständigen Auseinandersetzung an und schafft mit seiner Veröffentlichung eine hervorragende Grundlage dafür.