19.06.2024

Jürgen Moltmann zum Gedenken (1926–2024)

Mit seinen Hauptwerken THEOLOGIE DER HOFFNUNG (1964) und DER GEKREUZIGTE GOTT (1972), die in vielen Auflagen und Übersetzungen erschienen sind, hat Jürgen Moltmann Theologiegeschichte geschrieben. Er wurde zum international ausstrahlungsstärksten deutschen evangelischen Theologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Moltmanns theologische Leidenschaft ist aus tiefen persönlichen Erfahrungen von Hilflosigkeit und Verzweiflung erwachsen, vor allem denen des Feuersturms über Hamburg im Krieg und dann in der Kriegsgefangenschaft. Mit Johann Baptist Metz teilt er die Erfahrungen, nicht nur im Krieg eigene Todesängste auszustehen, sondern auch mit der quälenden Frage leben zu müssen: Warum mussten die Freunde an meiner Seite sterben? Mit vielen Menschen seiner Generation teilt er darüber hinaus die Erfahrung des Verlusts der Jugend und die beklemmende Erkenntnis, nicht nur ein um die Jugend gebrachter, politisch-ideologisch verführter Mensch gewesen zu sein, sondern auch dem Volk der schuldigen Kriegstreiber und Nazischergen zuzugehören und zugerechnet zu werden.

Aus diesen Erfahrungen erwuchs sein Wille, eine »Theologie in kritischer Zeitgenossenschaft« zu treiben. Aufrufe zu »Exodus«, »Aufbruch«, »Widerstand«, »Einspruch«, »Kritik« und »Widerspruch« sind stilprägend für die Theologien von Moltmann und Metz. Die besondere Kraft der Theologie Jürgen Moltmanns aber liegt darin, dass er, wie auch Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer, danach fragen will, inwiefern Gottes Offenbarung und Gottes Wirken die Menschen zu Widerstand und Aufbruch befähigen. Nicht Politikkritik, Religionskritik und Moralkritik aus eigener Machtvollkommenheit zu entwickeln, sondern der Kritik und der Befähigung zu Neuanfang und Aufbruch nachzuspüren, die von Gottes Offenbarung, von Kreuz und Auferstehung, von Schöpfung und Neuschöpfung, von Verheißung und Erfüllung und von der Gabe des Geistes ausgehen – das ist der Lebensnerv dieser Theologie. Gerade in der immer wieder neuen Einladung und Herausforderung, systematische und kritisch-zeitgenössische Theologie als biblisch und christologisch orientierte inhaltliche Theologie zu treiben, sind und bleiben Jürgen Moltmanns Werk im Allgemeinen und seine Theologie der Hoffnung im Besonderen vorbildgebend.

Hoffnung als Triebkraft und Medium theologischen Denkens und ethischer Lebenspraxis: Schon auf den ersten Seiten der Theologie der Hoffnung fallen fast alle wichtigen Entscheidungen einer Neufassung der christlichen Eschatologie. Moltmann kritisiert die konventionelle »Lehre von den letzten Dingen«, d. h. von »Endereignissen«, die aus einem Jenseits der Geschichte hereinbrechen und die Geschichte auf dieser Erde beenden. Er kritisiert die abstrakte Rede vom »Jüngsten Tag«. Er äußert diese Kritik gestützt auf die biblischen Zeugnisse, die – wie er im Anschluss an Ernst Blochs Werk DAS PRINZIP HOFFNUNG formuliert – »randvoll von messianischer Zukunftshoffnung für die Erde sind«.

Der Schwerpunkt theologischer Eschatologie liegt im dynamischen Hoffen: »Das Christentum ist ganz und gar und nicht nur im Anhang Eschatologie, ist Hoffnung, Aussicht und Ausrichtung nach vorne, darum auch Aufbruch und Wandlung der Gegenwart. Das Eschatologische ist nicht etwas am Christentum, sondern es ist schlechterdings das Medium des christlichen Glaubens …« Das Eschatologische als das Medium des christlichen Glaubens – damit wird die Eschatologie von einem besonderen Inhalt zu einer allgemeinen Form der Theologie. Tatsächlich propagiert Moltmann eine neue Form der Theologie, indem er das Eschatologische zum »Charakter aller christlichen Verkündigung, jeder christlichen Existenz und der ganzen Kirche« erklärt.

Die christliche Eschatologie redet aber nicht von der Zukunft überhaupt. Sie
geht aus von einer bestimmten geschichtlichen Wirklichkeit und sagt deren Zukunft an, deren Zukunftsmöglichkeit und Zukunftsmächtigkeit. Christliche Eschatologie spricht von Jesus Christus und seiner Zukunft. Sie erkennt die Wirklichkeit der Auferweckung Jesu und verkündet die Zukunft des Auferstandenen. Darum ist für sie die Begründung aller Aussagen über die Zukunft in der Person und der Geschichte Jesu Christi der Prüfstein aller eschatologischen und utopischen Vorstellungen. Die Hoffnung, die sich an Christus orientiert, ist durchgängig auch Auferstehungshoffnung. Als Auferstehungshoffnung beweist sie, wie Moltmann formuliert, »ihre Wahrheit im Widerspruch der darin in Aussicht gestellten und verbürgten Zukunft der Gerechtigkeit gegen die Sünde, des Lebens gegen den Tod, der Herrlichkeit gegen das Leiden, des Friedens gegen die Zerrissenheit«.

