19.06.2024

Friedel Kriechbaum zum Gedenken (1935–2024)

Das Institut für Evangelische Theologie am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Justus-Liebig-Universität Gießen trauert um Frau Prof. Dr. phil. Friedel Kriechbaum, die am 17. Mai 2024 im Alter von 88 Jahren in Gießen gestorben ist. In der Stadt an der Lahn wurde Frieda Kriechbaum am 13. August 1935 auch geboren. Als jüngstes von vier Kindern wuchs sie in einem stark pietistisch geprägten Elternhaus auf. Diese familiäre Prägung, der schlechte Religionsunterricht und die Suche nach einem vertieften Verstehen von Religion bewogen sie trotz anfänglichen Widerstands des Vaters in Marburg Lateinische Philologie, Pädagogik und Evangelische Theologie zu studieren, um Lehrerin zu werden. Das Studium der Theologie sollte ihr zu einer nachhaltigen Befreiungserfahrung und einem faszinierenden Bildungserlebnis werden. Von Marburg wechselte sie nach Heidelberg und schließlich nach Frankfurt am Main. 1962 legte sie das Erste Staatsexamen ab und arbeitete die nächsten drei Jahre zurückgezogen an ihrer Dissertation, in der sie sich auf die Suche machte, um „nach dem wahren Gehalt der Theologie Karlstadts zu fragen und dabei nicht mit den Augen Luthers an sie heranzugehen“ (S. 9 f.). Betreut wurde die Arbeit vom ersten Inhaber einer ordentlichen Professur für Systematische Theologie an der Frankfurter Universität Karl Gerhard Steck, einem ehemaligen Pfarrer der Bekennenden Kirche, ausgewiesenen Luther-Kenner und führenden Vertreter des evangelisch-katholischen Dialogs. Mit ihrer in Fachkreisen als „eindrucksvoll“, „methodisch saubere, kluge Arbeit“ und „beachtliche Förderung unserer reformationsgeschichtlichen Erkenntnis“ (ThLZ 94, 1969, 686 f.) gelobten und sich auch noch im forschungsgeschichtlichen Rückblick durch eine „besondere fachliche und soziale Sensibilität“ und „argumentative, konzeptionelle und pragmatische Kompetenz“ (BHTh 174, 2014, 408) auszeichnende Studie „Grundzüge der Theologie Karlstadts: eine systematische Studie zur Erhellung der Theologie Andreas von Karlstadts (eigentlich Andreas Bodenstein 1480–1541), aus seinen eigenen Schriften entwickelt“ („Theologische Forschung: Wissenschaftliche Beiträge zur kirchlich-evangelischen Lehre“, Band 43, 1967) darstellt, wurde Friedel Kriechbaum 1965 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main zum Dr. phil. promoviert.

Im Sommersemester 1966 trat Friedel Kriechbaum zunächst eine Wissenschaftliche Assistentenstelle am Seminar für evangelische Theologie und Didaktik der Glaubenslehre an der Hoch-schule für Erziehung (HfE) der Justus-Liebig-Universität Gießen an, die im WS 1966/67 in die neue Abteilung für Erziehungswissenschaften überführt wurde. Sie arbeitete hier als Studienrätin und
Oberstudienrätin im Hochschuldienst, bevor sie 1972 zur Professorin für Systematische Theo-logie und Religionspädagogik für die Evangelische Sektion des 1971 errichteten Fachbereichs 07 für Religionswissenschaften an der JLU ernannt worden ist. Noch weit über ihre mehr als dreißigjährige Tätigkeit als engagierte Hochschullehrerin, der die Trias von Christentum, wissenschaftlicher Theologie und religionspädagogischen Praxis in den Herausforderungen der Gegenwart Ansporn für ihre Arbeitsinteressen, ihren Lehr- und Unterrichtsstil gewesen war, hat sie viele Generationen von Religionslehrkräften nachhaltig geprägt.

Die Verarbeitung der Erfahrungen der Studentenproteste von 1968 und ihres eigenen Studi-ums führten sie zur intensiven Auseinandersetzung mit der Hochschuldidaktik und der „Themenzentrierten Interaktion“ (TZI) nach Ruth Cohn. Fortan stellte sie das Subjekt und die Gruppe als konstitutive Faktoren des Lernprozesses und der Theologie in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit als Hochschullehrerin. Der sich mit der 68er-Bewegung zeitgleich entwickelnden Frauenbewegung stand sie
zunächst eher ablehnend gegenüber. Ausgelöst durch die Erfahrung mit der TZI beginnt Friedel Kriechbaum in den 1970er Jahren eine Psychoanalyse, die zur „psychologischen Phase“ ihrer
Theologie und ihrer theologischen Sprache führt. Die Sozialethik wurde für sie in Folge von der Anwendung ihrer Dogmatik zum Erlebnisfeld des Glaubens. Dazu führten ein verstärktes Interesse an der „Dritte“-Welt-Problematik und zwei durch den 1981 aus Brasilien nach Gießen berufenen Alttestamentler Erhard Gerstenberger angeregten Brasilienaufenthalte 1985 und 1986, in denen sie in den Favelas Entwicklungshilfeprojekte und Befreiungstheologie kennengelernt sowie mit den Menschen vor Ort gelebt hat.

