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Ausgabe:

1990

Spalte:

73-74

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Rivinius, Karl Josef

Titel/Untertitel:

Weltlicher Schutz und Mission 1990

Rezensent:

Glüer, Winfried

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 115. Jahrgang 1990 Nr. I

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Feigenbaum"); von der Art, wie Jesus Konflikte auslöst; von der offensive Missionspolitik Deutschlands. R. belegt mit ausführlichem

Polarität zwischen Weisheit und Prophetie. Material, wie der Staat auf die junge Mission Einfluß nimmt. Nach

Eine eigene'theologische Theorie ist wohl die der „kanonischen anfänglichem Schwanken und diplomatischem Taktieren betreibt der

Kritik" und der „kanonischen Dialektik", die allen Aussagen der Steyler Missionsbischof Anzer tatkräftig den Wechsel von der franzö-

Schrift (z. B. Paulus und Jakobus) ihr volles Gewicht wiedergewinnen sischen zur deutschen Schutzmacht.

"lochte (S. l09fT). Nach diesen Beiträgen muß man der evangelikalen Anzers schillernder Charakter ist bekannt. Er wird von R. kritisch

Tradition bescheinigen, daß sie ernst zu nehmende Ansätze und beurteilt. Gegenüber den zeitgenössischen Vorwürfen, Anzer habe die

Gedanken zum Thema entwickelt. Man muß aber auch feststellen, Besetzung von Jiaozhou durch Deutschland aktiv herbeigeführt und

w>e sehr diese Tradition sich von anderen christlichen Traditionen damit die schreckensvolle Eruption des Boxeraufstandes verursacht,

abgekapselt hat. So spielen z. B. deutsche Autoren in den teilweise entlastet er den Bischof. Das herangezogene Material belegt, daß die

ausführlichen Apparaten nahezu keine Rolle. Berliner Politik die katholische Mission in Shandong für ihre Zwecke

Erlangen Niels-Peter Moritzen benutzt hat. Indem Anzer sich jedoch in eindeutigen Bemühungen

darauf einläßt und sogar noch zu Beginn der Katastrophe des Boxeraufstandes
eine Intervention der nunmehr deutschen Schutzmacht

Rivi„: i, i . <- „ . . ... . „ fordert, hat er sich auf das politische Spiel eingelassen. Die Ausein-

«•vinius, Karl Josef SVD: Weltlicher Schutz und Mission. Das ' , . , „ .

rU,,f.„u. n . i. _., -u a- i .u r u w „ .ein, - andersetzung mit keinem Geringeren als Gustav Warneck, der Anzer

ueutsche Protektorat über die katholische Mission von Sud-Shan- B °

tung. Köln-Wien: Böhlau 1987. XLIV, 599 S., 1 Taf. gr. 8" = Bon- vorwirft, ein „politischer Agent" zu sein, hat hier ihren wahren Kern.

ner Beiträge zur Kirehengeschichtc. 14.Lw.DM 162,-. • Daß man Warneck bezichtigen kann. Zitate aus dem Zusammenhang

gerissen zu haben (533), ist in seinen mit ausführlichen Zitaten beleg-

Das staatliche Protektorat über die katholische Mission in China ten Texten nicht ersichtlich. Abgesehen von der anti-römischen Pole-
wurde zu einer schweren Belastung des Christentums. Bis heute wirkt mik jener Jahre ist die Grundfrage von Warneck schon 1898 dahin-
s,e sich noch negativ in der Beziehung zwischen der römisch-katholi- gehend entschieden, daß weltlicher Schutz und politische Dienstlichen
Kirche und China aus. R. untersucht die Auswirkungen des stung dem Auftrag der Mission Jesu Christi widersprechen. Die Ver-
Pfotektorats in Süd-Shandong, wo die Arbeit der Steyler Missionare suche einer (teilweisen) Entlastung Anzers durch R. wirken dem-
Segen Ende des vorigen Jahrhunderts den Vorwand für die Besetzung gegenüber schwach und angesichts der von R. selbst angeführten
v°n Jiaozhou (Kiautschau) durch Deutschland liefert. Mission und Quellen widersprüchlich.

^Perialismus werden miteinander verquickt. Waren die Missionare Die vorliegende Habilitationsschrift wurde am 100. Jahrestag der

*'"igc politische Agenten, die sich für die kolonialistischen Ziele Ernennung Anzers zum apostolischen Vikar von Süd-Shandong ab-

fer Länder einsetzten, oder wurde die Mission gegen ihren Willen geschlossen. Ursprünglich hatte R. vor. eine Biographie dieses

fch rücksichtslose Politiker mißbraucht? - R. will mit seiner Dar- Bischofs seines eigenen Missionsordens zu erarbeiten. Der indirekte

gung unter eingehender Untersuchung der vorhandenen Quellen ein Zugang zu der widersprüchlichen Figur Anzers über die Sachthematik

■erenziertes Bild erarbeiten und damit gängigen Pauschalurteilen des Protektorats, das auch R. aus heutiger Sicht eindeutig verwirft, hat

n,gegentreten. die Diskussion weitgehend versachlicht. Zu bedauern ist, daß R. der

Darstellung setzt nach einem kurzen Überblick über die frühe- Zugang zum deutschen Zentralarchiv verwehrt war. Bei der Fülle der

J^n Epochen der Missionsgeschichte mit dem ersten größeren Kon- vorgelegten europäischen Quellen wäre überdies das Heranziehen von

jjj 1 Westmächte mit China, dem Opiumkrieg, ein. Hier beginnt chinesischen Dokumenten eine wesentliche Ergänzung gewesen.

