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1983

Kategorie:

Missionswissenschaft

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Neuerscheinungen

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Theologische Literaturzeitung 108. Jahrgang 1983 Nr. 1

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sehen werden: sie hat das dravidische Tamil bereichert und in mannigfacher
Weise befruchtet. Auf christlicher Seite ist das Material
ebenfalls erstaunlich vielfältig. Tamulisch-christliche Literatur geht
in ihren Anfängen zurück auf die römisch-katholischen Missionare
des 16. Jh., unter denen sich hervorragende Kenner der tamulischen
Schriftsprache befanden. Mit der Ankunft der protestantischen
Missionare im 18. Jh. nahm dann die Produktion von Bibelübersetzungen
und sonstigen christlichen Texten einen ungeheuren
Aufschwung. Der Vf. hat die Aufgabe, dieses weitläufige Material zu
sichten und den christlichen Sprachgebrauch mit dem hinduistischen
zu vergleichen, auf bewundernswerte Art gelöst. Die ausgewählten
Termini werden zunächst auf ihrem hinduistischen Hintergrund analysiert
(wobei naturgemäß die Hymnenliteratur, z. B. "Mänikkaväca-
kar's Tiruväcakam, infolge ihrer großen Verbreitung und Beliebtheit
eine besondere Rolle spielt), und dann wird ihre Verwendung in den
überraschend zahlreichen Bibelübersetzungen und in sonstiger christlicher
Literatur geprüft. Exegetische und systematisch-theologische
Erwägungen erlauben jeweils ein Urteil, das jedoch immer mit großer
Zurückhaltung gegeben wird. Rez. hat das Kapitel über die Ausdrücke
für „Gott" besonders geschätzt - es war ihm z. B. nicht bekannt, daß
der heute sehr verbreitete Ausdruck kadavul, der „Transzendente",
erst vor gar nicht langer Zeit in den christlichen Sprachgebrauch
eingedrungen ist. - Abschließend könnte freilich gefragt werden, ob
nicht auch die Verwendung theoretisch ungenügender, weil hindui-
stisch-theologisch spezifisch geprägter, Ausdrücke in christlichen Zusammenhängen
entschuldigt, ja vielleicht sogar verteidigt werden
könnte. Ich denke hier z. B. an das als inadäquat bezeichnete Wort für
„Gnade": arul/sakti. Wäre es nicht denkbar, daß gerade die vielleicht
im Unbewußten schwelende Erinnerung an die überaus umfassende,
schöpferisch-weibliche und erlösende Funktion der hinduistischen
arul den tamulischen Christen zu einem neuen, dynamischeren, ja
biblisch vertiefteren Verständnis der „Gnade" verhelfen könnte? Ist
unsere, zwar modern-exegetisch wohlbegründete Auffassung der
Gnade die allein mögliche? Wäre es nicht sinnvoll, Gottes
umfassendes Handeln ein wenig im Lichte der arul neu zu überdenken
?

Lausanne Carl-A. Keller

Alszeghy, Zoltan: Cultural adaptation as an internal requirement of faith
(Gr. 63,1982 S. 61-85).

Beckmann, Klaus-Martin: Die unvollendete Integration von Mission und
Kirche (ÖR 31, 1982 S. 68-75).

Chang, Aloysius: The inculturation of theology in the Chinese Church
(Gr. 63,1982 S. 5-59).

Nielsen, Harald: Fru kammerherreinde Steeman og Älborgmodet 1898 (KHS
1981 S. 149-170).

Referate über theologische
Dissertationen in Maschinenschrift

Doli, Peter: Menschenschöpfung und Weltschöpfung in der alt-
testamentlichen Weisheit. Diss. Heidelberg 1980. 329 S.

Die Arbeit untersucht das Reden von Schöpfung in den Büchern
Proverbien, Hiob, Kohelet, Jesus Sirach, Weisheit Salomos und
Baruch und erbringt den Nachweis, daß es sich dabei um jeweils gesonderte
Traditionslinien des Redens von Menschenschöpfung einerseits
und des Redens von Weltschöpfung andererseits handelt.

Den Ausgangspunkt der Arbeit bilden die beiden folgenden
Neuansätze:

1) Die neuere Erforschung des Redens von Schöpfung in der alt-
testamentlichen Urgeschichte durch C. Westermann (BK [, 1, 1974),
bei Deuterojesaja, Hiob und in den Psalmen durch R. Albertz (CThM

3, 1974) hat ergeben, daß jeweils gesondert nach den Traditionen der
Weltschöpfung einerseits bzw. der Menschenschöpfung andererseits
gefragt werden muß (Forschungsgeschichte S. 1-15).