Mit dieser befreiungstheologischen Wende ihrer Theologie wurde die Hoffnung wider aller Empirie zum zentralen Element ihres Denkens und Handelns. Künftig stellte sie sich die Frage, was gelebte Theologie im europäischen Kontext von „privilegierten“ Mittelstandsfrauen konkret bedeutet. Erst jetzt erfolgte die konkrete Hinwendung zur feministischen Theologie verbunden mit der Erfahrung, die theologischen Inhalte als Theologin neu zu durchdenken: „Ich bin Theologin, was wörtlich übersetzt heißt, ich bin eine Frau, deren Sache es ist, von Gott zu reden, und ich merke, die Frage, ob Gott ,weiblich‘ oder ,männlich‘ ist, wird mir unwesentlich.“ (1992, 161) Als Systematikerin war es ihr zeitlebens ein Anliegen, Zusammenhänge aufzuzeigen und die Frage nach Gott und dem Leiden unter den heutigen Bedingungen zu stellen. Dazu gehörte es auch, mit Gott zu streiten, die Dinge beim Namen zu nennen: etwa strukturelle Gewalt gegen Frauen im Christentum wie in der heutigen Gesellschaft, oder ihre Enttäuschung zeigen über das schwindende Interesse an feministischen Themen bei ihren Studentinnen. Der Einsatz für die Gleichberechtigung blieb ihr zeitlebens Auftrag. Ihre Publikationen „Das Kreuz Jesu von Nazareth – Ein Symbol des Lebens“ (1989), „Ich gebe meiner Freiheit Flügel: Frauen entdecken ein ungewohntes Christentum“ (1992) und „Ermutigung zum Widerspruch: Christliche Tradition und Frauenalltag“ (1998) geben von dieser feministischen Phase ihrer Theologie lebendiges Zeugnis. Die beiden aus Gesprächen mit Friedel Kriechbaum entstandenen biographischen Skizzen von 1998 (von Kristina Augst: „Erschütterbar bleiben und widerstehen!“, in: Wie wir wurden, was wir sind: Gespräche mit feministischen Theologinnen der ersten Generation) und 2006 (von Kornelia Claes: „Ich treibe Theologie als Frau“, in: Es ist der Rede wert! Lebenswege Gießener Frauen im 20. Jahrhundert) zeichnen dieses erfahrungsreiche Theologinnenleben eindrücklich nach. In ihrer Gießener Abschiedsvorlesung „Abschied vom allmächtigen Gott“ im Juli 1999 fasste sie ihre Ermutigung zum Leben mit zwei Gedichtzeilen zusammen: „Bleib’ erschütterbar und widersteh’“ von Peter Rühmkorff und „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“ von Hilde Domin.

Die damaligen Kolleginnen und Kollegen des früheren Fachbereichs für Religionswissenschaften, in dem die Evangelische Theologie und Katholische Theologie und deren Didaktik von 1972 bis 1999 eingegliedert waren, den sie mitaufgebaut, lange Zeit mitgeprägt und auch als Dekanin und Prodekanin gedient hat, haben Friedel Kriechbaum mit einer Festschrift zu ihrem 60. Geburtstag mit dem Titel „Glaube und religiöse Bildung“ (1995) geehrt. Auch nach ihrem Eintritt in den Ruhestand 1999 war die seit ihrem vierten Lebensjahr mit Kinderlähmung gehandicapte lebenszugewandte und leidenschaftliche Hochschullehrerin und Hobbygärtnerin weiterhin vielfältig aktiv: etwa in der Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung, in der Erwachsenenbildung und Volkshochschule, für Sozialprojekte in Entwicklungsländern, für die Refusenik-Bewegung oder die israelische Friedensbewegung Gush Shalom, für das Komitee für Grund-rechte und Demokratie, als Mitglied in der Europäischen Märchengesellschaft oder zuletzt noch gegen die Rodung im Dannenröder Forst. Neu entdeckt mit Ihrer Pensionierung hatte sie, die seit ihrer Kindheit im Chor gesungen und Klavier gespielt hat, nun auch die intensive Beschäftigung mit der Kunst. Mit großer Leidenschaft spielte die vielseitige und streitbare Theologin zu-dem auch Theater und Gesellschaftsspiele. Besonders gern das chinesische Mah-Jongg: „Da kann man sich so vergessen.“ Das Institut für Evangelische Theologie wird Friedel Kriechbaum nicht vergessen und ihr ein ehrendes Andenken bewahren.


Für das Institut für Evangelische Theologie:
Prof. Dr. Philipp David (Professur für Systematische Theologie / Ethik)
Gießen, den 31. Mai 2024