Buch des Monats: Juni 2024

Reichel, Hanna

After Method. Queer Grace, Conceptual Design, and the Possibility of Theology.

Louisville: Westminster John Knox Press 2023. 290 S. Kart. US$ 40,00. ISBN 9780664268190.

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»We need a better theology!« Dieses Statement entnimmt Hanna Reichel (HR) nicht nur großen Diagnostikern der theologischen Gegenwartslage wie Karl Barth und Kevin Garcia, auch in der eigenen akademischen Entwicklung sah sich HR mit dem Ruf nach einer besseren Theologie konfrontiert, insbesondere als sie 2018 als Assistant Professor for Reformed Theology an das Princeton Theological Seminary kam. Aber was beinhaltet die Forderung genau? Was heißt es, dass wir eine bessere Theologie brauchen? Die Notwendigkeit ergibt sich für HR aus dem Antagonismus zwischen »Systematic theology« und »Constructive theology«, den HR im ersten Kapitel des Buches prototypisch an den Theologien von Karl Barth und Marcella Althaus-Reid (re-)konstruiert. Da es in der deutschsprachigen Theologie kein (eindeutiges) Äquivalent zu »constructive theology« gibt und auch der Begriff der Methode nicht deckungsgleich ist mit dem, was HR unter »method« fasst, mag die adressierte Problematik deutschsprachigen Theologietreibenden zunächst fremd erscheinen. Doch spätestens die Typisierung »Systematic Theology is interested in eternal truth, Constructive Theology in temporal justice« (48) lässt eine auch in der deutschsprachigen Theologie wohl vertraute Problemstellung vor Augen treten: Ist die systematische Explikation des christlichen Glaubens unter spät- oder postmodernen Bedingungen theoretisch noch möglich und mit Blick auf die vielfältigen kontextuellen Herausforderungen praktisch sachgerecht? Schreiben die herkömmlichen systematischen Theologien nicht die partriarchalen, kolonialen, eurozentrischen Muster und daraus resultierenden Ungerechtigkeiten fort, die in kontextuellen Theologien erkannt und adressiert werden? Welchen Beitrag leisten herkömmlichee systematisch-theologische Konstruktionen eines exemplarischen Glaubensbewusstseins (noch) zur Verkündigung des Evangeliums? Verstellt das alles bestimmende Problem der Epistemologie in der systematischen Theologie nicht den Blick für Radikalität humaner Grundanliegen, die Befreiungstheologie, feministische Theologie, Friedenstheologie, Ökotheologie etc. zum Gegenstand machen?

Schon nach der Lektüre des Einstiegs in das erste Kapitel über »The Hardcore Nature of Decency, of: Systematic Theology as ›Bad Theology‹« (28) erscheint ein Kleinreden des Gegensatzes zwischen den Theologietypen nicht mehr möglich. Wenn Marcella Althaus-Reid die herkömmliche »decency« systematischer Theologie mit softcore Pornographie vergleicht und demgegenüber eine »Indecent Theology« fordert, die die sexuelle Bestimmtheit aller Relationen und Machtverhältnisse schonungslos aufdeckt, und umgekehrt die Reaktionen systematischer Theologie als Autoimmunisierungsstrategien entschlüsselt werden, gewinnt der Streit über gute Theologie feindselige Züge. Ziel der aufrüttelnden Darstellung ist allerdings nicht, die Leserschaft für die eine oder andere Seite in Kriegsstellung zu bringen. HR verfolgt keinerlei polemische Interessen. Vielmehr geht es ihr darum, die epistemische Inkommensurabilität (45) vor Augen zu führen und zugleich den Grund für die Einsicht zu legen, dass Theologien bei dem gegenseitigen Vorwurf der »bad theology« nicht stehen bleiben können, ohne die Tyrannei der Methode fortzuschreiben, die HR mit Paul Feyerabend ablehnt (vgl. dazu insbesondere die »Conclusion«, 241–248). Stattdessen ist nicht nur Schadensbegrenzung nötig, sondern vor allem »epistemic peacebuilding« gefragt. Der erste Schritt auf dem Weg zu einer besseren Theologie ist mit der Einsicht in diese Aufgabe gegeben – eine Aufgabe, die dem ersten Gebrauch des Gesetzes gleicht, ziviles Zusammenleben zu befördern.

