Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1987

Spalte:

699-701

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Krüger, Wolfgang Friedhelm

Titel/Untertitel:

Schwarze Christen - weisse Christen 1987

Rezensent:

Althausen, Johannes

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

699

Theologische Literaturzeitung 112. Jahrgang 1987 Nr. 9

700

liehen Welt und im protestantischen Denken, negativ, sondern durchaus
positiv besetzt. Gutmann deswegen zu einem Wegbereiter des Faschismus
stempeln zu wollen, ist absurd. Vf. hat recht daran getan, sich
in dieser Beziehung mit allem Nachdruck schützend vor ihn zu stellen.

Zweite und hauptsächliche Zielsetzung des Buches ist die Darstellung
der Bedeutung Gutmanns für die Kirche in Afrika. Dem dienen
vor allem die Kapitel II und III. Der Titel der deutschen Ausgabe
bringt besser als derjenige der englischen zum Ausdruck, daß
„Gemeindeaufbau" das zentrale und eigentliche Anliegen Gutmanns
war. Gutmann, hier viel klarer in der Nachfolge Karl Grauls als in der
Gustav Warnecks stehend, hielt es für ausgeschlossen, die europäische
Kirche einfach nach Afrika zu „verpflanzen". Er knüpfte bei dem so
überaus wichtigen Werk des Gemeindeaufbaus an das in Afrika soziologisch
Vorfindliche an: Sippenverband, Nachbarschaft und Altersklasse
. Hier ging es nicht um lebensferne Experimente eines Landleben
und Vergangenheit verklärenden deutschen Romantikers. Statt
der geschichtlichen Entwicklung nachzuhinken, ist Gutmann ganz im
Gegenteil seiner Zeit weit vorausgeeilt: Wer auch immer heute den
Fragen einer Inkulturation und Indigenisation des Evangeliums in
Afrika oder anderswo nachdenkt, kommt zwangsläufig zu Erkenntnissen
, die sich in der Richtung desGutmannschen Ansatzes bewegen.

Freilich - damit steht man vor dem dritten Anliegen des Buches -
sieht Gutmann in den genannten drei „urtümlichen Bindungen"
keine Größen von bloßer geschichtlicher Zufälligkeit. Er versteht sie
als gottgewollte Ordnungen, aus denen sich jedoch das „Abendland"
spätestens seit dem 19. Jh. mehr und mehr gelöst hat. Gutmann war
zeitlebens ein leidenschaftlicher Kritiker des europäischen „Individualismus
", den er mit „Mammonismus" Hand in Hand gehen sieht.
Als nach dem Ende des zweiten Weltkrieges im Denken des Protestantismus
, besonders auch in Missiologie und Ökumenik, die verschwommene
und verlogene Idee einer Great Society, die den American
Way of Life weltweit zu propagieren versuchte, eifrige Verfechter
fand, zählte Gutmanns „Ordinologie" zu dem, was als „erledigt" galt.
Heute zeigt sich auch und gerade an diesem Punkt, daß Gutmann eine
Gestalt von prophetischer Größe war. Es geht längst nicht mehr
darum, was an seinen Konzeptionen im einzelnen haltbar ist oder der
Modifizierung bedarf, sondern die Frage ist heute, ob breite Kreise des
Protestantismus noch weiter - und das hieße: bis zum bitteren Ende-
fortfahren werden, das Evangelium simpel und primitiv mit Freiheit
und diese wiederum mit absoluter Bindungslosigkeit des einzelnen
gleichzusetzen, oder dies noch in letzter Minute als verderblicher Irrweg
erkannt wird. Für Propheten galt immer: Wenn man sie nur hätte
hören wollen! Es gilt heute auch für Bruno Gutmann.

Abschließend kann man feststellen, daß Vf. sich mit diesem Werk
erneut um Afrika verdient gemacht hat. Zugleich hat er mit großem
Ernst der evangelischen Theologie noch einmal jene Fragen vorgelegt,
denen sie, obwohl sie ihr von Gutmann schon zu Anfang dieses Jh.
gestellt wurden, bisher mehr oder weniger ausgewichen ist, die aber
nunmehr zu Existenzfragen für die evangelische Christenheit
schlechthin geworden sind. Dem Verlag, der sich im letzten Jahrzehnt
zu einem der führenden evangelischen Missionsverlage in Europa entwickelt
hat, gebührt Dank für die Aufnahme der Arbeit in die ökumenisch
beachtliche Reihe "Makumira Publications".

Leipzig Siegfried Krügel

Krüger, Wolfgang Friedhelm: Schwarze Christen - weiße Christen.
Lutheraner in Namibia und ihre Auseinandersetzung um den
christlichen Auftrag in der Gesellschaft. Erlangen: Verlag der
Evang.-Luth. Mission 1985. VII, 239 S. 8° = Erlanger Monographien
aus Mission und Ökumene, 3. Kart. DM 32,-.

