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Ausgabe:

1976

Spalte:

912-914

Kategorie:

Altes Testament

Autor/Hrsg.:

Martin, Raymond A.

Titel/Untertitel:

Syntactical evidence of Semitic sources in Greek documents 1976

Rezensent:

Bertram, Georg

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Die Untersuchung der einzelnen Psalmen wird in drei
konstanten Arbeitsscheuen durchgeführt: Untersuchung der
Beziehung des Textes zur Situation von Krankheit und Heilung
. Untersuchung des Textes in seiner Beziehung zu den
institutionellen Gegebenheiten, l'ntersuehung der Folgerungen
, die sieli für die Bestimmung der Funktion und Struktur
des Psalmletcs ergehen. Eine der Folgerungen ist z. B.
die Kritik an der Gattungsbestiinniung der genannten Psalmen
, wie sie etwa in den neueren Psalmcukominentaren und
Einleitungen vorgenommen wird. Zum Beispiel möchte der Vf.
Ps. 38 als BulSgebet und nicht als individuelles Klagelied
bestimmt wissen.

Im SchhlBteU werden die Ergehnisse in zehn Abschnitten
ZU sammangefaßt (S. 105—185). Uber die Kurzfassung der
Arbeitsergebnisse liinaus findet man noch manche EUSiU-
liche Information. Z. B. wendet sich der Vf. gegen die These,
Krunkheils- und lleilungspsalnien seien liturgische Formulare
und Gebets Vortagen. Er stellt heraus, daß es sich
— von Ausnahmen abgesehen — um Selbslzeugnisse und
Laiengebete handeil (183). Im Anhang werden Text
und Übersetzung von Ps. III (syr. 3 = 11 QPs» 155)
geboten.

Die durch ihren klaren Aufbau und ihre überlegte Argumentation
ausgezeichnete Untersuchung bringt aber nicht nur
eine Fülle von Material und Erkenntnissen zum Thema
Krankheil und Heilung, sondern eine Reihe von Fragen.
Der Vf. setzt ein bestimmtes Bild von Krankheit für die
Auswahl seiner Texte, die er für die Erarbeitung der Kriterien
zur Krankheitsbeslimmung verwendet, voraus. Krankheit
ist. so kann man von den Texten ableiten, körperlicher
Mangel oder Schaden (z. B. Aussatz, Hinken, Blindheit).
Die Frage ist, ob sieh dieses Bild mit der Anschauung des
Alten Testamentes deckt. Müßten nicht Vorgänge, die mehr
als psychische Mängel und Schäden beschrieben werden,
ebenso zur Erwägung stehen (wie Trauer, Angst, Sehrecken,
Vorgang des Sterbens)? Bei der Auswahl der Texte bleiben
alle Stellen unberücksichtigt, die bildliche oder übertragene
Krankheitsaussagen enthalten. Welches sind aber die Kriterien
, eine solche Beurteilung zu ermöglichen?

Der Vf. weist auf den auffälligen Umstand hin, daß gerade
die eindeutigen Krankheitsbezeichnungen in den Psalmen
kaum verwendet werden und daß darüber hinaus
„sprachliche Elemente in exklusiver Anwendung auf Krankheitszusammenhänge
, die zugleich in den Psalmen begegnen
und darum eindeutige Kriterien darstellen würden" (3!),
selten sind. Müßte man nicht nach dem Grund dieser Auffälligkeit
fragen? Der Rezensent hat mehrfach (zuerst 1963
in der Dissertation ..Das Erlebnis der Einsamkeit im AT")
darauf hingewiesen, daß für das Verständnis und die Deutung
der Erlebnisdarstellung in den Psalmen die Beachtung
des linguistischen Kontextes von entscheidender Bedeutung
ist. Der Vf. setzt als selbstverständlich voraus, daß er die an
Texten einer bestimmten Sprachebene gewonnenen Kriterien
ohne weiteres an Texten einer anderen Sprachebene anwenden
darf. Ist das nicht ein semantischer Fehlschluß? Das
würde bedeuten, daß die aufgestellten Kriterien kaum ausreichend
für die weitere Untersuchung sind. Damit möchte
man zugleich die Methode des Vfs. hinlerfragen, bedingt
verwendbare Kriterien zur Krankheitsbestimmung
durch andere Angaben (Vorstellungen, soziale Implikationen,
religiöse Praktiken) zu determinieren, d. h. die Möglichkeit
einer übertragenen Bedeutung der Krankheitsaussagen auszuschließen
. Wenn schon die Mehrdeutigkeit des gesamten
Sprachmaterials ausgesprochen werden muß, so kann noch
weniger Eindeutigkeit für die Aussagen im Bereich der Vor-
stellungsformen, der sozialen Implikationen und der religiösen
Praktiken behauptet werden, und muß dann nicht bezweifelt
werden, daß die Summierung mehrdeutiger Kriterien
die Eindeutigkeit eines oder mehrerer Kriterien herbeiführt
?