In Analogie zur Unterscheidung der drei Gebräuche des Gesetzes in der reformatorischen Tradition erschließt HR die Antagonismen im Verständnis der Theologie im Schema des dreifachen Gebrauchs. Wer dachte, die alte reformatorische Unterscheidung zwischen den Gebräuchen des Gesetzes (usus legis) habe ihre Aktualität nach den letzten Debatten im 20. Jahrhundert über Gesetz und Evangelium und den tertius usus legis endgültig verloren, kann in HRs Anwendung auf das Verständnis von Theologie eine aufschlussreiche Transferierung entdecken. Sie liefert zugleich die Struktur der Argumentation des Buches. Im ersten Teil wird die – hier soeben skizzierte – theologische Konfliktlage unter dem Titel »How (not) to get along (primus usus legis)« erschlossen. Im zweiten Teil werden unter der Überschrift »How (not) to lose hope (secundus usus legis)« ganz im Sinne des usus elenthicus legis die Sündenerkenntnis vorangetrieben und die Einsicht in die »Erlösungsbedürftigkeit« der Theologie geweckt. Dogmatische Hybris auf der einen Seite und eine in der Negation verharrende und darin träge Kritik konstruktiver Theologie als zwei Seiten der Sünde entschlüsselt. Es zeigt sich: »The search for redemption by way of method is unfeasible because it is misdirected. The problem of theological method turns out to the noetic version of the problem of justification, with its corollary in Christian ethics. Something like revelation comes into view on the other side of this door: alien and queer grace, the precondition on which the theologian’s wrestling has rested all along.« (105)

Die Einsicht in die Radikalität der »Erlösungsbedürftigkeit« von Theologien führt zur Frage nach der Möglichkeit von Gnade bzw. nach der Möglichkeit von Glaube und Theologie. »The frustration of the theologian gives way to the revelation that reality is already there. What remains beyond all our assertion and critique is the reality of God, who can never be conclusively captured by any system, and the reality of people, who fail to fit neatly into the compartments afforded by any description, taxonomy, normality, ideality – signs of stubborn, messy, excessive ... and revelatory reality.« (109) Damit verbindet Reichel ein klares Votum für einen gnadentheologischen Realismus. Die Gnade von Gottes kenotischer Zuwendung ist per se queer. Sie sprengt die Ausgrenzungen, die queere »constructive theology« kritisiert. Dieser Einsicht entspricht ein »queer use« der »affordances of doctrine«, den HR im Dialog mit Sarah Ahmed und Linn Tonstad konfiguriert. Die Möglichkeit, auf diese Weise binäre Strukturen und methodische Absolutheitsansprüche zu überwinden, gewinnt HR im Rückgriff auf die design theory mit ihrem Kriterium der Passgenauigkeit und Brauchbarkeit von design für die Umwelt. Im Hintergrund stehen Ansätze von Don Norman, Jenny L Davis, James J. Gibson. Entscheidend für die theologische Orientierung ist: »Design choices are never neutral; they always do something or other. They facilitate certain kinds of use more than others, make some course of actions more plausible than others, enable some bodies more than others. As ›that which mediates between features and outcomes‹, the notion of affordances allows us to conceptualize potential use in degrees rather than binaries, as well as to differentiate different intensities of influence. As they rely on the interpretation, agency, and capabilities of the user, affordances never altogether determine particular courses of action. Rather, affordances suggest certain uses over others, they ›push, pull, enable, and constrain‹.« (183)

Daraus folgt: Theologische Erklärung und Argumentation müssen nicht auf Methode verzichten. Aber wenn Theologie ihre Vorgehensweise in Analogie zur design theory versteht, wird ein kontextbezogenes Theologietreiben möglich, das nicht auf die Begründung absoluter Wahrheits- oder Geltungsansprüche abhebt, sondern um seine zeitliche und räumliche Begrenztheit weiß und darum auch die Pluralität theologischer Ansätze anerkennen kann. So formiert sich eine Theologie im tertius usus legis, für die HR mit ihrem hochgradig originellen Buch eintritt. Fragt man sich, wie nun Theologie im Modus der design theory aussehen kann, so liegt die Antwort eben in der Analyse der theologischen Debatten- und Konfliktlage im Medium der drei usus legis. Auch wenn HR das Kriterium der Falsifizierbarkeit im Rahmen der Kritik einer Tyrannei der Methode bei Feierabend relativiert, wird es nicht obsolet. Vielmehr muss sich das theologische Design an seiner kontextbezogenen Brauchbarkeit bewähren. Diese wiederum lässt sich nicht abstrakt testen, sondern zeigt sich daran, ob der Dialog der Positionen, den HR in ihrem Buch inszeniert, Überzeugungskraft entwickelt. Der Gewinn des Buches ist vielfältig. Für mich ist es im besten Sinne »brauchbar«, indem es vermeintlich unvereinbare Positionen ins Gespräch bringt und darin eine Theologie betreibt, die Verstehen und Verständigung ermöglicht, indem in den trennenden Gräben das Verbindende aufgesucht wird.

Friederike Nüssel (Heidelberg)

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