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Ausgabe:

1991

Spalte:

229-231

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Ustorf, Werner

Titel/Untertitel:

Die Missionsmethode Franz Michael Zahns und der Aufbau kirchlicher Strukturen in Westafrika 1991

Rezensent:

Krügel, Siegfried

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Theologische Literaturzeitung 116. Jahrgang 1991 Nr. 3

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Dazu gehört als Grundmodell der Begriff der Inkarnation, in analogem
Gebrauch ausgeweitet. Jede neue Inkulturation ist analog zur
grundlegenden Inkarnation zu verstehen (Contextual Theology as
Incarnational Mission, 9-32, Gilliland). Dabei entstehen auch sehr
wesentliche Einsichten auf dem Feld der Exegese, wenn man etwa
fragt, was das Einheitsband in der Theologie des Paulus ist und was
ihn bewegt, so stark auf lokale Situationen der Adressaten einzugehen
(52-73, Gilliland).

Natürlich stehen Einsichten aus der Kulturanthropologie, d. h. der
nordamerikanischen Fassung der Völkerkunde, und aus der Kommunikationsforschung
und -theorie an vielen Stellen deutlich im Mittel-
Punkt. Hatte die evangelikalef Missiologie diese Humanwissenschaften
offenbar als weitgehend theologisch neutral und im Verstehens-
und Vermittlungsvorgang als hilfreich bis unentbehrlich angesehen,
so wird hier der Versuch gemacht, sie theologisch verantwortet zu verwenden
, d. h. sie auch selbst kritisch zu befragen. Und schon dieser
^ersuch bringt einige bemerkenswerte Resultate, z. B. wenn Paul
G- Hiebert über Form and Meaning in Contextualisation of the
Gospel (101-120) nachdenkt - also über eine späte Variante des
Universalienstreites, nun aber bezogen auf Missionsgeschichte und
Bibelübersetzung. Er unterscheidet die Phase des Positivismus, in der
davon ausgegangen wurde, daß westliche Wissenschaft die zutreffenden
Begriffe habe, von der Phase der Pragmatismus, in der Erkenntnis
v'el subjektiver, Begriff und Gegenstand viel weiter auseinandergehend
gesehen wurden, weshalb sich dort nur noch das „Problem-
•ösungspotentiaP' als Kriterium findet. Hiebert begibt sich auf die
Suche nach universalen Symbolen. Ähnlich sind auch andere Beiträge
2u verstehen, alle haben sie die Absicht, bei voller Kenntnis einen
kritischen Umgang mit diesen Kenntnissen zu ermöglichen, damit die
Botschaft der Bibel normativ und transformativ wirksam werden
kann.

Einige Themen will ich nennen: Contextualizing communication
(Kraft); Transcultuation and Bible Translation (Shaw); Dimensions of
Approach to Contextual Communication (Sogard); Crosscultural use
°f leadership concepts (Clinton); Contextual Considerations in
^esponding to Nominality (Gibbs); Ethical Particularism as a
Chinese Contextual Issue (Tan-Che-Bin); Contextualization among
Muslims: Rescuing common pillars(Woodberry).

Die Reichweite der neuen Sicht zeigt sich vielleicht am deutlichsten
lm Beitrag von Peter C. Wagner: Contextualizing Theology in the
American Social Mosaic (219-238), worin er mitteilt, wie viele Sprachen
und Subkulturen in den USA vital weiterleben und nun auch
mehr oder weniger klar als legitim akzeptiert werden - nachdem
solange der weiße und englisch sprechende Puritaner oder Yankee die
Norm abgab.

Besonders interessant ist der Anhang (313-317) "Contextualization
models", in dem vier Modelle mit ihren jeweiligen Schwächen vorgestellt
werden. Das Anthropological Model geht von der Kultur aus;
a°er jede Kultur muß doch dem Urteil Gottes unterworfen werden!
^as Translationsmodell will einen nicht sehr deutlichen „Kern" des
Evangeliums kulturell relevant machen. Das Praxismodell gilt als im
Grunde marxistisch, weil Wahrheit nicht aus Offenbarung, sondern
aus Teilhabe an Geschichte erkannt wird. Es bleiben noch das adap-
llon model, das synthetic model, das semiotic model und das critical
model.

Bleibt noch zu sagen, daß reichliche Literaturangaben (aus den
'-'SA) und ein Register das Buch zu einer Fundgrube machen.

Erlangen Niels-Peter Moritzen

'-storf. Werner: Die Missionsmethode Franz Michael Zahns und der
Aufbau kirchlicher Strukturen in Westafrika. Eine missionsgeschichtliche
Untersuchung. Erlangen: Verlag der Evang.-luth.
Mission 1989. 337 S., I Taf, 1 Faltkte. gr. 8" = Erlanger Monographien
aus Mission und Ökumene. 7. Kart. DM 56,-.

