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Ausgabe:

1987

Spalte:

396-398

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Rücker, Heribert

Titel/Untertitel:

Afrikanische Theologie 1987

Rezensent:

Althausen, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 112. Jahrgang 1987 Nr. 5

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(S. 46-70). Es zeugt von klarer Erkenntnis eines neuralgischen
Punktes der heutigen ökumenischen Bewegung, wenn der Ansatz bei
der Ortsgemeinde genommen wird, die gerade heute „als ökumenische
Lerngemeinschaft herausgerufen wird" (46), wozu christliche
Gruppen von besonderer Bedeutung sein können. Gottesdienst und
Gebet, ökumenisches Lernen in der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenarbeit
, bei Projekten und in Gruppen und Aktionen, in der konzi-
liaren Zusammenarbeit am Ort wie in ökumenischen Lernstätten und
Werkstätten oder bei Initiativen der ökumenischen Diakonie - das
alles wird praxisnah aber auch problembewußt vorgestellt, eine echte
Arbeitshilfe, die anregt zu überlegen, was können wir in unserer
Gemeinde tun.

Illustriert und vertieft wird vor allem dieser Abschnitt dann durch
die „Praxisberichte und Lemerfahrungen", die im zweiten Teil des
Buches zusammengestellt sind (S. 71-141). Pfarrer, Mitarbeiter,
Gruppen berichten und analysieren selbst, was sie gemacht haben,
welche Lernschritte versucht und welche ökumenischen Lernprozesse
in Gang gesetzt wurden. In der Gliederung am vorangegangenen
Abschnitt orientiert, kehrt hier vieles griffiger und ausführlicher
wieder. Dabei sind die Gestalt, aber auch die Qualität der Einzelbeiträge
sehr unterschiedlich. Vom Gottesdienstmodell bis zum Synodenbeschluß
, von der interkonfessionellen Gemeinschaft bis zur Entwicklungshilfe
reicht die Palette. Durchgängig soll nicht zum Nachmachen
, sondern zum Mitdenken und zum eigenen Versuchen
angeregt werden. Das ist gut so; denn es wird deutlich, wie sehr
soziale, gesellschaftliche und örtlich-gemeindliche Kontexte die
Lernwege bestimmen und sich auf Lernerfahrungen auswirken. Am
stärksten wirken die Beiträge, in denen auch Probleme beschrieben
werden, denen sich jeder ökumenische Lernprozeß ausgesetzt sieht.
Die Praxisberichte sind hier erfreulicherweise realistischer als die
Studie selbst, in der die Argumentation bisweilen schon zu geradlinig
wirkt. Ökumenisches Lernen, wenn es denn wirklich jeden an seinem
Ort in den Horizont weltweiter Verantwortung stellt, wird wohl
immer an einen Punkt führen - und führen müssen! -, an dem etwas
verlangt wird, das nur noch mit der theologischen Kategorie der
Umkehr, der Buße beschrieben werden kann. Kann „ökumenisches
Lernen" dazu helfen, an diesem Punkt nicht zurückzuschrecken, sondern
sich miteinander auf den Weg der Nachfolge Jesu zu machen?

Niederndodeleben Matthias Sens

' Vgl. Ökumenisch lernen. Ein Dank an Werner Simpfendörfer, hg. von der
Ökumenischen Vereinigung der Akademien und Tagungszentren in Europa
.. ., Bad Boll 1985, sowie verschiedene Aufsätze und Berichte in Educa-
tion, dem Newsletter der Abteilung Erziehung und Bildung im Ökumenischen
Rat der Kirchen.

Broz, Ludek: The Gospel Today, transl. by L. and K. Stradal. Delhi:
ISPCK 1984. 183 S. 8".

Im Raum der deutschsprachigen Theologie kenne ich keine vergleichbare
Arbeit. L. Broz, Nachfolgerauf dem Lehrstuhl Hromädkas
an der Comenius-Fakultät in Prag, langjähriger Mitarbeiter der
Christlichen Friedenskonferenz, in deren Auftrag er wiederholt Afrika
bereiste, und nicht zuletzt Chefredakteur des mehrsprachigen theologischen
Vierteljahresperiodikums „Communio viatorum", unterzieht
sich der Aufgabe, dem theologisch weniger gebildeten tschechischen
Leser einen Eindruck davon zu vermitteln, wie - weltweit - die
Bemühungen um „das Evangelium heute" sich darstellen. Dieser Versuch
erschien im Kalich-Verlag Prag bereits 1974. Wenn zehn Jahre
später die Indian Society Promoting Christian Knowledge die hier
anzuzeigende (leicht gekürzte) englische Fassung publiziert, so spricht
das allein schon für die Qualität der Darstellung. Eine deutsche Ausgabe
- mit Ergänzungen seitens des Autors im Blick auf die seit der
Herstellung des Manuskripts eingetretene Entwicklung - wäre erwünscht
.

