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Ausgabe:

1983

Spalte:

701-702

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

VanEngen, Charles

Titel/Untertitel:

The growth of the true Church 1983

Rezensent:

Hoedemaker, Libertus A.

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701

Theologische Literaturzeitung 108. Jahrgang 1983 Nr. 9

702

von Herstelle, dem Herausgeber und dem Verlag gebührt Dank für
diese der Liturgiewissenschaft nützliche Arbeit.

E. W.

Ökumenik: Missionswissenschaft

Engen, Charles Edward van: The Growth of the True Church. An

Analysis of the Ecclesiology of Church Growth Theory. Amsterdam
: Rodopi 1981. XI, 545 S. gr. 8" = Amsterdam Studies in Theo-
logy.III.hfl 110.-.

Diese dickleibige Dissertation wurde Oktober 1981 an der Freien
Universität Amsterdam verteidigt. Gegenstand der Untersuchung ist
die hauptsächlich an der Füller School of World Mission (South Pasa-
dena, California) unter dem Einfluß D. McGavrans entwickelte Kirchenwachstumstheorie
, dergemäß numerisches Wachstum von Kirchen
das entscheidende Missionsziel sowie ein wichtiges Kriterium
für Missionsarbeit sei. Der Vf. versucht dieses Wachstumsdenken
ekklesiologisch aufzuwerten: s. E. hat dieses Denken sich bisher nur
als eine soziologische Theologie, eine „Theologie von unten" (Kap. 2)
manifestiert und muß die Diskussion auf essentiell-ekklesiologischcr
Ebene weitergerührt werden. Die zentrale Frage ist, ob denn „numerisches
Wachstum" als eine „nota ecclesiae" gelten könne, genauer
gesagt: ob es ein „neues Wort" sein könne, mit dem man die traditionellen
notac aufs neue in den Blick bekommt. Seine Antwort lautet,
kurzgefaßt: man kann schon die Sehnsucht (the yearning) nach numerischer
Ausbreitung so betrachten, denn diese gehört zum esse der
Kirche; die Resultate aber gehören nur zum bene esse, und darum ist
numerisches Wachstum als solches nicht geeignet, die notae ecclesiae
aufrichtige Weise zu thematisieren.

Für die Unterbauung dieser zentralen These bietet der Vf. eine immense
Fülle biblischer, historischer und systematischer Darstellungen
. Diese sollen die ckklesiologischen Kriterien liefern, um das
Wachstumsprinzip zu beurteilen. Nach einem einleitenden Kapitel,
m dem die laufende Diskussion über „church growth" aufgewertet
w'rd, folgen Kapitel über die Ekklcsiologie in der modernen theologischen
Diskussion (2), über die Kirchenidee in der Heiligen Schrift
'3), in der Geschichte (4) und in der Mission (5). Sodann folgt eine
Analyse des Kirchenkonzeptes der Kirchenwachstumstheorie (6) und
e'ne theologische Aufwertung der Wachstumsidee als solcher (7; in
diesem Kapitel wird die zentrale These dargestellt); schließlich gibt es
e'n Kapitel (8) über die sogenannte Theologie der Ernte (theology of
harvest: ein Schlüsselbegriff in McGavrans Denken). Die Breite der
Darstellung gehört gewissermaßen zur Methode dieses Buches: denn
eben diese Breite macht deutlich - so will es der Vf. - was alles mitklingt
, wenn man biblisch und dogmatisch von der „wahren Kirche"
sPncht: wie darin verschiedene biblische Grundworte, die reformatorische
Definition der wahren Kirche im Zusammenhang mit den klassischen
notac, und verschiedene Termini aus neueren Diskussionen
'z- B. „für die Welt da sein", „auf das Reich Gottes verweisen") eine
mitbestimmende Funktion haben. Man könnte sagen: das Buch bietet
e|ne Collage-Ekklesiologie, zusammengesetzt aus den wichtigsten Begriffen
, die im Laufe der Jahrhunderte in den Hauptstrom protestan-
"Schen Kirchendenkens (wenn es so etwas gibt!) eingeflossen sind.
Eine Darstellung von solcher Breite scheint im Nachhinein vielleicht
nicht wirklich notwendig, wenigstens im Blick auf die wenig eindrucksvolle
Schlußthese. Andererseits sollte man nicht nur auf diese
Schlußthese achten; das Verdienst des Buches hinsichtlich des Wachs-
tumsdenkens ist vielleicht darin zu sehen, daß es dieses Denken quali-
^ÖV breiter macht, daß m. a. W. der formell-mathematische Aspekt
dieses Denkens relativiert wird zugunsten eines größeren Spektrums
der Bedeutungen von Katholizität, Universalität, Reichgottesbewußtsein
usw.

