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Ausgabe:

1988

Spalte:

858-859

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Mbiti, John S.

Titel/Untertitel:

Bibel und Theologie im afrikanischen Christentum 1988

Rezensent:

Schlegel, Joachim

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Findruck von diesem Mann ist der einer strengen Selbstdisziplin, die
versucht, allen im Werk Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. Er
schreibt als ein bescheidener Mensch, der sich überfordert weiß. Alle-
wichtigen Namen im Organismus der Mission finden ihren Platz: was
,,draußen" ist, wird kaum erwähnt und nicht in weiterführender An
verarbeitet. Ein ehrliches Buch, eine gute Quelle, ein Zeuge aus einer
schon sehr versunkenen Zeit, und ein Dokument lutherischen Glaubens
.

Erlangen Niels-Peter Moritzen

Beyerhaus, Peter: Krise und Neuaulbruch der Weltmission. Vortrage,
Aufsätze und Dokumente. Bad Lieben/eil: Verlag der Liebenzcller
Mission 1987. XI, 316 S. 8". Kart. DM 24,80.

Es ist ohne Frage interessant und aufschlußreich, Vorträge und Aufsätze
des Vf., die von ihm über einen längeren Zeitraum hin gehalten
oder erarbeitet, zum Teil aber bis jetzt noch nicht veröffentlicht wurden
, nunmehr gesammelt und in thematischer Ordnung nachlesen zu
können. Gliederung: Teil I Zur Krise der Weltmission, Teil II Evangelium
- Religionen - Ideologien, Teil III Der Neuaulbruch zur Weltevangelisation
. Teil IV stellt einen Anhang dar, der u. a. Dokumente,
Literaturangaben, eine Zeittafel sowie ein Personen- und Sachregister
um läßt.

Wie nicht anders zu erwarten, beginnt das Buch mit der ,,Frankfurter
Erklärung zur Grundlagenkrise der Mission" vom 4. 3. 1970 (3IT).
Damals war seit dem Ende des Krieges ein Vicrteljahrhundert vergangen
, ein für die Entwicklung der Wcltmission außerordentlich bedeutsamer
, spannungsreicher Zeitabschnitt, an dessen Ende aller Anlaß zu
einem kritischen Rückblick bestand. Vf. wurde Für den deutschsprachigen
Raum zum theologischen Anwalt aller derer, die die Abwehr
oder Korrektur der der Mission in Theorie und Praxis drohenden
Gefahren nur von einer „evangelikalen" Position aus Für möglich und
effektiv ansahen. Die vorliegende Publikation macht aber in fast allen
ihren Beiträgen deutlich, welch ernste Fragen diese evangelikale Position
ihrerseits aufwirft. Sie kann ihren amerikanischen Ursprung und
ihre damit gegebene theologische und ckklcsiale Vieldeutigkeit nicht
verleugnen und ist dem kontinentalen Pietismus des 18 Jh. wie auch
den Erweekungsbcwegungen des 19. Jh. nur sehr bedingt verwandt.
Vf. wirft dem Ökumenischen Rat der Kirchen und seiner Kommission
Für Weltmission und Evangelisation - damit auch den deutschen
und sonstigen Kirchen und Missionen, die mit diesen Organisationen
zusammenarbeiten - vor. das Evangelium zu verkürzen und zu verfälschen
, eine Entwicklung, der durch die liberale Theologie schon
lange vorgearbeitet sei. Die Fehlentwicklung zeigt sich ihm vor allem
in der Art, wie die Ökumene sich mit den großen sozialen Problemen
der Gegenwart, vornehmlieh in der Dritten Welt, befaßt: Sie unterstütze
dort die Gewalt. Vf. meint, die „gegenwärtige Verwirrung der
Geister mit ihrer schauerlichen Vermengung von Mission und Revolution
" (41 (scharfanprangern zu müssen.

Vom Rassismus grenzt sich Vf. zwar ab, doch in merkwürdig
gewundener Form unter Zuhilfenahme einer recht fragwürdigen
Gcschichtslheologie, so etwa, wenn er behauptet, daß es in der
Menschheit „Grenzen, Unterschiedlichkeiten und Abhängigkeitsverhältnisse
gibt, die im Geschichtsplan Gottes selbst liegen" (132). Vf.
propagiert ..evangeliumsgemäße Überwindung" (I23)dcs Rassismus,
beruhend auf der Versöhnungstat Christi, die jedoch „zunächst die
politischen und sozialen Ordnungsvcrhällnisse als solche unmittelbar
nicht betrifft oder sie gar aufheben will" (133). Der Christ muß sich
damit abfinden, daß „die alten Trennungen weiter" wirken. Sic „werden
auch nicht völlig aufgehoben werden, solange und soweit diese
Welt noch im Machtbereich des Satans liegt und sich von ihm regieren
läßt" (134).

