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Ausgabe:

1977

Spalte:

307-309

Kategorie:

Missionswissenschaft

Titel/Untertitel:

Kirche, Ort des Geistes 1977

Rezensent:

Jacob, Friedrich

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legentlich zu einem Anglozentrismus kommt (z. B. bei der
Schilderung der Kolonisierung Afrikas [S. 168] oder im Blick
auf die Mission in Tansania [S. 253]), macht freilich doch
etwas skeptisch, ob die Gewichte überall richtig verleilt sind.
Auffällig ist auf jeden Fall, daß Afrika sehr kurz wegkommt
(erste ausführliche Erwähnung ab S. 204 •).

Vf. will die Ausbreitung des Evangeliums auf Erden einfach
nachzeichnen. Man fragt sich heute, warum. Der Kontext
und so mancher Hinweis des Vfs. lassen darauf schließen, daß
der Universalismus des Christentums vorgestellt und als Bestandteil
der geistigen Welt des 20. Jahrhunderts nachgewiesen
werden soll. Die westlich-liberale Idee einer Weltgemeinschaft
taucht liier und da auf. Mit diesem Ziel vor Augen bemüht sich
Vf. um große Nüchternheit. So wird die Disposition mehr aus
statistischen Daten gewonnen als aus kirchenhislorischen Einschnitten
oder Missionsmotivationen, wenngleich sich hierbei
natürlich Konvergenzen ergeben. Trotzdem ist das Buch keineswegs
trocken oder langweilig. Neill hat wie andere Missions-
hisloriker (Julius Richter!) eine ausgeprägte Erzählgabe, wenn
er auch nicht die Kraft des Thcologisierens durch Erzählen
eines Walter Frey tag erreicht. In politicis hält er sich absichtlich
zurück. Aber es ist natürlich auch ein Urteil, wenn z. B.
frühe antikolonialistische Bewegungen faktisch nur als grausame
Aufstände zu stehen kommen (so die „Meuterei" 1857 in Indien
, S. 188). Ähnlich steht es mit theologischen Meinungen.
Als Anglikaner hat er — gewollt oder ungewollt — ein besonderes
Interesse am Aufbau von Hierarchien, während die Mission
der Wesleys nicht vorkommt. Auch die globale Orientierung
gelingt nicht ausreichend. Als ehemaliger Indienmissionar
weiß er in diesem Subkontinent eben doch am besten
Bescheid.

Es ist gut, wenn der Herausgeber der Übersetzung nicht nur
einen Abschnitt zur Aktualisierung, sondern auch einen kurzen
überblick über Spezifika deutscher Mission anfügt. Damit werden
die nützlichen und unnützen Einseitigkeiten als solche
kenntlich gemacht und gleichzeitig die Herausforderung zum
Gespräch angenommen. Wird das Buch doch anders als in England
, wo es vermutlich einen breiten Leserkreis unter NichtFachleuten
hat, der Vermittlung von Informationen spezieller
Art an solche dienen, die schon gewisse Vorkenntnisse mitbringen
.

Trotzdem sollte man in der Mitte der 70er Jahre versuchen,
noch einen Schritt weiter zu gehen. Wir müssen heute in historischen
Darstellungen wie in Theorie und Praxis missionarischen
Handelns herausbekommen, was Kirchen und ihre Missionen
zu der einen Mission Jesu Christi auf Erden verbindet,
oder besser gesagt, wie sich die Ökumene im Sinne der einen
Kirche Christi auf Erden in der Ökumene im Sinne der ganzen
bewohnten Erde verkündigend manifestiert. Legt man diesen
Maßstab an, kann das Buch von Neill nicht befriedigen. Aber
vielleicht lassen wir uns zum Dialog herausfordern. Dann ist
der Weg wenigstens offen.

Berlin Johannes Altlmuscn

Kasper, Walter, und Sauter, Gerhard: Kirche — Ort des
Geistes. Freiburg — Basel — Wien: Herder 1976. 106 S.
gr. 8° = ökumenische Forschungen, hrsg. v. H. Küng und J.
Moltmann, unter Mitarbeit von E. Jüngel und W. Kasper,
ergänzende Abteilung: Kleine ökumenische Schriften, 8.

Das zu besprechende Buch enthält zwei voneinander unabhängige
Arbeiten: Walter Kasper, „Die Kirche als Sakrament
des Geistes", und Gerhard Sauter, „Die Kirche in der Krisis des
Geistes", die beide im Rahmen einer von den beiden theologischen
Fakultäten der Universität Mainz veranstalteten Doppelvorlesung
entstanden sind und den Leser in doppelter Hinsicht
interessieren: einmal geht es um Beiträge zu dem hochaktuellen
Thema der Theologie des Heiligen Geistes, zum andern um ein
Stück Gespräch zwischen katholischer und evangelischer Theologie
.