Ausdrücklich stellt Moltmann fest: »In diesem Widerspruch muß die Hoffnung ihre Kraft beweisen. Darum darf auch die Eschatologie nicht in die Ferne schweifen, sondern muß ihre Hoffnungssätze im Widerspruch zur erfahrenen Gegenwart des Leidens, des Bösen und des Todes formulieren.«
Die Konzentration auf Christus und die Auferstehung äußert sich nach Moltmann im Leiden an der gegebenen Wirklichkeit und im Widerspruch dazu. Daher hält er fest: »Wer auf Christus hofft, kann sich nicht mehr abfinden mit der gegebenen Wirklichkeit, sondern beginnt an ihr zu leiden, ihr zu widersprechen. Frieden mit Gott bedeutet Unfrieden mit der Welt, denn der Stachel der verheißenen Zukunft wühlt unerbittlich im Fleisch jeder unerfüllten Gegenwart.« Auf dieser Grundlage sprüht die Theologie der Hoffnung vor Entdeckerfreude und Sprachgewalt, darin Karl Barths Römerbriefkommentar vergleichbar.

Die mitreißende rhetorische Kraft sollte aber nicht die interdisziplinäre Gesprächskapazität dieses Buches übersehen lassen. Der intensive Dialog mit Ernst Bloch, die Auseinandersetzungen mit Gedanken Kants und Hegels, die Diskussionen mit Barth, Bultmann und Pannenberg und die Aufnahme geschichtsphilosophischer Grundgedanken und Entwürfe verleihen diesem Werk weitere theologisch-akademische Substanz. Ein petit gedruckter Text im § 5 des dritten Kapitels, »Der ›Tod Gottes‹ und die Auferstehung Christi«, nimmt bereits mehrere der wichtigsten Gedanken vorweg, die Moltmann und Eberhard Jüngel Jahre später zur kreuzestheologischen Diskussion publizieren werden. Ein besonderes Gewicht erhält die Theologie der Hoffnung durch das Gespräch mit Theologen des Alten und des Neuen Testaments in den Kapiteln II und III.

Moltmann selbst hat im Rückblick auf die Theologie der Hoffnung bemerkt, er habe mit diesem Buch ursprünglich an der Diskussion über »Verheißung und Geschichte« der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts teilnehmen wollen, die auf weite Strecken in der Zeitschrift Evangelische Theologie erfolgte, deren Hauptherausgeber er 1971 wurde. An dieser Diskussion beteiligten sich herausragende deutsche Vertreter einer »Theologie des Alten Testaments«, besonders Gerhard von Rad, Walther Zimmerli, Hans Walter Wolff und Hans-Joachim Kraus, sowie Vertreter einer »Theologie des Neuen Testaments«, besonders in der spannungsreichen Beziehung zwischen Rudolf Bultmann und Ernst Käsemann. Man kann sagen, dass Moltmann, indem er sich an dieser Diskussion beteiligt, auch einen Beitrag zu einer interdisziplinären »biblischen Theologie« bietet, die in den folgenden Jahrzehnten international methodisch reflektiert und inhaltlich entwickelt wird.

Diese Grundzüge der Theologie der Hoffnung werden ergänzt durch eine religionskritische, sozial- und politikkritische Zuspitzung im letzten Kapitel. Mit diesem Kapitel, das in manchen Zügen an Barths berühmten Tambacher Vortrag und an linkshegelianische Gesellschafts- und Zeitkritik erinnert, aktualisiert Moltmann die theologische Religionskritik Barths und Bonhoeffers in den 1960er Jahren. Sein Bemühen um eine »Politische Theologie« in den folgenden Jahren und seine anregenden Beiträge zu verschiedenen Formen der Befreiungstheologie sind hier bereits voraussehbar.

Die Theologie der Hoffnung wurde vorbildgebend für viele Richtungen emanzipatorischer, kirchen- und gesellschaftskritischer Theologie und Frömmigkeit in aller Welt, vor allem für feministische, politische und postkoloniale und nicht zuletzt auch ökologisch orientierte Theologien. Als Vorsitzender der Gesellschaft für Evangelische Theologie von 1979–1994 bemühte sich Moltmann um verstärkte Verbindung von kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Engagements. Zudem war er, durch viele Ehrendoktortitel ausgezeichnet, in vielen Ländern regelmäßig mit Vorträgen präsent, ganz besonders in den USA und in Südkorea.

Michael Welker