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Ausgabe:

1969

Spalte:

470-472

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Winterhager, Jürgen Wilhelm

Titel/Untertitel:

Weltwerdung der Kirche 1969

Rezensent:

Kimme, August

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Theologische Literaturzeitung 94. Jahrgang 1969 Nr. 6

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ches Unternehmen braucht keineswegs destruktiv zu sein; es kann
im Gegenteil längst vergessene Schätze heben.

Dies ist in Umrissen die Aufgabe, die sich der Verf. der bei
Hans Küng in Tübingen angefertigten Dissertation gestellt hat.
Es ist die Arbeit eines Systematikers, in der aber gerade durch
die Aufnahme der exegetischen Forschungen die Starrheit des
Systems durchbrochen wird. Zweifellos wird damit auch auf die
Sicherheit verzichtet, die ein solches System nun einmal zu bieten
pflegt, und sei es nur für die Trägheit oder Furcht des Denkens.
Doch mit gutem Recht kann Dias seine Untersuchung als Fortführung
der Ansätze beginnen, die in den Arbeiten des zweiten
Vaticanum als Notwendigkeit, z. T auch nur als Möglichkeit formuliert
worden sind: Das Verständnis der Kirche als Volk Gottes,
die Vielfalt in der hierarchischen Struktur der Kirche die Stellung
der Laien in der Kirche, das Verhältnis von Ortskirchen und Gesamtkirche
, die Selbständigkeit der Jungen Kirchen in dem Prozeß
der .Enteuropäisierung' und .Entlatinisierung' der Mission.

Zu diesem neuen Sclbstverständnis der Kirche ad intra tritt der
Flick ad extra auf die Ökumenische Bewequng in den nicht-römischen
Kirchen (in dicesem Abschnitt, S. 24ff. begegnet eine ganze
Reihe von Fehlern in Jahreszahlen und Bezeichnungen). F.s gehört
auch dazu die Begegnung mit den nichtchristlichen Religionen.
Aus der inzwischen recht umfangreichen Diskussion über die heilsgeschichtliche
Beurteilung der Religionen innerhalb der römischkatholischen
Theologen werden aber nur sehr knappe Hinweise
gegeben, die iedoch entgegen manchem Überschwang eine bedachte
Zurückhaltung verraten.

Diese einleitende Situationsbestimmung skizziert als Phänomen
und Postulat die „Rückkehr zur Vielfalt des Neuen Testaments"
im theologischen Verständnis und in der praktischen Gestaltung
der Kirche. Die Grundlage für die weiteren Erwägungen bilden
die Arbeiten gegenwärtiger neutestamentlicher Forschung zur Ek-
klcsiologie aus der evangelischen und der katholischen Theologie.
In der katholischen Exegese unterscheidet Dias zwei Richtungen
oder Denkweisen. Die erste, für die bes. auf T. Betz und R Srhnak-
kenburg verwiesen wird, ist gekennzeichnet durch die These von
einer prinzipiellen oder, vorsichtiger, intentionalcn Übereinstimmung
zwischen dem inneren, christoloqischen und pneumatolo-
gischen Einheitsprinzip und dem äußeren Einheitsprinzio in
Sakramenten, Kultus und Amt. Dias selbst entscheidet sich für
„die zweite, positive Tendenz zu einem tieferen Verständnis der
Vielfalt" (S. 75), wie sie bes. von Künq Schlier. Kuss, Vftotl".
Schelklc, R. E. Brown. K. Rahncr u. a. vertreten wird, von denen
nicht nur die Vielfalt in der Einheit, sondern auch die Einheit in
der Vielfalt herausgestellt wird.

Im Hauptteil der Untersuchung werden die dramatischen Konsequenzen
aus den exegetischen Arbeiten gezogen Unter den Leitbegriffen
von Nachfolge, Jüngerschaft und Zeugenschaft wird alles
konzentriert auf die Vielfalt der Funktionen und Charismen, die
in neun Grunpen eingeteilt sind: die Zwölf. Petrus, die .anderen
Jünger', die Apostel, die Propheten, die Lehrer, die Evangelisten.
Vorsteher und Hirten, die Diakonia im Herrn. Dabei zeiqt sich
einmal mehr ein bemerkenswerter Konsensus zwischen evangelischer
und katholischer Exeqesc, der schon bei den methodischen
Voraussetzungen beginnt. Neue Einsichten auf exegetischem Gebiet
treten freilich nicht zutage, aber allein die systematische
Zusammenfassunq und die Art, in der die theoloqischen Akzente
qesetzt werden, lassen manche Aspekte aufleuchten die sonst
leicht im dürren Geschäft der F.xeqese verblassen oder einfach
überlesen werden. Neben der Vielfalt der Funktinnen und Charismen
- von Ämtern wird offensichtlich bewufif nicht nesnrochen -
Wird besonders das Moment der Diskontinuität im qe^chir-V.Hirhon
Vollzug, im Versagen der Tünqer fz. B. 131ff) betont da«: so
Vicht und oft übersehen und viel zu wenig theologisch reflektiert
wird Dias kann sich dafür auf K. H. Schelkle und vor allem auf
Anselm Schulz stützen In pointierter Zusammenfassung könnte
man sagen i eigentlich gibt es keine Träqer der Gnade, sondern
nur solche, die von der Gnade qetragen werden.

