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Ausgabe:

1980

Spalte:

77-79

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Vicedom, Georg F.

Titel/Untertitel:

Actio Dei 1980

Rezensent:

Kimme, August

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Theologische Literaturzeitung 105. Jahrgang 1980 Nr. 1

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dann wieder andere, und so hast du durch den einen eine
Welt für Ihn bemächtigt" (50). „Der entscheidende Beitrag
für den Fortgang des von den Vätern überkommenen lutherischen
Missionswerkes liegt für Bezzel in der Erhaltung
seiner Unmittelbarkeit', wobei er an Zeugnis, Gebet, Opfer
und Dienst lutherischer Christen denkt, die sowohl in ihrer
Umgebung wie unter fernen Völkern den Auftrag ihres
Herrn erfüllen und seiner Verheißung vertrauen. Den Verlust
dieser Unmittelbarkeit der Mission fürchtet Bezzel von
ihrer Eingliederung in das Ordnungsgefüge des offiziellen
Kirchentums, wobei ihm die Veräußerlichung der Mission
zu einer kirchlichen .Modesache' ebenso gefährlich erscheint
..." (112 f.).

Bezzels Sprache wirkt auf uns heute manchmal zu gehoben
und bedarf besinnlicher Leser. Die klare Stimme eines
Zeugen Jesu Christi, der sich selbst und seine Zeit schonungslos
und glaubensgewiß der Kritik des Wortes Gottes
unterworfen hat, um von Golgatha her „innerste Mission
im Leben der Heiligung" (87) zu treiben, hat Hopf hörbar
gemacht. Darin liegt der aktuelle Wert dieser Studie.

Leipzig August Kimme

Vicedom, Georg F.: Actio Dei. Mission und Reich Gottes.
München: Kaiser 1975. 149 S. 8°. DM 18,-.

Dies Buch ist noch vom Vf. fertiggestellt (doch vgl. S. 6),
aber erst nach seinem Tode erschienen. Nicht das ursprünglich
beabsichtigte praktische Lehrbuch der Missionswissenschaft
wurde daraus, auch nicht eine auf den jetzigen Stand
gebrachte Neufassung seiner „Missio Dei" von 1958. Vielmehr
handelt es sich um eine Denkschrift zur heutigen Lage
von Mission, Kirche und Ökumene. Ihr Leitbegriff ist nicht
„Mission und Reich Gottes", wie der Untertitel nahelegt
, sondern in Wahrheit nur das „Reich Gottes", wie es
missionsgeschichtlich zur Sprache kam, aber vor allem in
dem, was es für Kirche und Mission bedeuten sollte. Ein
Geleitwort von Landesbischof D. Dietzfelbinger (5), ein
Nachwort von Bischof D. Harms (143 ff.) und eine Bibliographie
, zusammengestellt von Herwig Wagner (146 f.), bekunden
und würdigen das hier vorliegende Vermächtnis
des Missionars und Missiologen Georg F. Vicedom.

Das Buch gliedert sich in einen „Geschichtlichen Teil"
(15—83) und eine „Besinnung über das ,Reich Gottes'" (85
bis 142). Von der dänisch-halleschen Mission seit 1706 bis
1972 wird das Reich-Gottes-Verständnis der „kirchlichen
Missionen", der Hauptvertreter des Social Gospel und der
„Glaubensmissionen" bzw. der Evangelikaien entwickelt
und kritisch gewürdigt. Daß die kirchlichen Missionen und
die Evangelikaien die Basileia der futurischen Eschatologie
zugewiesen haben und das Social Gospel in präsentischer
Eschatologie aufgeht, gilt nur mit der Einschränkung, daß
eine konvergierende Entwicklung sich seit einiger Zeit bemerkbar
macht. Kennzeichnend für das Reich-Gottes-Verständnis
in der ökumenischen Bewegung ist, daß die kirchlichen
Missionen ihre bis dahin einheitliche Auffassung von
dem streng zukünftigen Reich preisgegeben haben. Sie sind
nun von zwei anderen Leitgedanken bestimmt: „Die Verwirklichung
des Reiches Gottes auf dem sozialen Sektor ist,
wie im Social Gospel in Uppsala [1968], die große Vision
für die Menschheit. Die Aussagen überschlagen sich geradezu
in sozialen Forderungen, die den Schluß nahelegen,
an die Stelle der Kirche soll die vollkommene Gesellschaft
treten" (55). „Kirchlicher" argumentiert die holländische
Apostolatstheologie: „Für uns gibt es Reich Gottes nur in
der Gestalt der Königsherrschaft Christi. So kann es auch
Humanität nur in der Gestalt des Christseins geben, und
durch die Christianisierung kommt die wahre Kultur. In
ihr bekommt das Reich Gottes seinen innerweltlichen Bezug
." „Gottes Reich vollendet sich in dem Maße, als die
Kirche das Humanuni unter den Völkern verwirklicht. — So
kann neben dem Social Gospel auch die Apostolatstheologie

als Quelle für das gegenwärtige Denken in der Kirche verstanden
werden" (59).

