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Ausgabe:

1981

Spalte:

461-462

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Rivinius, Karl Josef

Titel/Untertitel:

Mission und Politik 1981

Rezensent:

Krügel, Siegfried

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Seite 1

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461

Theologische Literaturzeitung 106. Jahrgang 1981 Nr. 6

462

Ökumenik: Missionswissenschaft

Rivinius, Karl J. SVD: Mission und Politik. Eine unveröffentlichte
Korrespondenz zwischen Mitgliedern der „Steyler Missionsgesellschaft
" und dem Zentrumspolitiker Carl Bachem. St. Augustin:
Steyler Verlag 1977. 179 S., 1 Kte gr. 8" = Veröffentlichungen des
Missionspriesterseminars St. Augustin bei Bonn, 28. Kart. DM
29,50.

Der römisch-katholischen Missiologie ist es ernst mit der Offenlegung
der Verflechtung der Mission mit dem deutschen Kolonialismus
. Während die Schweizer Neue Zeitschrift für Missionswissenschaft
eine umfangreiche Arbeit über die katholische Mission in
Kamerun um die Jahrhundertwende veröffentlicht (Heinrich Berger:
Mission und Kolonialpolitik), kündigt Pater Karl J. Rivinius, SVD,
eine Biographie des Chinamissionars und Bischofs Johann Baptist
von Anzer an, für die die hier zu besprechende Arbeit nur „eine Teilstudie
" (7) bilden soll. Sie basiert auf dem „glücklichen Fund von bislang
nicht publizierten bzw. unbekannten Dokumenten" aus dem
Nachlaß des Zentrumspolitikers Carl Bachem (ebd.). „Das Schwergewicht
der Arbeit liegt... auf der Edition der mit Anmerkungen versehenen
Dokumente" (ebd.). Dem wird jedoch ein sehr instruktiver
..Überblick über die historische Entwicklung der deutschen katholischen
Mission in Süd-Shantung im Zeitalter von Kolonialismus und
Imperialismus" vorangestellt (9-78).

Vf. verweist darauf, daß schon 1785 - zu einer Zeit, in der auch in
der katholischen Kirche unter dem Einfluß der Aufklärung der Missionswille
„schweren Schaden erlitten" (11) hatte - der Sekretät der
Congregatio de propagande fide „die Weihe chinesischer Bischöfe
empfahl. Aber die Propaganda-Kardinäle lehnten seine Memoranden
... ab. Erst nach 100 Jahren ging man daran, diese Pläne zu verwirklichen
" (12).

Die Studie zeugt nicht nur im Detail von großer Sorgfalt - für die
Fülle der biographischen Angaben wie der Literaturverweise
wird gerade der protestantische Leser dankbar sein -, sondern enthält
sich vor allem in vorbildlicher Weise aller einseitigen Urteile. So wird
etwa einerseits festgestellt: „Von großer Tragweite für die Missionsarbeit
war die Wiederherstellung der Gesellschaft Jesu durch die
Bulle .Sollicitudo omnium' Pius VII. vom August 1814" (13). Andererseits
werden auch die bedenklichen Momente der mit Pius VII.
einsetzenden Entwicklung im 19. Jh. genannt: „So wirkten sich die
Zentralisierung und Bürokratisierung durchaus nicht nur günstig aus.
Die Missionsarbeit wurde immer mehr zur ausschließlichen Domäne
der entsprechenden Orden und Kongregationen, während, von wenigen
Ausnahmen abgesehen, Weltpriester die Leitung der Propaganda
mnehatten, die oft keine Missionserfahrung besaßen" (14).

Was das eingentliche Thema der Arbeit betrifft, so schätzt Vf. ein:
..Die Verquickung von Mission und Politik ließ sich nicht vermeiden
" (ebd.), u. zw. aus folgendem Grund: „Die Anlehnung an die
Kolonialmächte, nicht von den einzelnen Missionaren, sondern von
der Propaganda selbst oder den Apostolischen Vikaren der einzelnen
Länder gesucht, entsprang der geistigen Haltung der Restaurationsepoche
" (140-

