Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1988

Spalte:

860

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Yewangoe, Andreas Anangguru

Titel/Untertitel:

Theologia crucis in Asia 1988

Rezensent:

Sundermeier, Theo

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

859

Theologische Literaturzeitung 113. Jahrgang 1988 Nr. 11

860

Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Übersetzung der Bibel und
ihrem Gebrauch in der Kirche. Die in die Sprachen Afrikas übersetzte
Bibel eröffnet den Weg zur Entwicklung des modernen afrikanischen
Christentums, das eine „Bestätigung seines eigenen kulturellen, gesellschaftlichen
und religiösen Lebens im Leben und in der Geschichte
des jüdischen Volkes" (34) entdeckt. Diese Tatsache wertet der Vf. als
wichtigsten Grund für die Entstehung der vom religiösen westlichen
Imperialismus unabhängigen Kirchen und damit für einen Prozeß
der Befreiung von importiertem zu eigenständigem Christentum in
Afrika. Zu dessen Fundierung und Qualifizierung klagt der Vf. von
seinen afrikanischen Kollegen biblisch-theologische Kommentare
regelrecht ein. Er selbst exemplifiziert das an den drei Grundbereichen
Gebet. Glaube und Heil.

In der Gebetstradition schlägt das Herz afrikanischer traditioneller
Spiritualität. „Dadurch daß sie Christen werden, wird den Menschen
ihre Gebetstradition nicht entzogen, und sie beten auch nicht zu
einem anderen Gott als dem Gott, zu dem sie während vieler Generationen
, bevor sie das Evangelium hörten, gebetet haben." (60) Das
neue und nun wichtigste Element ist der Gebrauch des Namens Jesu
Christi, des Herrn über alle Mächte, der ihnen ermöglicht, das „Gebet
als starke Waffe" (62) gegen alle dunklen und lebensbedrohenden
Kräfte zu gebrauchen. Der Vf. selbst deutet kritische Fragen an-etwa
hinsichtlich einer „neuen Form geistiger Zauberei" (64)-, denen wir
weitere hinzufügen können. Umgekehrt hinterfragt afrikanische Tradition
uns, die wir unsichtbar-geistige Realitäten nicht ernst genug
nehmen. Ein transkulturellertheol. Dialog deutet sich an.

Als Beziehungsfeld zwischen Gott und dem Menschen bietet auch
der Glaubensbereich Brücken zwischen traditioneller afrikanischer
Religiosität und Christentum. Glaube als „Bestandteil des Lebens, wie
Wasser holen und Luft atmen" (88). steckt „nicht nur im Kopf, sondern
im ganzen Menschen" (114) und will „gelebt" und nicht nur
„aufgesagt" werden. Darin finden sich die Afrikaner durch die Bibel
bestätigt und im Gegensatz zu den Europäern. Neu ist für sie die Verwicklung
des Glaubens in eine Art geistiger Kriegsführung im Sinne
von Eph 6,1 1-18 und der Grenzbereich von Leiden und Martyrium,
für den es in Afrika existentielle Erfahrungen gibt.

Die Heils-(Erlösungs-)erfahrung afrikanischer Christen exemplifiziert
der Vf. - dadurch freilich einseitig - an einer nigerianischen
unabhängigen Kirche. Das afrikanische Ganzheitsverständnis vom
Heil ist „mehr durch die (Heilige) Schrift als durch die von den Missionaren
vertretenen Lehren geformt worden" (134), die es zu einseitig
vergeistigt haben. Heil reicht in alle Bezüge des Lebens, auch in gesellschaftliche
und politische hinein, ohne seine kosmische Dimension
(Phil 2,8-1 l)zu verlieren.

Das letzte Kapitel ist ein Plädoyer für eine auf der Bibel basierende,
sich an Gottes Mission'beteiligende Mission der afrikanischen
Kirchen, die nicht an den europäisch-amerikanischen Modellen, sondern
an denen der apostolischen Zeit orientiert ist. „Das gesamte Volk
Gottes treibt Mission, indem es seinen Glauben an Christus lebt."
(178) Diese Mission ist ganzheitlich, ökumenisch und partnerschaftlich
. Der Vf. beklagt die z. B. in den Rivalitäten zwischen afrikanischen
Kirchenführern oder in der Korruption bestehenden Hindernisse
und mahnt andererseits die Kirchen Europas und Amerikas, in
Zukunft an einer „Mission mit Afrika im Mittelpunkt" und nicht an
einer „Mission mit Afrika als Zielpunkt" (182) mitzuarbeiten.

So ist dieses Buch ein weiteres Beispiel für Mbitis energisches
Bemühen um eine afrikanische Theologie. Zugleich verstehe ich es als
eine Einladung an die europäisch-amerikanische Theologie zum Dialog
mit den afrikanischen Kollegen. Die zahlreichen Darstellungen aus
Lehre und Leben der unabhängigen Kirchen, bei denen allerdings Westafrika
überwiegt und das südliche Afrika fehlt, geben nicht nur einen
wertvollen Einblick in uns weithin unbekannte Kirchen, sondern dem
Buch auch eine große sachliche Breite. Es ist auf jeden Fall ein wesentlicher
Beitrag zur Theologie der Ökumene und wäre es wert, in theologischen
Aus- und Weiterbildungszentren bearbeitet zu werden.