Vicedom macht es seinen Lesern nicht ganz leicht, einen
Prozeß im Erkenntnisgang seiner Untersuchungen festzustellen
und nachzuvollziehen, aber er läßt deutlich werden,
woher und in welcher Systematik er theologische Urteile
fällt. Seine Position läßt sich etwa wie folgt beschreiben. Er
will der 2. und 3. Bitte des Vaterunsers Geltung verschaffen:
„Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel
so auf Erden." Mit G. Stählin (61 f. und 82) setzt er bei dem
Parallelismus des im Himmel vollendeten und auf Erden
sich vollendenden Reiches Gottes an. Es ist ganz actio Dei,
Gottes und nicht der Menschen Tat und „ist immer nur in
der Ganzheit und nicht in der Vereinseitigung gegenwärtig
" (99). Als Gottes Gabe (91 ff.) ist es nur im Glauben
an den gekreuzigten und auferstandenen Retter Jesus Christus
, die „autobasileia", und im Gehorsam gegen Gottes
unwandelbare Gebote zu empfangen. Eingebettet in die
alles umgreifende „Herrschaft Gottes im Reich der Schöpfung
" (87 ff.), steht es immer im Kampf mit dem „Reich des
Bösen" (94 ff.). Für das Verständnis des rechten Verhältnisses
zwischen Reich Gottes und Geschichte ist daher die
Zwei-Reiche-Lehre Luthers unverzichtbar (108 ff.). „Wenn
man bei dem Versuch, das Wirken Gottes zu verstehen,
beide Bereiche nicht unterscheidet, dann muß das gesamte
Wirken Gottes unter dem Begriff Heil beschrieben werden.
Das ist aber nur möglich, wenn man weite Bereiche der
geschichtlichen Vorgänge als konkrete Wirklichkeit außer
acht läßt und das biblische Verständnis der Geschichte
mißachtet. Wo man aber noch von Gottes Heiligkeit, von
seinem Zorn zu reden wagt, seinen Gerichten sich wirklich
beugt, statt ihre Realität zu überspielen, da spricht die Deutung
von einem Bereich des Wirkens Gottes, der nicht Heil,
sondern Strafe und Vernichtung beinhaltet. Nimmt man
diesen ernst, dann bekommt die Botschaft vom Reich Gottes
erst ihr wahres Gesicht: es wird die Größe seiner Gabe
sichtbar. Dann wird auch die Unterscheidung zwischen der
Gemeinde Gottes und der übrigen Menschheit erkennbar"
(109). „Auch im weltlichen Beruf gelten die Gebote Gottes.
Der Christ hat also im Reich zur Linken keine Narrenfreiheit
. ... Niemand kann ihn z. B. davon entbinden, in seinem
Beruf der Wahrheit die Ehre zu geben und die Regel, der
Zweck heilige die Mittel, zu bekämpfen. Er hat für die Gerechtigkeit
, die Gleichberechtigung der Menschen einzutreten
und nicht zu herrschen, sondern zu helfen. So ist durch
die Mitarbeit der Christen in den verschiedenen Berufen
das Ineinander der beiden Reiche gegeben. Diese Tatsache
verbietet uns aber, daraus eine Lehre von der einen Herrschaft
Gottes zu machen" (111).

„Theologie wird erst von der Mission her notwendig. Der
Heilsanspruch des Evangeliums für alle Menschen gibt ihr
erst Berechtigung und Inhalt. Gäbe es keine Mission, wäre
keine Kirche auf Erden entstanden. Ohne Kirche gäbe es
aber auch keine Auseinandersetzung Gottes mit der Welt,
keine Verkündigung und keine Vergegenwärtigung des
Reiches Gottes auf Erden" (126). „Auch Kirche und Reich
Gottes müssen auf das Wirken des erbarmenden Gottes,
auf das Eingreifen seines Geistes zurückgeführt werden,
der die Kirche und mit ihr die Mission zu Werkzeugen der
Ausbreitung des Evangeliums macht und braucht. Deshalb
ist die Mission nicht ausschließlich an die verfaßten Kirchen
gebunden" (ebd.). Diese verkündigende Vergegenwärtigung
des den ganzen Menschen betreffenden Reiches
Gottes hat in den „mitfolgenden Zeichen" des Reiches stets
ihre diakonische Komponente; jedoch „die Geschichte des
Reiches Gottes erschöpft sich nicht in ,Zeichen', die es in der
Welt aufgerichtet hat, sondern ist bestimmt durch die Kraft
der Erlösung, die in Jesus Christus geschehen ist. ... So ist
es die Botschaft vom Reich Gottes selbst, die die Kirche
immer wieder zu ihrer eigensten Sache zurückruft" (122).

Diese theologische Position wird im offenen, aber auch
polemischen Gespräch mit aktuellen Fragestellungen in
der ökumenischen Diskussion artikuliert. Sie ruft die vom