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Ausgabe:

1993

Spalte:

265-267

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Stefano, Jesse A.

Titel/Untertitel:

Missionary work in the Church of Tanzania in the past and present 1993

Rezensent:

Gebhardt, Rainer

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Theologische Literaturzeitung 118. Jahrgang 1993 Nr. 3

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nur ein erster Anfang für die Arbeit sein, neue Geleise zu legen.
Auf jeden Fall wird es gut sein, wenn man auch in Europa versucht
, Mission und Kirche in Südafrika so wie Saayman von der
Rückseite her zu sehen.

Mission. Politik und Ökumene gehören aufs engste zusammen
. Diese Grundthese des Vf.s ist nicht neu. Und doch bekommt
sie angesichts der grundsätzlichen Neuorientierung der
Christen in Südafrika, die mit dem Kairos-Dokument einsetzt,
eine neue Bedeutung. Mission schließt das politische Handeln
der Kirche ein und nicht, wie es Missionare oft verstanden haben
, aus. Und die Parameter dieses missionarisch-politischen
Handelns sind in der einen, die ganze Erde umgreifenden Welt
gegeben und nötigen zum Streben nach der einen Kirche. Erfahrungen
und Studienarbeiten des Vf.s ergänzen einander. So ist
z.B. die Tatsache besonders zu unterstreichen, daß bei der Erarbeitung
des Kairos-Dokumentes zum ersten Mal nach Cottelsoe
(i960) und nach der „Botschaft" (1968) Vertreter afrikanischer
unabhängiger Kirchen oder afrikanische Befreiungstheologen
als gleichberechtigte Mitverfasser eines Dokumentes dieser Bedeutung
beteiligt waren. Das ist umso wichtiger, als ihr Denken
dem ganzheitlichen Lebensgefühl ihrer kulturellen Herkunft
entspricht und von dem Streben nach Befreiung und Eigenständigkeit
geprägt ist.

Der historische Teil soll die Grundthesen des Vf.s begründen
und versteht sich gleichzeitig als kritische Anweisung zu einer
neuen Sicht südafrikanischer Kirchengeschichte. In Kurzbiographien
werden drei englischen Missionaren drei afrikanische
gegenübergestellt. Danach folgt eine kurze Analyse der beiden
oben genannten sowie des Kairos-Dokumentes. Ein Sehlußteil
zieht die Konsequenzen. Vor allem muß endlich ein Ende mit
der kolonialistischen Bevormundung afrikanischer Menschen
und Christen durch die Weißen gemacht werden. Dazu gehört
die Option für die Armen besonders in der Kirche. Die Kirche
muß Buße tun, vor allem auch im Blick auf ihre Mittelklasse
Mentalität, und im Blick auf die Gleichberechtigung der Frauen.
Voraussetzung ist die Re-Evangelisierung. In ihr könnte die
Ganzheitlichkeit missionarischen Handelns wiedergewonnen
werden. Sie verwirklicht sich - und das scheint am Ende die
Hauptthese des Vf.s zu sein - durch eine neue Spiritualität.
„Wahre Spiritualität ist fest im Historischen verwurzelt, denn
sie bedeutet ,Glauben haben in den Realitäten des Lebens'.
Außerdem muß Spiritualität in gemeinschaftlichen Beziehungen
gesehen werden und darf nicht individualistisch verengt sein.
Die wahre Heiligkeit Christi erfahren und verstehen, was die
Länge. Breite, Höhe und Tiefe seiner Liebe ist, das vollzieht
sich als historische Erfahrung einer Liebe, die teilen kann und
nicht im egoistischen Zu-oder Angriff des anderen." (120.
Übersetzung des Rez.)

Berlin Johannes Auhausen

Stefano, Jesse A.: Missionary Work in the Church of Tanza-
nia in the Past and Present. A Thesis presented to the Faculty
of Luther Theological Seminary St. Paul, Minnesota. In Partial
Fulfillment of the Requirements for the Degree Master of
Theology. Erlangen: Verlag der Ev.-Luth. Mission 1990. VII.
177 S. gr.8° = World Mission Scripts, l.

In diesen Jahren finden in den evangelischen Kirchen Ostafrikas
Jubiläumsfeiern statt: vor hundert Jahren begann die missionarische
Arbeit der Verkündigung, der Ausbildung und Heilung.
Im damaligen Tanganyika waren es auf evangelischer Seite vor
allem die Abgesandten der Berliner, Leipziger und Bctheler
Mission sowie der Hermhuter Brüderkirche.