Es gibt Situationen, die für Entwicklungen an verschiedenen Orten
paradigmatisch sind. Namibias lutherische Kirchen haben die Frage
Evangelium und Rassenbezichungen exemplarisch theologisch zu
reflektieren, zu durchleben und zu durchleiden. Ihre inneren Auseinandersetzungen
, noch mehr die Auseinandersetzungen zwischen den

Kirchen der Schwarzen und denen der Weißen, der „Deutschen Evangelisch
Lutherischen Kirche" (DELK) vor allem, sind für die Auseinandersetzungen
in Südafrika überhaupt wie ein Brennspiegel, der
viele Linien zusammenfuhrt. Sie sind aber auch wegen der geschichtlich
engen Verflochtenheit mit der Kirchen- und Missionsgeschichte
in Mitteleuropa, besonders im Bereich der beiden deutschen Staaten,
fast ein Spiegelbild für das, was dort zur Debatte steht an theologischer
Aufarbeitung von Vergangenheit und Gegenwart. Diese Zusammenhänge
werden u. a. erkennbar an der Tatsache, daß sich die missionstheologische
Arbeit der letzten Jahrzehnte in der BRD - und nicht nur
dort - der kirchlichen Entwicklung in Namibia besonders angenommen
hat. Das weist Vf. in seinem Literaturverzeichnis gut aus. Die
marxistische Beschäftigung mit der Geschichte Südwestafrikas ist aber
trotz der Angabe der Lothschen Monographie (Die christliche Mission
in Südwestafrika. Berlin 1963) nicht berücksichtigt. Die Bemerkungdarüberauf
S. 10 ist zu kurz geschossen.

Der Vf. ist einer der Pfarrer, die 1973/1974 wegen ihrer Haltung
gegen Apartheid als Pfarrer der DELK des Landes verwiesen wurden,
und zwar derjenige, dessen Konflikt dazu geführt hat, daß die noch
verbleibenden vom Kirchlichen Außenamt der EKD entsandten Pfarrer
der DELK (ausgenommen der Landespropst) ihre Rückberufung
selbst beantragten. Die jüngste Vorgeschichte dieser Ereignisse - und
damit auch das sicher sehr tiefgehende Erlebnis des Abbruchs seines
Dienstes - hat Vf. aufgearbeitet und damit wohl noch einmal einen
paradigmatischen Konflikt behandelt. Seine Intimkenntnis der Situation
1970 bis 1974 in den lutherischen Kirchen Namibias, seine Materialübersicht
auch im Blick auf nicht zugängliche ungedruckte Briefe
und Referate, sein Engagement an der Sache und ein gutes Einfühlungsvermögen
haben ihn in die Lage versetzt, eine sauber ausgearbeitete
, spannend dargestellte Studie vorzulegen. Sie ist natürlich parteilich
geschrieben. Darum ist der Adressat auch zuerst bei den Gliedern
der DELK zu suchen. Es ist fast schade, daß die dankenswerterweise
in den Erlanger Monographien aus Mission und Ökumene erfolgte
Veröffentlichung den wissenschaftlichen Stil der Dissertation behalten
mußte. Die Auseinandersetzungen um den „offenen Brief der
beiden schwarzen Kirchen Namibias 1971 an den Premierminister
Südafrikas, Vorster, um das Antirassismusprogramm des ÖRK zur
gleichen Zeit und das ebenfalls gleichzeitige Ringen um eine kirchliche
Vereinigung der lutherischen Gemeinden aller Art in Namibia
müssen dramatischer gewesen sein, als das in einer solchen Arbeit erkennbar
wird.

Unter dem Thema „Gesellschaftskritik in Namibia nach dem
Evangelium" versucht Vf. ein Resümee zu ziehen. Hier ist sein Interesse
naturgemäß auf die Frage gerichtet, was in der „Rheinischen
Missionskirche", dann ELK, und in der „Owambokavango-Kirche".
dann ELOK, zu solch grundlegend neuem Verhalten geführt hat. Die
von ihm gewählte Methode der Darstellung läßt nur erahnen, wie tiefgreifend
der Wandel in den Kirchen gewesen sein muß. Sie haben in
dieser Zeit eine Schallmauer durchstoßen, und das wohl nicht nur auf
der Ebene der Kirchenleitungen. Trotzdem ist die knappe Darstellung
der drei entscheidenden Persönlichkeiten Leonhard Auala, Johannes
Lukas de Vries und Zephania Kameeta Beweis genug für die gelebte
und bekannte Befreiungstheologie. Auala, der Bischof der ELOK, ist
inzwischen gestorben. De Vries, seinerzeit Präsident der ELK, ist aus
dem Dienst der Kirche ausgeschieden und soll einen ganz anderen
Weg eingeschlagen haben. Kameeta ist z. Z. Vizepräsident der ELK.
Vf. geht seinem Denken ausführlich nach. Es zeichnet sich aus durch
eine christologisch orientierte Befreiungstheologie, die einer bewußten
, biographisch bedingten und gelebten Kreuzesnachfolge entspricht
. Literarische Zeugnisse liegen bisher wenige vor. Und diese
sind zumeist meditativer Art. Nicht zuletzt dieser Hinweis Krügers
macht klar, daß es sich bei der Aufnahme des Kampfes der Kirchen
gegen die Apartheid um eine im persönlichen Glauben verwurzelte
Entscheidung handelt. „Die schwarzen Theologen sind deutlich überzeugt
: Jesus kämpft selbst, er ist der Befreier. Die Befreiung ist sein
Werk. Sie brauchen sich in diesen Kampf nur einzuordnen. Anders als