In der Diskussion um das Thema ..Krankheil und Heilung
" wird diese Unterbrechung ihren beachteten Platz

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liaben, aber man wird von den grundsätzlichen Fragen her
nicht alle Ergebnisse übernehmen wollen.

Leipzig Kails Seidel

Marlin, Raymond A.: Synlactical Evidence of Semitic
Sources in (jreek Documents. Cambridge, Mass.: Society iif
Biblical Literature 1974. VI, 165S. m.Tab. 8° = Septuagint
and Cognate Studies, 3.

In der seit 1972 von der Society of Biblical Literature
herausgegebenen Beihe Septuagint and Cognate Studies
(vgl. meine Besprechung von Band 1 und 2 der Studien
in OLZ 70, 1975 Sp. 576-582) ist als 3. Bd. 1974 eine
Untersuchung erschienen, die aufgrund neu erarbeiteter Methode
es unternimmt, mit Hilfe syntaktischer Beobachtungen
semitische Vorlagen in griechischen Quellenschriften nachzuweisen
. Es geht dabei um die griechische Bibel, vor allem
LXX-Texte, daneben auch Theodotion und die Apg des NT.
Zum Vergleich und zur Nachprüfung der Methode werden
auch klassisch griechische Texte wie Plutarch, Polybius,

Epiktet und der «Irr UXX sprachlich und sachlich besonders
nahestehende Josephua und schließlieh als Zeugen des Volks-
tind Kolonial-Griechisch zahlreiche Papyri herangezogen. Der
Vf. ist Schüler von Henry S. Gehmann, der mit seinem Aufsatz
„The Ilebraic Character of Septuagint" (VT I, 195',
81—90) das Problem anschnitt und im übrigen zahlreiche
Arbeiten zur LXX veröffentlichte (vgl. die LXX-Bibliograpbv
von Brock, Frilsch, Jellicoe, 1973 und dazu ThLZ 100,
1975 Sp. 9,67 lf.). Der Vf. Martin arbeitet nun seil mehr als
20 Jahren selbständig an dem Problem. Die Frage ist umfassend
gestellt nach der semitischen Grundlage griechischer
Texte. Dabei handelt es sich im wesentlichen um das mit
der LXX bzw. der griechischen Bibel des AT und NT gegebenen
Ubersetzungs-Griechisch, dein original-griechische
Texte unmittelbar gegenüberstehen. Eine Beihe von Ansätzen
für die wissenschaftliche Lösung des Problems waren
gegeben. So konnten auffällige Semitismen, sprachliche Unmöglichkeiten
im Griechischen ohne Schwierigkeiten festgestellt
werden. Ebenso waren Mißverständnisse und Fehl-
übersetzungeu durch Rückgriff auf die hebräische Grundlage
leicht aufzuklären.Genannt seien hier die Arbeiten von Franz
Wulz, vor allem: Systematische Wege von der Septuaginta
zum hebräischen Urtext, 1937 (vgl. WO V 1969/70, 237-264).
Sind auch Ansatz und Ziel der Arbeit von Wutz völlig anders
, ja entgegengesetzt der von Martin, so geht es doch
bei beiden Gelehrten um das Ubersetzungsproblem. Marlin
bezieht sieb dabei auf eindeutige syntaktische Beobachtungen
: es sind 17 Punkte, die er nennt. Sie betreffen den Gebrauch
der Präpositionen, und zwar die Einseitigkeit des
Gebrauchs von ,in' als schemalische Wiedergabe des hebräischen
..he', und dagegen in griechischen Originaltexten die
Mannigfaltigkeit der Präpositionen. So wird der Gebrauch
von sechs Präpositionen in acht Gruppen aufgezählt und im
Schema dargestellt. Zu entsprechenden Beobachtungen führt
die Gegenüberstellung des dem HT entsprechenden ,und'
und des im originalen Griechisch vorzuziehenden .aber'. Die
vom Substantiv getrennte Stellung des Artikels entspricht
dem griechischen Sprachempfinden, während die enge Verbindung
von Substantiv und Artikel vom Übersetzer des
semitischen Urtextes unwillkürlich nachgeahmt wird. Auch
bei vom Hauptwort abhängigen Genitiven läßt sich die dem
griechischen Stil gemäße Ordnung von der schwerfälligeren
des Ubersetzers leicht unterscheiden. Ziemlich häufig sind in
Ubersetzungstexten abhängige Personal prononoina, die nach
griechischem Sprachgebrauch wegfallen können. Ähnliche
Unterschiede treten in anderen Fällen auf, so daß insgesamt
17 Fälle semitisierenden Sprachgebrauchs gegenüber dem
freieren griechischen Satzbau auffallen. Denn das alles sind
mehr oder minder Unterschiede, die das Wesen der beiden
Sprachen betreffen. So zeigt z. B. auch das deutsche AT

Theologische Litcraturzeitung 101. Jahrgang 1976 Nr. 12