Die Arbeit ist in 5 Teile gegliedert: 1. Kontext und Eigenart des
Zahnschen Inspektorates in Bremen. 2. Das missionarische Modell.
3. Die Integration afrikanischer Mitarbeiter in den europäischen
Missionsbetrieb. 4. Die Interaktion von europäischen Missionaren
und afrikanischen Mitarbeitern. 5. Zahns Beurteilung und Beantwortung
des afrikanischen Aufstiegs- und Bildungsanspruchs.

Was die Studie zunächst einmal auszeichnet, ist die Gründlichkeit,
mit der eine schier unübersehbare Fülle von Quellenmaterial aufbereitet
und unter fortlaufender sorgsamer Zitierung besonnen-kritisch
zur Darstellung gebracht wird.

Bereits in Teil 1 zeigt sich das Bemühen des Vf.s um echtes Verstehen
der in Wahrheit ganz ungewöhnlich schwer zu erfassenden Persönlichkeit
F. M. Zahns. Dessen Aggressivität spiegelt nach des Vf.s
Auffassung den Zeitgeist, „der auf die Gewinnung von Menschen und
zugleich auf die Vernichtung rivalisierender Anschauungen abzielte,
ohne den Selbstentwurf afrikanischer Religion und Kultur wirklich
hören zu wollen". Dem entsprach auch Zahns „durchgehender, bisweilen
überzogener militärischer Sprachgebrauch in der Beschreibung
des Missionsvorganges" (13). Zugleich stellt Vf. fest, daß der Bremer
Vorstand keineswegs „die Bejahung außereuropäischer Traditionen
als Voraussetzung christlicher Inkulturation" betrachtete (19).

Ferner arbeitet der Vf. von Anfang an scharf heraus, welche Komplizierung
Zahns Missionstheorie und -praxis durch das Verflochtensein
mit Anschauungen erfahren hat, wie sie im Bremer Vorstand
durch einflußreiche Kaufleute, z. B. die Dynastie Vietor, vertreten
wurde, nämlich „die Verschmelzung von Kapitalismus und Reich
Gottes zur Form des Reich-Gottes-Kapitalismus" (34).

Der Vf. zitiert zustimmend den dänischen Missionswissenschaftler
Johannes Aagaard, nach dessen Urteil Zahn „der bedeutendste Theologe
im Warneck-Kreis (war), einschließlich Warneck selbst, der
Entscheidendes von Zahn lernte" (52). Es gibt jedoch auch grundlegende
Unterschiede zwischen Warneck und Zahn, der „nicht von
den empirischen Kirchen her dachte. Er verstand diese vielmehr-und
dieses Urteil erstreckte er auch auf die zu gründenden Kirchen in
Übersee und die Mission selbst - prinzipiell mitsamt ihren Ordnungen
, Organen und konfessionellen Besonderheiten als Teil der .Welt'
und insofern nur als Platzhalter für die eine, unsichtbare und erst in
der Zukunft durch Gottes Eingriff zu realisierende Kirche" (54).
Zu Recht kommt der Vf. fortlaufend darauf zurück, wie kompliziert
der Fortgang der Missionsarbeit durch die unerläßliche Verbindung
zwischen der Norddeutschen und der Baseler Mission war. Erstere
besaß ja kein eigenes Seminar, blieb also, wenn sie Aussendungen vornehmen
wollte, stets auf Baseler Absolventen angewiesen.

Das paternalistische Verhältnis gerade der Norddeutschen Mission
zu den Missionaren, an dem Zahn durchaus partizipierte, wenn auch
auf vielfach differenzierte Weise, wurde schon in damaliger Ze^t als
anfechtbar empfunden, vor allem, soweit es um die Stellung der Norddeutschen
Mission zu der erschreckend hohen Sterberate ihrer westafrikanischen
Missionare ging. Der eben erst in das Amt gekommene
Missionsinspektor Zahn verwies auf die frühchristliche Martyriumsbereitschaft
und „schrieb" mit Blick auf die heimischen Missionsfreunde
„dem Leiden und Sterben einen hohen propagandistischen
Wert zu" (93).

Auch wer sich redlich müht, geschichtlich zu denken, kann nur mit
Beklemmung zur Kenntnis nehmen, mit wie vielen, durchaus verschiedenartigen
Vorbehalten die Missionare selbst, die Missionsleitung und
auch Zahn die so wichtige Aufgabe der „Integration afrikanischer Mitarbeiter
in den europäischen Missionsbetrieb" (111) in Angriff nahmen.
Für Zahn selbst ist das Entscheidende offenbar, daß seine nicht nur
Staats-, sondern auch kirchenkritische theologische Position durch bestimmte
pädagogische Vorstellungen und Zielsetzungen - er war hier
offenkundig ganz der Sohn seines Vaters - nicht bloß mitgeformt,
sondern geradezu determiniert war. So konnte er z. B. der Missionsschule
die Aufgabe zuweisen, „einen schnellen Wechsel von Unkultur
in die Kultur zu bewirken, womit er" - so der Vf. mit Recht - „eine
griffige, aber gefährliche Formulierung wählte" (122).