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Ausgabe:

1979

Spalte:

388-392

Kategorie:

Missionswissenschaft

Titel/Untertitel:

Christentum innerhalb und ausserhalb der Kirche 1979

Rezensent:

Hübner, Siegfried

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387

Theologische Literaturzeitung 104. Jahrgang 1979 Nr. 5

388

Mit C. G. Jung befaßt sich das umfangreiche 4. Kapitel
(68 S.). Auch hier wird — wie bei Freud und Adler — nicht
nur die Schuldproblematik, sondern beinahe das gesamte
Gedankensystem kurz geschildert und mit vielen Originalzitaten
belegt. Vor allem setzt sich Vf. mit Jungs Lehre von
der Annahme des „Schattens" und dem Wesen des Bösen
auseinander. „Dem Reifungsauftrag nicht zu entsprechen
ist in der Sicht der analytischen Psychologie die Sünde par
excellence." (215) Die Ablehnung der privatio-boni-Lehre
durch Jung, der sie für eine Verharmlosung des Bösen hält,
teilt der Verf. natürlich nicht. Er stellt fest: „Jung meint
jeweils das materiale Böse, die katholische Moraltheologie
das formale Böse." (210) Eine verständliche und einleuchtende
Erklärung für die scholastische Unterscheidung zwischen
material und formal Bösem bietet der Vf. allerdings
nach Meinung des Rez. weder hier noch an anderer Stelle
des Buches.

Am längsten ist das 5. Kapitel ausgefallen (122 S.), das die
sog. Anthropologische Psychotherapie betrifft. Näher erörtert
werden die Wiener Schule (Caruso, Frankl, Daim), W.
von Siebenthal und H. Häfner, die Daseinsanalyse (Heidegger
, Bally, E. Blum, M. Boss, Condrau) und die Personale
Psychotherapie Johanna Herzog-Dürcks, der Goetschi offenbar
persönlich verbunden ist. Die zumeist treffenden Analysen
und die Konfrontation mit seinen theologischen Auffassungen
sowie die wichtigen seelsorgerlichen Schlußfolgerungen
des Vf. sind so diffizil und umfassend, daß hier nicht einmal
alle Hauptprobleme (z. B. das Verhältnis von Schuld
und Neurose, von echten und falschen Schuldgefühlen, von
Psychotherapie und Beichte usw.) angedeutet werden können
. Eine jedenfalls im Vordergrund stehende Frage ist die
nach der „existentiellen" Schuld, worunter etwa das Zurückbleiben
hinter den eigenen Möglichkeiten oder die Daseinsverfehlung
zu verstehen ist. Vf. wertet sie als ein „debitum",
nicht aber als sittliche „culpa", obwohl eines im anderen
eingeschlossen sein kann. Sittliche (d. h. formale) Schuld im
moraltheologischen Sinne liege nur dort vor, wo der Betreffende
in freier und bewußter Entscheidung gehandelt habe,
während die existentielle Schuld eben auch das unbewußte
Gewordensein und den Charakter des Menschen mitenthält.
Ob das schon erwähnte Schema „formal-material" befriedigende
Lösungen bieten kann, mag man an folgendem Beispiel
überlegen — und bezweifeln: ..Schwermut ist materiell
Todsünde bzw. existentielle Schuld, aber nicht notwendigerweise
auch formell Sünde, d. h. spezifisch sittliche Schuld,
m. a. W. der Schwermütige braucht nicht Todsünder zu sein.
Er ist es nur dann, wenn seine Selbstverfehlung personale
Tat und Entscheidung ist, bzw. einer solchen entspringt."
(309)

Abgesehen von solchen Stellen, wo eine spezifische Tradition
der Sündenlehre bzw. der Anthropologie durchscheint
, wird der evangelische Theologe die Positionen von
Goetschi überwiegend bejahen können, z. B. wenn in dem
zusammenfassenden Teil, der als „Ergebnis" bezeichnet ist
(9 S.), folgende Sätze stehen: „Ziel der biblischen Botschaft
von der Sünde ist die Umkehr des Menschen, Umkehr zur
(größeren und totaleren) Liebe und nicht etwa Umkehr zur
noch genaueren Gesetzeserfüllung" (361). Sündenvergebung
„ist wesentlich Verheißung und kann nur im Glauben und
in der Hoffnung ergriffen werden. Die gläubige Einsicht in
die Radikalität der Sünde verweist den Menschen auf die
Barmherzigkeit Gottes. Im Verzicht auf Selbstsicherung
und Selbsterlösung erfährt der Christ erst seine wahre Freiheit
, seine Erlösung." (364)

