Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1975

Spalte:

943-947

Kategorie:

Missionswissenschaft

Titel/Untertitel:

Reform und Anerkennung kirchlicher Ämter 1975

Rezensent:

Persson, Per Erik

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

043

gen besteht" (202). Aber gerade die Chinanüssionsplane, di<;

L. mit großer Begeisterung geschmiedet hat, lassen ilire politische
Motivation unbczwcifclbar erkennen: „Wenn es
der christlichen Mission gelingen sollte, den chinesischen Kaiser
zur Anerkennung der leibnizischen Deutung der Fohi-
Zcichcn ... zu bewegen, könnten die Europäer mit Hilfe dem
chinesischen Gelehrtenstandes ganz China geistig beherrschen"
(198)! Wenn dies Mission sein soll, dann freilieh ist es mir
folgerichtig, daß sie nach L ..nicht nur ein Anliegen der Kirchen
bleiben (kann); auch der Staat soll lieh... beteiligen"

(203).

Vf. urteilt, daß ..eine Missionsequipc, die sich der leibnizi-
sehen Konzepiion verschriebe, die fragwürdige Tendenz hätte,
statt der Großtaten Gottes (Apg 2,11) die Großtaten der
menschlichen Vernunft auszurufen, und dal.! diese Missions-
methode... leicht Gefahr liefe , ...eine knloninlistisch-iinpe-
rialislische Note . . . zu bekommen" (211). Aul letzteres mir im
Polen t in I is als auf eine eventuelle Gefahr hinzuweisen ist angesichts
der Missionsgeschichlc zumal des 19. .Ih.s eine unzulässige
Verharmlost!ng, wenngleich die „kolonialistisch-impc-
riahstische Note'' der Mission in dieser Epoche dicht in Bretel
Linie L. anzulasten ist.

Es wäre — darin ist dem Vf. voll beizupflichten — allzu
kurzsichtig, die Gegcnwarlsbedeutung des Kerns der L.sehen
Gedanken um desscnlwillen, worin wir uns von L. distanzieren
müssen, zu verkennen. Zwar wünschte man, dall die
Verhältnisse und Probleme des 20. Jahrhunderts nicht ganz
so direkt, wie es teilweise geschieht, zu denjenigen von L. in
Beziehung gesetzt werden; riehlig aber ist auf jeden Fall: Wie
Kirche und Theologie im ganzen kommt erst recht die Mission
heute an ,,Wclt und Konversation'' nicht mehr vorbei.
Nur durch Bereitschaft zu Begegnung und Dialog kann sie
befähigt werden, ihren Auftrag in Gegenwart und Zukunft
besser auszuführen. „Wenn Gott die Geschichte der Menschheit
mit der Auferstehung Jesu nicht abgeschlossen hat, so
müssen weitere Geschichtsepochen für das Verständnis dieser
Offenbarung sinnvoll... sein" (215). Damit gibt Vf. die
L.sche Grundüberzeugung zutreffend wieder. Sie stellt eine
Herausforderung dar, die von Kirche und Theologie, nicht
zuletzt von der Mission, angenommen werden sollte. Die theologischen
Schwächen im L.sehen Denken sind zwar naht zu
bemänteln: Daß die Ilamartiologic nahezu gegenstandslos
wird, die Soleriologic damit zwangsläufig eine Verllnehung
und Verbiegung erfährt und, im innersten Zusammenhang
mit diesen beiden Mängeln, für eine Theologin crucis jedes
Verständnis fehlt — zu Gal G,14 sagt Vf.: „Es ist undenkbar,
daß l.eibniz diese paulinischc Aussage als Ausdruck seiner
eigenen Überzeugung zitiert oder selbst einen ähnlichen Gedanken
formuliert hätte" (210) —, darin und in vielem anderen
ist die L.sche Position theologisch unhaltbar. Bichlun"
weisend aber ist und bleibt L in seiner einem lebendigen,
starken Gottcsglauben entspringenden Entschlossenheit, sich
der Welt in ihrer ganzen fülle zuzuwenden, mit ihr das Gespräch
aufzunehmen und dort, wo Glaube und Vernunft in
Spannung zueinander stehen, nicht den Bückzug anzutreten,
sondern um echte Lösungen zu ringen.

Indem Vf. ein trotz aller notwendigen Abstriche und Einwinde
großes Vorbild neu versieben lehrt, ermutigt er, die
heute ganz besonders drängende Aufgabe der „Konversation"
beherzter, als es vielfach geschieht, in Angriff zu »ahmen.
Auch dafür gebührt ihm. über die anerkcnnenswcrle wi-.M ii
Bchaftliclic Leistung hinaus, unser Dank.

Leipzig Siegfried Krügel

Beform und Anerkennung kirchlicher Ämter. Kin Memorandum
der Arbeitsgemeinschaft ökumenischer Univcrsitäts-
institute. München: Kaiser; Mainz: Matthias-Grünewild-
Vcriag [1973]. 207 S. 8°. DM 19,50.

