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Ausgabe:

1970

Spalte:

620-622

Kategorie:

Missionswissenschaft

Titel/Untertitel:

Die ganze Kirche für die ganze Welt 1970

Rezensent:

Wendland, Heinz-Dietrich

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Nichtorthodoxen vielleicht »in ehesten im Verdacht steht,
Anwalt einer abstrakten Lehre zu lein, obwohl ja bei näherem

Zusehen die Orthodoxie immer im engsten Zusammenhang
mit der Orthopraxie gesehen werden will.

Der wesentliche Beitrag der Orthodoxie im ökumenischen

Dialog isl das Insistieren darauf, daß es nur eine Kirche
gehen kann. In ihr spiegelt sieh die trinitarische Uffenharuug
des einen Gottes wieder, eine Erkenntnis, die tief in das allgemeine
ökumenische Gesprich eingedrungen ist, wenn man
z.B. an die Überlegungen über die Einheil denkt, die in Neu
Delhi 1961 angestellt wurden. Und diese Erkenntnis, in der
die Notwendigkeit der Einheit ihre tiefste Begründung erfährt
, verweist alle Versuche, Einheit um des Zieles der
Glaubwürdigkeit der Kirche in der Welt willen, um der Effektivität
ihres Handelns willen eu begründen, die so leicht
apologetisch wirken können, in die /.weitrangigkeit.

Wenn diese eine Kirche die orthodoxe ist, dann ist damit
keine Konfessionsbezeichnung gemeint, sondern näher erläutert
, was Katholi/.ität und Apostolizität bedeuten. Es ist
damit für die orthodoxe Kirche kein arroganter Anspruch erhohen
, sondern auf die Vorgegebenheit und das Ziel geblickt,
das die Kirchen im Auge haben müssen, wenn sie das Schisma
, das es in der Kirche geben kann, überwinden wollen.

Ks ist darauf hingewiesen, dafj Kirche als Leib Christi und

Volk Gottes, als Ereignis und Institution eins ist. Man kann
nicht das eine gegen das andere ausspielen oder das eine dem
anderen gegenüber als überlegen bezeichnen, ebenso wie es
auch keinen Gegensatz zwischen Hierarchie und Volk Gottes
gibt.

Kirche in dieser Kinheit, bei der u n l er schieden, aber nicht
geschieden werden muß, ist „Präliguration der völligen Geineinschaft
aller mit Gott am Ende der Geschichte" (S. 153).

Der Untertitel des Buches heißt „Kirche und Welt in orthodoxer
Sicht". Mit dein letzt Gesagten ist auf Aufsätze des
zweiten Teiles des Buches hingewiesen, die unter dein Thema
„Kirche — Welt — Mission" miteinander verbunden sind.
Hier kommt eine kosmologische Ekklcsiologie bzw. eine
ekklesiologische Kosmologie zur Sprache, nach der die Well
potentiell schon Kirche ist (S. 169).

Aber das bedeutet auf keinen Fall, bei der Kirche als einer
isolierten Gemeinschaft stehen zu bleiben, auch wenn sie von
vorne herein in ihrem Bezug zur Welt zu sehen ist. Profetisches
Wort und Handeln müssen in konkreten Fällen gewagt
werden, nur so lindet die Kirche ihre kosmische und universale
Ausrichtung auf die Welt in allen ihren Bereichen, die als
„Familie, die in der geoffenbarten Herrlichkeit des dreieinigen
Gottes geeint ist", zu betrachten ist (S. 185).

In diesem Zusammenhang wird ein höchst interessanter
Entwurf der ekklesiologischen Grundlagen der Mission vorgelegt
, der zeigt, daß es Mission nur unter der Voraussetzung
der Verkündigung der reinen Heilsbotschaft und der Gnadenvermittlung
durch die Sakramente gibt, „die den Menschen
mit dem auferstandenen Herrn der Geschichte und der Kultur
vereinen" (S. 213). Aber klingt das nicht zu sehr nach
einer diesseitigen Harmonie, in der das erst zu erwartende
ungebührlich vorweggenommen ist ?

In seinem Aufsatz „Der theologische Sinn der technologischen
und sozialen Revolution" macht der Vf. klar, daß Christen
dazu beitragen können, „daß aus der technologischen
Revolution eine Quelle der Weiterentwicklung für die ganze
Menschheit wird" (S. 229). Das bedeutet nicht, daß das Jenseits
im Diesseits aufgehen könnte und wir aus der Spannung,
in die uns die Zukunft Gottes versetzt, entlassen wären. Es
bedeutet aber auch nicht Gleichgültigkeit gegenüber der
Weltgestaltung. Und gerade dazu bedürfen die Kirchen des
Einsseins, vor allem aber des Ernstnehmens der sittlichen
Frage nach dem Menschen, seinem Wert, seiner Würde, seiner
Sehnsüchte und Möglichkeiten. Hier liegt nach der Meinung
des Vf.s eine große Aufgabe der Theologie heute, in der Vergangenheit
Vernachlässigtes nachzuholen, es geht um die Ge-

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winnung einer neuen Anthropologie, die sieh uns der Person
Christi ableitet.

