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Ausgabe:

1971

Spalte:

377-378

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Wolter, Hans

Titel/Untertitel:

Lyon I et Lyon II 1971

Rezensent:

Bork, Ruth

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Seite 1

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377

Theologische Literaturzeitung 96. Jahrgang 1971 Nr. 5

378

Probleme von Gottesdienst und öffentlichkeitsbezug in
unserm Bereich different von dort geschilderten. Diese
Erfahrung bestätigt das, was Sigurd Martin Daecke zeigen
will: daß Situation und Adressat, Medium und Subjekt
eine unmittelbar prägende und verändernde Wirkung auf
Gestalt und Inhalt der Verkündigung haben. So nehmen
wir hier dieses Buch mit Interesse zur Kenntnis, nützen
aber wird es uns nur, wenn wir nachzudenken beginnen:
wie sieht es nun demgegenüber bei uns aus mit dem
Verhältnis von Kirche und salus publica, von christlicher
Botschaft und Stadtfrieden, von Gottesdienst und Öffentlichkeit
? Ich wünschte mir also noch ein zweites Buch
dieses Titels, in dem Theologen der DDR das Problem
aufgreifen und ihre eigenen Konkretionen ebenso zur
Diskussion stellen sollten.

Jena Klans-Peter Hertzsch

Barth, Karl: Das Geheimnis des Ostertages (1845-1970
Almanach. 125 Jahre Chr. Kaiser Verlag München. München
1970 S. 55-59).

Chapelle, A. S. J.: Lc theologien dans l'Eglise (NRTh 92,
1970, 897-905).

Gremmels, Heinrich: Gruppenbildung in der Synode. Für
eine demokratische Grundstruktur der Kirche (Lutherische
Monatshefte 10, 1971 S. 34- 36).

Kappus, Walter: Kongreß des Bundes für Freies Christentum
1970 in Frankfurt am Main vom 6.-8. November
(Freies Christentum 23, 1971 Sp. 2-4).

Merkel, Friedemann: Im Angesicht der Gemeinde. Cele-
bratio versus populum - zu einem Problem des heutigen
evangelischen Gottesdienstes. München: Kaiser [1970].
62 S. 8° - Theologische Existenz heute, hrsg. v. K. G.
Steck u. G. Eichho'lz, 166. DM 6,-.

O'Dea, Thomas: Die Kirche als Sacramentum mundi
(Conc 6, 1970 S. 541-546).

Otto, Lothar: Kirche ohne Führung? Hierarchischer Führungsstil
oder Management (Lutherische Monatshefte 10,
1971 S. 27-32).

Rhodes, Robert: Strukturen der Präsenz der Kirche in
der Welt von heute - durch die kirchlichen Institutionen
(Conc 6, 1970 S. 550-555).

Schreuder, Osmund: Gemeindereform - Prozeß an der
Basis. Thesen: O. Schreuder. Stellungnahmen: W. Kramny,
E. Walter. Freiburg-Basel-Wien: Herder [1970]. 124 S.
8° = Kirche im Gespräch.

Sperling, Eberhard: Für ein rationaleres Verwalten. Zwischen
Zentralismus und Selbstverwaltung der Kirche
(Lutherische Monatshefte 10. 1971 S. 32-34).

Stollberg, Dietrich: Alle sind Seelsorger. Chancen im Umbruch
- Möglichkeiten verantwortlicher Neugestaltung
des seelsorgcrlichen Dienstes (KuD 17, 1971 S. 86-95).

Vogt, Theophil: Zur Konzeption einer kirchlich-theologischen
Erwachsenenbildung (Wissenschaft und Praxis in
Kirche und Gesellschaft 60, 1971 S. 100-106).

MISSIONSWISSENSCHAFT, ÖKUMENE

Wolter, Hans, Prof. S. J., u. Henri Holstein. Prof. S. .1.:
Lyon I et Lyon II. Paris: Editions de l'Orante [1966].
320 S. m. 2 Ktn., 8 Taf. 8° Histoire des Conciles
oecumeniques, publ. par G. Dumeige, 7.
In dem vorliegenden 7. Band dieser von Gervais Dumeiqe
S. J. herausgegebenen Geschichte der ökumenischen Konzile
behandelt Hans Wolter auf 150 Seiten das ers'e und
Henri Holstein auf 72 Seiten das zweite Konzil von Lyon.
Es handelt sich dabei um zwei in sich geschlossene und
doch aufeinander abgestimmte Abhandlungen, was auch
Einleitung und Zusammenfassung zeigen. Den vorangegangenen
vier Laterankonzilen (zwischen 1123 und 1215)
folgten die hinsichtlich der Beteiligung stark angewachsenen
Konzile in Lyon (1245 und 1274), bei denen es unter
Anwesenheit von Laien und Klerikern zu Beratungen und
Beschlüssen kam, die sich unter anderem eingehend mit

