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Ausgabe:

1988

Spalte:

73-74

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Biancucci, Duilio

Titel/Untertitel:

Dritte Welt - unsere Welt 1988

Rezensent:

Krügel, Siegfried

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 113. Jahrgang 1988 Nr. 1

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keiner Weise in ihr Bewußtsein (481). Allerdings kam dem Buddhis- die Folgen der Bevölkerungsexplosion noch die der Landflucht, er

Hus in dieser Region keine nennenswerte Rolle zu. bestätigt die traurige Wahrheit: „Die Reichen werden reicher, die

Das Verhältnis zur evangelischen Mission war nicht frei von zum Armen ärmer" (12). Einer Bevölkerungsplanung stehen sowohl reli-
Teil argen Rivalitäten. Verschiedentlich ist die Rede von Prozessen giöse als auch wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Hinzwischen
den Konfessionen. Andererseits gab es durchaus freundliche dernisse entgegen (19). Daß die Industrieländer vor allem am mög-
Begegnungen (312) sowie unmittelbare Hilfeleistungen z. B. in medi- liehst billigen Erwerb der Rohstoffe der Dritten Welt interessiert sind,
zmischcr Hinsicht (325). kann allmählich als bekannt gelten, weniger vielleicht, daß neue

Die vorliegende Geschichte der Steyler Missionare in Shandong „Rohstoffe" hinzukommen, z. B. Menschenblut. Allein in Sao Paulo

w>rd durch sorgfältig redigierte Auszüge aus Berichten und Briefen „verkaufen 100000 arme Menschen ihr Blut, um überleben zu kön-

von Missionaren und Schwestern und der Generalleitung der Mission nen" (23).

dokumentiert. Hier sind keine weltbewegenden Ereignisse dar- Vf. gibt einen kurzen historischen' Überblick „Die Entdeckung
gestellt, wenn auch die Einwirkungen der Zeitgeschichte (Aufstieg Amerikas und die Einführung der Unterentwicklung" (38fT) und refe-
apans, russisch-japanischer Krieg, Niedergang der Qing etc.) hier und riert anschließend über „die unterschiedlichen Entwicklungstheo-
a zu verspüren sind. Insgesamt abergeht es um den Alltag einer Mis- rien" (48ff), denen eine unterschiedliche Deutung der Fakten zu-
M°n, die sich in der Stille vollzieht. Viele Einzelheiten werden aus den gründe liegt. Er erteilt bürgerlichen Theorien, vor allem Modernisie-
zahlreichcn Visitationsberichten deutlich. Dabei werden neben den rungstheorien, der Dualismus- und der Dependenztheorie, eine Ab-
orzügen der Missionare auch ihre Schwächen nicht verheimlicht. sage und stellt ihnen die marxistische Imperialismustheorie (560
indrucksvoll sind die Opfer, die der Einsatz fordert. Eine nicht ge- gegenüber, wobei er abschließend offensichtlich zustimmend hervorginge
Anzahl von Missionaren findet in Shandong einen frühen hebt: „Wesentlich ist für Lenin dabei, daß der Imperialismus die

unterentwickelten Länder zur antiimperialistischen Auflehnung er-

Dem Band sind einige Dokumente beigefügt. Von besonderem zieht" (57).
'nteresse ist ein Entwurf für eine Vereinbarung, in der das rechtliche Im 2. Hauptteil skizziert Vf. „Gott und die Armen im AT" (76ff)

erhaltnis zwischen der Mission und der SVD geklärt werden soll. und „Armut im Licht des NT" (79ff). Er arbeitet besonders „Die

^ er Band is( mi( Bjldtafe|n auSgestattet. Chinesische Schriftzeichen strukturelle Sünde" (86ff) heraus. Sie ist ihm gegenwärtig vor allem in

ur Personen- und Ortsnamen erweisen sich als hilfreich. Man ver- der ungerechten Weltwirtschaftsordnung (86) manifest. So wird zum

m'ßt eine Karte, aus der die Lage der genannten Orte ersichtlich ist. Skopus dieses ganzen Hauptteils die These „Gerechtigkeit ist der neue

m Anhang sind die Namen aller Missionare und Laienbrüder der Name für Frieden" (90fT). So beeindruckend diese Ausführungen

D genannt. Hier hätten auch die Schwestern nicht vergessen wer- sind, so wird man doch ein Doppeltes anmerken müssen: Hinsichtlich

«l dürfen. Ausführl iche Personen-, Orts- und Sachregister sowie eine der Verwertung des AT sollte man nicht übersehen, daß das alte Israel

Jeweilige Jahresstatistik sind dem Bande beigegeben. eine Theokratie darstellte. Heute ist „theokratische" Argumentation.

Stuttgart WinfriedGliier s'eht man von einzelnen islamischen Staaten ab, nicht legitim. Zum

anderen darf die Einsicht, daß „politische Freiheit und soziale
Gerechtigkeit unabdingbare Grundlage eines dauerhaften und siche-

Biancucci.Duilio: Dritte Welt-unsere Welt. Beispiel Lateinamerika. ren Friedens" sind (91), nicht zur Verglcichgültigung aller jener

