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Ausgabe:

1987

Spalte:

231-234

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Piepke, Joachim Georg

Titel/Untertitel:

Die Kirche auf dem Weg zum Menschen 1987

Rezensent:

Hüffmeier, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 112. Jahrgang 1987 Nr. 3

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In Weiterführung ihrer früheren Werkanalyse geht Frau Reents
dann auf ausgewählte theologische Themen in den Biblischen Historien
ein: Gotteslehre, Gottesfurcht und Tugend, Christologic und
Jesusbild. In seiner posthum erschienenen Sittenlehre werden als
Wurzeln seiner Ethik sichtbar: erstens die Verankerung im „Stand der
Unschuld", wobei er sich auf seinen Leipziger Lehrer V. Alberti
beruft; zweitens das Verständnis des Menschen als „animal sociabile"
unter Berufung auf S. Pufendorf und drittens die einfache Liebe zu
Gott, zu sich selbst und zum Nächsten, wobei ersieh auf seinen Lehrer
C. Weise beruft. „Diese im Spätwerk Hübners formulierte Verbindung
von Leipziger Orthodoxie, Frühaufklärung und pädagogischer
Sittenlehre kündigt sich in den Biblischen Historien an" (Anhang,
S. 18). Hübners Schulbuch entsprach einem religiös-erzieherischen
Bedürfnis der Epoche und der bürgerlichen Schicht, für die es zusammengestellt
und kommentiert wurde.

Im zweiten Teil des Anhangs analysiert R. Lachmann die Tradition
der Bebilderung zu Hübners Biblischen Historien. In einer minutiösen
Analyse arbeitet er heraus, daß die Bebilderung von Anfang an
primär vom verlegerischen Interesse an Absatzzahlen motiviert war.
Die Entscheidung über die Bebilderung wird in der Regel vom Verleger
getroffen, ohne Beratung und Mitsprache des Autors. Das Desinteresse
von Autor und späteren Bearbeitern an der Bebilderung zeigt
didaktische Ignoranz, so daß man diese dem Verleger auch getrost
überläßt. Selbst die aufklärerische und besonders die philanthropische
Kritik an der Bibelbebilderung geht an der Illustrationspraxis fast völlig
spurlos vorüber. Dem Mangel an didaktischer Reflexion auf den
Zusammenhang von biblischer Erzählung und Bilddarstellung entspricht
ein entsprechendes Defizit pädagogischer Reflexion im Blick
auf die Auswahl und Gestaltung der Bilder. Künstlerische Originalität
und handwerkliche Qualität der Kupferstich-Illustrationen sind in
gleicher Weise mangelhaft. Anlehnungen an berühmte Vorbilder,
Kopien von Vorlagen und unbekümmerte „Konvertibilität" der Bilder
sind dem wirtschaftlichen Kriterium der „Wohlfeilheit" dienstbar
.

Zusammenfassend läßt sich feststellen: Aus wissenschaftlicher
Sicht ist es überaus begrüßenswert, daß dieser Nachdruck der Hübner-
schen Biblischen Historien veranstaltet wurde. Die Vorbemerkungen
zur Buchgeschichte sind aufschlußreich. Im Anhang faßt C. Reents
die Ergebnisse ihrer Habilitationsschrift zusammen und führt sie hinsichtlich
der theologischen Linien weiter. R. Lachmann erweitert
durch die Analyse der Bebilderungstradition unseren Horizont in
beachtlicher Weise. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß diese
Analyse durch die Wiedergabe einer Reihe von (z. T. auch farbigen)
Illustrationen gut nachvollziehbar ist. Man kann mit dieser Edition
rundum zufrieden sein und Verlag und Herausgebern danken, daß sie
damit einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Geschichte der
Religionspädagogik, näherhin des praktischen Schriftgebrauches und
der Bebilderang von Kinderbibeln, geleistet haben.

Würzburg Gottfried Adam

Ökumenik: Missionswissenschaft

Piepke, Joachim Georg, S. V. D.: Die Kirche auf dem Weg zum Menschen
. Die Volk-Gottes-Ekklesiologie in der Kirche Brasiliens.
Immensee: Neue Zeitschrift für Missionswissenschaft 1985. 358 S.
gr. 8° = Neue Zeitschrift für Missionswissenschaft, Supplementa
XXXIV. Kart. sfr48.-.

Kein theologisches Ereignis hat in den letzten Jahren weltweit soviel
Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie die lateinamerikanische
„Theologie der Befreiung". Und das nicht erst, seit die „Kongregation
für die Glaubenslehre" sich in zwei „Instruktionen" (vom 4. 8. 1984
und 22. 3. 1986) kritisch mit ihr auseinandersetzte, einen ihrer Vertreter
, den Brasilianer L. Boff, - vor allem wegen seiner protestantisie-

renden Ekklesiologie - zum „Gespräch" nach Rom lud und mit einem
einjährigen Bußschweigen belegte. Lange zuvor schon galten die mannigfaltigen
Bemühungen um eine „Theologie der Befreiung" vielen
als eindrucksvolle Proben eines kontextuellen theologischen Denkens
, das sich, gestützt auf das 2. Vatikanische Konzil und die
Beschlüsse der gesamtlateinamerikanischen Bischofskonferenzen von
Medellin (1968) und Puebla (1979), dem kontinentalen Seufzer nach
Befreiung als Ausgang der verelendeten Bevölkerungsmassen aus ihrer
fremdverschuldeten kirchlichen und gesellschaftlichen Marginalisie-
rung stellte.