dem Verhältnis zwischen Kaisertum und Papsttum befaßten,
bnlösbar verflochten mit diesem Machtkampf waren die
Fragen der Wiedergewinnung der heiligen Stätten und der
Einigung der Kirchen, die mit Eifer von Innocens IV. und
Gregor X. vorangetrieben wurden. Die Differenzen zwischen
Innocens IV. und Friedrich II. hinsichtlich eines neuen
Kreuzzugsunternehmens bestimmten weitgehend die Entwicklung
des ersten Lyoner Konzils. Wolter geht ausführlich
auf die Vorgeschichte jenes Konzils, die schon von
Seiten Gregors IX. eingenommene Haltung zu Friedrich II.
und die gegen ihn ausgesprochenen Exkommunikationen
ein. Zur Machtfrage gesellten sich die Fragen der inneren
Reform - nach dem moralischen Stand der Christenheit -
wie auch äußere Fragen, die drohende Mongolengefahr
und das Verhältnis zu den Griechen betreffend. Sie konnten
in den auf das erste Konzil von Lyon folgenden Jahren
nicht gelöst werden, und so bezeichnete Gregor X. zu
Beginn des zweiten Lyoner Konzils als Hauptaufgaben:
1. Vereinigung mit den Griechen, 2. Wiederaufnahme des
Kreuzzugs, 3. Reform der Kirche. Das Verhältnis zum
deutschen Herrscher war inzwischen für Rom zufriedenstellend
geregelt worden, nachdem Rudolf von Habsburg
die italienischen Ansprüche aufgegeben hatte. Der Verlauf
des Konzils bot sich glanzvoll dar und dokumentierte die
gefestigte päpstliche Macht. Der griechische Basileus und
sein Patriarch erkannten die päpstliche Priorität an. -
Die Vf. stellen nicht nur die Frage nach dem Stand der
Dinge während der Ko'.izile, sondern fragen nach deren
bleibendem Gewinn. Holstein stellt fest, daß die während der
Konzile erreichten Erfolge nur einen schnell vorübergehenden
Glanz auf das Papsttum warfen und mehr der Bedeutung
und dem Format der päpstlichen Persönlichkeiten
zuzuschreiben waren als der Institution, und auch keine
Garantie für die Zukunft bieten konnten. Das Werk
Gregors X. zerfiel bald nach seinem Tode: die Einheit mit
Konstantinopel zerbrach, die Kreuzzugsidee verfiel, die
Mißbräuche innerhalb der Kirche wurden ein Dauerzustand.
Als ein Positivum wird die Arbeit an der kirchlichen
Gesetzgebung, die auf beiden Konzilen fortgeführt wurde,
hervorgehoben, darunter besonders das Dekret, das die
päpstlichen Wahlmodalitäten regelte. Insgesamt wird im
Hinblick auf die beiden Konzile der Mangel an Realitäts-
bezogenheit festgestellt, der sowohl in der unnachgiebigen
Haltung gegenüber Friedrich II. zugunsten der päpstlichen
Machtvollkommenheit zutage trat - ein Scheinsieg angesichts
der aufkommenden Nationalitäten und ihrer Selbständigkeitstendenzen
- als auch hinsichtlich der kurzfristigen
Einigung mit den Griechen, denen man in einer für Rom
günstigen Situation Formeln und Ansichten der lateinischen
Kirche auferlegen zu können glaubte. Den Formeln aber
entsprachen sowohl hier wie bei dem 1245 hochgespielten
Kreuzzugsvorhaben die Realitäten nicht mehr. Die zunehmende
Entwertung der Kreuzzugsidee konnte erst späteren
Betrachtern deutlich werden. Die Christenheit hatte ihren
Zusammenhang verloren. Die Nachfolger Gregors X. ließen
sich von ihren italienischen Interessen und den politischen
Maximen Karls von Anjou leiten. Die Konzile von Lyon
waren, wie H. meint, nicht «prospektiv" gewesen. Man
hatte allzusehr den Blick auf die Vergangenheit gerichtet.
Die Kontinuität der Kirche und die Fortführung ihrer
Tradition wurde zwar durch das Werk der geduldigen
und methodischen Konstruktion des kanonischen Rechts für
die folgenden Jahrhunderte gesichert, aber in bezug auf
die Reform der Kirche waren die Bemühungen jener Konzile
nur ein Provisorium gewesen. Auf das neue Europa
der Nationalitäten war man nicht vorbereitet.

Den beiden Arbeiten beigegeben sind eine Reihe
wichtiger Quellentexte zu den Konzilen in französischer
Übersetzung, eine chronologische Übersicht sowie bibliographische
Hinweise auf Quellen und Literatur.

Potsdam Ruth Bork