Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1974

Kategorie:

Missionswissenschaft

Titel/Untertitel:

Neuerscheinungen

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

73

Theologische Literaturzeitung 99. Jahrgang 1974 Nr. 1

74

Einen speziellen Aspekt untersucht Anna Marie Aagard,
Dozentin in Aarhus, in ihrem Beitrag zur Diskussion über
das Verständnis von „Missiones Dei" (S. 97-121). Mission
ist die gemeinsame Geschichte der Sendung des Heiligen
Geistes zu Menschen und der Sendung von Menschen in die
Welt. „Missio Dei" bedeutet nicht nur, daß Gott Subjekt aller
Sendung in die Welt ist, sondern verweist auf das Eingehen
Gottes in die Geschichte in der Sendung des Sohnes und in
der davon zu unterscheidenden Sendung des Heiligen Geistes
, die erst die Realität der Inkarnation und der Versöhnung
für uns wirksam macht. So sind Missio und Geschichte
miteinander verbunden, und ebenso hat das Heil eine Geschichte
in der Welt.

Die Frage, wie weit das Heil an die Kirche gebunden ist,
ist Thema der Studie George A. Lindbecks von der Yale
University in New Häven: „Fides ex auditu" und die Erlösung
der Nicht-Christen (S. 122-157). Eindringlich zeigt der
Autor die seelsorgerliche Bedeutung einer Klärung dieses
Problems auf, das in der evangelischen Theologie bisher
vernachlässigt worden ist. Dabei vertreten die Dogmatiken
des zwanzigsten Jahrhunderts größtenteils den Satz: extra
ecclesiam salus est, womit sowohl die römisch-katholische
wie auch die protestantische Tradition verlassen wird. Es
hat sich ein „Quasi-Universalismus" herausgebildet, wonach
der Christ eben glauben darf, daß Gottes Barmherzigkeit
Wege findet, auch außerhalb der Kirche zum Heil zu führen.
Es wird daran festgehalten, dafj die Erlösung allein durch
Christus geschieht; nur darf „die rettende Macht dieses Namens
, die Kraft von Jesu Leben, Sterben und Auferstehen
nicht auf eine explizit christliche Erscheinungsform oder auf
die sichtbare Kirche begrenzt werden". Der Autor stellt die
Frage, ob die vor allem im katholischen Bereich (z. B. bei
Karl Rahner) anzutreffende Auskunft akzeptabel sei, dafj
die gratia Christi auch in den nicht-christlichen Religionen
am Werk ist und die Erlösung auch durch den impliziten
Glauben geschenkt werden kann. Dem hält der Autor entgegen
: das Heil wird nur durch den expliziten Glauben,
„sola fide ex auditu" zuteil. Dennoch wird damit nicht die
Verdammung der Nicht-Christen ausgesprochen, denn die
Verkündigung des Evangeliums weckt bei den Hörern keine
Überheblichkeit und schließt nicht die Bereitschaft aus, von
den Religionen zu lernen. Man wird dabei ihrem Eigengewicht
eher gerecht, als wenn sie sofort im Lichte der gratia
Christi gesehen werden und man die Nicht-Christen so besser
als sie sich selber zu verstehen meint. Man kann allerdings
fragen, ob der Autor nicht entgegen seiner Absicht
doch bei der traditionellen Auskunft stehen bleibt, daß die
Erlösung der Nicht-Christen ein Geheimnis Gottes bleibt,
über das die biblische Botschaft schweigt.

Der zweite Teil des Sammelbandes wird eröffnet mit
einem Beitrag des Karl-Marx-Städter Pfarrers Theo Lehmann
„Die Versammlung der Gemeinde - Gottesdienst
in Kirche und Alltag" (S. 161-194). Nachdem genügend Reformvorschläge
in der Theorie vorgetragen worden sind, ist
es endlich an der Zeit, die fälligen kleinen Schritte zur Veränderung
der erstarrten Gottesdienstform zu tun, auch wenn
sie nur ein „Herumflicken an alten Schläuchen" sind. Im
Sonntagsgottesdienst - nicht nur in begrenzten Nebengottesdiensten
- ist eine größere Vielfalt der Formen notwendig
, um das gottesdienstliche Geschehen für Menschen des
säkularen Zeitalters verständlich werden zu lassen. Der Autor
will keinen Beitrag zur theoretischen Diskussion liefern;
dennoch ist zu fragen, ob die „simplen, praktischen Antworten
" überzeugen, wenn die Frage nach der Notwendigkeit
des (kultischen) Gottesdienstes so wenig reflektiert wird.

