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Ausgabe:

1980

Spalte:

451-453

Kategorie:

Systematische Theologie: Allgemeines

Autor/Hrsg.:

Maurer, Bernhard

Titel/Untertitel:

Einführung in die Theologie 1980

Rezensent:

Barth, Hans-Martin

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Theologische Literaturzeitung 105. Jahrgang 1980 Nr. 6

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lieh dazu bewegt; (2) das fromme Elternhaus, in dem die
Geistlichen der Stadt ein- und ausgehen und in dem es als
selbstverständlich gilt, wenn von den zehn Kindern sich
nicht nur der älteste Sohn für den geistlichen Beruf entscheidet
, sondern auch zwei Brüder, während sich vier
Schwestern mit dem Gedanken tragen, ins Kloster zu gehen;
(3) die mystische Frömmigkeit, die Seelenfrieden sucht, im
Rosenkranzgebet eine in den Himmel reichende „Bekanntschaft
" findet und über der Leidensgeschichte Jesu die
Kraft des Übernatürlichen spürt. In der Tat, hier zeigt sich
ein „Zusammenhang zwischen Biographie und Theologie",
aber doch wohl nicht in der Weise, daß „zeitbedingte Auffassungen
" zu einer „ganz bestimmten theologischen Position
" geführt haben. Die Abwehr des Zeitgeistes profiliert
Kleutgens Theologie, die in seinem Herkommen, in Milieu
und Frömmigkeit grundgelegt ist. — Hier liegt übrigens
u. a. ein charakteristischer Unterschied zu F. J. Stahl, den
der Vf. allzu schnell in Parallele zu Kleutgen setzt; Stahl
, sucht nach dem „Gegenteil der Revolution" und konstruiert
es eklektisch, während Kleutgen es bereits von vornherein
kennt und es zur Geltung bringen will.

Die Darstellung veranschaulicht das persönliche Engagement
Kleutgens in einer Entwicklung, die zum I. Vatikanum
und zum Sieg der Neuscholastik führt. Sie zeigt auch seinen
Anteil an diesem Vorgang, wenngleich man aus der Untersuchung
des Vf. gern etwas näher erfahren hätte, welchen
Umfang und welche Bedeutung die Mitarbeit Kleutgens am
I. Vatikanum gehabt hat (vgl. dazu Walter, a. a. O. 325—327).
Indessen trägt die Darstellung — entgegen ihrer Absicht —
wenig dazu bei, die „theologische Wende im 19. Jahrhundert
" verständlich zu machen. Der Vf. versperrt sich hier
selbst den Weg, wenn er zum einen diese „Wende" an der
Psyche Kleutgens demonstrieren will, wo sie gar nicht stattfindet
, und zum andern wesentliche Faktoren jener Zeit
unbeachtet läßt, die erkennen lassen, daß Kleutgen in eine
starke Bewegung hineingenommen ist, die an der „Vorzeit"
festhält und auf die den göttlichen Heilswillen in sich schließende
Tradition vertraut und die so ganz und gar dem
Wesen Kleutgens entspricht.

Nur als Hinweis nenne Ich beispielhaft: (1) Die herkömmliche scholastische
Theologie wurde — unbeschadet von der Tübinger Schule
und dem „Semirationalismus" eines Hermes und Günther - durchgehalten
und jahrzehntelang bis hin zum I. Vatikanum in vielen Priesterseminaren
in Deutschland (auch in Frankreich, Belgien und Nordamerika
) mit Hilfe eines bestimmten Handbuches traktiert; es handelt
sich um die „Institutiones theologiae domaticae" des B.F.L. Liebermann
(5 Bande, Mainz 1819-1827), die bis 1869 zehn Auflagen
erlebte und in Rom größtes Wohlgefallen fand. (2) Der Rezeptionsvorgang
der Scholastik wurde von den 20er Jahren an getragen und
begleitet von einer literarisch-propagandistischen Arbeit zugunsten
kirchlicher Formen der vorrevolutionären Zeit, wie sie etwa von
dem linksrheinischen Katholizismus ausging (u. a. „Der Katholik",
seit 1821), von dem Bemühen nicht weniger Bischöfe jener Zeit (u. a.
Colman. Räß, Weiß, Geissei) um Stabilisierung hierarchischer Ordnung
, Disziplin und Glaubenstreue und von dem Willen der Päpste,
die Ernte des Tridentinums nun endlich in die Scheunen zu fahren.
- Diese Hinweise wollen die Bedeutung Kleutgens nicht schmälern,
sondern nur andeuten, in welchem Strom seine Theologie steht, und
damit anzeigen, daß Kleutgens Programm sehr viel weniger an seinem
pessimistischen Naturell festzumachen ist, als der Vf. behauptet
.

Die Untersuchung reizt zu der Frage, warum die Neuscholastik
sich durchsetzen konnte, während im protestantischen
Bereich dem Konfessionalismus, der ebenso antirevolutionär
und restaurativ war und vergleichbare Elemente
aufweist, ein solcher Erfolg nicht beschieden war,
Sie gibt damit einen Anstoß zur weiteren Forschung unter
dem Signum eines „kritischen ökumenischen Interesses"
(95).