Das Buch macht es wegen seines Inhalts, manchmal auch
wegen einer gewissen Weitläufigkeit der Darlegungen und
wegen der vielen Zitate (die ich aber im Blick auf Unkundige
mit dem Vf. doch für nötig halte) dem Leser nicht
leicht. Aber er wird reichlich belohnt. Goetschi ist seiner
großen Aufgabe zweifellos gerecht geworden und hat eine
Darstellung des psychotherapeutischen Schuldproblems geliefert
, die man von nun an bei weiteren Untersuchungen
gebührend berücksichtigen muß. Besonders zu loben ist die

sachkundige und faire Auseinandersetzung, die immer ein
konstruktives Ergebnis des Dialogs im Blick hat und Ubereinstimmung
oder Divergenzen klar markiert. Ein Wunsch
noch für das Literaturverzeichnis: Es sollten nicht nur die
einzelnen Verfasser mit ihren Beiträgen aus Sammelwerken
erscheinen, sondern auch die Titel der Sammelbände
direkt (darunter vermisse ich übrigens den von W. Bitter
1959 hrsg. Band „Angst und Schuld in theologischer und
psychotherapeutischer Sicht").

Rostock Ernst-Rüdiger Kiesow

Arts, Hedwig: Tillich et la Psychologie des profondeurs

(RHPhR 58, 1978 S. 81-89).
Beinert, Wolfgang: Der Sonntagsgottesdienst. Dogmatische

Erwägungen zu einem pastoralen Problem (ThGl 68, 1978

S. 1-22).

Grün, Anselm: Probleme der Lebensmitte nach C. G. Jung
(EuA 54, 1978 S. 101-111).

Lemke, Helga: Theologie und Praxis annehmender Seelsorge
. Stuttgart—Berlin—Köln—Mainz: Kohlhammer
[19781. 159 S. 8° = Kohlhammer Urban-Taschenbücher T-
Reihe, 635. Kart. DM 12,-.

Nitschke, Horst, u. Wolfgang Teichert [Hrsg.]: Worte für
mich. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn
[1978]. 160 S. 8°. Lw. DM 16,80.

Öffner, Ernst: Erfahrungen in der Urlauberseelsorge (PB1
118, 1978 S. 353-364. 447-460).

Remmert, Günter: Schreiben angesichts des Sterbenmüssens
. Ein Literaturbericht II + III (BiKi 32, 1977 S. 86-94.
127-132).

Sommerauer, Adolf: Ruhestand — ersehnt, gefürchtet, vorbereitet
, bewältigt (PB1 118, 1978 S. 461-479).

Wisse, Stephan: „Karma" und „Nirwana" für Christen
attraktiv geworden? (FS 59, 1977 S. 226-238).

ökumenik: Missionswissenschaft

Klinger, Elmar [Hrsg.]: Christenlum innerhalb und außerhalb
der Kirche. Freiburg-Basel-Wien: Herder [1976]. II.
294 S. 8° = Quaestiones Disputatae, 73. Kart. DM 30,-.
Dieser Band mit seinen 17 Beiträgen ist Karl Rahner zugeeignet
. Freunde, Kollegen und Schüler haben sich — so
das Vorwort — zusammengefunden, um das Thema „anonymes
Christentum" zu erörtern, die Frage, „ob Christentum
in diesem Sinne verstanden werden darf". Ein spannendes
und vielversprechendes Programm! Die Erwartungen, die
es weckt, werden aber nur bedingt erfüllt. Nur bis zur Mitte
des Bandes (138) bewegen sich die Ausführungen im Inneren
der angekündigten Fragestellung. Dann führen sie darüber
hinaus, schließlich so weit, daß sie erst im letzten Satz
(E. v. d. Lieth, „Autoritätskrise — Krise der Autorität
") oder nur am Rande (K. G. Steck, „Karl Barths ökumenisches
Testament") einen Bezug zum Thema finden.
Zwar fehlen nicht kritische und weiterdenkende Überlegungen
, aber der Band spiegelt keineswegs deutlich genug
die Diskussion, die das Stichwort ausgelöst hat. Anderseils
präsentieren sich seine Beiträge auch nicht als Frucht des
Gesprächs der in ihm versammelten Autoren. Wer bibliographische
Auskunft zum Thema sucht, muß sich mit den
zwar wertvollen, aber doch zufälligen und unvollständigen
Hinweisen in den einzelnen Aufsätzen begnügen. Das Rätsel
, das solche Unstimmigkeit aufgibt, wird gelöst durch
das Stichwort „Festschrift", das in einigen Beiträgen fällt
und zu dem E. J ü n g e 1 noch anmerkt, daß eine solche
zum 70. Geburtstag Rahners geplant war, aber wegen einzelner
Wendungen in einem Votum von H. Boll keinen
Verleger fand (122). Wir haben also — so kann es sich der
Leser zusammenreimen — in dem Band vor uns, was unter
den angedeuteten widrigen Umständen von der geplanten