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Ausgabe:

1974

Spalte:

551-554

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Müller, Josef

Titel/Untertitel:

Missionarische Anpassung als theologisches Prinzip 1974

Rezensent:

Vicedom, Georg F.

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Einflußrecht, zu gewährleisten, und endlich einige Ergebnisse
aus den Erfahrungen des Kirchenkampfes und der Neukonstituierung
der Kirchen im europäischen Bereich. Waren
es bis New Dchli vorwiegend Fragen, welche von der raschen
politischen Landichaftsänderung diskutiert wurden, so
stellten sich anschließend Konzentrationsbemühungen im
eher anthropologischen Sektor ein. In Aarbug 1964 brachen
die Fragen um das Menschenbild sowohl im Lichte der
philosophischen Debatte (Paul Evdokimov) als auch des
Neuen Testamentes (Geofl'ry Lamp) und der dogmatischen
Fragestellung um den Zusammenhang von Schöpfung und
Erlösung (Wilhelm Dantine) auf. Der weite Weg der Entwicklung
wird hieran besonders deutlich. Eine Entwicklung,
die von der schlichten und zugleich monadischen Aussage
des apostolischen Zeitalters über die inkarnationstheo-
logisehc Wendung in der Christologic zu einer von dem
Bewußtsein vielfältiger Verantwortung getragenen Austage
führte. Bristol 1967 und schließlich Uppsala 1968 haben
endlich gezeigt, daß dasjenige, was Simonson in die prägnante
Formel: ,Lordship for a New Humanity' faßt, gleichsam
unerläßliches Gebot der Stunde ist, wenn eine Bewegung
wie F & 0 ihren eigenen Ansprüchen auch nur
begrenzt gerecht werden will.

So kann Simonson in seinem zusammenfassenden Schlußkapitel
drei Punkte aufstellen, die sicherlich sowohl die
Entwicklung der christologischen Debatte als auch die
Schwerpunkte ihrer zukünftigen Zielsetzungen allgemein und
doch exakt beschreiben:

„1. Der Bereich der christologischen Diskussion in Faith
and Order hat sich enorm ausgeweitet.

2. Die Dynamik, welche der Ausweitung der Christologie
von Faith and Order zugrunde lag, war die Suchenach einer
angemessenen Anthropologie.

3. Das Hauptmotiv für die anthropologische Suche von
Faith and Order war die Artikulationsnotwciidigkeit des
menschlichen Engagements in der Welt" (S. 170).

Simonsons zugleich kühle und dennoch — trotz des ungemein
löblichen Versuches, keiner der beiden Seiten, also
weder der nach theologischer Vertiefung (und geschehe sie
auch im Elfenbeinturm) strebenden europäischen noch der
nach aktualistischcr Verwirklichung (und geschehe sie auch
ohne ausreichende Begründung) unbegründet recht zu
geben — mitunter ironisch-verfremdende Darstellung ist
zugleich eine ausgezeichnete Analyse und eine auf begrenztem
Raum umfassende Darstellung. Daß sie mit
Fragen endet, liegt in der Natur der Sache. Vielleicht wird
in etlichen Jahren, wenn die neuerdings wieder auflebende
Diskussion um den Heiligen Geist ihre Auswirkungen ouch
auf Faith and Order hatte, ein zusätzliches Kapitel geschrieben
werden müssen, bis dahin aber dürfte diese Darstellung
als eine der genauesten gelten.

Wien Eric IlulUrfa

Müller, .Josef: Missionarische Anpassung als theologische*
Primip. Münstcr/W.: Aschendorff [1973]. VIII, 322 S.
gr. 8° = Missionarische Abhandlungen u. Texte, Internal.
Inst. f. missionswiss. Forschung. Kart. DM 58, — .

Akkommodation war für die katholische Mission der
Neuzeit schon immer ein zentrales Problem. Seit dem Riten-
streit des 17. und 18. Jahrhunderts, der die römisch-katholische
Kirche an den Rand ihrer Existenz brachte, mußte
jeder nach Ostasien gehende Missionar versprechen, sieh der
Akkommodationsmcthode zu enthalten. Dennoch wurde die
Praxis oft den vorliegenden religiösen und kulturellen
Gegebenheiten angeglichen. Man kapitulierte vor den
Schwierigkeiten der Anknüpfung. So hat kein anderer als
Pius XII. sogar den Ahnendienst in den japanischen und
chinesischen Diözesen als pietätvollen Akt erlaubt. In seinen

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Missionseiizyklikcn vertrat er den Grundsatz, daß alles
Wahre, Gute und Schöne der anderen Kulturell in dem
mystischen Leib der Universalkirche Raum habe, denn die
Kirche müsse den ganzen inneren Reichtum der Völker in
sich vereinen, damit die Wahrheit Christi in allen Kulturen
ihren passenden Ausdruck finde. Das vorliegende Much ist
darum höchst aktuell.