Auf eine direkte Konfrontation mit der qeqcnwärtiqen Erscheinung
der Kirche konnte Verf. aus quten Gründen ver-Hrhten. und
dieser Verzicht verstärkt soqar das Gewicht der Argumente In
der qrofien Fülle von F.inzelstudien katholischer und evanqeli-
scher Excqese nimmt die Arbeit qewifi eine Sonderstellung ein.
und zwar nicht nur wegen des praktischen Nutzens einer Zusammenfassung
. Denn was als Kritik an der F.iqenqe^efrlirhkeit
kirchlicher Orqanisation hcraussprinqt, ist von interkonfessioneller
, ökumenischer Bedeutung. Die im Neuen Testament bereits
einsetzende Entwicklung des unglücklicherweise so genannten
.Frühkatholizismus' ist schließlich eine gemeinsame Tradition
aller Kirchen und ihre ständige Gefahr. Gerade deshalb verdient
es ökumenische Beachtung, wenn Verf. mehrfach betont: „Verfehlt
wäre es jedoch - angesichts der bewiesenen strukturellen
Vielfalt der Kirche -, aus der Faktizität dieser Entwicklung eine
normative exclusive und für immer gültige Ordnungsform und
Gestaltwerdung der Kirche ableiten zu wollen, als ob darin das
Geheimnis der Kirche und ihre Verwirklichungsmöglichkeiten erschöpft
wären" (S. 348).

In diesem Sinne stellt auch W. A. Visser't Hooft in seinem Vorwort
die Frage, ob der bekannte Satz aus dem Commonitorium
des Vinzenz von Lerinum aufgrund des neutestamentlichen Befunds
nicht abgewandelt werden müsse: „Unitas in Christo, diversitas
in donis spiritualibus, in omnibus Caritas."

Muri b. Bern Reinhard Slenczka

Winterhager, Jürgen Wilhelm, Prof. Dr. D. D.: Weltwer-
dung der Kirche. Die ökumenische Bewegung als hermeneu-
tische Aufgabe. Zürich-Frankfurt/Main: Gotthelf-Verlag [1964],
229 S. 8°. Kart. DM 14,50.

Die vorliegende Untersuchung versteht sich als Antwort auf
die heute vielfältig verfochtene These vom notwendigen Exodus
aus der „gescheiterten", „vorökumenischen" Kirche hinaus in die
Welt, besonders auf das Votum des langjährigen Direktors der
Studienabteilung des Ökumenischen Rates der Kirchen, Nils Ehrenström
: „Die traditionellen Strukturen der Kirche, die aus einem
vorökumenischen Zeitalter stammen, verfallen zusehends. Der
äußere Grund für ihren Verfall ist die umwälzende Dynamik der
menschlichen Gesellschaft, die den Untergang aller westlichen In
stitutionen beschleunigt. Der innere Grund ist das Aufbrechen der
ökumenischen Bewegung, die mit ihrem Durchbruch zur Welt
ohne Präzedenzfall in der Geschichte der Menschheit ist" (zit.
S. 17). Der Vf. verdeutlicht den „inneren Grund", indem er „eine
Reihe von Wortgefügen" untersucht, „denen das griechische Eigenschaftswort
olHOi>u.eviM6c, einen dynamischen Aspekt im Prozeß
des Durchbruchs zur Welt vermittelt hat" (ebd.). Die Untersuchung
liest sich wie eine unter diesem Leitgedanken befragte
Geschichte der ökumenischen Bewegung seit 1910, kommentiert
durch den ungewöhnlich belesenen und sachkundigen Vf., der dem
deutschsprachigen Leser dankenswerterweise die einschlägige englische
und französische Literatur zugänglich macht. In die Mitte
der Darstellung werden zwei Hauptvertreter der ökumenischen
Bewegung unseres Jahrhunderts, der schwedische Erzbischof N.
Socdcrblom und der anglikanische Erzbischof W. Tcmplc, mit
ihren Beiträgen zur Wesensdeutung des „ökumenischen" gerückt.
Ihre Bemühungen um das „ökumenische" sind für das 20. Jahrhundert
von besonderem Gewicht. Aber die von ihnen vertretene
Sache hat eine lange und wechselvolle Vorgeschichte, die seit dem
Altertum mit den Worten oi.Houuem. oLuouuf.vt.M6c, und andc
ren Derivaten von oLh- eng verbunden ist.

otHOUiievn war seit Herodot lange ein rein geographischer
Begriff: die bewohnte Erde. Bei Aristoteles tritt ein politischer
Aspekt hinzu: die oluouii6vT) bezeichnet gelegentlich die no\,c,
oder auch .eine friedliche Zusammenfassung mehrerer Stadtstaaten
, die der ganzen Menschheit als Vorbild dienen soll" (39).
Seit Alexander d. Gr. wird sie zum Mythos der „strahlenförmig
sich ausbreitenden Stätte des Lichtes", die sich „von der Finsternis
der Barbaren abhebt" (ebd.). Bei den Diadochen erscheint erst
malig das neugebildete Adjektiv olvtouuEVLWÖc, i „Um als Heiland
der unterdrückten Menschheit zu gelten und dem Herrscher
eines benachbarten Reiches den Rang streitig zu machen, will in
den beiden letzten Jahrhunderten vor der christlichen Zeitrechnung
jeder der Tyrannen - von Makedonien bis Persien und Ägypten -
ökumenisch genannt werden" (40). - Im NT begegnet
oluoun€vn an 15 Stellen. „Durch Verführungskünste des Satans
ist die Oikumene des gegenwärtigen Äons mit einer Autonomie
ausgestattet, die die Tendenz der radikalen Christusferne in sich
birgt, so daß das NT eine neutrale Verwendung der Worte Oikumene
und Kosmos abwehrt" (44). Besonders aufschlußreich für
das negative Verständnis von !otHOUtl6vri sind Luk 4,5-6 sowie
Apc 12,7-9 und 3,10. Nur in Hebr. 2.5 wird von der „zukünftigen
oUtoiJUEVT)" positiv geredet. Erst „die mit der personalen
Koinonia des Sohnes Jesus Christus anbrechende olvtouHßvri