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Ausgabe:

1992

Spalte:

699-701

Kategorie:

Praktische Theologie

Titel/Untertitel:

Mystagogische Seelsorge 1992

Rezensent:

Kehnscherper, Günther

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699

Theologische Literaturzeitung 117. Jahrgang 1992 Nr. 9

700

Drei Studien empirischer Art gelten christlichen Ritualen:
dem Gebet des Einzelnen, dem Ablauf der Liturgie und den Familien
-Ritualen. Hier gibt es auch interessante Ergebnisse, z. B.
wie stark verbreitet Gebet auch unter solchen Menschen ist, die
nicht zu einer Kirche gehören, und wie wichtig andere Komponenten
als nur Not sind (71-87). Oder wie beeinflußte der Ablauf
der Liturgie das Gemeinschafts-Gefühl und das Nachdenken
? Zuerst wirken Faktoren wie Alter und Bildung und
Kirchenbindung; aber die Unterschiede in der Liturgie („Gebt
einander ein Zeichen des Friedens!") sind durchaus auch wirksam
. Drittens: Wie beeinflussen Familienrituale die Weitergabe
des christlichen Glaubens? Das tun sie dort am besten, wo sie
authentisch und flexibel gehandhabt werden; nicht, wo sie fehlen
oder starr sind.

Noch viel bunter ist der letzte Teil, der sich breiteren Fragen
zuwendet. Helmut Reich (121-134) analysiert die moralische Dimension
eines säkularen Rituals, des „Live Aid Rock Marathon"
(1985), und seine Analyse ist eindrucksvoll positiv. Eva Ouwe-
hand (135-150) untersucht Rituale der Frauenbewegung (z.B.
Bildung eines Kreises, Anrufen der Kraft der vier Elemente
usw.), aber sie stellt vor allem heraus, daß eine einzige gültige
Deutung des ritualen Geschehens wohl nicht sinnvoll möglich
ist, ohne der weiblichen Erfahrung Unrecht zu tun.

Patrick Vandermeersch geht noch einmal auf psychotherapeutische
Sicht der Rituale ein, bei der es darauf ankommt, daß sie
funktionieren, also eine Therapie erfolgreich ist. Aus der Sicht
der gelebten Religionen aber geht es um gültige Wahrheit, und
diese Dimension sollte nicht ausgeblendet werden. Ein letzter
Beitrag untersucht die Motive von Pilgern (nach Lourdes), wie
sie sich vor und nach der Pilgerfahrt fühlen. Dabei sind positive
Aspekte auch bei eher schwach motivierten Personen deutlich.

Die Bibliographie für alle Beiträge ist zusammengefaßt und
umfaßt 19 Seiten.

Im Rückblick kann man einen Stoßseufzer nicht ganz unterdrücken
. So viele junge Talente zu einem so interessanten Thema
der Religionswissenschaft! Wie mühsam ist dagegen bei uns das
Überleben der Religionswissenschaft. Und zweitens: Wie unbefangen
werden solche Methoden auf das Christentum und auf andere
Erscheinungen angewandt, ohne daß ein „Krieg der Fakultäten
" spürbar wird! Zu den Anregungen, die das Buch
ermöglicht haben, gehörte auch ein Studieprojekt über „Religiöse
Symbole" der theologischen Fakultät Groningen.

Erlangen Niels-Pclcr Moritzen

Knobloch, Stefan, u. Herbert Haslinger[Hg.]: Mystagogische
Seelsorge. Eine lebensgeschichtlich orientierte Pastoral.
Mainz: Grünewald 1991. 267 S. 8".

St. Knobloch und H. Haslinger haben als Hgg. acht Beiträge gesammelt
, um anhand einer Auswahl von Handlungsfeldern aufzuzeigen
, wie der Gedanke der Mystagogie - seit altkirchlicher
Zeit Deutung von Erfahrung in kirchlicher Glaubensverantwortung
- als Prinzip kirchlicher Seelsorge heute verwirklicht werden
kann. Entsprechend den fundamentalen Prämissen, die im
Mystagogiebegriff vorgegeben sind, haben die Autoren und Autorinnen
die behandelten Thesen weit gefächert und insofern das
ganze Spektrum der kirchlichen Grundvollzüge, wie Diakonia,
Martyria, Leiturgia und Koinonia, bedacht, wobei allerdings die
.lebensgeschichtliche Orientierung' leider nur im Buchtitel auftaucht
.

