Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1973

Spalte:

716-718

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Jarrett-Kerr, Martin

Titel/Untertitel:

Patterns of Christian acceptance 1973

Rezensent:

Krügel, Siegfried

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

715

Theologische Literaturzeitung 98. Jahrgang 1973 Nr. 9

716

sicher nicht ganz zu Unrecht, eine Gegenströmung zum
„organischen Denken" der Jugendbewegung erblickt:
die auslaufende Welle eines technisch-rationalen
Denkens, die jetzt noch einmal, verstärkt, zurückgekommen
ist". Als wesentliche Momente der neuen Gottesdienste
hebt er hervor: die radikale Dialogisierung des gesamten
gottesdienstlichen Geschehens; ein starkes Bedürfnis
nach „selbständiger participatio" nicht nur am
Gottesdienst selber, sondern auch an der Vorbereitung,
Gestaltung und Nacharbeit; ein nahezu absoluter Verzicht
auf Kontinuität und Tradition; „Sachgemäßheit"
als einziges Leitbild für die Schaffung neuer Formen;
Überbetönung von „Information" und „Weisung". Es
ist vom Vf. keineswegs ironisch - und auch nicht nur
kritisch! - gemeint, wenn er im „Feierbuch" der Thüringer
Deutschen Christen von 1939 einen „Vorläufer der
Gottesdienste in neuer Gestalt" (113-116) erblickt und
auf eine Reihe von sachlichen Parallelen hinweist.

Sieht man von einigen „ergänzenden Studien" (135 bis
147) zu liturgischen Bestrebungen im 19. Jh. ab (Löhe,
Wichern, Höfling, F. K.L. Steinmeyer, Th.A.Liebner, die
Lutherische Liturgische Konferenz in Dresden 1852-56),
so schließt das Buch mit Betrachtungen zur „Theorie und
Konkretion des evangelischen Gottesdienstes" (117-134).
Selbstverständlich, daß der Vf. hier noch einmal zusammenfassend
seine Organismus-Theologie entwickelt
und die liturgische Evolution als Wechselspiel von „orga-
nologischem und mechanistischem Denken" zu begreifen
sucht. Dabei führt er - ein gewagtes, aber nicht uninteressantes
Unternehmen - diesen Gegensatz auf den Dis-
sensus zwischen einem vom Ansatz her platonischen
(= organischen) und einem verhärteten aristotelischen
(= intellektualistischen, mechanistischen) Denken zurück
„Kultus", Liturgie, ist für ihn nur möglich auf dem Nährboden
platonischen Denkens; und so sieht er in den liturgischen
Bewegungen des 19. und des 20. Jh.s einen „heimlichen
Grundstrom platonischen, organischen Denkens"
am Werke, der zwar immer wieder verschüttet wird, aber
doch auch je und je zum Durchbruch kommt.

Birnbaum wehrt sich mit Nachdruck gegen eine theologische
Disqualifizierung des Begriffs „Kultus", den er
synonym mit dem Begriff „Gottesdienst" verwendet;
christlicher Kultus ist für ihn „die Feier des Handelns
Gottes mit dem Menschen in der Geschichte"; Elemente
dieser Feier sind „Erinnerung und Vergegenwärtigung,
Dank und Anbetimg, Einigung und Hingabe", wobei sich
hinter den beiden letzten Begriffen eine komplexe Opfertheologie
verbirgt („So einen wir unsern Willen, die
Richtung unseres Lebens mit dem seinen und opfern
uns selbst ihm auf zum Dienst an der Welt"). Selbstverständlich
, daß Birnbaum sich auch gegen eine intellek-
tualistische Identifikation von „Wort" und Rede, Verkündigung
und Predigt zur Wehr setzt: „Wort Gottes"
ist für ihn eine dynamische Größe, die von Christus - dem
Urwort - her alle Lebensäußerungen („Wort, Werk,
Wesen") erfaßt und im sakramentalen Handeln eine
höchste Verdichtung erfährt (124-128)........

