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1971

Kategorie:

Missionswissenschaft

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Neuerscheinungen

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Theologische Literaturzeitung 96. Jahrgang 1971 Nr. 12

954

Hochschätzung Ihres theologischen Charismas?" (S.301).
Küng verteidigt sich; er blickt zurück auf das 2. Vatika-
num und fragt: „Wo ist denn heute noch das Vertrauen,
der Elan, der Reformeifer, die Freude, die damals die
Kirche und selbst manche Fernstehende ergriffen hatte?
Und sind es denn die Theologen, welche warnend auf diesen
Verlust an Glaubwürdigkeit, Lebendigkeit, Zusammenhalt
und Autorität hinweisen, die daran schuld sind?
Schweigen wäre auch für mich viel einfacher" (S.302).
In einem Schlußwort erklärt Küng: „Die radikalste Kritik
kommt vom Evangelium selbst her" (S.309). Er unterstreicht
den Gedanken, daß seine kritische Ekklesiologie
praktische Konsequenzen habe. Er schließt mit dem
Wunsch, „daß sich noch mehr Theologen im Kampf für
eine Kirche Christi, die wieder christlicher werden muß,

engagieren, nach Gottes Willen, zum Wohle der Menschen
" (S.310).

Rostock Gort Hacndler

Hampe, Johann Christoph: Eine neue Kirche für eine neue
Zeit. Meitingen-Freising: Kyrios-Verlag [1971]. 42 8. kl. 8°
= Meitinger Kleinschriften, IL Kart. DM 3,80.

Lübbert, Konrad: ökumenisches Pfingsttrefen in Augsburg
(JK 32, 1971 S. 337-342).

Sabolotski, N.: Unterwegs zur kirchlichen Einheit mit den
vorchalkedonischen Kirchen (Stimme der Orthodoxie 1971
Heft 6 S. 54-64).

Schweizer, Eduard: Gott versöhnt. 6 Reden in Nairobi. Stuttgart
-Berlin: Kreuz-Verlag [1971]. 79 S. 8°. Kart. DM5,80.

Skobej,G.: Der theologische Dialog zwischen Orthodoxie und
Altkatholizismus (Stimme der Orthodoxie 1971 Heft 6
S. 43-47).

REFERATE ÜBER THEOLOGISCHE DISSERTATIONEN IN MASCHINENSCHRIFT

Lindner, Helgo: Die Geschichtsauffassung des Flavius Jose-
phus im Bellum Judaicum. Gleichzeitig ein Beitrag zur
Quellenfrage. Diss. Tübingen 1970, 207 S.

Die Schriften des Joscphus gehören in die Zeit nach dem
großen Zusammenbruch des Jahres 70. Unter dem Gesichtspunkt
der Bewältigung dieser Katastrophe nehmen sie, neben
dem Material der Rabbinen, der apokalyptischen und der
frühen christlichen Autoren, einen wichtigen Platz ein. Wo liegt
das Eigentümliche des josephischen Beitrags zu diesem Problem
und zum Thema Geschichte überhaupt? Hat noch etwa
A. Schlatter das Denken des Josephus unter dem recht allgemein
gefaßten Begriff des Pharisäischen einzuordnen versucht
(A. Schlatter, Die Theologie des Judentums nach dem
Bericht des Josefus, 1932), so geht es in dieser Arbeit, in Anknüpfung
an Fragestellungen der Tübinger Josephus-Arbeits-
gemeinschaft unter 0.Michel, um das Proprium dos jüdischen
Historikers.

Die Untersuchung setzt ein bei den drei großen Reden des
Bellum (b2: Agrippa II, b5: Josephus selbst, b7: Eleazar).
Diese lassen eine einheitliche Gesamtkonzeption erkennen:

1. Grundlegend ist die These vom Gericht Gottes, das sich
in der Geschichte, zumal in der Niederwerfung des jüdischen
Aufstandes durch die Römer, erweist. So bekommen die Ge-
schichtsereignisse selber theologische Beweiskraft (iXSyvBui
7,330; vgl. 6,315).

2. Die aktuelle Goschichtsorfahrung steht in einem größeren
Zusammenhang: Schon im Kampf gegen Pompejus (63 v.Chr.)
hatten die Juden den gerechten Gott gegen sich (5,396). Seither
ist ihnen die SovXeU verordnet (2,355-357; 5,295f. 408).
In dieser und nicht in der von den Aufstandsbewegungen ge-

Eriesenen Freiheit sieht Josephus die in seiner Zeit gegebene
ebensmöglichkeit für sein Volk (2,355; vgl. 7,326f. die Konsequenz
des Sikariers).

3. Die Tatsache der römischen Herrschaft wird nicht nur in
die am Gerichtsgedanken orientierte Vergeltungslehre hineingestellt
, sondern darübor hinaus auch ausgesprochen deterministisch
interpretiert, und zwar sowohl im danielisch-apokalyptischen
Sinn einer Abfolge der Weltreiche nach Gottes
Ratschluß (so 5,367 b) als auch mit dem Tyche-Begriff der
hellenistischen Geschichtsschreibung, insbesondere des Poly-
bios: b 2,360f. 373; 5,366f. vgl. 3,354.

