Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1980

Spalte:

76-77

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Hopf, Friedrich Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Missionspredigt bei Hermann Bezzel 1980

Rezensent:

Kimme, August

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

75

Theologische Literaturzeitung 105. Jahrgang 1980 Nr. 1

76

ihre Gestaltung. Er verbindet damit auch einen Einblick in
die neuere Seelsorgearbeit seit etwa 1971 im deutschsprachigen
Raum. Im Unterschied zur Arbeit von E. Kübler-
Ross (Interviews mit Sterbenden, 1971) verfolgt Vf. folgende
Tendenzen: (1) Die Seelsorger „gehen unvoreingenommen'
in die Krankenzimmer und wissen vielfach nicht im voraus
, in welchem Zustand sie die Patienten dort antreffen"
(S. 12). Die „Gesprächssituation ist offen" (S. 12), weil die
Patienten nicht in einen Interviewraum gefahren wurden,
sondern in ihrem Zimmer liegen (2); aber auch darum, weil
die Seelsorger nicht zum direkten Pflegeteam gehören, sondern
eine unabhängige Seelsorgerrolle spielen können (3).
Endlich arbeitet Vf. nicht mit Tonbandaufnahmen, sondern
mit nachträglich frei aufgezeichneten Gesprächsberichten
(4): „Vielmehr geht es uns bewußt um den subjektiven Eindruck
, den ein Gespräch beim Seelsorger hinterlassen hat"
(S. 13). — Die Verwendung in der Gruppe geschieht dann
unter den Stichworten „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten
" (S. 13) mit dem Ziel, den Seelsorger als Person durch
Gruppenberatung zu einem bewußteren Verarbeiten von
Erfahrungen am Sterbebett anzuleiten. Gespräche, die unbefriedigte
Gefühle hinterlassen haben, eignen sich besonders
für eine Auswertung. Zugleich sollen aber auch die
Patienten mit ihren „typischen Schwierigkeiten" (S. 15)
und der Art, wie sie sie in der Nähe des Todes zu bewältigen
suchen, verstehbar werden.

In einem Nachwort äußert sich Vf. über „Probleme der
Begleitung Sterbender" (S. 145-161). Pflegepersonal und
Seelsorger haben selbst oft unbewußt Abwehrhaltungen
gegenüber Sterbenden. Wir „entfliehen ... der Kommunikation
mit dem Sterbenden selbst" (S. 147). Das führt wiederum
zu Abwehr- und Isolierungsverhalten des Patienten.
Es ist nötig, vorhandene Kommunikationsbarrieren bei allen
Beteiligten zu überwinden, um eine gemeinsame Trauerarbeit
zu ermöglichen. Wichtig ist dafür, die Sprache der
Sterbenden zu verstehen, die ihre Todesahnung und -ängste
in der Regel verschlüsselt unter leiblichen, aber vor allem
sprachlichen Symbolen und Bildern, mehr oder weniger bewußt
zum Ausdruck bringen. In diesen sind auch geistliche
Urteile verborgen, auch wenn es Symbole säkularer Art zu
sein scheinen. „Wollen wir die Sprache der Sterbenden verstehen
lernen, dann werden wir uns mit dem Geheimnis
von Tod und Auferstehung neu beschäftigen müssen"
(S. 161).

Das Buch endet mit Literaturhinweisen (S. 162—166), die
durch die Art ihrer Gruppierung und kurzen Charakterisierung
für den praktischen Gebrauch besonders hilfreich sind.

Inhaltlich bestimmte Informationsschübe psychologischer
oder theologischer Art kommen konzentriert kaum vor,
sondern sind nur unter der methodischen Darstellung von
Gesprächsanalysen unsystematisch mit zur Stelle. Das Ziel
der Arbeit ist klar: Verbesserung des Verstehens zwischen
Seelsorger und Patient, so daß es zu wirklicher Hilfe und
Befreiung, auch geistlich bestimmter Art, kommt. Im Blick
auf letztere bleibt das Buch einerseits zurückhaltend, ja
polemisiert gegen plumpe geistliche Methoden; aber zugleich
wird nach Spuren säkularer Interpretation des Evangeliums
im Gesprächsablauf deutlich Ausschau gehalten. Im
Rahmen der vom Vf. angegebenen Methodik kommt es zu
instruktiven Ergebnissen. Ob die Überschriften und Zitate
am Anfang ebenso wie die Darstellung der Auswertungsgespräche
etwas zu stilisiert gegenüber der wirklichen Begegnung
und ihrer Besprechung ausgefallen sind, ist zu fragen
.