Zürich-Einsiedeln-Köln: Benziger 1985. 212 S. 8". Kart. DM 28,-. Gegenwartsbemühungen führen, die sich zunächst einmal einfach

n. darauf beschränken, im Gang befindliche Kriege zu beenden und den

UNr Weltbevoikerun& hat die Fünfmilliardengrenze überschritten. Ausbruch neuer kriegerischer Verwicklungen zu verhindern,
hat hta7° (Un'ted Nat'0nS Conferencc on Trade and Development) Der j Hauptteil legt offen dar, daß die Kirche gerade in Latein-

nre 7. große Tagung durchgeführt. Noch mehr heße sich nennen, amerjka starke Verflechtungen mit dem Kolonialismus aufwies und

aen Blick verstärkt aufdie Dritte Welt lenkt, die Zweidrittelwelt, pius v„ noch ,g,6 die lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewe-

nun schon zur Drei viertel weit geworden ist. Die Massenmedien gungen verurteilte (102). Seit der Mitte des 20. Jh. vollzog sich ein ent-

men Slch des Themas in immer neuen Varianten an, d.e einschlä- scheidender Wandel. Vf. gibt eine knappe, gute Darstellung der Theo-

nun 'CratUr lst ins unermeßliche gewachsen. Daß breite Kreise |ogje der Befreiung (ll7ff) sowie des Wesens der Basisgemeinden

"mehr endlich eine solide Kenntnis der Probleme besäßen, läßt (125ff)

Slch trotzdem nicht sagen. Publikationen wie die hier vorliegende lei- ^ ... . ,. ..• . . . . ,

sten rWu ii_ • ... ......___. ... . „• Der 4. Hauptteil beschäftigt sich kritisch mit staatlicher und kirch-

cn deshalb einen wichtigen Dienst. Vf., bis 1978 katholischer Pne- .. . _ . , . „ ,. .„ . , D , ..

ster in a . ,., hcher Entwicklungshilfe. Sowohl „Misereor als auch „Brot für die

"i Argentinien, dann in die Bundesrepublik Deutschland emi- ... ...,,.„.— e , » . Ä _. „ ,. , ■ .... ,

griert r» l ■ Welt (147ff) erfahren eine zutreffende Darstellung, dies hinsichtlich

Doktor der Philosophie und der Soziologie, legt ein Buch vor, ., _ . . , ... ., . ,. . _, _ „

dasanr, u -i r,- . „• • • •, ihrer Gemeinsamkeiten, aber auch ihrer Unterschiede. Der Schluß

oui verhältnismäßig engem Raum die Situation Lateinamerikas ,. ,, ., ... .... . .. ., , . , r . ..

eindriu.bo ii m ,, ,,,........„ . ,. . dieses Hauptteils gilt einer Kritik der „Mythologie der Entwicklungs-

'ucksvoM darstellt. Das Werk zeichnet sich durch seine Sachlich- ....,, ..., _ , , . ,, .. ... _

keitunHw'! l-j.n r. « , hilfe (161 ff), d. h. derjenigen Vorstellungen, die auf diesem Gebiet

u"u Marheit des Aufbaus aus. Seine Brauchbarkeit als ein echtes .. . ■ , ■. . „ ... r

Arbeit«!, u..... .. ■ ~ . .. ... seitens des Kapitalismus entwickelt werden. Demgegenüber fordert

"-usoucn wird durch eine Fülle von Tabellen und graphischen ... _. , _ . .. . ..- ... . . . „

Darstpii.. ... ..... ... ■; ■ . Vf. erneut: „Die wahre Entwicklungshilfe: eine neue Weltwirtschafts-

^Hungen sowie durch zwei Anhange (Literaturverzeichnis und "(163ff)

egnffserläuterungen) noch wesentlich erhöht. °f nU"8
c ,n 5 Hauptteilen handelt Vf. über „Unterentwicklung als Folge der ,m abschließenden 5. Hauptteil liegt der Ton auf praktischen VorEntwicklung
", „Evangelium und Unterentwicklung: Das Fundament scnlä*en des Vf' Zu Recht fordert er- daß das Problem "Dr,tte Welt"
desehristlichen Engagements", „Die lateinamerikanische Kirche und in der Scnule nocn v,el Planmäßiger dargestellt werden sollte (180tT),
d,e Unterentwicklung", „Die Reaktion der reichen Länder: Entwick- ferner er ..Dntte-Welt-Arbeit in der Geme.nde und Erwachsenen-

'UriRshilf<> „:„ . nn . .■ ■., ,„ .. c u bildung" (183ff) sowie weitere „Dritte-Welt-Aktionen" an (185ff).

senile - ein Zauberwort? , „Wir und die Dritte Welt: Schwierig- " v '

leiten Init;^.:. . , „r :<■ „ . _ Diesem letzten Hauptteil ist ein chinesisches Sprichwort als Motto

v", initiativen, Aktionen, Informationen . Vf. will mit seinem K K

BlJch pin» d.~ tu ,__, .... , „ , . vorangestellt: „Auch eine Reise von tausend Meilen beginnt mit

,,eine Brücke bauen zwischen der Wissenschaft und interessier- . f

'en und _ ,-• , .. , • . „ . r einem einzelnen Schritt" (177). Das vorliegende Buch verdient weite

uiiu engagierten Kreisen (9). Einleitend wird zu Recht darauf ' '

n'ngewipcpn a ni . i jo u u tri.- Verbreitung, weil es solides Wissen vermittelt, und zwar letztlich mit

6 w|esen, daß Lateinamcnka in jeder Beziehung sehr vielfaltig ist . ,6' , , '

unddaRihr„„ ■ r> i • n c dem alleinigen Ziel, zu praktischem Handeln zu befähigen und zu er-

u<»uinm seine Probleme keineswegs nur von außen aufgezwungen

VV0rden sind, man vielmehr feststellen muß: „Die Kluft besteht auch muntern.

nnerhalb der einzelnen Länder selbst" (13). Vf. verharmlost weder Leipzig Siegfried Krügel