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Ausgabe:

1987

Spalte:

74-75

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Wulfhorst, Ingo

Titel/Untertitel:

Der "Spiritualistisch-Christliche Orden" 1987

Rezensent:

Moritzen, Niels-Peter

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Theologische Literaturzeitung I 12. Jahrgang 1987 Nr. 1

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tont Vf. die Existenz der einen Menschheit, weiß aber gleichwohl
um das Wiederaufleben von Volkstum und Suche nach nationaler
Identität. In den damit verbundenen Prozessen hat die Kirche ihre
notwendige Solidarität langsamer entwickelt als manche humanistischen
Philosophien. D. nun erhebt in einem großen Spannungs-
bogen von den biblischen Bundesschlüssen bis hinein in die Moderne
die in der christlichen Tradition begründete Mission der Wechselseitigkeit
in Geben und Nehmen. Lehren und Lernen. Mission in
jüdisch-christlicher Tradition verfugt über ihren Sit/ im Leben durch
wechselseitigen Austausch, in Teilen. Lernen und Helfen. Diese Korrelationen
will Vf. in ihrer theologischen und praktischen Relevanz
verständlich1 machen. Vor allem ist es notwendig, die Bundesbeziehungen
in AT und NT als Beauftragung zum Dienst und nicht als Privileg
aufzufassen. Und wenn der Logos das Licht ist. das alle Menschen
erleuchtet (.loh 1.9). dürfte religiöse Überheblichkeit tatsächlich
theologisch illegitim sein. Die sachgemäße Haltung, die zu fordern ist.
kann nur Solidarität sein.

Gibt es bei einem derartigen Verständnis noch Platz für Evangelisation
, Proklamation der Herrschaft Christi und der biblischen Botschaft
überhaupt? Ist es in dem so beschriebenen neuen theologischen
Zeitalter noch von Interesse, daß Gott die Welt mit sich versöhnte?
Nach wie vor besieht laut Darstellung von D. die Notwendigkeit, das
Evangelium auszurichten. Er erklärt das im vollen Bewußtsein der
Vitalitätderanderen Religionen

Vf. geht es in seinem Buch darum, die heutige christliche Weltmission
zu reinigen, nicht darum, sie zu zerstören. Mt 28.16-20 bleibt ein
Befehl und als Dienst ein Privileg (!) für alle C hristen. Anders als in
früheren Zeiten aber sind Theologie und Kirche sich dessen bewußt,
daß kein menschliches Wesen in geistlicher Hinsicht ein leeres Blatt
Papier darstellt oder für moralisch minderwertig gehalten werden
darf. Jede Person besitzt eine Geschichte und Gegenwart, die es verdienen
, geachtet, erzählt und gehört zu werden. Diese Einstellung
muß die Theologie auch in der Mission bestimmen. Angesichts der
weltweiten Säkularisation geht es also nicht einfach darum, Konvertiten
für den christlichen Glauben ZU gewinnen, obwohl Vf. das in
einer religiös pluralistischen Welt weiterhin für eine legitime Aufgabe
hält: denn die Glaubcnscrosion. welcher Tradition auch immer, be-
darfder Überwindung. Ziel christlicher Weltmission ist cs aber zuerst,
Menschen zu stimulieren, ihr eigenes Leben und ihre religiöse Tradition
zu erneuern! In diesem Sinne hat christliche Mission z. T. auf
indische und japanische Religiosität gewirkt. In gewisser Weise sind
auch die unabhängigen afrikanischen Kirchen durch solche Erneuerung
der eigenen Tradition im Sinne von D. verstandener Mission entstanden
. Erzieherische und medizinische Dienste der Mission Werden
vom Vf. positiv gewertet, da Heil und Erlösung im biblischen Sinne
nicht allein personalistisch zu interpretieren sind. Mißbrauch wird
von D. durchaus angesprochen und als solcher kritisiert. Insgesamt
aber bleibt diese „pragmatische Motivation" für den Autor trotz Fehlentwicklungen
im einzelnen gültig unter Hinweis auf Mt 25,40 und
Mk 12.28-34. Als Ergebnisse solchen Missionsdienstes benennt D.
die Hebung des sozialen und individuellen Ansehens von Frauen und
Kindern wie der Einzelperson überhaupt, ferner den Monotheismus
sowie die Ideale sozialer und politischer Gerechtigkeit, aber auch die
Herausbildung einer neuen Sexualmoral und die Entwicklung der Bereitschaft
von Menschen. Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern
.

Im April 1986 ist im ..Monatlichen Rundbrief über Evangelisation"
(4/5. 1986). der von der Kommission für Weltmission und F.vangcli-
sation des Ökumenischen Rates der Kirchen herausgegeben wird, eine
Diskussion abgeschlossen worden, die im August 1985 begonnen
hatte. Sic war ausgelöst worden durch den Vorschlag eines Landsmannes
von D.. des Missiologen McGavran. der unter dem Titel ..Ein
Riesenschritt in der christlichen Mission" im Rundbricf(8, 1985) veröffentlicht
wurde. Das darin entwickelte Missionsmanagement ist besonders
von Theologen und Kirchenmännern aus der Zwei-Drittel-
Wclt als paternalistisch. kolonialistisch und zu kostspielig abgelehnt

worden. D.s Buch veranschaulicht vor diesem aktuellen Hintergrund,
daß sich das neue Zeitalter in Theologie. Kirche und Mission nicht
widerspruchslos ergibt, sondern ausdauernder Arbeit bedarf.
"Toward a New Age in Christian theology" bleibt also eine Aufforderung
, fürderen Erfüllung D. wichtige Orientierungen bietet.