Im Grunde laufen solche Vorstellungen darauf hinaus, dem Christen
politisches Handeln zu verwehren. Letztlich beruht dies auf dem
Mangel an einer Konzeption, wie z. B. der Zweireichelehre, die vom

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Vf. zwar nicht abgelehnt wird, aber keinerlei praktische Auswirkung
für seine Anschauungen und die der Evangelikalen überhaupt hat.
Auf sciten der Evangelikalen beruft man sich hinsichtlich des Verhältnisses
von Kirche und Welt gern auf Sundar Singhs Satz, daß das
Schilf ins Wasser, aber nicht das Wasser ins Schiff gehöre, ohne sich
deutlich zu machen, daß damit lediglich eine Problemanzeige, aber in
gar keiner Weise eine Problemlösung gegeben wird. So gewinnt ein
primitiver Biblizismus die Oberhand, mit dem weder der Kirche und
Mission, noch der Welt irgendwie gedient ist.

Entsprechendes muß auch kritisch zu Teil II gesagt werden. Es geht
schlechterdings nicht an. die Bereitschaft zum Dialog als den großen
Sündenläll der Ökumene und Mission unserer Zeit hinzustellen, mag
auch da und dort die Gefahr des Relativismus und des Verzichts auf
die Wahrheitsfragc zutage treten.

Dankbare Anerkennung hingegen verdient am Schluß von Teil II
das Votum „Zur Frage des Christuszeugnisses an Israel" (1571). mit
dem einem stark um sich greifenden Modetrend des westlichen Protestantismus
in neutestamentlicher Klarheit entgegengetreten wird.

Was schließlich den in Teil III dargestellten ..Neuaulbruch zur
Weltevangelisation" betrifft, so kann man nicht umhin, der hier sich
kundgebenden Euphorie und Plerophorie mit einigem Unbehagen zu
begegnen. Wie weit es sich um einen wirklich geistlich qualifizierten
Aufbruch gehandelt hat und handelt, wird sich erst noch erweisen
müssen. Vf. gibt immer wieder einmal zu erkennen, daß er um die
Cicfahr des den Evangelikalen drohenden Pharisäismus wohl weiß,
aber er tut wenig dazu, dem entgegenzuwirken. Es ist unerträglich,
wenn auf fast jeder Seite er selbst und die Seinen als die Bibeltreuen,
die Verkörperer der Treue und des Wahren und Guten schlechthin, zu
stehen kommen und die anderen damit automatisch die Treulosen,
die lapsi.jadie Bösen sind, worunter dann z. B. auch generell die Vertreter
der kritisch-historischen Theologie fallen. Werden Spannungsreichtum
christlicher Existenz, der heute besonders zutage tritt, aber
das Christsein schon von seinen Anfangen her kennzeichnet, nicht
begreift, taugt nicht Für das „Wächteramt" in Kirche und Welt. Wohl
aber muß die evangelische Kirche unserer Tage gerade dort, wo es ihr
mit Ökumene und Mission ernst ist, sich fragen, wie es dazu kommen
konnte, daß eine in ihrer Theologie, ihrem Moralismus, ja bisweilen
Fanatismus so offensichtlich unzulängliche und fehlerhafte Bewegung
wie die der Evangelikalen so einflußreich werden konnte, wie sie es
heute fraglos ist.

Leipzig Siegfried Krügel

VIbiti, John S.: Bibel und Theologie im afrikanischen Christentum.

Ubers, von B. Ferrazzini, hg. von G. Löwner. Göttingen: Vanden-
hoeck & Ruprecht 1987.212 S.. 1 Ktegr. 8'. Kart. DM 38.-.

Dieses in der Reihe „Theologie der Ökumene" erschienene Buch
des anglikanischen Theologen aus tJganda wird vom Vf. beschrieben
als ein „Versuch, das Phänomen des neuen Christentums in Afrika zu
verstehen, eine Art von Christentum, das gewisse Eigenarten, jenen
des apostolischen Christentums ähnlich, mit den Gegebenheiten des
afrikanischen Lebens in der heutigen Zeit verbindet... Es stützt sich
stark auf das religiöse und kulturelle Erbe der afrikanischen Völker
und ist zutiefst afrikanisch; aber sucht und findet auch seine Rechtfertigung
und Kraft in der Bibel, somit überzeugt ökumenisch und
universell." (5)

Der heute in der Schweiz lebende und arbeitende John Mbiti ist
einer der profiliertesten afrikanischen Theologen und zugleich einer
der Forderer und Förderer einer afrikanischen Theologie.

In einem ersten historischen Teil skizziert der Vf. den Hintergrund
des christlichen Afrika. Ausgehend vom einst christlichen Norden
beschreibt er die rasche Ausbreitung des Christentums in den südlichen
zwei Dritteln vorwiegend durch überseeische Missionare,
zunehmend aber auch durch afrikanische Christen. Das detaillierte
Zahlenmaterial bezieht er - wie im ganzen Buch - aus David B. Barrett
's "World Christian Encyclopedia" von 1982.

Theologisehe l.iteraturzcitung I 13. Jahrgang 1988 Nr. I 1