Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1993

Spalte:

786-787

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Huppertz, Josefine

Titel/Untertitel:

Ein Beispiel katholischer Verlagsarbeit in China 1993

Rezensent:

Ahrens, Theodor

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

785

Theologische Literaturzeitung 118. Jahrgang 1993 Nr. 9

786

Überschau über „Strukturen, Sprachen und Symbole (Texte)"
des Gottesdienstes an (109ff).

Erst recht umfassend ist die Darstellung der Geschichte des
Gottesdienstes in der Alten Kirche (177ff) und sodann in den
Kirchen des Ostens wie des Westens (2750, wobei das Interesse
des Autors allerdings den traditionellen Großkirchen, nicht den
Freikirchen gilt. Dabei wird gerade hier das enzyklopädische
Interesse des Autors deutlich: Ikonologische Aspekte werden
ebenso behandelt wie Fragen der kultischen Architektur, der
liturgischen Gewänder und der kultischen Musik.

In einer Zeit, in der Liturgik sich bisweilen in wissenschaftlichen
Specialissima oder provinzialkirchlichen bzw. ortsgemeindliche
Concretissima verläuft, ist Volps Opus notwendig:
Noch immer vorhandene spiritualistische oder durch Fixierung
auf intellektuelles Verstehen und instrumenteile Sprache begründete
protestantische Indifferenz gegenüber dem gegenständlichen
„Bild" wird souverän (gerade auch aus reformatorischer
Sicht) hinterfragt (474ff); das umgekehrt neu erwachte
protestantische Interesse an „Bildern" und „Symbolen" wird an
die wissenschaftliche Reflexion und universalkirchliche Tradition
zurückgebunden (407ff). Die semiotischen Überlegungen des
Vf.s (vgl. bes. 114ff) regen darüberhinaus zu geschärfter liturgischer
Wahrnehmung an, machen nicht zuletzt mißglückte Kommunikationsweisen
im Gottesdienst erklärlich (und korrigibel).
Die Fülle des historischen Materials (auch des Bildmaterials)
besitzt darüberhinaus einen Informationswert, der zu einer heilsamen
Erweiterung besonders des protestantischen Gottesdienstverständnisses
beitragen kann, zumal sich gerade in diesen
Abschnitten der Autor nicht sogleich an eine konfessionell-posi-
tionelle Systematik bindet (man vergleiche seine Forderung
nach protestantisch-liturgischer Ökumenizität, 272, und Einordnung
von „Taufe" und „Abendmahl" als den „Grundsakramenten
" in das Ensemble der ,,übrige[n]" Sakramente, Amts- und
Segenshandlungen", 495f, vgl. schon 313ff).

Daß bereits dieser erste Band der Liturgik auch Impulse zu
kritischen Einzeluntersuchungen geben kann, scheint indes
gewiß. Eine enzyklopädische Gesamtschau des Gottesdienstes
führt notwendigerweise zur Unschärfe im Detail: Manches muß
Aufzählung bleiben, „bloße" Situationsbeschreibung, zumal die
„Theoriebildung" (30f) Bd. 2 vorbehalten wird (das gilt etwa für
die Darstellung der Beziehung zwischen Gesamtgottesdienst
und Predigt im neuzeitlichen Protestantismus, vgl. bes. 547f).
Auch die historische Einordnung von Einzelphänomenen bedürfte
weiterer Reflexion, wie etwa der Abschnitt über die Musik
im Gottesdienst zeigt. So ist die Darstellung der protestantischen
Kirchenmusik ganz auf den Raum der Wittenberger
Reformation beschränkt; und nur von hier aus wird Volps Satz
verständlich, daß „im Gottesdienst des Westens" die Musik eine
„religiöse Primärfunktion" hatte (576). Für den Bereich der
Genfer, erst recht der Zürcher Reformation sind die Probleme
doch differenziert zu sehen. Vollends unscharf wird die Darstellung
Volps im Blick auf die Kirchenmusik seit dem 19. Jh.:
Inwieweit z.B. im 19. Jh. von einem „Verfall der Kirchenmusik"
(570) geredet werden kann, bedarf gründlicher Reflexion, erst
recht, ob es „tragisch...zu nennen [ist], daß Komponisten wie M.
Kagel oder Karlheinz Stockhausen in den Kirchen keine angemessenen
Partner gefunden haben" (572): Liegt hier nicht vielmehr
das Phänomen vor, daß die „sakral anmutende Kultur"
(ebd.) des neuzeitlichen Konzertwesens sich so weit zu einem
eigenständigen Paradigma von „Religion", „Kultus" und „Ritus
" weiterentwickelt hat, daß eine auf Kirche und Gemeinde
bezogene Musik gar nicht mehr antworten kann?