Daß dieses Seufzen in der über Jahrhunderte hinweg obrigkeits-
orientierten katholischen Kirche Südamerikas Gehör fand und dort,
wenn auch regional unterschiedlich intensiv, Befreiung sich paradigmatisch
zu vollziehen begann, macht das besondere Pathos der
Befreiungstheologie aus. Sie versteht sich selbst nicht als Theorie, der
die Praxis erst noch folgen muß, sondern als kritische Reflexion und
Animation eines kirchlichen Umbruchs, den L. Boff als „eine wahre
.Ekklesiogenesis' ... charakterisiert hat" (Piepke, S. II): Neugeburt
der Kirche aus dem Geist der vorrangig den Armen geltenden Reich-
Gottes-Botschaft der Bibel. Durch sie ist die katholische Kirche Brasiliens
im Begriff, eine andere zu werden. In welchem Sinne?

Piepkes kenntnisreiche und sorgfältig dokumentierte Antwort darauf
, Frucht einer fünfjährigen Dozententätigkeit in Brasilien, entfaltet
zunächst den „Neuansatz der theologischen Erkenntnislehre" in der
Befreiungstheologie (1. Kap.: S. 17-64). Unter hauptsächlichem Bezug
auf Schriften von C. Boff, einem Bruder L. Boffs, skizziert der
Autor darin das praxisorientierte Verständnis dieser Theologie. Man
betont in ihr die Konvergenz der „inkarnatorischen Struktur" (S. 127
u. ö.) des biblischen Wahrheitsverständnisses mit den Entwürfen
neuerer Philosophie (Hegel, Marx), die „nur das als wahr anerkennen,
was in einer den Menschen und seine Geschichte verändernden Praxis
Wirklichkeit geworden ist" (S. 301). Zwar gilt die Praxis der Kirche
„nur (als) mittelbare Instanz der Bewahrheitung für die Theologie"
(S. 27). Aber den Akzent mit dem Jakobusbrief (vgl. S. 27 und 301)
auf die Orthopraxie zu legen, entspringt der besonderen Notwendigkeit
, die sich aus dem „gesellschaftlichen Ort" der Befreiungstheologie
ergibt: über 70 Prozent der brasilianischen Bevölkerung (ca. 130 Millionen
) leben in Armut und Elend.

Die christliche Praxis wird vorbereitet und begleitet durch das, was
in der Erkenntnislehre der Befreiungstheologie „die gesellschaftsanalytische
Vermittlung" (S. 36ff) heißt. Sie soll den gegenwärtigen
„gesellschaftlichen Ort" (S. 51 ff) der Theologie erschließen. Dazu
bedient sich die Theologie, selbst ohne Instrumentarium für die
Erkenntnis profaner Wirklichkeit, der Methoden und „Ergebnisse der
Human- und Sozialwissenschaften" (S. 36), besonders der marxistischen
Gesellschaftsanalyse. Sie darf das freilich nur in der Weise tun,
daß die „gesellschaftsanalytische Vermittlung.. . mit den ethischen
Kriterien der Offenbarung übereinstimmt" (S. 40). Denn der „gesellschaftliche
Ort" ist „nicht ,causa'", wohl aber „.conditio sine qua
non'" (S. 52) der Theologie. Die ethischen Gebrauchskriterien werden
erschlossen durch die „hermeneutische Vermittlung" (S. 42ff)
von Schrift und Tradition, die unter Beachtung der „analoge(n) Einheit
" (S. 49) beider mit den gegenwartsbezogenen theologischen Aussagen
das Zeugnis der Bibel und die Gegenwart in einen „modellhaften
Parallelismus" (S. 46) bringt.

Das „Originelle" der „Ekklesiogenesis" Brasiliens besteht nun - das
zeigen die Kapitel 2 und 4 (S. 65-147 und 207-234: Wesen des Volkes
Gottes als „sakramentales Heilszeichen in der Geschichte" und
seine „in gemeinschaftlicher Verantwortung" sich vollziehende Einheit
von der Basisgemeinde bis zum Bischof von Rom) - in einem doppelten
Grundzug. Zum einen meint der ekklesiologische Begriff „Volk
Gottes" in Brasilien vorrangig die konkrete Gesellschaftsklasse der
Armen und Verarmten. Denn Vertreter dieses Volksteils, den die Kirche
über Jahrhunderte seinem eigenen Schicksal überließ, werden zunehmend
zum „eigentliche(n) Subjekt kirchlichen Lebens und Handelns
" (S. 65) und so zum „Subjekt ihrer selbst und ihrer Geschichte"