Ein früher Vertreter der lutherischen Theologen aus Tanza-
nia, der die Geschichte der Mission in Tanzania aufgearbeit und

durchaus Schlüsse für eine missionarische Konzeption heute
entwickelt hat, ist Jesse A. Stefano. 1975 legte er dem „Lu-
theran Theological Seminary" St. Paul, Minnesota, USA, seine
Magister-These vor. Es gehört zu den bleibenden Verdiensten
des kleinen Verlages der Evangelisch-Lutherischen Mission
Erlangen, unermüdlich Texte und Beiträge aus dem und über
den - insbesondere kirchlichen - Raum der sog. Dritten Welt zu
veröffentlichen. Die Lektüre der Arbeit von Stefano verlangt
einerseits spezielles Interesse an Geschichte und Gegenwart der
Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tanzania. Andererseits
aber führt die Untersuchung in Thematiken ein, die von exemplarischer
Bedeutung sind und deshalb Aufmerksamkeit über
den engen Kreis der missionstheologisch Interessierten verdienen
. Mit Beginn der portugiesischen „Entdeckungsreisen" Vas-
co da Gamas, der 1499 Sansibar besuchte, stellt sich die Frage
nach dem Verhältnis von christlichem Glauben und Kolonialismus
, von Kirche und Politik. „Die Könige von Portugal waren
während des frühen 15. Jh.s damit befaßt, den christlichen Glauben
in ihren überseeischen Besitzungen zu verbreiten. So ging
die Verkündigung des christlichen Glaubens mit der Kolonisierung
einher" (12).

Die zweite Phase christlicher Mission in Ostafrika ab der
Mitte des 19. Jh.s brachte neue Fragestellungen. Die christlichen
Missionare kämpften gegen die von Arabern organisierte
Sklaverei, indem sie Sklaven freikauften, tauften und ihnen auf
Missionsfarmen Arbeit gaben. Doch damit blieb die Taufe
„mehr wie ein Gesetz statt Bekehrung" (35). Außerdem wurden
diese Gruppen junger Christen strikt von der sozialen Umwelt
abgeschirmt und ihnen „durch den christlichen Glauben streng
westliche Kultur auferlegt" (36). Diese zweite Phase der Mission
fand in der Zeit des europäischen Imperialismus statt; sie war
laut Stefano zu sehr kolonialistisch und zu wenig evangelistisch
ausgerichtet (41).

Aber was heißt das: evangelistische Arbeit im afrikanischen
Kontext zu tun? Stefano beschreibt die Konzeption des Leipziger
Missionars Bruno Gutmann: „Er studierte die Anthropologie
dieser Stämme und entdeckte, daß die einzige Methode, die etwas
erreichen konnte, um das Christentum für afrikanische Gesellschaften
wirksam werden zu lassen, ist, deren ethnische Gesellschaften
mit ihren Kulturen als Mittel der Verkündigung des
Evangeliums zu gebrauchen".(48) Stefano nennt dies die „Uja-
maa-Methode", die bei der Bekehrung der gesamten Familie
einsetzt und den individualistischen Fehler der frühen Missionare
vermeidet. Diese Methode allein kann in Afrika wirksam
sein. Hierzu schildert Stefano seine eigenen Erfahrungen als
Missionar in Süd-Pare und in Kenia.

Trotzdem ist für Stefano das Fazit dieser Missionsepoche eindeutig
: die frühen Missionare verachteten afrikanische Religiosität
und Kultur und drückten allem ihren westlichen Stempel
auf (521T). Dieses Fazit hört sich für „westliche" Ohren hart an.
scheint zu pauschal, weil historisch undifferenziert. Ich halte es
aber für wichtig, auf eine solche Stimme zuhören. Sie hilft uns.
einen Eindruck zu bekommen von der unendlich langen Liste
der Verletzungen, die Afrikaner erlitten haben und immer noch
erleiden. Afrikaner müssen, um überhaupt vernommen zu werden
, manchmal schreien.

Stefano aber schreit nicht nur. Ihm geht es darum, daß die
Kirche in Afrika ihren eigenen Weg findet, d.h. einheimisch
wird. „Die Kirche in Tanzania muß ihre eigenen Methoden lernen
, das Evangelium den Menschen innerhalb ihrer Kulturen zu
verkündigen." (157) Dies muß nicht heißen, auf alle „westlichen
" Methoden zu verzichten, sondern diejenigen zu nutzen,
„die den Menschen heute helfen können. Auch ist nicht alles an
der afrikanischen Kultur gut, aber das, was gut ist, sollte genutzt
werden." (157) Das Ziel all dieser Überlegungen ist, der heutigen
Zeit angemessene und der tanzanischen Kirche angepaßte
Strukturen und Strategien der Mission und Evangelisation zu