Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1976

Spalte:

629

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Internationale Ökumenische Bibliographie, Bd. 6

Titel/Untertitel:

1967 1976

Rezensent:

Rogge, Joachim

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

629

Feststellung oder ein solidarisch mit vollzogenes Urteil, wenn
es heißt, Weltrevolution sind (sie!) „für Kirche und Theologie
ehen doch so etwas ... wie ein Vorgeschmack des Weltgerichts
" (S. 131) ? Kampf dem provinziellen Parochialismus.
Gewiß! Aber von welcher Position aus? Ist die des ökumeni-
kers vergleichbar der eines Kosmopoliten und etwa über jeden
Provinzialismus erhaben? Wie ist dann die Eloge — um nicht
zu sagen Apotheose — auf den Kanzler Brandt zu verstehen?
(S. 210). Als eine die Ökumene stimulieren wollende Aufforderung
? L. offeriert sein Buch freimütig als sein ökumenisches
Bekenntnis (S. 224), und ohne Zweifel ist es das. Für ein „Bekenntnis
" sind ja auch die Subjektivismen wie die erwähnten
und andere statthaft (wenn auch der letzte, der fünfte Brief
einiges zuviel des Guten bieten mag und das sonst durchgängig
sachliche Urteil, dem man in dem Buch begegnet — bei
Zustimmung zu der Herausforderung zur Auseinandersetzung
—, leider beeinträchtigt). Wohltuend ist die Sparsamkeit
der Anmerkungen. Im ganzen eine zu empfehlende Lektüre,
gerade auch für Nicht-Ökumeniker, weil ein bewegtes und bewegendes
Bild ökumenischen Lebens vermittelt wird und weil
es Sympathie und Verständnis für die „geteilten Herzen" der
ökumeniker weckt: „Soweit sie mit dem Herzen dabei sind
im ökumenischen Prozeß, sind sie befremdet und gestört durch
die Widersländigkeit der Wirklichkeit gegen ihre ökumenische
Bearbeitung. Soweit ihr Herz daheim bleibt, wo man lebt,
sind sie befremdet durch die Welt-Ferne des ökumenischen
Vorgangs" (S. 30). Nur — ob daheim oder ökumenisch, so viel
wird noch anzumerken sein, daß der hier begegnende Ökumenismus
seine Grenzen gemeinsam mit denen der westlichen
Welt hat. Christliche Existenz in der sozialistischen Gesellschaft
und in der dritten Welt ist — soviel ist aus den Andeutungen
darüber deutlich — nicht ökumenisch rezipiert.

Berlin Gerhard Bassnrak

Internationale ökumenische Bibliographie. Bd. 6, 1967. München
: Kaiser; Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag [1973].
759 S. 4°. DM 98,-.

Nur wenig über ein Jahr nach Band 5 konnten die Herausgeber
das Vorwort für Band 6 unterschreiben. Dieser unifaßt
die internationale ökumenische Literatur des Jahres 1967.
Nachträge aus Vorjahren gibt es nur in minimalen Ausmaßen.
Die bewährten Editionsgrundsätze sind geblieben, und das in
Band 5 Avisierte (S. 13) ist verwirklicht worden: Ein „Sachwort
-Index, der die Dokumentationsmaterie aufschlüsselt und
damit noch leichter zugänglich macht". In der Bezension für
Band 5 (ThLZ 97, Sp. 878) war darum gebeten worden, „diesen
Index nicht nur auf bereits eingeschliffene Schlagworte zu
beschränken". Eine Durchsicht ergibt, daß das Sachwortver-
zeichnig (S. 728—744), das übrigens wie das ganze Werk in
yier Sprachen eingerichtet ist, von Kirchenväternamen bis zur
modernen (nicht nur theologischen) Nomenklatur vieles enthält
, was den diesmal 6618 Schriften- und Aufsatztitel umfas-
senden Band noch einfacher brauchbar macht, als das bei den
bisher erschienenen vier Buchbinderbänden der IOB der Fall
war.

Da die Bezensioncn über schon Vorgelegtes in der IOB (s.
z- B. oben) Vorzüge und Ausstattungen des Unternehmens be-
'eits ausführlicher gekennzeichnet hatten, kann sich der Bez.
"uf die Anzeige des zu begrüßenden SpeziGkums im jüngst
erschienenen Bande beschränken.

Man wünscht der IOB zügiges Weitererscheinen, so daß der
Abttand zwischen dem Publikationstermin des zu Bibliogra-
Pliierenden und dem Banderscheinungsjahr immer geringer
*'rd. Die Erich ließung der neuesten ökumenischen Literatur
kann vcrsiiiitdlichcrweise nicht früh genug erfolgen.

*«*ttn Joachim Rogge

"Bühlen, Heribert: Morgen wird Einheit sein. Das kommende
Konzil aller Christen: Ziel der getrennten Kirchen. Mit
e'nem Beitrag von L. Vischer. Paderborn: Schöningh 1974.
X> 214 S. 8°. Kart. DM 16,80.

