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Ausgabe:

1968

Spalte:

863-865

Kategorie:

Systematische Theologie: Allgemeines

Autor/Hrsg.:

Schoch, Max

Titel/Untertitel:

Karl Barth 1968

Rezensent:

Fangmeier, Jürgen

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Theologische Literaturzeitung 93. Jahrgang 1968 Nr. 11

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protestantischen Position an, daß Gott im Woher meines Verpflichtetseins
und eines radikalen Verantwortungsbewußtseins dem
Nächsten gegenüber erfahren werde. Nur daß Schmucker die bloße
Behauptung nicht ohne Versuch einer Begründung will, diese nicht
als „Stütze" verstanden, sondern als Rechenschaftsablegung vor
dem modernen als dem intellektuell zurückfragenden Menschen.

Schmuckers Reserve den scholastischen und rein theoretischen
Gottesbeweisen gegenüber basiert auf dem Umstand, daß deren
Deduktionen nur zu abstrakt-neutrischen philosophischen Gipfelbegriffen
oder „Letztbegriffen" führen und sie somit „offen" sind
für alle denkbaren theistischen oder monistischen Weltbilder. Den
Sprung, der an dieser Stelle zum biblischen persönlichen und
personal ansprechenden Gott klafft, will aber Schmucker nicht,
wie in protestantischer Theologie, wagendem Glauben als (oft nur)
Emotion, Gefühl oder Willen überlassen, sondern intellektuell
leiten und gleichsam unter logische Kontrolle bringen.

Protestantische Theologie bleibt angesichts dessen gefragt, ob
ihre Gotteslehre (letztlich einheitlicher, als es momentan scheint)
nicht auf ähnliches, wenngleich im Entscheidenden nur postula-
torisch, wenn nicht gar nur rhetorisch statt logisch redend, hinauskommt
- besonders wenn auch ihr das allem Menschsein vorausgehende
„Wort" oder „Personale" oder Dialog, Sprache, Liebe usw.
als quasi-ontologische Kategorien immer wichtiger
werden. Ihr verbunden und in der eigenen Konfession etwas
beargwöhnt, bleibt Schmucker durch eine weltoffene und wirklichkeitsnahe
Art, die sich zumal an Kant nicht vorbeischleicht
(auch nicht ihn durch sophistische immanente Kritik unschädlich
machen will, s. S. 72 gegen die Position des in der Theol. Lit.-Ztg.
1968, Sp. 593 f. besprochenen Buches von Cramer) und nie
außer acht läßt, daß nur der personale biblische Gott, nicht ein
philosophisches Prinzip Ziel der Denkbemühungen sein kann
(was konsequenter als in protestantischem Denken das Theodizee-
problem als Einwand gegen die Wirklichkeit Gottes ernst nehmen
läßt) - wohin unter durchgängigem intellektuellem Geleit kommen
zu wollen nur den entsetzen sollte, der sich einer Alternative
ganz sicher ist.

Berlin Hans-Georg Fritzsche

Schoch, Max: Karl Barth. Theologie in Aktion. Frauenfeld -
Stuttgart: Huber (1967). 227 S., 1 Taf. 8° = Wirkung und Gestalt
, 1. Lw. DM 19,80.

Wieder ein Buch über Karl Barth. Aber es steht in einem
speziellen Zusammenhang. Es eröffnet die Reihe „Wirkung und
Gestalt", welche die Zielsetzung hat, „im Werk und in der Lebensleistung
großer Schweizer der Wirkung über die Landesgrenzen
hinaus . .. nachzugehen". Wobei die Darstellung auf „Lesbarkeit
für den kulturell interessierten Laien" abgestellt ist; deshalb gibt
Schoch längere Leseproben (z. B. das Barmer Bekenntnis), wird
aber auf genauen Zitatnachweis generell verzichtet (wird auch
etwa Dionysius Areopagita als ein „unbekannter geistlicher Schriftsteller
" bezeichnet; 139).

Der Autor ist Pfarrer im Kanton Zürich und Dr. theol., kein
spezieller Schüler Barths, in dessen Schrifttum aber wohlbelesen,
auch gewillt, der theologischen Leistung und Wirkung Barths hohe
Anerkennung zu zollen, wobei sich das Buch durch nicht wenige
treffende Beobachtungen und Formulierungen wie durch eine geschickte
Verbindung von Historie und Theologie (dies besonders
für den intendierten Leserkreis wichtig) auszeichnet.

Schoch entspricht seinem Thema, wenn er der Frage nachgeht,
inwiefern Barths Wirken durch dessen Schweizertum bestimmt sei
(kirchlich, theologisch, politisch), und er entspricht Barth, wenn
er herausstellt, Barths Werk wolle „nicht Schweizertum, sondern
Theologie in Aktion zeigen" (9). Hier sei aber vermerkt, erstens,
daß der Autor mitunter extreme und extrem verschiedene Aussagen
einigermaßen unverbunden nebeneinander stellt. So heißt
es mal: „Die theologische Arbeit und Haltung von Karl Barth
zeigt in ausgeprägtem Maße die Züge, in denen sich der Schweizer
in seinem christlichen und politischen Denken und Fühlen wiedererkennt
" (6); sodann aber, daß seine Theologie nicht eine spezifisch
schweizerische sei (8). Zweitens erscheint es mir als nicht
richtig, wenn der Verfasser Barths Geistesverwandtschaft mit
Zwingli und Erasmus derweise herauskehrt, daß er ihm jede
innere Beziehung zu Luther abspricht (17. 75 ff., 157). Als wenn
nicht Barth, bei aller schweizerischen Betonung des öffentlichen
Charakters des christlichen Glaubens, in seinem Ringen
als junger Theologe viel mit Luthers Ringen zu tun gehabt hätte,
wie er denn in Deutschland nicht nur in Kontakt mit katholischer
Theologie (211!) kam, sondern auch zu eingehender und nicht nurkritischer
Beschäftigung mit der Theologie Luthers.