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W. Kasper, der katholische Gesprächspartner, setzt ein mit
dem Stichwort der „Geistvergessenheit in Theologie und Kirche"
(14). Die Kirche wird nicht mehr als „Funktion" des Geistes,
sondern der Geist als „Funktion und Funktionär der Kirche"
verstanden (15). „übermächtige hierarchische Strukturen" haben
die „charismatische Dimension der Kirche" (17) verdeckt und
zu einem „einseitig christologischen Verständnis der Kirche :>U
„Repräsentation Jesu Christi" (19) geführt, eine Kniwicklung,
die nach Auffassung des Verfassers schließlich zu einer „Säkularisierung
des Geistes", in seiner Betrachtung als „Epiphänomen
der Materie" (23) gipfelt. Für die Gegenwart sieht Kasper deshalb
unter Berufung auf den „Aufbruch einer neuen Geist- und
Pfingstbewegung" (24) in der „Erneuerung der Pneumatologie"
eine der „wichtigsten Aufgaben der Theologie" (24). — Nach
dieser Problemanzeige werden in einem zweiten Teil „Elemente
einer Theologie des Geistes" entwickelt (26). Ausgehend von
einer Begriffsanalyse, in der Geist, ekstasis und Freiheil in Beziehung
gesetzt werden, kommt der Verfasser zu der Aussage,
daß nach der Uberzeugung der Bibel „die ekstasis und damit
die Freiheit des Menschen nur möglich ist durch die Teilhabe
an der unendlichen Seinsmacht und Seinsfülle Gottes (28). „Der
Geist meint Gottes Schöpfungs- und Geschichlsmachl" (30). In
Jesus gewinnt sie in einmaliger Weise Gestall. „Weil er von
Anfang an ganz aus dem Geist ist, deshalb (Lk. 1,35) ist er
der Sohn Gottes" (31). Diese pneumatologische Sicht der Goltcs-
solmschaft Jesu macht die universale Bedeutung seiner Person
deutlich. „Durch den Geist und im Geist ist Jesus Christus
. . . wirksames und endgültiges Zeichen des Heils in der Welt"
(32). Merkwürdig unvermittelt schließt sich an diesen Ansatz
einer „Pncuma-Christologic" der Gedanke; der wiederum die
Vorstellung der Christus-Repräsentation aufgreift, daß nämlich
„die weitere Wirksamkeit des Geistes" darin bestehe, „die Wirklichkeit
Jesu Christi zu universalisieren bzw. alle übrige Wirklichkeit
in ihn zu integrieren" (32). — In einem dritten Abschnitt
wird schließlich der Bezug zur Kirche hergestellt. Dabei
versucht der Verfasser, deutlich zu machen, daß gerade die
These von der Kirche als Sakrament des Geistes sowohl den
universalen Anspruch der römisch-katholischen Kirche als auch
ihre ökumenische Offenheit umfaßt. Kirche ist „nur Sakrament
, sie ist nicht die Sache selbst" (44). Zwar ist der Geist
an eine „konkrete und sichtbare Institution" (47), die römisch-
katholische Kirche, gebunden, aber er erschöpft sich nicht in ihr.
Die Pneumatologie hat die prinzipielle Offenheit der Kirche
für „das Unabsehbare, das Neue" (50), für die größere Gemeinschaft
und die Gaben des Geistes im anderen festzuhalten.

Während Kasper von der allgemeinen Frage nach dem Heiligen
Geist ausgehend zu seiner These von der Kirche als Sakrament
des Geistes kommt, setzt sein evangelischer Gesprächspartner
Sauter sogleich bei der Kirche ein: „Kirche ist, wo der
Geist wirkt" (60), so ist sein erster Abschnitt überschrieben.
Unter Berufung auf Luthers Schrift „de servo arbitrio" erklärt
er das „Verborgensein der Kirche" als „Souveränität der Nähe
Gottes" (67). Es entspricht der „gnadenvollen Nähe seiner Offenbarung
" (69). Oder anders: „Die Kirche ist der Ort, wo die
Verheißungen Gottes sich als gültig und tragfähig erweisen" (70),
sie ist „Ort der Gewißheit der Geistesgegenwart Gottes" (76). —
An zweiter Stelle spricht Sauter dann von der „Wortgebundenheit
des Geistes" (80). Ernennt dies die .„IdentifikatioiisregcT
der reformatorischen Theologie" (80). Wortgebundenheit bedeute
, daß das Heil „von außen" (82) durch das „öffentlich
verkündigle Wort" (83) zu uns kommt. Dabei grenzt sich Sauter
ab von allen Versuchen, den „Geist zum Prinzip geschichtlicher
Vermittlung", zum Prinzip der „Vergegenwärtigung Christi
", zu machen (85). (Zu diesen Versuchen gehört auch die
moderne Frage nach dem historischen Jesus.) Die Gefahr dieser
Betrachtungsweise besteht für Sauter darinj daß „hier neue
Geschiclitserfahrungen nur gedeutet und auf überlieferte Deutungen
reduziert" (87) werden, anstatt „für Fremdes (Neues)"
(90) wirklich offen zu sein. — Von dieser Offenheit ist dann im
dritten Abschnitt die Rede. Unter der Uberschrift „die Geistgebundenheit
des Wortes" wird versucht, das bisher über das
Verhältnis Geist und Kirche Gesagte im Blick auf die Existenz
der Kirche in der Welt zu explizieren (90f.): Die Kraft des

Theologische Literaturzeitung 102. Jahrgang 1977 Nr. 4