2) In der gegenwärtigen Forschung konkurrieren zwei gegensätzliche
Auffassungen zur Bestimmung der Weisheit in Israel miteinander
: - Weisheit als „Schulweisheit". Hier wird nach dem Vorbild der
ägyptischen Hochkultur Weisheit als „Lehre des weisheitlichen Ordnungsdenkens
" einer gebildeten Oberschicht verstanden (G. von
Rad 1970, H. Gese, U. Skladny, H. H. Schmid, Chr. Bauer-Kayatz,
H.-J. Hermisson). - Weisheit als „Volksweisheit" im Sprichwort. Die
Geschichte der Weisheit in Israel vollzieht sich in drei Stadien:

a) Blütezeit des Sprichwortes in der noch schriftlosen Frühzeit Israels.

b) Sammlung der Sprichwörter und Umarbeitung zu Kunstsprüchen
zum Zweck der Erziehung und Schulung des Beamtennachwuchses in
der Königszeit (Sammlungen von Aussagesprüchen in Prov 10-29).
Insbesondere stellt sich die Aufgabe, vom Spruch im Stadium der
Sammlung nach seinem ursprünglichen Sitz im Leben in einer
bestimmten Situation zurückzufragen. c) „Theologisierung der Weisheit
" in der nachexilischen Zeit (lange theologische Dichtungen in
Prov 1-9) (G. von Rad 1957; C. Westermann 1971; Forschungsgeschichte
S. 15-41).

Die Arbeit geht von der letzteren Auffassung aus und verbindet sie
mit der wichtigen Beobachtung, daß die Belege für das Reden von
Menschenschöpfung im Proverbienbuch ausschließlich in den Sammlungen
von Aussagesprüchen in Prov 10-29 begegnen (Prov 14,31;'
16,4; 17,5; 20,12; 22,2; 29,13), die Belege für die Weltschöpfung
dagegen ausschließlich in den breit ausladenden Weisheitsgedichten
in Prov 1-9 (Prov3,19f; 8,22-31). Die naheliegende Arbeitshypothese
, beide Weisen des Redens von Schöpfung könnten jeweils ganz
unterschiedlichen Stadien der Geschichte der Weisheit in Israel angehören
und jeweils in ganz verschiedenen literarischen Gattungen
beheimatete eigenständige Traditionen bilden, findet sich durch den
Gang der folgenden Untersuchung voll bestätigt.

[. Die Untersuchung der Menschenschöpfung (S. 42-107). Trotz
der relativ geringen Anzahl von Belegen und ihrer breiten zeitlichen
Streuung (außerhalb des Proverbienbuches Hi 31,15; 33,4.6; 34,19;
Mal 2,10; Ps 94,9) läßt sich jedoch noch leicht erkennen, daß die
Belege in inhaltlicher, formgeschichtlicher und funktionaler Hinsicht
eine Einheit bilden und in der Gattung des Sprichwortes verankert
sind. Es sind zwei Motivkreise zu unterscheiden: einmal das sozialkritische
Reden von der Erschaffung von reich und arm, oder allgemeiner
des sozial Obenstehenden und des sozial Untenstehenden,
zum anderen die Erschaffung von Auge, Ohr und Mund des Menschen
(Prov 20,12; Ex 4,11; Ps 94,9). Das Sprichwort von der Erschaffung
von reich und arm dient ursprünglich zur Entschärfung sozialer
Konflikte in der israelitischen Dorfgemeinschaft. Das Sprichwort von
der Erschaffung von Auge, Ohr und Mund will dagegen dem Ermutigung
sein, der an einer Stelle seines Lebensweges steht, wo er nicht
mehr weiter weiß.

Das Ergebnis wird im folgenden Teil der Arbeit durch eine neue
Methode der Bearbeitung von Spruchsammlungen erhärtet
(S. 107-159). Da im Stadium der Sammlung das Sprichwort die für
sein Verständnis unabdingbare Beziehung zur Situation verloren hat,
werden die Sprüche in Prov 10-29 nach solchen mit jeweils ähnlicher
Lebenserfahrung gruppiert. Daraus ergibt sich ein Überblick über die
Lebensbereiche, aus denen die Sprüche ursprünglich gesprochen sind.
Es ist die Lebenswelt der israelitischen Kleinbauern im Dorf. Innerhalb
des Orientierungsrahmens einer solchen Gruppe kann die ursprüngliche
Situation des Einzelspruches genauer eingegrenzt werden.
Soweit dies von den einzelnen Spruchgruppen her erkennbar ist, werden
sie in die Sozialgeschichte Israels eingeordnet. Die sozialkritischen
Menschenschöpfungssprüche entstammen zusammen mit einer
Gruppe vergleichbarer Sprüche wahrscheinlich der Kritik einer Minderheit
sozial eingestellter Großbauern zur Zeit des Propheten Arnos
gegen die rücksichtslose Ausbeutung und Entrechtung der Klein-