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Ausgabe:

1989

Spalte:

393-394

Kategorie:

Missionswissenschaft

Titel/Untertitel:

Wok Misin 1989

Rezensent:

Poppitz, Klaus

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Seite 1

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393

Theologische Literaturzeitung 114. Jahrgang 1989 Nr. 5

394

Wok Misin. 100 Jahre deutsche Mission in Papua-Neuguinea. Dokumentation
der Tagung vom 30. 4.-4. 5. 1986 in Neuendettelsau. hg.
vom Missionskolleg. Neuendettelsau: Missionskolleg im Missionswerk
der Evang.-Luth. Landeskirche in Bayern 1986. 214 S. 4".

Wok Misin ist eine Dokumentation, die nach einer Tagung des
Missionskollegs erschien, die im April/Mai 1986 stattfand. Am
12. Juli 1886 landete der erste lutherische Neuguineamissionar,
Johannes Flierl, im damaligen Kaiser-Wilhelms-Land.

Mit dieser Tagung wollte das Missionskolleg des 100. Jahrestages
jenes Ereignisses in würdiger Weise gedenken.

Die Dokumentation umfaßt eine Reihe von Beiträgen, die z. T. von
ehemaligen Neuguineamissionaren gehalten worden sind. Auch
andere Fachleute kommen darin zur Sprache. Den meisten Artikeln
liegen Erfahrungen zugrunde, die aus der eigenen Praxis stammen.

Einem Grußwort des Neuguineapfarrers Don Muhuyupe folgen elf
Beiträge, die sich mit der Problematik, aber auch mit den Chancen,
die das Land und die Kirche haben, aus unterschiedlicher Sicht
befassen. Dazwischen findet man die Kopie der Ehrenpromotionsurkunde
von Dr. Wilhelm Bergmann, der ein Leben lang „in der
Tradition der Gemeindemission der werdenden Neuguinea-Kirche
gestanden hat und der sich dessen immer bewußt war. Er hat die
unbändige Missionskraft der Neuguineagemeinden nie gering geachtet
. . ., sondern sich bewußt in diese Tradition hineingestellt" (S. 91).
Er ist ein Beispiel dafür, die „falsche Alternative von Verkündigung
und Entwicklungsarbeit, oder das Vorurteil von der kulturzerstörenden
Mission auszuräumen" (S. 91).

Wie eng beide Polarisationspunkte, Verkündigung und Entwicklungsarbeit
, zusammengesehen werden müssen, zeigt u. a. auch Heinz
Schütte in seinem Beitrag „Methodistische Mission in Deutsch-
Neuguinea - Aspekte des Beitrages der Missionen zum Übergang in
neue gesellschaftliche Formen" (S. 95fT). Nach seiner Sicht fordern
vier Punkte die lokale Bevölkerung zum Übergang in veränderte
gesellschaftliche Formen heraus: 1. die Mission selbst, 2. der Handel,
3. Plantagen und Arbeiteranwerbung und 4. die Kolonialverwaltung
(S. 961). Daß Mission „nicht nur Licht, sondern eben auch Waren"
(S. 101) brachte, macht Schütte am Beispiel des Missionars George
Brown deutlich. Auf seinen Erkundigungsreisen nahm er Waren als
Gastgeschenke mit, wie es übrigens auch von vielen anderen bekannt
■st, die ihm Zugang zu der jeweiligen Gegend und den Menschen verschafften
. „Browns Informationsbesuche gingen immer Hand in Hand
mit dem Versuch der Pazifizierung sowie der Verteilung von
( «schenken, was die rührenden Männer veranlaßte, die Stationierung
von Lehrern zu erbitten, um auf diese Weise den Fluß der neuen . . .
Güter sicherzustellen . . ." (S. 101). Auf diese Weise wurde nicht nur
das Evangelium verbreitet, sondern man begann auch, die Bevölkerung
in die ersten Schritte des Handels hineinzuziehen. Dabei bestand
- und besteht in entlegenen Teilen Papua-Neuguineas immer noch -
die Gefahr, daß der Missionar zu einem der angesehenen Männer,
zum Bigman, wird. Dies wird auch am Beispiel Brown's aufgezeigt.
Die weit größere Gefahr ist aber, daß der eigentlich „motivierende
Faktor" nicht mehr die Botschaft blieb, sondern der Tauschartikel,
der, in Europa gefertigt, den einheimischen Produkten (z. B. Steinoder
Stahlaxt!) weit überlegen war. Im Gefolge der materiellen Überlegenheit
entstanden Abhängigkeiten, die man vorher nicht übersehen
konnte. Das mag daran gelegen haben, daß man sich nicht tief genug
mit dem Denken der religiösen Vorstellungswelt der Neuguineer
beschäftigt hatte bzw. beschäftigen konnte.

Damit setzt sich der ehemalige Leipziger Neuguineamissionar Ernst
Jäschke in seinem Artikel über den Mana-GIauben und seinen Einfluß
auf die melanesische Kultur und Gesellschaft (S. 185ff) auseinander
. Er betont darin immer wieder das ganzheitliche Denken und
die alles umschließende Vorstellungswelt der Neuguineer. „Mana" ist
ein Seclenstoff. der alle Dinge durchdringt. Nimmt man einen Teil
einer Sache, hat man „im Teil immer zugleich auch das Ganze"
(S. 185). Dies „funktioniert" auch beim Handel. Der „Käufer"
bekommt mit der Ware zugleich ein Stück des „Verkäufers" mit.