Gerard S i e g w a 11, Professor für Systematische Theologie
an der Universität Straßburg, untersucht „Die Autorität
in der Kirche - Ihre Institution und ihre Verfassung" (S. 195
bis 251). Die römisch-katholische Lehre von der kirchlichen
Autorität vermischt geistliche Autorität und jurisdiktionellc

Gewalt, die auf verschiedenen Ebenen liegen. Die leitungs-
mäßig-disziplinäre Gewalt ist eine juristische Folgeerscheinung
der lehrmäßigen Autorität und bildet darum nur das
„opus alienum" des kirchlichen Amtes. Von dieser Voraussetzung
aus ist die Konzentrierung der Hirtengewalt des
Papstes auf den lehrmäßigen Aspekt seit dem ersten Vaticanum
ein positiv zu bewertender Vorgang. Der Autor stellt
die These auf, „daß die vom Amt geprägte hierarchische
Struktur der Kirche kein Faktor der kirchlichen Spaltung
zwischen der römisch-katholischen Kirche und einer protestantischen
Kirche ist". In einer Unterscheidung zwischen
dem ordentlichen Amt bzw. dem Amt der Erbauung (der
Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung) und dem
kirchlichen Amt bzw. dem Amt der Einheit (Leitung und
Lehraufsicht) sucht der Autor die Probleme um die Autorität
in der Kirche zu klären.

Abschließend behandelt Olov Hartman, ehemals Rektor
der Akademie Sigtuna Schweden, ein erst seit der Vollversammlung
des ÖRK in Uppsala beachtetes Thema „Der
Lebensstil der Gemeinde" (S. 251-281). Gemeint ist die ethische
Verhaltensweise der Gemeinde, sofern sie auf einen
allgemeinen Nenner zu bringen und von der jeweiligen gesellschaftlichen
Situation abhängig ist. Jeder Lebensstil erweist
sich vor dem Evangelium als relativ, und die Absolutsetzung
eines bestimmten Stiles - sei er „bewährt" oder sei
er „modern" - führt zum Pharisäertum. Andererseits ergibt
sich aus der biblischen Lehre von Schöpfung und Inkarnation
die Notwendigkeit der Formwerdung eines Stiles, in
dessen Zentrum die praktizierte Vergebung der Sünden
stehen muß. Man ist dankbar, daß dieses Thema ausdrücklich
den Blick auf die heute im Vordergrund des Interesses
stehende Praxis der Gemeinde in ihren menschlichen Beziehungen
lenkt.

Ein Vergleich des Buches im ganzen mit dem 1950 in der
Evangelischen Verlagsanstalt Berlin erschienenen Sammelband
„Ein Buch von der Kirche", das Arbeiten schwedischer
Lutheraner enthielt, legt sich nahe. Das ältere Werk ist geschlossener
, schon wegen der exakten Trennung zwischen
exegetischen, historischen und systematischen Aussagen und
erst recht durch die gleiche theologische Ausrichtung der
Verfasser. Der vorliegende Band ist bunter; nur einige
Aspekte der Ekklesiologie werden angerissen, und der theologische
Standort der Autoren ist verschieden, auch wenn
alle sich mit der lutherischen Tradition auseinandersetzen.
Diese Anlage des Buches spiegelt jedoch die kirchliche und
theologische Situation, in der sich das Luthertum heute befindet
, wider, und es ist dem Herausgeber Vilmos Vajta zu
danken, daß er diese Buntheit nicht zu verschleiern versucht
hat. Im Unterschied zu dem älteren Werk fragen ferner alle
Beiträge nach der Geschichtlichkeit der Kirche und trachten
nicht nach einer dogmatisch-zeitlosen Darstellung der Lehre
von der Kirche. Schließlich ist in dem gesamten Band das Bemühen
erkennbar, von den praktisch-seelsorgerlichen Problemen
bei Christen und Nicht-Christen auszugehen und alle
„Wirklichkeitsfremdheit" der Ekklesiologie zu vermeiden. So
ist zwar kein Kompendium der Lehre von der Kirche, wohl
aber ein anregender Diskussionsband entstanden, für den
dem Institut für Ökumenische Forschung in Straßburg Dank
gebührt.

Leipzig Joachim Wiebering

Beyerhaus, Peter: Eindrücke von der Weltmissionskonferenz

in Bangkok (Missionsblatt 65, 1973 S. 30-32).
Brinkhues, Ilse: Begegnung mit Christen in Südostasien

(AltKathKZ 17, 1973 S. 30-32).
Bürkle, Horst: Heilsvorstellungen und Heilserwartungen in

Asien (EvTh33, 1973 S. 293-306).
Gassmann, Günther: Heißes Eisen auf kleiner Flamme. Zum

Memorandum über die Anerkennung kirchlicher Ämter

(LuMo 12, 1973 S 195-198).