Lautertal (Odenwald) Erwin Fahlbusch

Systematische Theologie: Allgemeines

Maurer, Bernhard: Einführung in die Theologie. Ortsbestimmung
des Glaubens. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
[1976]. 367 S. gr. 8°. Kart. DM 29.80.
„Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch."

Diese Zeilen Martin Bubers setzt Maurer als Motto über

seine „Einführung". Seine Gesprächspartner sfnd zahlreich
, die Anmerkungen weisen es aus; oft wendet er sich
auch brüsk von dem einen ab und einem anderen zu, ohne
erst den eben begonnenen Gesprächsgang beendet zu haben.
Es wird viel referiert, aber wenig diskutiert; bei der Menge
des Stoffes muß das Referierte oft im Klischee steckenbleiben
(vgl. die historischen Überblicke S. 107ff., 164ff.).
Zwar fehlt es nicht an gelungenen Sentenzen, die mich
aufhorchen lassen: „Die Welt ist nicht um Jesu willen da,
sondern Jesus ist um der Welt willen gekommen" (61). „Die
Sinnfrage des modernen Menschen ist seine Gottesfrage;
deshalb können wir von der Gottesfrage als einem anthropologischen
Problem sprechen" (95). „Christentum ist Erzähl
-, Tisch- und Dienstgemeinschaft" (122). Aber derartige
Aussagen sind weit verstreut, allzu selten zwischen langatmigen
Referaten und umständlichen Materialhäufungen.
Überhaupt gewinnt man den Eindruck, der Vf. könnte zu
viele schon existierende, im Lauf seiner Lehrtätigkeit angefallene
Manuskripte zusammengeleimt haben (vgl. Vorwort
, 5; Anm. 95, S. 156), als daß aus dem ganzen noch ein
„Wurf" hätte werden können.

Die hier vorliegende Einführung, die wohl in erster Linie
für (auszubildende) Religionslehrer gedacht ist, entfaltet
ihr Thema in drei Schritten: (1) „Ortsbestimmung: Von der
Wirklichkeit des Glaubens", (2) „Grundlegung: Von der
Wahrheit des Glaubens", (3) „Anwendung: Von der Bewährung
des Glaubens." Der damit eingeschlagene Weg
leuchtet mir ein: Theologie darf davon immer schon ausgehen
, daß der Glaube an Jesus Christus, wie angefochten,
vieldeutig und unvollkommen auch immer, unter uns Menschen
Wirklichkeit ist, und daß er sich unserem Menschsein
damit zuordnet und es in seiner Tiefe erhellt. Ich finde es
richtig, mit dem Gegebenen und dessen Rahmenbedingungen
, mit der Phänomenologie zu beginnen. Schwieriger ist
schon die Frage, ob man dabei mit „dem Menschen", seiner
Säkularisiertheit oder seiner Religiosität, einsetzen soll,
zumal sich hier leicht sehr allgemeine kulturkritische Töne
einschleichen können, die oft eher durch nicht-theologische
als durch theologische Faktoren qualifiziert scheinen (vgl.
Maurers Ausführungen über ..Kulturkrise" und „Entfremdung
", 9ff.; aber ich klopfe hier an meine eigene Brust!).
Mag man immerhin den christlichen Glauben zwischen den
Religionen und den verschiedenen Varianten von Religionskritik
orten — wo jedoch bleibt die Gemeinschaft der Glaubenden
und deren Geschichte? Ist nicht sie der „Ort", an
dem „Wirklichkeit des Glaubens" sich zeigt, nämlich Glaube,
der aus der Predigt erwächst, durch das Wort erweckte Hoffnung
und durch den Zuspruch entzündete Liebe?

Die „Wahrheit des Glaubens" wird im Stil einer Mini-
Dogmatik entfaltet, lose trinitarisch gegliedert. In der Gotteslehre
ist Maurers Offenheit gegenüber humanwissenschaftlichen
Fragestellungen interessant (..Zur Psychologie
und Theologie der Erfahrung mit Gott", 123ff; zu einer
Verrechnung der beiden Perspektiven miteinander kommt
es allerdings nicht), auch der anthropologische Ansatz insgesamt
. Der christologische Part bleibt (trotz der Beschwörung
K. Barths S. 160!) farblos und deklamatorisch. Die
Pneumatologie, als Impuls für eine Neukonzeption der
Christologie gepriesen, geht unversehens in die Ekklesiolo-
gie über. Die Kirche wird als „Institution in der Geschichte",
als „Prozeß in der Gesellschaft" sowie in ihrer ..ökumeni-
sche(n) Katholizität" präsentiert; sie ist ..im Licht des Glaubens
eine Gabe Gottes an die Welt" (206).

Unter dem Stichwort „Bewährung des Glaubens bindet
Maurer schwer zu Vereinendes zusammen: Eschatologie,
Ethik und Religionspädagogik. Die Hoffnung wird zunächst
wieder phänomenologisch angegangen („Strukturen". ..Versuch
einer Typologie der Hoffnung", 209ff.. 212f.), die
„christliche Hoffnung" in ihrer Relevanz für die Zukunft der
Welt dargelegt — damit ist die Brücke zur Ethik gewonnen,
ohne daß aber das Überschießende der über alle immanente
Weltzukunft hinauszielenden Verheißung recht zum Ausdruck
käme. Wie steht es mit der Hoffnung für den Ster-