Der ökumenische Dialog zwischen den Kirchen der Befor-
malii ii und der römisch-katholischen Kirche begegnet heule

944

seineu größten Problemen in einem Punkt, der im 16. Jahrhundert
in dieser Weise nicht im Vordergrund stand: die
Amisfrage. Teilweise betrifft das die Frage des Primates, teilweise
die Frage des eucharislischen Amtes. Bekanntlich hal
das Zweite Vatikaniim die Notwendigkeit des päpstlichen
.lurisdiklionsprimates und das Dogma der Unfehlbarkeit
nochmals kräftig hervorgehoben, und trotz aller neuen und
unerwarteten Offenheit gegenüber anderen christlichen Kirchen
, wie es in dem Dekret über den Okumenilmus dokumentiert
Ütt, findet man doch bei der Frage nach dem eucharislischen
Amt eine Grenze. Von den reforinalorischen Kirchen
gilt (§ 22), daß sie „vor allem wegen des Fehlens des
Weihesakramenles die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit
des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben' .
Die entscheidende Bolle des richtigen Amtes für ein gülliges

Abendmahlfeiern wurde 197!! aufs neue auf eine autoritative

Weise in der von der Kongregation für die Glaubenslehre herausgegebenen
Deklaration „Mysterium Fcclesiae" festgestellt.

Der Dialog folgt aber nicht immer den offiziell festgelegten
Richtlinien, Im gleichen Jahr, in dem ..Mysterium Fcclesiae"
herauskam, erschien auch die hier angekündigte Arbeit. Sie

ist das Resultat einer Zusammenarbeit der evangelischen Ökumenischen
Univcrsilülsinslilule in Bochum, Heidelberg und
München und ihrer Entsprechungen an den katholischen Fakultäten
in München, Münster und Tübingen. Die 2'.i Thesen,
die das ganze Buch einleiten und in der Form eines Memorandums
die gemeinsamen Ergebnisse zusammenfassen, laufen
auf folgendes Konstatieren hinaus: „Da einer gegenseitigen
Anerkennung der Ämter theologisch nichts Kntsehciilen-
des mehr im Wege steht, ist ein hauptsächliches Hindernis
für die Abendmahlsgemeinschaft überwunden."

Schon früher, besonders bei Gesprächen zwischen Repräsentanten
für lutherische Kirchen und für die römisch-katholische
Kirche, wurde die Frage der gegenseitigen Anerkennung der
beiderseitigen Amter geweckt. In dem 1970 publizierten Bericht
„Fucharist and Ministry" über die Gespräche zwischen
dem Komitee für ökumenische Fragen der amerikanischen
katholischen Biscliofskonferenz und dein Nationalkomitee des
Lutherischen Weltbundes in den I SA heißt es in einer Aussage
der katholischen Teilnehmer: „Wir haben weiterhin bei
unserem Studium ernsthafte Mängel bei den Argumenten gefunden
, die gewöhnlich gegen die Gültigkeil des Abendmahl-
nmlcs der lutherischen Kirchen angeführt werden. Wir sehen
in der Tal keinen entscheidenden Grund, warum die katholische
Kirche dieses Amt nicht als gültig anerkennen könnte."
Eine entsprechende Aussage wurde außerdem in dem 1972
veröffentlichten Schlußbericht der gemeinsamen Studienkommission
des Lutherischen Weltbundes und der römisch-
katholische ii Kirche „Das Fvangelium und die Kirche" gemacht
.

In den hier genannten Fällen wird dieser Schlußsatz aus
einem Studium bzw. der Theorie und der Praxis des Abendmahles
und von der grundsätzlichen Beinlinn zwischen Fvangelium
und Kirche gezogen. Die ökumenischen llniversil'ils-
inttitutc in der BBI) haben einen anderen Weg gewählt, und
darin liegt die Besonderheit dieses Boele s, aber auch die gegenüber
dein oben gezeichneten Hintergrund hervortretenden
Schwächen.

Der Ausgangspunkt wird nicht in theologischen t'bcrlcgun-
gen geSUcht, sondern in einer in erster Linie soziologisch orientierten
Darlegung der Krise des kirchlichen Amtes innerhalb
der katholischen als auch der evangelischen Kirchen. In zwei
umfangreichen Vorstudien, deren Besultat in Teil A des Memorandums
Zur Situation des kirchlichen Amtes, 'Thesen I
bis 5) zusammengefaßt wird, die aber auch in Teil F (Folgerungen
. Thesen 18 2.'! durchklingen, wird eine ausführliche
Darlegung der Symptome und der Ursachen der Amlskrise
gegeben. Der katholische Beitrag, der von einer Gruppe Dill
acht Forschern des katholisch-ökumenischen Instituts der I DJ'
ersilal Minister ausgearbeitet wurde, gehl nach einigen be-
denkenswerten Überlegungen über das Verhältnis von Theologie
und Soziologie auf solche Krisensymptome ein, daß eine
immer mehr zunehmende Zahl von Priestern ihr Amt ver-

Theologische Lileralurzcilung 100. Jahrgang 1975 Nr. 12