Angesichts der Fülle des von Volp vorgestellten Materials mag vor allem
letzten Anfrage beckmesserisch erscheinen; sie führt jedoch exemplarisch
auf ein Grundproblem, auf dessen Betrachtung im 2. Band des Werkes man
hofft: Wie verhält sich der Gottesdienst als phänomenologisch-"säkular" zu
beschreibende visionäre Schau, als Kultus, Ritus, Zeichensystem, zu seiner
theologischen Thcoriebildung als einer (immer auch positionellen) Auseinandersetzung
mit diesen kultischen Formen in ihrer „ticfe|n| Diesseitigkeit
aller Suche nach Gott" (47), d.h. in ihrer Einbettung in gesamt-kulturelle,
-ästhetische, -soziologische Dimensionen der neuzeitlichen Wirklichkeit?
Durchzogen ist ja bereits dieser Band 1 von der nachdenklichen Einsicht,
daß der Gottesdienst als soziokulturelle Erscheinung nicht nur mit anderen
soziokulturellen Phänomenen vergleichbar ist, sondern von diesen auch
absorbiert werden kann: Was etwa gibt dem Gottesdienst heute noch die
Kraft, „metaphysische Schrecken" hervorzurufen und öffentlich bewußt zu
machen, statt „bloßes Design" zu produzieren (273)? Was macht die Predigt
in der Neuzeit gegenüber ihrer Umwelt widerständig, sobald ihre „Aufgabe
zwischen öffentlichem Rat, Zuspruch und allgemeiner Daseinsdeutung verebbt
", da „die Anlässe von anderen Sinnvermittlern wirksamer aufgegriffen
werden" (547)? Was hat die Kirchenmusik gegenüber der neuzeitlich-
„sakralen" Konzertmusik an Specificum, aufgrund dessen sie letzterer in der
Tat Partner werden kann? Welcher Gottesdienst läßt den markant umfriedeten
Raum der St.-Thomas-Kirche in Stockholm-Vällingby „Ausstrahlung"
auf die ihn umgebenden soziokulturellen Erscheinungen entwickeln und ihn
in seiner eigenständigen kultischen Bedeutung gegenüber seiner Umwelt
nicht zum Ghetto werden (392)?

Möglicherweise lassen sich diese Fragen in einer Betrachtung
von Volps Ansatz bündeln: Was läßt etwa die eschatologische
Dimension des Gottesdienstes als einer visionären Schau von
gesellschaftlichen Utopien unterschiedbar sein - etwa jenen
Hoffnungen auf eine „geschwisterliche Welt", die Volp in Gottesdienst
-Beschreibungen von H. Reifenberg findet, aber nicht
weniger - und unter religionskritischem Aspekt - in der Philosophie
Blochs(30)?

Fragen wie diese wecken nicht nur den Wunsch nach der von
Volp verheißenen Theoriebildung, sondern führen zugleich in
deren systematisch-theologische Prämissen, auf die Frage der
Offenbarung und ihrer christologischen Dimension wie der
Eschatologie - in einer Zeit, in der Rothes These von der Auflösung
des Kultus in die Kunst neue Beachtung verdient. Damit
bleiben sie zugleich unablösbar gebunden an das Problem einer
theologisch begründeten Geschichtsschau. Oder sollte jener
„Himmel" (280ff), den die Ostkirche bis heute und die Westkirche
(zumindest im lutherischen Protestantismus) bis zur Aufklärung
in der Liturgie präfiguriert wissen, nur noch erinnernd
als ein Ensemble von Zeichen im Bewußtsein gegenwärtig bleiben
, während die Hoffnung zunehmend außerliturgischen -
säkulareren - Bildern überantwortet bleibt?

Gewiß wird man fragen, ob nicht selbst eine enzyklopädische
Betrachtung des Gottesdienstes mit einer Bewältigung nicht
zuvor in einem systematisch-theologischen Entwurf mit gleichsam
liturgischem Gefälle geleistet werden müßte. Zu hoffen
bleibt jedoch, daß Volps Liturgik in Bd. 2 die in Bd. I gewonnenen
phänomenologischen, erfahrungswissenschaftlichen und
historischen Einsichten im Dialog mit deren hermeneutischen
Prämissen in ihrer Herkunft aus der neuzeitlich-säkularen Gesellschaft
und deren eigenen Symbolen, Riten und weltanschaulichen
Systemen auf eine neue liturgische Perspektive hin verdichtet
oder zumindest auf Konturen einer solchen hin öffnet.

Düsseldorf Gustav A. Krieg

Ökumenik: Missjonswissenschaft

Huppertz, J.: Ein Beispiel katholischer Verlagsarbeit in China
. Eine zeitgeschichtliche Studie. Nettetal: Steyler 1992. 167
S. m. Abb. gr.8° = Studia Instituti Missiologici Societatis
Verbi Divini, 54. Kart. DM 29,50. ISBN 3-8050- 0304-8.

Das Buch will einen Aspekt des vielseitigen Lebenswerkes
von Pater Hermann Köster S.J. in Erinnerung rufen. Pater Köster
, Jahrgang 1904, wirkt seit Anfang der 30er Jahre in China,
und zwar bald als Professor an der katholischen Fu-Jen-Univer-