Ob es gelingen wird, auf dieser Grundlage ein konstruktives theolo-
8'sches Gespräch mit den Vertretern der Kirchenwachstumsschule zu

führen, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die Schwierigkeit einer
Collage-Ekklesiologie liegt darin, daß man sich nicht auf eine konsistente
systematische Argumentation stützt, sondern auf eine ganze
Menge von Stimmen aus der Tradition, die sich vielleicht auch noch
anders ordnen oder interpretieren ließe. Manches in den aufgeführten
Positionen oder weitere Illustrationen von Positionen sind wirklich
überflüssig, während man ebenfalls feststellen muß, daß das Buch sehr
eklektisch ist. Oft werden viele im Grunde divergierende Theologen
zusammen als Hauptzeugen für eine gewisse Position herangezogen,
nur weil sie in zufälligen Zitaten eine Art Konvergenz aufweisen.
Diese Kombination von Überschuß und Eklektizismus macht die
Lektüre mühsam, ohne daß man wirklich die Ebene der fundamentalen
theologischen Diskussion erreicht. Vielleicht muß man weiter
gehen und sagen: das Buch ist fundamentalistisch in einem methodischen
Sinne: Begriffe und Konzepte, die eine ganze Geschichte und
eine ganze Argumentation in sich bergen, werden einfach hingenommen
als Bausteine, mit denen man irgendwie deduktiv arbeiten
könne. Auch die Aufwertung des Wachstumsdenkens in Kapitel 7 ist
weniger eine tiefgehende geschichtliche und systematische Analyse als
eine journalistische Darstellung von Zitaten. Am Ende muß man also
sagen: das Buch ist ein ideengeschichtliches Zusammensetzspiel:
ideengeschichtlich vor allem auch in dem Sinne, daß realgeschichtliche
Situationen und Entwicklungen von „Kirche in der Welt", die
bestimmte ekklesiologische Prioritäten einsichtig machen, gar nicht
in Betracht gezogen werden. Trotz des ersten Eindrucks ist das Buch
daher theologisch oberflächlich, und darin gleicht es zu sehr der
Denkweise der Kirchenwachstumsschule selber, um dieser gegenüber
wirklich konstruktiv-kritisch sein zu können.

Man könnte diese methodischen Bedenken vielleicht auch inhaltlich
fassen. Zwar bietet das Buch manche guten und wichtigen Gedanken
hinsichtlich der Bedeutung des Begriffes „notae ecclesiae"
(marks of the true Church, Kennzeichen der wahren Kirche), aber der
Begriff der „wahren Kirche" als solcher bleibt theologisch ohne wirkliche
Tiefe und Schärfe. M. E. liegt das daran, daß in der biblischtheologischen
Untersuchung nicht gesehen wird, wie namentlich die
Diskontinuität zwischen Altem und Neuem Testament mitbestimmend
ist für den neutestamentlichen Kirchenbegriff. Es bleibt bei
einer Aneinanderreihung von „marks" wie Bund, Auftrag, Liebe.
Bekenntnis usw. Gerade die Einsicht, daß das Sein der Kirche in der
Welt ein sehr heikles Unternehmen ist, sowohl im Blick auf die Welt
als auch im Blick auf das Gottesreich, und die fundamentale Spannung
, die damit für die Ekklesiologie gegeben ist, bleiben außer Betracht
. Dadurch kann der Vf. z. B. auch nicht konsequent unterscheiden
zwischen Universalität und Kirchenausbreitung: ein Unterschied
, der für die Missiologie von fundamentaler Bedeutung ist und
gerade in der Diskussion mit der Kirchenwachstumsschule geltend gemacht
werden sollte.

Im Buch sucht man leider vergeblich ein Register mit Namen und
systematischen Schlüsselworten. Auch die Inhaltsübersicht sollte viel
detaillierter sein. Das Buch enthält zu viele Druckfehler.

Groningen L. A. Hoedemaker

Lutherische Beiträge zur Missio Dei. Erlangen: Martin Luther-Verlag
1982. 150 S. 8'. = Veröffentlichungen der Luther-Akademie Ratzeburg
, 3.

Ökumenische Konzepte für das Kirchenversfändnis, die stärker die
Berechtigung und den Wert theologischer Profile und eigenständiger
Traditionen aufzunehmen bereit sind, wirken ermutigend für einzelne
Kirchen und konfessionelle Weltbünde. Diese Ermutigung spricht aus
der anzuzeigenden Publikation, in der Beiträge zum Abdruck gekommen
sind, die auf der Studientagung der Lutherakademie Ratzeburg
vom 29. 3. bis 2. 4. 1981 in Helsinki vorgetragen wurden. Das
Ziel besteht in der Aufnahme des Gesprächs zwischen Mission und
Ökumene, denn: „In prototypischem Sinne ist darum die Mission