Wobei die Begriffe „Käufer" und „Verkäufer" europäisch und nicht
zutreffend sind. Jäschke und die anderen verwenden sie daher nicht.
Man verpflichtet sich den anderen durch Ablassen von Tieren oder
Gegenständen, weil der damit ein Stück des eigenen „Seelenstoffes",
Mana, bekommt. Auf irgendeine Weise muß dieser Schwund voh
Mana wieder ausgeglichen werden. So hat die tiefe Verschuldung, die
man in den Stämmen von Papua-Neuguinea findet, ihre tiefen Wurzeln
im Religiösen.

Interessant ist die Linie, die Jäschke auszieht: „Ist der Wieder-
vergeltungskomplex nun Hilfe oder Hindernis bei der Verkündigung
des Evangeliums?" (S. 200ff) Jäschke kommt zu dem Schluß, er ist
ein Hindernis. Bei der traditionellen Form der Wiedervergeltung, des
oben schon zitierten Kräfteausgleiches, der hinter allem steht, oder
einem ausgewogenen Verteilen von „Mana", geht es im letzten um
den eigenen Namen, der geehrt werden soll. In der Missionsarbeit aber
geht es nicht um den eigenen, „sondern Gottes Name soll geehrt
werden. Das ist das Gegenteil des melanesischen ,peim bek'"
(S. 202).

Wilhelm Fugmann, dessen Lebensarbeit die Gründung und der
Ausbau der kircheneigenen Handelsgesellschaft NAMASU war, führt
in seinem Beitrag, der soziale Bindungen und wirtschaftliches Denken
in Neuguinea behandelt, in das Denken und wirtschaftliche Gefüge
der Neuguineer ein, das nicht vom religiösen Leben zu trennen ist.

Neben diesen und anderen nicht genannten Artikeln sind die Beiträge
empfehlenswert, die sich mit der Entwicklung innerhalb der
Kirche befassen. So steht hinter dem Vortrag von Hermann Lutschewitz
die Frage, wohin sich die Ev.-Luth. Kirche in Papua-Neuguinea
entwickelt. Sie stellte sich uns - und tut das auch noch - als die Kirche
der Laienaktivitäten vor. Evangelisten übernahmen die missionarische
Aufgabe, das Evangelium ins Land zu tragen. An ihrer Seite
standen die Missionare.

Mit der Gründung und dem Ausbau eigener, theologischer Seminare
entstand ein Pfarrersland, der bei den Evangelisten Verunsicherungen
und zum Teil auch Resignation hervorrief. Lutschewitz
schließt, nicht „einer .Pfarrkirche' im landläufigen Sinn das Wort zu
reden, sondern das ,Priestertum aller Gläubigen' (IPetr 2.9-10) in
einer guten Spannung zu sehen zu dem Auftrag, Hirte der Gemeinde
zu sein (IPetr 5,1-4)" (S. 31).

Zum Thema der Entwicklung innerhalb der Kirche gehört auch das
Mühen um das Suchen nach einer eigenen Antwort auf die Anrede des
Evangeliums. Theodor Ahrens führt in seinem Artikel (S. 5111) in das
Bemühen um ein eigenes Verständnis der biblischen Botschaft ein und
zieht die aufgeworfenen Fragen in den aktuellen ökumenischen Kontext
aus. Zum tieferen Verständnis dieser Seiten möchte ich aufsein
Buch „Unterwegs nach der verlorenen Heimat - Studien zur Identitätsproblematik
in Melanesien" (Erlangen 1.986) hinweisen. Zu dieser
Problematik zitiere ich ein Wort des emeritierten Hochlandbischofs
Mambu, das Görner in seinem Beitrag über die Auseinandersetzung
des Christentums mit der Polygamie anrührt: „Vielleicht kommt jetzt
eine neue Zeit für die Kirche in Neuguinea . . . Vielleicht müssen wir
manchmal Neuerungen einführen. Die Verantwortung dafür könnt
ihr als Angehörige der Mutterkirche uns nicht abnehmen. Diese Verantwortung
müssen wir vor Gott selbst tragen" (S. 38). Und er
schließt, daß die alte Kirche notwendigerweise das Gesetz bringen
mußte, um den Menschen ihre Sündhaftigkeit bewußtzumachen.
Jetzt aber ist das Evangelium der Gnade die Richtschnur kirchlichen
Handelns.

Der interessierte Leser findet nach jedem Beitrag eine Reihe von
Quellenangaben und Literaturhinweisen, die ihm bei der weiteren
und vertieften Auseinandersetzung mit den angebotenen Themen -
von denen nur einige rezensiert werden konnten-behilflich ist.

Die Dokumentation ist eine Sammlung, die „zum Kennenlernen
über Grenzen hinweg und zum Abbau von Vorurteilen durch Unkenntnis
" (S. 10) verhelfen will. Dem Hg. gebührt dafür Dank.

Leipzig Klaus Poppitz