Der erste Beitrag (15-75), Herbert Haslinger. „Was ist Mystagogie
? Praktisch-theologische Annäherung an einen strapazierten
Begriff", bringt zunächst eine Begriffserklärung. Sie scheint
deshalb angebracht, weil mit Mystagogie mittlerweile „ein Modeterminus
vorliegt, der in vielerlei und auch gegensätzlichen
Verständnisschattierungen gebraucht wird" (13). Der Autor geht
bei der Definition in vier Schritten vor. Ausgehend von dem Phänomen
eines heute neu aufkeimenden Interesses an Mystagogie
und damit verbundenen Problemen, wird eine kleine Auswahl
aus der Geschichte des Begriffs vorgestellt. Die theologische
Fundierung der Mystagogie verdankt offensichtlich wesentliche
Impulse K. Rahner. Nach einer Rekonstruktion seines Mystago-
gieverständnisses erfolgt durchaus einleuchtend ein eigener Vorschlag
zur Begriffsdefinition (64) mit der Formulierung von
Handlungsprinzipien (69).

Der theologische Schwerpunkt des Sammelbandes liegt in dem
Beitrag von Gundelinde Stoltenberg: „Ekklesiogenese. Bausteine
für eine mystagogische Praxis der Kirche" (76-105). Ausgehend
von den fundamentalen Prämissen kirchlicher Seelsorge
werden Postulate für die Kommunikation der Menschen in der
Kirche formuliert. Es gelingt der Vf.n. einen Prozeß zu skizzieren
, in dessen Verlauf eine vom statischen Kirchenbild geprägte
Praxis von einer mystagogischen Konzeption abgelöst wird, die
die Kirche in einen dynamischen Prozeß des Werdens, die „Ek-
klesiogenesse", hineinnimmt.

Der dritte Beitrag, Stefan Knobloch: „Verschleudern wir die
Sakramente? Die Feier der Sakramente als lebensgeschichtliche
Mystagogie" (106-125), nennt die Probleme offen beim Namen,
die heute viele Priester und Theologen bei der Sakramentsverwaltung
seelsorgerlich beschweren. Demgegenüber werden mit
einer bewunderswerten Feinfühligkeit Umrisse einer mystagogischen
Sakramentspastoral entwickelt und im Hinblick auf Taufe,
Erstkommunion und Ehe entfaltet und präzisiert.

Probleme der Sakramentsspendung unter veränderten Bedingungen
, etwa der Frage, was Menschen heute vom Sakrament
halten, und welche Erwartungen Seelsorger und Seelsorgerinnen
bei der Spendung an die Empfänger richten, behandelt der Beitrag
von Stefan Knobloch: „Was von der Taufe zu halten ist. Ein
Beitrag zur Klärung einer schwierigen pastoralen Frage" (126-
155). Über die Streitfrage, ob auch Kinder von offensichtlich desinteressierten
Eltern getauft werden sollen, kann ein Beitrag
nicht alle Aspekte beleuchten. Beeindruckend ist aber die Tendenz
, in der Taufseelsorge etwas vom Geheimnis und der Liebe
Gottes transparent werden zu lassen.

Besonders aktuell für die Situation in den neuen Bundesländern
ist der Aufsatz von Christiane Weber über die Bedeutung
mystagogischer Denkweise für das Handlungsfeld der Katechese
(150-193). Es wird die theologische Grundlegung, Konzeption
und Didaktik einer Firmkatechese als Sakramentsvorbereitung
vorgestellt. Katechese ist somit zu verstehen „als kirchliches
Kommunikationsfeld, auf dem weniger Glaubenswissen weitergegeben
als vielmehr Lebenserfahrung gedeutet wird" (14).

Der Beitrag von Stefan Knobloch: „Eucharistie und Leben-
Anmerkungen zur Finalität unserer Gottesdienste" (194-225)
konfrontiert den Leser mit einer Fülle überaus ernst zu nehmender
Gedanken zur Struktur der Eucharistiefeier als Weg zum
kommunikativen Handeln. Systematisch-theologische, kirchensoziologische
und seelsorgerliche Aspekte werden verdichtet zu
„ Konsequenzen für eine verbesserte Praxis" (220-224).

Am Beispiel der Telefonseelsorge beschreibt Hans Hobelsber-
ger die Implikationen des Mystagogietheorems für die Praxis der
Diakonie (226-247). Es ist erstaunlich, wie die kritische Rezeption
humanwissenschaftlicher Erkenntnisse heute eine Formulierung
von Prinzipien für eine christlich motivierte Begegnung
mit Notleidenden ermöglicht, deren Grundkategorie nicht Betreuung
, sondern Beziehung ist.

Der Beitrag von Herbert Haslinger greift noch einmal Aspekte
der Diakonie auf (248-266). Anhand der neutestamentlichen Erzählung
von der Heilung des blinden Bartimäus wird Jesu Umgang
mit Außenseitern als ein mystagogisch strukturiertes Han-