Als schweizerischem Darsteller liegt es Schoch, zunächst ein
anschauliches Bild von Barths schweizerischer Ausgangsstellung,
insbesondere der religiös-sozialen Bewegung und den frühen Aufsätzen
Barths, zu zeichnen. Er macht dabei das Aufleuchten des
Evangeliums vor der Krisis deutlich (21 f., 42 ff.) wie auch Barths
kräftige Gott-ist-tot-Thesen damals, in Polemik gegen ein bestimmtes
Gottesverständnis (40). Für die 2. Auflage des Römerkommentars
wird einseitiger als von Barth selbst die Entdeckung Fr. Overbecks
verantwortlich gemacht. Treffend ist die Betonung, daß
Barth „nie etwas anderes beabsichtigt hat, als Pfarrer zu sein"
(13); wie er sich denn auch als Professor „des deutschen Pfarrers
mit all der Herzenswärme, mit all der Sympathie, ja Liebe angenommen
habe), die Barths Wesen ausmacht" (85).

Als größte Gabe bringt Barth, 1921 nach Deutschland gerufen,
den durch die eidgenössische Demokratie und Zwingli geformten
„prophetischen" Predigt- und Kirchenbegriff mit, womit die Schweiz
zu ihrer stärksten Wirkung auf Deutschland und die Welt seit der
Reformation und seit Pestalozzi und Rousseau gelangt (76). Zugleich
unterstreicht Schoch, man könne nicht sagen, „daß Deutschland
geradezu auf Barth gewartet hätte. Es hatte eigene Kräfte"
(83; ähnl. 113). Nur war Barth derjenige, der die einzige „der
psychischen Lage angemessene Alternative brachte und damit die
junge Generation ins Herz traf" (114).

Im Zusammenhang der „Scheidungen" wird neben und vor der
Auseinandersetzung mit Gogarten und mit Brunner derjenigen mit
O. Dibelius Raum gegeben. Hinsichtlich Brunners würde ich nicht
von „Barths völliger Verständnislosigkeit" reden (102); Barth verstand
Brunners Thematik, aber sah sie als unzeitgemäß (wo nicht
unsachgemäß) und in einem gefährlichen Gefälle.

In der breiten und anschaulichen Darstellung des deutschen
Kirchenkampfes sind mir nur wenige Schnitzer wie der Vorname
Alfons für Alfred Rosenberg (119) aufgefallen. Eine von Schochs
Unklarheiten liegt vor, wenn er einerseits bemerkt, Barth habe
den anderen Gegnern des DC, „die wie Stählin und Ritter auf
anderer theologischer Grundlage zum Widerstand antraten",
„schweres Unrecht" angetan, indem er nur seine Theologie des
Wortes Gottes als Gegenposition gelten ließ (123), dann aber fortfährt
: „im Effekt hatte Barth recht" (ib.). Hinsichtlich des Barmer
Bekenntnisses wird gut herausgestellt, wie der im Rufe der Einseitigkeit
und Rücksichtslosigkeit stehende Barth nicht in sektiererische
Einsamkeit, sondern zur Sammlung der evangelischen
Kirche gelangt ist (127).

Während das Kapitel „Bekennende Kirche" 32 Seiten und die
beiden über den „Politischen Gottesdienst" und „Die Kirche zwischen
Ost und West" zusammen ebenfalls 33 Seiten füllen, umfaßt
dasjenige über „Kirchliche Dogmatik" nur 13 Seiten. Dabei meint
der Verfasser in diesem Zusammenhang, Barths Denken werde
„das menschheitliche Denken unserer Zeit" (136), wie er Barths
kirchliche Dogmatik als eine der Hauptvoraussetzungen des Vaticanums
II (137) und in der „Fundamentierung der Einheit der
Christen" Barths größte und wichtigste Wirkung überhaupt sieht
(213). Wenn Schoch aber den politischen Zusammenhängen mehr
Raum gewährt als der Entfaltung der Theologie, so würde ich
doch nicht sagen, daß er die letztere vernachlässige, sondern anerkennen
, daß er in geschickter Art den gebildeten Laien an sie
heranführt. Dabei kennzeichnet er Barths Dogmatik als „voller
Überraschungen. Immer sagt er Unerwartetes. Und immer ist der
Kern dieser Überraschungen das konkrete Bibelwort" (145). Ein
Lob wie das, Barth liebe es, mit I. Kant zu rufen: „Habe den Mut,
deinen Verstand zu gebrauchen", gehört zu den gelegentlichen
plumpen und übertreibenden dicta und ist unzutreffend; Barths
These, Denken sei Nachdenken, hätte eher zitiert werden dürfen.
Denkwürdig hingegen die Interpretation der Gnadenwahl in ihrer
Voranstellung vor der Schöpfung (KD II!). Wie H. Cox dartun
konnte, Barth sei gegenüber Tillich der modernere (The
Secular City), so findet Schoch, daß Barth speziell mit seiner
Akzentuierung der Gnadenwahl „im höchsten Grade dem modernen
Menschen" entspreche (150), denn: „Der Mensch ist nicht mehr
im Gehäuse der Schöpfung. Es hält ihn überhaupt nichts, wenn