"e 'ange Kette der ungleichen Verträge. Nach dem Vertrag von Doch ergibt sich für die Darstellung der Haltung der westlichen

an-king, der 1842 zwischen England und China geschlossen wird, Mächte und der katholischen Mission in Süd-Shandong ein deutliches

B der sino-französische Vertrag von Whampoa (1844), der all- - im Sinne Warnecks allerdings in aller Schärfe kritisch zu sehendes -

Sernein als die erste Grundlegung für das französische Protektorat Bild.

er die katholische Mission beurteilt wird. Die Verträge zu Ticntsin , „,. c.

( Xs.s , „ Stuttgart WinfriedGluer

und Peking (1860) etablieren Frankreich vollends als Schutz-
"^acht der katholischen Mission. Allerdings bringt die rigorose Kolo-

n'a'Politik Frankreichs der Mission anderer Nationen Nachteile. So o—x_».„i._ *u*»*»i*»».:»»*»Uä

mußtet..R-„ i u . , i, u . l Referate über theologische

es lur sie als ungunstig erscheinen, unter französischem Protek- _. . . _ , .

^ zu arbeiten. Die konkurrierenden europäischen Mächte. Italien, Dissertationen in MaSChmenSChrif t

n,en, England und Deutschland, empfinden das französische Probat
als ihren politischen und wirtschaUlichcn Interessen zuwider- Bockert, Friederike: Sowrb Patarag - Heiles Opfer. Texte und
aufend. Auch Leo XIII. fühlte seinen Einlluß geschmälert und ver- Untersuchungen zur Liturgie der Armenisch-Apostolischen Ortho-
sUchte l»ac •• .il vi ... doxen Kirche. Diss. Halle 1987. 263 S. u. 91 S. Anmerkungen u.

c '885, eine päpstliche Nuntiatur in C hina zu errichten. Diese , •, _

Planpe i Lit.vcrz.

IC scheiterten am Widerstande Frankreichs,

lat hü ^cnre'^,en Leos XIII. an den chinesischen Kaiser, das im „Sowrb Patarag - Heiliges Opfer" heißt der eucharistische Gottes-

gj^einischen Wortlaut als Dokument beigegeben ist, betont die reli- dienst in der Armenisch-Apostolischen Orthodoxen Kirche. Das ent-

Uet.e Una" kulturelle Arbeit der Mission und spricht ihr jede politische spricht dem Begriff „Liturgie", wie er in der byzantinisch-slawischen

at'gungab. Die Missionare selbst haben jene vom Papst gezogene Tradition üblich ist. So geht es hier um die Texte des heutigen armeni-

y . Ze offensichtlich nicht deutlich wahren können, zumal auch der sehen eucharistischen Gottesdienstes und ihre Entwicklungsgc-

a^kan zwischen den Großmächten stand und politisch agierte. schichte.

er Hauptteil des Buches wendet sich der Geschichte des 1875 Im ersten Teil der Arbeit wird der armenische Text des heutigen

^gründeten Missionsordens SVD in Süd-Shandong zu. Die Wahl des Liturgicformuiars, der der jüngsten Ausgabe von Erzbischof Tiran

q eits8cbietcs erfolgte ohne jede Abstimmung mit Chinesen. Honan, Nersoyan (5. Aufl., London 1984) entlehnt ist. geboten. Es handelt

Z*?u und Shandong waren während der Vorüberlegungen in Be- sich dabei um das vollständige, heute gebräuchliche Liturgieformular

Sie ' 80zogen- Schließlich wies man den Steylcrn Süd-Shandong zu. nach den Texten des St. Jakobsklosters (Armenisches Patriarchat von

a kneten so in unmittelbare Nähe des Gebietes, auf das neben Jerusalem). Darüber hinaus wurde auch die heute am Sitz des Katho-

c eren Mächten, vor allem Rußland, das Deutsche Reich seine likos aller Armenier in Edschmiazin gebräuchliche Liturgieausgabe

y^aiungcn gerichtet hatte. Damit waren die späteren Konflikte und verglichen, um eine sichere Textgrundlage für den heutigen textus
erwicklungen der Mission vorprogrammiert. 1885 begann eine reeeptus zu erreichen. Dabei sind im wesentlichen nur die konstant