Broz skizziert eingangs meisterhaft die theologische Arbeit von
Barth, Bultmann, Bonhoeffer und Tillich. Der Abschnitt über Tillich.
ein Theologe, der in unseren Kirchen weithin unbekannt ist, ist in
Zeichen der Zeit 40, 1986, 237-239 publiziert. - Eine den luka-
nischen Weihnachtsmythos interpretierende Übersetzung von
Dr. Joachim Dachsei aus Brozs Buch brachte die Evangelische
Monatsschrift Standpunkt schon in 3/1975, 315f unter der Überschrift
: „Gott mit uns". Bemerkenswert, daß Broz Tillichs Bedeutung
für die afrikanische Theologie frühzeitig äußerte - zum Befremden
Barths, wie Broz mitteilt. Nun habe sich gezeigt, daß sogar über Afrika
hinaus die Theologie der „Dritten Welt" von Tillich erheblich beeinflußt
werde. Dieser Theologie widmet Broz als nächstes Beachtung.
Ihr gelten auch die im Anhang wiedergegebenen „Bemerkungen zu
einem Programm der Erneuerung in der Theologie" von Rüben Aze-
vedo Alves - zugleich eine Reverenz an die Theologie der
Befreiung.

Weites Interesse verdienen die Aussagen über Evangelium, Kirche.
Theologie in der sozialistischen Gesellschaft. Hier geht es nicht nur
um stattgehabte, sondern auch um zu prognostizierende Veränderungen
in der Kirchen- und Gemeindestruktur. Es geht um theologische
Aufarbeitung angesichts gesellschaftlicher und technologischer Herausforderungen
. Es geht schließlich in Aufnahme und Fortsetzung der
Bemühungen Hromädkas um den Dialog mit marxistischen Positionen
. Broz nimmt zudem soziologische, linguistische und Fragen aus
den Bereichen Kultur-Symbol-Mythos auf.

Broz bietet einen universalen Aspekt der theologischen Diskussion
zu Beginn der siebziger Jahre in einer allgemeinverständlichen
Sprache. Es wäre lohnend, die von ihm aufgezeigten Linien weiter zu
verfolgen.

Berlin Gerhard Bassarak

Ökumenik: Missionswissenschaft

Rücker, Heribert: „Afrikanische Theologie". Darstellung und Dialog-
Innsbruck-Wien: Tyrolia Verlag 1985. 272 S. 8° = Innsbrucker
theologische Studien, 14. Kart. DM 58,-.

Afrikanisches theologisches Denken gibt es, solange Afrikaner von
Gott reden. Das tun sie nicht erst, seit der christliche Glaube in ihrem
Kontinent Wurzeln geschlagen hat. Diese einfache Feststellung nötigt
zu größerer Klarheit bei dem Gebrauch des Begriffes „afrikanische
Theologie". Seit den fünfziger Jahren ist er ein Programm. Die Kirchen
sollen ihr Verständnis des Evangeliums von Jesus Christus, ihre
Interpretation der Bibel und ihren Ausdruck christlichen Glaubens
reflektieren. Was in diesem Zusammenhang an „afrikanischer Theologie
" literarisch entstanden ist, ist bald nicht mehr zu übersehen,
ganz zu schweigen von dem vorhergehenden, überall gelebten Ausdruck
afrikanischen Christentums. Seit einigen Jahren wird heftig darüber
gestritten, ob „afrikanische Theologie" nicht noch mehr ist. Es
gelte, Afrikas Gottesverständnis, sein religiöses Weltbild und sein
Denken über Mensch und Gesellschaft überhaupt zu deuten. Afrikanische
Theologie gibt es auch abgesehen vom Christentum. Was
geschieht eigentlich, so muß nun weiter gefragt werden, wenn in diesem
Rahmen - „Kontext" - der dreieinige Gott der Bibel, wenn Jesus
Christus bekannt wird?

Die Frage nach dem hermeneutischen Schlüssel wird in dem Rük-
kerschen Buch mit dem Versuch beantwortet, das Symbol als
Erkenntnisweg Afrikas für die Vermittlung des Evangeliums zu
erschließen. Diese Aufgabe ist so zum ersten Mal, und das mit wissenschaftlicher
Akribie und großer systematischer Kraft, durchgeführt
worden. Diese Theologie will auf der Basis interkulturellen Dialoges
entstehen, dem afrikanische Theologie eben nicht „durch direkte Einbringung
der Offenbarungsbotschaft . .. gerecht wird" (S. 31). Hier
werden Linien ausgezogen, die schon John Mbiti (Concepts of God
in Africa, London 1970) aufgezeigt hat und die auch in neueren Ent-