Zum Schluß zeigt uns der Vf. drei Wege in die litur-

fische Zukunft („Möglichkeiten liturgischer Weiter-
ildting", 130-134): Der erste Weg besteht in der Weiterentwicklung
der „abendländischen Tradition", d.h. in
einer Reform der vorgegebenen, überlieferten Ordnungen.
Die Art, wie Birnbaum die „abendländische Tradition"
weiterentwickelt, ist freilich recht seltsam: Credo nach
dem Gloria, Kollektengebet zwischen den Lesungen, Gra-
duallied nach dem Evangelium. Der Zweite Weg ist -
auch wenn der Vf. das nicht ausdrücklich sagt - der
Weg, den er in der Menschenweihehandlung der Christengemeinschaft
vorgezeichnet sieht: Verzicht auf den verpflichtenden
Anschluß an die „abendländische" Tradition,

statt dessen Rückkehr zum „Einfachsten, Uralten",
Wiederentdeckung der „Urgesetze des Kultischen" („So
könnte eine zweite Möglichkeit der Kultusgestaltung darin
hegen, uraltes Kultusgut zu erwecken und christlich zu
überformen"); Gottesdienst als „Geschichtsbegehung",
Liturgie als ein „Gang durch die Bilder", bei dem die
Tiefenschichten der menschlichen Seele sich öffnen.

Der dritte Weg, vom Vf. nur angedeutet, besteht in der
Möglichkeit, „schöpferisch ganz neu und ohne Rücksicht
zu beginnen". Der Unterschied zum zweiten Weg wird
freilich nicht ganz deutlich; denn auch hier spielt der
Rückgriff auf „kultische Urelemente" (Birnbaum verweist
exemplarisch auf den „schweigenden Dienst"
Rudolf Ottos) eine Rolle.

Vieles von dem, was Birnbaum in seinen Essays vorträgt
, klingt für deutsche theologische Ohren schon von
der Terminologie her ungewohnt, wenn nicht ärgerlich;
man ist geneigt, ihn und seine Theorien als ein Produkt
der frühen zwanziger Jahre (wenn nicht noch früherer Zeiten
) abzustempeln. Man übersieht dabei freilich, wie
aktuell dieses Denken, diese Geisteshaltung inzwischen
wieder geworden ist. Kaum die Begriffe haben sich gewandelt
: „Sie (erg.: die ideale Kirche der Zukunft) muß
Menschen lehren, zu feiern und zu phantasieren... Da
zum Menschen Leib und Seele genauso gehören wie Verstand
, muß sie gefühlsmäßige und zeremonielle Komponenten
umfassen... Um die Phantasie anzuregen, muß sie
diejenigen Symbole pflegen, die in der Vergangenheit den
Menschen neue Ebenen des Bewußtseins eröffnet haben.. •
Vor allem aber muß sie einen Boden schaffen, auf dem
neue Symbole auftreten können..." Diese Sätze stammen
nicht von Walter Birnbaum, sondern von Harvey
Cox. Man muß nur lange genug und beharrlich genug an
seiner Meinung festhalten, um eines Tages - wieder
modern zu sein.

Leipzig Karl-Heinrich Bieritz

MISSIONSWISSENSCHAFT
ÖKUMENE

Jarrett-Kerr, Martin: Pattern» of Christian Acceptance. Indi-
vidual Response to the Missionary Impact 1550-1950.
London: Oxford University Press 1972. XVIII, 342 S. 8°.
L4.50.

Im Jahr der Genfer Konferenz „Kirche und Gesellschaft
" (1966) erschien in London Kerrs Studie „Christ
and the New Nations". Seine jüngste Publikation variiert
dieses Thema nach drei Seiten.

Sie ist zum ersten historisch orientiert und umspannt
einen Zeitraum von vier Jahrhunderten. Diese Überschau
gewinnt ihre Aktualität zunächst schon dadurch, daß ihr
die Widmung vorangestellt ist: „In memoriam an un-
known number of Jamaican slaves ,owned' by my West
Indian forebears".

Zweites Charakteristikum des Buches ist dies, daß es
rund 30 Biographien von Christen bietet, die in der Zeit
des 16. bis 20. Jahrhunderts in jenen Gebieten gele°*
haben, die heute „Dritte Welt" genannt werden, und daß
für diese Biographien so weit wie möglich einheimische
Quellen benutzt worden sind.

Von letzterem her ergibt sich das dritte und bedeutsamste
Merkmal des Buches, durch das es inhaltlich und
methodisch gleichermaßen bestimmt ist. K. will an einzelnen
Individuen generelle Symptome für „acceptance
transparent werden lassen. Er geht davon aus, daß das
Evangelium, wo immer es missionarisch verkündigt wird,