Auf jeden Fall geht es auch da nicht ohne Abstraktion
und Typisierung ab, wo es sich um Literatur handelt, die
auf möglichst deutliche Konkretion und Situationsnähe aus
ist. Es ist auch zu erwarten, daß die Leser als einzelne oder
als Gruppen andere Wege der Besprechung und Auswertung
gehen werden, als es in den gedruckten Berichten der
Fall ist. Es empfiehlt sich für den einzelnen Leser, täglich
jeweils nur ein Gespräch meditativ auf sich wirken zu lassen
, um sodann erst den Gruppenbericht zu lesen und anschließend
eigene Erfahrungen mit ihnen zu konfrontieren
und zu notieren. Wichtig ist allerdings besonders die vom
Vf. vorgeschlagene Auswertung in Gruppengesprächen,
denn für den einzelnen „kann das Lernen nie so intensiv
werden, wie es in einer Gruppe der Fall ist" (S. 14). Ohne
einen lebhaften eigenen Erfahrungshintergrund werden
freilich diese gedruckten Modelle, die wir in Anlehnung an
den Bereich der Homiletik gern Seelsorge- „meditationen"
nennen möchten, wenig wirksam verwertbar sein. Es liegt
noch mehr als bei der Literatur, die auf eine sachliche Informationsübermittlung
aus ist, an den Lesern selbst, was
sie mit dieser sehr auf die Person als ganze zielenden Literatur
anfangen, ob sie in diesem Sinne effektiv werden
kann. Damit sind Grenze und Chance dieser neuen Seelsorgeliteratur
angedeutet, deren Entstehung im deutschen
Sprachraum dem Vf. vorwiegend zu danken ist.
Berlin Friedrich Winter

Okumenik: Missionswissenschaft

Hopf, Friedrich Wilhelm: Die Missionspredigt bei Hermann
Bezzel. Erlangen: Verlag der ev.-luth. Mission [1977].
122 S. 8° = Erlanger Taschenbücher, 42.

H. Bezzel, von 1891 bis 1909 Rektor der Diakonissenanstalt
von Neuendettelsau und von 1909 bis 1917 „Landesbischof
und Präsident des Oberkonsistoriums" (9) in München
, wird in dieser Studie des Bleckmarer Missionsdirektors
in seiner Bedeutung für die weltmissionarische Arbeit vorgestellt
. Der chronologische Bericht von Bezzels Aussagen
über Wesen und Lebensvollzug der Mission in seinen Predigten
, Missionsvorträgen und bei anderen Gelegenheiten
führt vom bayrischen Missionsfest in Günzenhausen 1892
bis zu seiner letzten Predigt Epiphanias 1917 (13-111). Nach
kurzen Bemerkungen zur Person und zum Thema (9—12)
beschränkt der Vf. sich auf referierende Verbindungstexte
und sachdienliche Anmerkungen, um Bezzel selbst sprechen
zu lassen. Der knappen „Zusammenfassung" (112—114) gelingt
es, den gedankenreichen Inhalt dieser Verkündigung
zu systematisieren und seine Aktualität sichtbar zu machen.

Daß die Mission missio Dei und im Kern nur Verkündigung
des rettenden Evangeliums für sehnsüchtig wartende
und innerlich bereite Menschen aller Kulturen und Länder
ist, wird hier eindrücklich dargelegt. „Jedes Werk Jesu
Christi trägt das Gepräge seiner Erdenart, das Bild des
irdischen Herrn. ... Wenn aber über die Unansehnlichkeit,
welche das herrliche Wesen nicht verdeckt, sondern erwirkt
und bezeugt, in dieser Zeit Glanz und Ehre sich legen, dann
hat die Kirche Grund zu sorgen, ob nicht in das Wesentliche
allerlei untermengt sei, was Nebenwerk und Nebenzweck
ist, nicht groß genug, das Wesen zu ersetzen, aber stark
genug, es zu verdrängen" (79 f.). „Ja, wenn wir deswegen
Mission treiben, damit wir allerlei schätzenswerte Kenntnisse
den Heiden bringen, so werden sie bald unser überdrüssig
werden. ,Was ihr uns bringt, hatten wir längst.' ...
Wir selber aber wollen unsere alte Mission treiben, die Mission
vom Schrecken der Sünde und vom Trost der Vergebung
" (95). „Daß Gott in diese zerrissene und verstimmte
Welt, in die Herzen, die so viele Wünsche und so viele Enttäuschungen
haben, in all dies Gewirr von Stimmen, die
sich verklagen und verwünschen, eine Stimme frühlingsfroh
und frühlingsklar hineinschallen läßt: Ich bin Euer
Friede" (96).

Daß die missio Dei Gottes Sendungswerk in sechs Kontinenten
ist, also auch und gerade im Christen selbst, in der
Gemeinde und ihrer Umwelt beginnt und darin ihre weltweite
Wirkung erweist, hat bereits Bezzel tiefgründig bezeugt
. Durchbruch zum Glauben an meinen Versöhner mit
Gott hat „ansteckende" Wirkung auf den Mitmenschen. „Das
zieht dann wieder andere Kreise, diese Kreise beschreiben