Leipzig Joachim Schlegel

Yewangoc, A. A.: Theologia Crucis in Asia. Asian Christian Views on
Suffcring in the Face of Ovcrwhelming Poverty and Multifaceted
Religiosity in Asia. Amsterdam: Rodopi 1987. XII, 352 S. gr. 8° =
Amsterdam Studies in Theology, 6. hfl. 70.-.

Kiilturübcrgreifende themenorientierte theologische Studien sind
in der gegenwärtigen Stunde der ökumenischen Bewußtseinsbildung
nötiger als je. Es herrscht ein akuter Informationsmangel, denn nur
wenige Wissenschaftler sind von ihrer Herkunft, Biographie und Ausbildung
dazu befähigt, interkulturell zu denken und zu forschen. Die
Studie A. A. Yewangoes, die Dissertation eines Indonesiers, die in
Holland fertiggestellt wurde, greift ein aktuelles Thema auf, wie
Armut und Leiden im asiatischen Kontext theologisch verarbeitet
wird. Leiden wird in den Religionen Asiens als Leiden am Dasein, an
der Vergänglichkeit, als Eingebundensein in den Kreislauf der
Wiedergeburten verstanden. Wird jedoch Leiden jetzt als von der ökonomischen
Armut verursacht begriffen, dann bedeutet das einen
erheblichen Perspcktivenwechsel. Mir scheint, daß der Vf. das nicht
genügend erkannt hat. Statt dessen wird ganz im Sinne der Befreiungstheologien
Lateinamerikas das Armutsproblcm als solches isoliert in
den Vordergrund gestellt. Das hat Konsequenzen: Jeder Darstellung
einer Theologie wird eine Gesellschaftsanalyse vorausgeschickt. Daß
der Vf. das für die fünf Länder Indien, Korea, Japan und Indonesien,
aus denen er Theologen exemplarisch ausgewählt hat, nicht in gleicher
Weise überzeugend leisten kann, ist einsichtig. Dennoch gibt das
Buch eine jeweils sinnvolle Übersicht zum wirtschaftlichen und sozialen
Kontext, aus der auch der eilige Leser sich wichtige Informationen
zusammenstellen kann.

Es ist eine Crux der ökumenischen Theologie, daß sie in ihren Darstellungen
der verschiedenen Theologien nicht überall Primärkenntnisse
besitzen kann und oftmals ausschließlich auf Übersetzungen
angewiesen ist. Diesem Dilemma unterliegt auch der Vf. Bedauerlich
ist jedoch, daß er selbst bei Autoren wie S. Endo und K. Takizawa
sich ausschließlich auf die Sekundärliteratur beschränkt und die
reichlich vorhandenen und zugänglichen Texte nicht verwendet-
Auch bei anderen Autoren führt seine Darstellung oftmals nicht weiter
(Chakkarais Darstellung fußt weitgehend auf Boyd), sondern ist
einfache Darstellung der Theologie und läutet nicht eigentlich einen
Perspektivenwechsel ein.

Neu ist die Darstellung der Theologie aus seiner eigenen Heimat
Indonesien. Hier kann der Vf. auf uns nicht zugängliches Qucllen-
material zurückgreifen und unseren Horizont erweitern. Daß in Indonesien
noch theologische Schätze zu bergen sind, macht er überzeugend
deutlich, auch wenn diese Bergung in seinem Buch nur in einem
ersten Schritt geleistet wird.

Die „theologia crucis" ist das Herzstück der reformatorischen
Theologie. Alle, die sich von ihr in ihrem Denken haben beeinflussen
lassen* werden mit Gewinn zu diesem Band greifen, um durch ihn zu
lernen, wie sich dieses Thema in einem anderen Kontext variantenreich
durchgesetzt hat. Wenn es denn eines Beweises bedarf, daß sich
die Theologen der Dritten Welt von dieser Tradition biblischer und
abendländischer Theologie nicht abgekoppelt haben - wie gelegentlich
behauptet wird -, dann wird der hier geliefert. Zugleich aber
macht der Vf. ebenso deutlich, daß die Kreuzestheologie ihre Kraft
besitzt, unter neuen Bedingungen sich neu zu artikulieren und auf
brennende Probleme asiatischer Staaten und Kirchen eine überzeugende
und befreiende Antwort zu geben.

Heidelberg Theo Sundermeicr

Referate über theologische
Dissertationen in Maschinenschrift

Kindemann, Walther: Theologie im Dialog. Tradition und Argumentation
in Römer I -8 als Indikatoren für Situationsbezug und Zweck
des Römerbriefs. Diss. B, Rostock 1988,248/93 S.