Damit zeigt sich — um auf früher behandeltes zurückzukommen
—, daß Orthodoxie weder statisch noch funktional
zu verstehen ist, sie isl „hypostutisch" (S. 31). Es geht um die
Herrschaft des Geistes im neuen Mensehen, die gegenüber
einem Cliristomonismus leicht zu kurz kommen kann. Der
Mensch wird nicht durch das, was er ist, bestimmt, sondern
durch das, was er werden kann; er ist in Beziehung zu seinem
Ziel in Christus (im deutschen heißt es „Ende") und zu dem
Werk des l'arakleten (S. 51). Und dieses Werk hat seine
Eigenständigkeit und geht nicht in einer dem Menschen zugewendeten
Christologie auf.

Wer die ökumenische Debatte einigermaßen übersieht, ist
überrascht davon zu sehen, wie stark sich in orthodoxer Theologie
, die ihre Eigenart nicht verleugnet, das gesainte ökumenische
Gespräch schon widerspiegelt oder, wie man auch sa-
gen kann, wie dieses von charakteristischen orthodoxen Gedanken
durchpulst ist. Man denke an das, was in Montreal
1963 über Kirche als Ereignis und Institution erarbeite 1 wurde
, was zur Zeit in einer wichtigen ökumenischen Studie über
die Einheit der Kirche und Einheit der Menschheit zur Diskussion
gestellt ist und vieles andere.

Dieser Band zeigt, daß wir es bei der östlichen Orthodoxie
mit einer Kirche zu tun haben, die ganz zu Unrecht mit starren
Festhallen an dogmatischen Aussagen behaftet wird.
.Nicht nur kirchliche Strukturen können geändert werden,
auch „Neuformulierungen" der Lehre „sind möglich im Blick
auf die gegenwärtigen Bedürfnisse der Kirche, Änderungen
sind möglich, solange die Beständigkeit und Kontinuität des
Geistes und ihre unerschütterliche Begründung auf dem Eckstein
der Apostel, Propheten und Märtyrer gewahrt bleiht
und in ihrer großen Bedeutung anerkannt werden" (S. 24/i).

Itochum Hans-Heinrich Wolf

Visser"t Ilooft, W. A.: Die ganze Kirche für die ganze Welt.
Hauptschriften Band 1. Stuttgart-Berlin: Kreuz-Verlag
[1967]. 313 S. gr. 8°. Lw. DM 28,-.

Der Verfasser gibt in diesem Buche eine Sammlung von
Vorträgen und Aufsätzen heraus, welche die ganze Geschichte
der ökumenischen Bewegung samt all ihren Problemen widerspiegeln
. Dies ist um so wichtiger und dankenswerter, als
der erste Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen
besonders in den letzten 20 Jahren die Geschichte der
Ökumene ganz entscheidend beeinllußt und mitgestaltet hat.
sowohl als Theologe wie als Organisator und Diplomat von
hohen Graden. Der heutige Ökumenische Rat der Kirchen ist
ohne das weitgespannte Lebenswerk von W. A. Visser't Hoof 1
überhaupt nicht zu denken. Welches Thema der Vf. auch behandeln
mag, immer tritt eine gediegene, theologische Grundlegung
zu Tage; alle Probleme der Ökumene seit Stockholm
1925, ob Nationalismus und Rassismus, die Fragen der Weltmission
oder der Struktur und der Aufgabe des Ökumenischen
Rates der Kirchen, der Stellung der Kirche inmitten
der Welt des heutigen Pluralismus und der Säkularisation, —
sie alle werden vom Zentrum der christlichen Botschaft aus
durchleuchtet, und dies ist für den Vf. die Herrschaft Christi
über die Welt, die Universalität des Evangeliums und der
Kirche. Der Vf. erweist sich als Schüler Karl Barths, doch
darf das Wort „Schüler" natürlich nicht im engen Sinne verstanden
werden, zumal die große Welterfahrung und der Ertrag
zahlloser Begegnungen mit Christen anderer Kontinente
und Kirchen das theologische Denken Visser't lloofts befruchtet
haben. Es ist sicher kein Zufall, daß sich gerade die
Theologie Barths in seinem Denken als ökumenisch fruchtbar
erwiesen hat. Der Vf. zeigt mit Recht, daß alle großen Probleme
der heutigen Kirche nur noch in der ökumenischen
Dimension gelöst werden können. So würdigt er z. B. auch die

Theologische Literaturzeitung itö. Jahrgang 1970 Nr. 8