630

Die Sektion I der 4. Vollversammlung des ökumenischen
Bates der Kirchen 1968 in Uppsala hat in ihrem Bericht den
Satz formuliert: „Die Mitglicdskirchen des ÖBK, die einander
verpflichtet sind, sollten auf die Zeit hinarbeiten, wenn ein
wirklich universales Konzil wieder für alle Christen sprechen
und den Weg in die Zukunft weisen kann." Als der Satz von
der Vollversammlung angenommen wurde, haben sicher die
wenigsten Delegierten geahnt, welche Sprengkraft in ihm liegt.
Tatsächlich hat er es vermocht, die gewisse Batlosigkeit, die
sich am Ende der 60er Jahre in der Einheitsdiskussion der
Mitgliedskirchen des ÖBK zu verbreiten drohte, zu überwinden
. Die Komission des ÖBK für Glauben und Kirchenverfns-
sung hat unter intensiver Beteiligung römisch-katholischer
Theologen seither über den Weg zum Konzil nachgedacht. Sie
hat die Konziliarität als ekklesiale Struktur in der Geschichte
und im Leben der Kirchen entdeckt. Und je mehr sich die
Kirchen dieser Tatsache bewußt werden, desto mehr sind
sie auch verpflichtet, das Konzil zu verwirklichen. Ja, sie werden
ihr eigenes Leben kritisch prüfen und auf Erneuerung
sinnen. Sie hoffen auf die Einheit im Sinne des universalen
Konzils. So ist Konzilarität eine lebendige, stets aktuelle Aufgabe
.

1971 hat „Glauben und Kirchenverfassung" auf seiner Kommissionssitzung
in Löwen ein erstes Dokument über „die Kon-
tiliarität und die Zukunft der ökumenischen Bewegung" verabschiedet
, das in weiteren Konsultationen (Salamanca 1973
und Accra 1974) ergänzt und vertieft worden ist. Die theologische
Diskussion über die Einheit der Christen wird in einem
neuen Bealitätsbezug geführt. An die Stelle der Einheitsmodelle
, in denen die Beziehungen der Kirchen zueinander festgeschrieben
werden, tritt die Vorstellung von dem dynamischen
Prozeß. Konziliarität bietet eine echte Alternative zu
einem uniform und exklusiv gedachten Ökumenismus, ebenso
wie zu einem imperialen Kirchenverständnis. Darin liegt
seine Herausforderung und die Möglichkeit, der kirchlichen
und theologischen gegenwärtigen Situation in der ökumenischen
Bewegung gerecht zu werden, ja sogar einen Schritt nach
vorn zu tun.

Angesichts dieser Feststellungen erscheint das Echo auf die
Gedanken von Löwen in den Mitgliedskirchen unzureichend.
Professor Heribert Mühlen, Paderborn, hat sich als katholischer
Theologe in mehreren Veröffentlichungen mit der Thematik
beschäftigt und mit dem Buch, das hier besprochen
werden soll, eine zusammenfassende kleine Monographie vorgelegt
. Sie muß nicht nur als Beitrag eines von echter persönlicher
Hoffnung auf das universale Konzil motivierten Theologen
genommen werden, sondern auch als ein sorgfältig analysierender
, ehrlich applizierender Versuch, das Konzept einer
„epochal neuen Form der Konziliarität" als die verheißungsvolle
Möglichkeit für das ökumenische Leben der Kirchen
heute darzustellen und zu empfehlen.

Vf. versteht ökumenische Konziliarität als Konvergenz-
Konvergenz ist im Neuen Testament als konvergierende Jesu 3-
erfahrung vorgebildet. Durch die Gegenwart des Heiligen Geistes
wird sie gemeinschaftsbildend wirksam. Sie befähigt die
Christen, ihre Trennungen und Verschiedenheiten auszutragen
und zur Gemeinsamkeit zurückzufinden. „Wenn und insofern
sich die heule noch getrennten Konfessionskirchen je als bestimmte
Formen der einen Jesustradition verstehen, sind sie
aufgerufen, die Einheit des einen Evangeliums wiederzufinden,
ohne daß sie dadurch gezwungen wären, ihre jeweilige Perspektive
aufzugeben" (S. 93). Angesichts der den Kirchen
innewohnenden Möglichkeiten dazu ist das Eingeständnis der
Verfehlung unerläßlich. Aber „eine vom Bekenntnis der
Schuld getragene Konvergenz auf eine zukünftige Einheit hin
kann die gewesene Schuld in der Kraft der einen Jesuserfahrung
überwinden" (S. 98).

Wo Konvergenz gelebt wird, wird Rezeption ein weiterer
grundlegender Faktor konziliarer Prozesse. Wie „personales
Betroffensein von der Person Jesu in der Begegnung mit ihm"
„Erkenntnis vermittelt" und „ins Herz trifft", so wird im Vollzug
der Konvergenz menschlicher Begegnung die Erfahrung
des anderen zu rezipieren sein. Das hat sich im Verhalten der

Theologische Literaturzeitung 101. Jahrgang 1976 Nr. 8