Das Anliegen der großon Reden ist - ebenso wie das des
ganzen Bellum Judaicum - mit Charakterisierungen wie „Rhetorik
" (B.Niese) und „Propaganda" (H. St. J.Thackeray) nur
unzureichend erfaßt. Man kann sich dem Eindruck nicht verschließen
, daß Josephus einen eigenen theologischen Beitrag
wagen möchte zum Verständnis der Geschichtsperiode, in der er
steht. Dabei ignoriert er die Schule Jochanans ebenso wie das
frühe Christentum.

Der Versuch, das eigentlich josephische Gedankengut im
Bellum herauszustellen, hat auch die quellenkritische Fragestellung
zu berücksichtigen. Die angezeigte Arbeit bringt
hierzu einen forschungsgeschichtlichen Bericht (S.2-22) und
kommt im Verlauf der Untersuchung wichtiger Partien des
Bellum (b2-4: Selbstbericht des Josephus, b3 und 4: Aufstieg
Vespasians, b5 und 6: Belagerung Jerusalems durch
Titus) zu einer Bestätigung der alten kritischen These (zuerst

A. Schlatter, Zur Topographie und Geschichte Palästinas,
1893, dann W.Weber, Josephus und Vespasian, 1921), daß
Josephus den eigentlichen Kriegsbericht nicht, wie er behauptet
, auf Grund eigener Augenzeugenschaft bzw. eigener
Vorarbeiten verfaßt hat, sondern einem „römischen" (vielleicht
aber in griechischer Sprache abgefaßten) Bericht entnommen
und in seinem Sinne bearbeitet hat. Die in der Analyse
der Reden gewonnene josephische Konzeption findet sich hier
also in der Boarbeitungsschicht wieder. Ferner werden die
sprachlichen und sachlichen Argumente Schlatters und vor
allem Webers ergänzt durch eine begriffskritische Analyse des
Terminus rr#r, (dasMaterial der neuen Münsteraner Josephus-
konkordanz konnte bereits verwertet werden) und eine durchgehende
literarkritische Untersuchung des Zusammenhangs
b 4,659-6,322.

Ein abschließendes Kapitel versucht auf Grund von b5,19
und b 1,9-12, den alttestamentlich-jüdischen Begriff „Klage"
als Leitmotiv herauszustellen, das den Josephus bei der Abfassung
des Bellum bestimmt hat. Hier, und nicht in der hellenistischen
Theorie von der Objektivität des Historikers, liegt
seine Engagiertheit als Schriftsteller. Josephus ist Priester, der
den Verlust des Tempels beklagt. Die Kraft solcher Klage ist
jedoch dadureh gebrochen - und hier liegt der Unterschied zu
den alten Klageliedern -, daß der Klagende einen Standpunkt
eingenommen hat, von dem aus er sich nicht mit seinem Volk
unter eine gemeinsame Schuld zu beugen vermag.

BERICHTE UND MITTEILUNGEN

Da« christliche Leben nach den Grundsätzen der evangelischen
Kirche im Zusammenhange dargestellt von Friedrich Schleiermacher
. Vorlesungen über christliche Sittenlehre nach
großenteils unveröffentlichten Manuskripten Schleiermachers
und Nachschriften seiner Hörer hrsg. und eingeleitet
von Hermann Peiter. l.Bd. [Nachschriften aus
dem WS 1826/27 (Haupttext)], 2. Bd. [Nachschriften aus
dem WS 1826/27 (Textkritischer Apparat)]. Anhang zur
theologischen Habilitationsschrift (Berlin 1968), MS. Berlin
1969. III, 627 S., 437 8. 4°.

Die folgende Selbstanzeige betrifft eine neue Herausgabe
von Schleiermachers „Christlicher Sitte" von Dr. theol. habil.
Hermann Peiter - Berlin, die nicht im Druck, sondern nur in
Ormig-Abzügen vorliegt. Da die ThLZ nur im Druck erschienene
Werke bespricht, es sich aber um eine allgemein interessierende
Schleiermacher-Ausgabe handelt, die von der Deutschen
Staatsbibliothek in 100 Exemplaren versandt worden
ist, kommt diese Selbstanzeige in der Rubrik „Belichte und
Mitteilungen" zum Abdruck.

Vor 7 Jahren schrieb mir ein bekannter Schleiermncher-
Fbrscher: „Wenn Sie es schaffen würden, die Christliche Sitte
herauszugeben, würden Sie sich ein unsterbliches Verdienst um
die Schleiermacher-Forschung erwerben." Inzwischen liegt
meine Schleiermacher-Ausgabe in mehr oder weniger lesbaren
Ormig-Abzügen vor; ich zähle mich nach wie vor zu den