Rostock Jens Langer

Wulfhorst. Ingo: Der „Spiritualistisch-christlichc Orden". Ursprung
und Erscheinungsformen einer neureligiösen Bewegung in Brasilien
. Erlangen: Verlag der Evang.-Iuth. Mission 1985. XIV. 433 S.
m. 2 Ktn. 14 Abb. auf 8 Taf. 8' = Erlanger Monographien aus Mission
und Ökumene. 2. Kart. DM 44,-.

Diesc Münchener Dissertation eines brasilianischen Pfarrers bedeutet
einen großen Schritt vorwärts in der Erforschung der ncureli-
giösen Bewegungen in Brasilien.

Sie behandelt ganz überwiegend eine einzige Bewegung, eben den
,,spiritualistisch christlichen Orden", gegründet durch Neiva Chaves
Zelaya mit seinem Zentrum im ..Tal der Morgenröte" etwa 30 km
vom Zentrum Brasilias entfernt im Bundesstaat Goias. Diese Bewegung
hat einen erkennbaren Anfang in der Lebensgeschichte der
Gründerin: geb. 1925, verheiratet mit 18 Jahren, sechs Jahre später
Witwe mit vier Kindern. Sie ist als Lastwagenfahrerin ab 1957 an
den Bauarbeiten in Brasilia tätig, als sie unter Angstzuständen und
Visionen zu leiden beginnt. Sic sucht Hilfe bei einem Arzt, einem
Priester, einem Psychiater-umsonst. Man rät ihi eine Umbandakult-
stätte aufzusuchen. Sie erlebt den Realitätsbezug ihrer Visionen, z. B.
anhand eines Unfalls, den sie vorher ..sah", und einer Heilung unter
Trance. Der Geist von Pai Scta Branca (ein Indianer) w ird ihr Leiter;
sie wird ab 1958/1959 fünf Jahre lang Mitglied einer spiritistischen
Hausgruppe unter Leitung einer Frau, die sie ihre ..Mutter" nennt.
Diese Gruppe gründet eine ..spiritualistische Union", in der Neiva
wirkt aufgrund ihrer Visionen. So verlassen alle Mitglieder die Siedlung
, um den Gefahren eines Umsturzes zu entgehen (der tatsächlich
am 1.4.64 erfolgte). Dann löst Neiva sich von ihrer „Mütter" und
gründet ihren Orden in einer eigenen Siedlung mit einem Waisenhaus
und einem Tempel. Ein neuer Anhänger. Mario Sassi (geb. 1921).
schließt sich ihr an und wird nach drei Jahren (1 968) initiiert; bald ist
er der zweite Führer der Gruppe, der „Kodifikator". Eine erneute
Umsiedlung bringt die Gruppe in die heutige Siedlung „Tal der Morgenröte
". Im Februar 1982 gibt es 15 weitere Tempel in anderen Teilen
Brasiliens. Etwa 40 000 Medien sind dem Orden an seinem
Hauptsitz angeschlossen, weitere 20 000 den anderen Tempeln.

Der Kodifikator hat seine Aufgabe sehr ernst genommen:
16 Bücher von ihm wurden benutzt; dem Vf. standen 45 interne
Dokumente wie Unterrichtshilfen. 17 weitere Dokumente und
15 ausführliche Interviews und beobachtete Rituale /ur Verfügung -
endlich einmal eine Arbeit, die am begrenzten Einzelfall eine wirklich
breite Basis sowohl in der Beobachtung als auch in der Literatur
benutzen und dabei in den internen Bereich hineinschauen konnte.
Das ist die wesentliche Grundlage für den Fortschritt, den dieses Buch
bietet.

Dazu tritt die disziplinierte Arbeitsweise des Vf. In drei Kapiteln
auf 71 Seiten zur Forschungsgeschichtc (8-20) zum Kardccistischen
Spiritismus (21-43) und zu Umband» (44-71) wird der Forschungsstand
referiert und dabei kritisch gesichtet. Dann wird der Orden
selbst in vier Kapiteln dargestellt: Gründung und Entwicklung
(72-102). die sozialen Ausdrucksformen religiöser Erfahrung
(103-130). die praktischen Ausdrucksformen religiöser Erfahrung
(131-177) und die theoretischen Ausdrucksformen religiöser Erfahrung
(178-234). Es schließt sich an ein Kapitel über kirchliche Stellungnahmen
und ein missionslhcologischcr Ausblick.

Der „spiritualistisch-christlichc Orden" steht der afrobrasilia-
nischen Tradition näher als der Kardccistischen: das indianische Erbe
ist darin besonders stark. Vom Christentum bleibt etwa soviel erhalten
wie im Kardccistischen Spiritismus-cinc Vorläufcrrollc für Jesus.