1. Wer nun glaubt, die mit. der Akkommodation gegebenen
Probleme würden in dem vorliegenden Buch auf genommen,
wird enttäuscht. In der Einleitung werden auf 63 Seilen
die katholischen Missionslheologen, die sich mit der missionarischen
Anpassung befaßten, abgehandelt. Sie beschäftigten
sich mit der Anpassung als Methode, indem sie immer
die Angleicliung des Missionssuhjekles an das MissionsobjekI
bedachten, in einer Zeit, in der die meisten Missionen dem
Europäismus verfallen waren. Müller muß aber zugeben, daß
auch in der Behandlung der Methode theologische Leitgedanken
bestimmend waren. In der denIsehen Schuh' waren
es vor allem Ausführungen über die Kirche oder über die
Offenbarung. Die französischen Missionstheologen erhoben
ilie Inkarnation zum Prinzip der Akkommodation, wodurch
die Kirche als universale Mutler ihre Ausprägung in den
Kulturen finden muß. Müller stellt demgegenüber fest, daß
die Kirche nicht der fortlebende Christus sei, sondern sich
selbst ihm konfrontiert sehe, ähnlich müsse sie sieh der
Welt konfronl ieren. So sei echte I nkarnal ion unmöglich. Die
Spanier {lachten mehr christologisch. Die Menschen müssen
zu Christus bekehrt werden, Bekehrung aber heiße Aufgabe
des Eigenen. Christus habe dem mystischen Leib der Kirche
alles geschenkt, was die Völker zu ihrem Hei] brauchen.
Müller hält dem entgegen: In der Heiligen Schrift gehe es
nicht um die Kirche, sondern um die esehatologisebe Einheit
der Völker im Reiche Gottes. Er selbst nimmt darum all
Leitprinzip die Offenbarung, die für ihn nicht eine Summe
unveränderlicher Wahrheiten ist, also nicht statisch verstanden
werden darf. Offenbarung ist Selbsterscblicßung
Gottes. Es muß darum der Frage nachgegangen werden, wie
Gott sich allen Völkern erschließt. Von daher gibt es dann
eine Rechtfertigung der missionarischen Anpassung.

2. Akkommodation ist durch die Offenbarung Gotlcs
möglich (S. 64—109). Offenbarung gibt es nicht ohne den
konkreten Menschen, der von Gott angesprochen, gläubig
werden soll. Darum haben Asiaten und Afrikaner daB Recht,
vom eigenen Verstehenshorizont aus die Offenbarung zu
erklären. Wichtig ist. daß Gott sich in der Geschichte
offenbart, die durch sein Wort verkündigtes Geschehen
wird. Der Zeuge muß also das Geschehen deuten, damit
I toi t erkannt und das Geschehen zum Anruf an die Menschen
wird. Dieser Vorgang vollendet sieh in Jesus Christus. In ihm
haben wir das personenhafle Wort, in dem Reden und Tun
zusammenfallen. ])a die Apostel und ihre Nachfolger Jesu
Tun und Reden weitergeben, wird er in ihrem Dienst
präsent. Verkündigung wird damit Vergegenw ürt iguntl
Christi in der Zeit. Durch ihn kommt das Heil geschic htlich
zu den Menschen, es tritt in ihre eigene Geschichte ein. So
wird die Offenbarung durch die Verkündigung zum Ereignis-
Offenbarung wird durch den Glauben der Zeugen und durch
die Heilige Schrift vermittelt. Sie wird durch die Kirche i"
den geschichtlichen Situationen aktualisiert, d. h., sie wird
den Menschen in ihrer geschichtlichen Existent angepaßt-
Diese Theologie der Offenbarung ist olso bereits von unsfC
Nachkriegstheologie bestimmt.

3. Von dieser Grundlegung aus erwartet der Mission*'
theologe die Anwendung dieses Prinzips auf die missionarische
Verkündigung im Räume fremder Religionen ui"*
Kulturen. Statt dessen bringt Müller als Modell die kervg"
matisehe Theologie mit ihren evangelischen und kath"'
lischen Vertretern (110-183). Es handelt sieh bei de"
Evangelien als Zeugnis der Lrkirrhe bereits um eine A"'
Wendung auf die (.'inweit, nicht nur um historische Vergangenheit
. Dabei wird Jesus als Verkünder der VerkOndigK''

Theologische Lileralurzeitung 99. Jahrgang 1974 Nr. 7