Zwei wichtige Komponenten dieser geistigen Haltung, keineswegs
auf die Hierarchie beschränkt, arbeitet Vf. deutlich heraus, einmal:
..Die Religion faßte man ... als Basis jeglicher menschlichen Gesellschaft
auf, der deshalb eine Vorzugsstellung eingeräumt werden
müßte" (12). Gemeint ist hier eigentlich nicht die Religion schlechthin
, sondern das Christentum, dessen Ausbreitung deshalb zu einer
nicht nur das Heil, sondern auch das Wohl der zu Missionierenden
betreffenden Aufgabe wird. „Die Zentrumspolitiker betrieben Kolonialpolitik
... weniger unter dem Aspekt imperialistischer Bestrebungen
und ökonomischer Interessen, als vielmehr unter dem der
Förderung religiös-kultureller Christianisierungsarbeit. Die Katholiken
Deutschlands . . . beanspruchten, die Kolonialpolitik zu einer

idealen, großartigen, christlichen Aufgabe umgestaltet zu haben. Sie
bemühten sich vornehmlich darum ..., die katholischen Missionare
bei ihren Anliegen tatkräftig zu unterstützen, den Sklavenhandel entschieden
zu bekämpfen und der einheimischen Bevölkerung zu besseren
, menschenwürdigeren Lebensbedingungen zu verhelfen" (60).

Sodann: Bachem erklärte es im Reichstag für unvermeidlich, daß
Deutschland „Weltpolitik", wenn auch „mit der nötigen Beschränkung
und Besonnenheit", betreibe, verwarf aber deren „Steigerung
... zu einer Weltmachtpolitik" (59). „Alle die unsinnigen
Ausdehnungs- und Eroberungspläne, welche von den Alldeutschen
sowie von sonstigen patentierten Vaterlandsrettern, Ueberpatrioten
und Kraftteutonen propagiert wurden", müßten „mit aller Entschiedenheit
abgelehnt werden" (59 f).

Gustav Warnecks Kritik an der katholischen Chinamission wird
vom Vf. deshalb nur teilweise anerkannt, und man wird ihm darin
recht geben müssen, denn sie unterstellte allzu sehr eine wesensmäßige
Affinität katholischer Christen zum Imperialismus, die indes
viel eher für gewisse protestantische Kreise charakteristisch war. Es
war auch nicht ein Kaiser römisch-katholischen, sondern reformierten
Bekenntnisses, der die berüchtigte „Hunnenrede" hielt: „Pardon
wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht. Führt eure
Waffen so, daß auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt,
einen Deutschen scheel anzusehen ... Öffnet der Kultur den Weg ein
für allemal!" (470 Und es war der Lutheraner Friedrich Naumann,
der die Empörung breiter Kreise über diese Rede „Zimperlichkeit"
nannte (67).

Vf. versucht nicht, das Falsche und Gefährliche im Ansatz der
katholischen Chinamission um die Jahrhundertwende zu verschweigen
oder gar zu rechtfertigen. „Aber aus diesem Faktum den deutschen
katholischen Missionaren generell und monokausal die bewußt
intendierte Verquickung von Weltpolitik und Mission sowie anmaßendes
Machtstreben anzulasten, ist eine Behauptung, die einer
kritischen Beurteilung der Quellen und der Komplexität des Sachverhalts
nicht standhält. Als Kinder ihrer Zeit waren sie . . . beeinflußt
von nationalen, patriotischen und imperialistischen Ideen, die ihre
missionarische Tätigkeit mitbestimmten. Erst spätere Einsicht...
brachte eine entsprechende Metanoia. Lehramtlich ist dies zum ersten
Mal greifbar in der Missionsenzyklika BENEDIKTS XV. .Maximum
illud' von 1919. Sie enthielt zeitgemäße Warnungen vor einer Anlehnung
an die Kolonialmächte, proklamierte die Erziehung zur Emanzipation
der einheimischen Kirchen und plädierte insbesondere für
die geduldige Einwurzelung der Mission in den einheimischen Kulturbereich
" (74).

Wären nur die Träger der christlichen Mission nach dem ersten
Weltkrieg ebenfalls Kinder ihrer Zeit gewesen, hätten sie deren Zeichen
verstanden und aus dem päpstlichen Wort nun wenigstens vor
60 Jahren vorwärtsblickend Konsequenzen gezogen, dann sähe es
heute in der Ökumene anders aus, und Bücher zur „Vergangenheitsbewältigung
" wie das vorliegende brauchten wohl kaum noch
geschrieben zu werden. Tatsächlich aber blieben auch im 20. Jh.
restaurative Leitbilder in Kirche und Mission - keineswegs nur
katholischerseits - in hohem Maße wirksam. Um so mehr Dank
gebührt einem Autor, der der die Christenheit nunmehr zunehmend
beschleichenden Resignation entgegenwirkt, indem er historische
Wahrheit ans Licht fördert und die Überzeugung bekundet, daß es
noch immer nicht zu spät ist, aus der Geschichte zu lernen.

Leipzig Siegfried Krügel