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Ausgabe:

1968

Spalte:

525-527

Kategorie:

Kirchengeschichte: Reformationszeit

Autor/Hrsg.:

Hillerbrand, Hans J.

Titel/Untertitel:

Brennpunkte der Reformation 1968

Rezensent:

Junghans, Helmar

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Theologische Literaturzeitung 93. Jahrgang 1968 Nr. 7

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Der Leser wartet von Kapitel zu Kapitel auf das Eigentliche,
wodurch Luther zum Reformator wurde. Aber es kommt nicht. Das
hängt wohl damit zusammen, daß F. das Sündenbewußtsein nur
historisch sieht und daher keinen eigenen Zugang zu Luthers Zentralanliegen
findet. „Das Bewußtsein von Sünde ist so gut wie
verschwunden; es tritt nicht einmal zutage, wenn ganz entsetzliche,
alle früheren Schandtaten übertreffende Verbrechen zu beurteilen
sind" (S. 39). Franz Kafka, den F. sofort als Gegenbeispiel anführt,
ist darin ein spätmittclaltcrlichcr Mensch. Aber vielleicht steht
Kafka, der immerhin seine Leser gefunden hat und noch findet,
in unserer Zeit nicht so allein, wie F. meint. Vielleicht sind die
Fragen von Sünde, Schuld und Vergebung, die Luther Umtrieben,
über den Wandel der Zeiten hinweg und durch ihn hindurch
Menschheitsfragen, die immer wieder Antwort suchen. Vielleicht
ist Luther gar nicht der 1525 gescheiterte Rebell, der resigniert
zum Reformator wurde, sondern von 1517 an Reformator, der sich
von denen, die ihn von seinem eingeschlagenen Weg auf ihre Seite
ziehen wollen, scheidet, für den also das Jahr 1525 nicht so einschneidend
ist, wie F. will.

Im Ganzen ist F. mit den Quellen und der Sekundärliteratur
wohlvcrtraut. Aber einige Ungcnauigkeitcn sind ihm, wie es bei
einem so großen Wurf nicht anders sein kann, unterlaufen. 1. Zu
Seite 90 f.: Jodokus Trutvetter war Professor in Erfurt und von
da her Luther bekannt und von ihm geschätzt, als er mit ihm
1508 in Wittenberg zusammentraf. Warum ihn Trutvetter besonders
kühl empfangen haben sollte, ist nicht ersichtlich. Trutvetter
war übrigens nur wenige Jahre in Wittenberg und kehrte dann
nach Erfurt zurück. 2. Zu Seite 101: „Luther blieb vier Wochen in
Rom. Sein Mitbruder als Delegierter erledigte die Ordensmission,
die freundlich beschieden wurde." Sic wurde ablehnend beschieden
, wenn auch wahrscheinlich in freundlicher Form. 3. Zu Seite
246: „Pelagius, dessen Name durch die ganze Kirchengcschichtc
fortlebt und der noch heute von der anglikanischen Kirche feierlich
verdammt wird." Nicht nur von der anglikanischen Kirche,
sondern von allen Kirchen, welche die altkirchlichcn Konzile anerkennen
. 4. Zu Seite 620: „Luther setzte den als .Unionsartikcln'
gedachten Marburger Beschlüssen sogleich nach der Heimkehr
sein eigenes .Bekenntnis' entgegen." Luthers Schrift „Vom Abendmahl
Christi, Bekenntnis" erschien im März 1528, die Marburger
Artikel wurden im Oktober 1529, also anderthalb Jahre später,
unterzeichnet. Übrigens hatte Luther auch gar keinen Grund, von
den Marburger Artikeln abzurücken, da sie die Lehrdifferenz zwischen
ihm und Zwingli knapp und treffend ausdrücken.

Hallc/Saalc Erdmann Schott

Hillerbrand, Hans J.: Brennpunkte der Reformation. Zeitgenössische
Texte und Bilder, übers, v. E. Hcrdiccker-
hoff. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (1967). 415 S. m.
zahlr. Abb. im Text, 16 Taf. gr. 8°. Kart. DM 21,80; Lw. DM
29,80.

Der Herausgeber einer Qucllcnsammlung zur Reformations-
geschichtc steht vor einer schwierigen Aufgabe. Die Reformation
hat reichlich Quellen hinterlassen. Obgleich diese längst nicht alle
ediert sind, sind die edierten doch so umfangreich, daß auf jeden
Fall nur ein Bruchteil ausgewählt werden kann, der nach Promillcn
gerechnet werden muß. Der Herausgeber steht vor der Wahl, ob
er Bekanntes bringen will, das vielleicht mancher Leser erwartet,
°dcr mehr Unbekanntes, um neue Seiten oder Betrachtungsweisen
ins Bewußtsein zu heben. Wenn er versucht, die Stücke zu einem
zusammenhängenden Ablauf der Reformation zu verdichten, muß
er sich auf die wichtigsten Ereignisse der Reformation, unter Umständen
sogar auf die deutsche, beschränken und kann manches
nur am Rand aufleuchten lassen. Der Herausgeber kann aber auch
den Bogen in bezug auf den Stoff weit spannen und ein Lesebuch
vorlegen, das einige wichtige und aufschlußreiche Stücke zu einigen
Ereignissen der Reformation bietet. Einen absoluten Wertmaßstab
kann es bei dieser Quellenlage nicht geben. Daher können wir
nur feststellen, wie Hillerbrand in seinem Buch vorgegangen ist.

H. verrät gleich in dem Titel, daß er auf eine zusammenhängende
Darstellung verzichtet. Er wählt zu Brennpunkten der
Reformation aus: Martin Luther und die Reformation in Deutschend
, Zürich, Genf, Der linke Flügel der Reformation, England und
Schottland, Katholische Reform und Gegenreformation. Jeder dieser
Abschnitte hat eine kurze Einleitung, die nicht nur an die
folgenden Quellenstücke heranführt, sondern das Wichtigste mitteilt
, so daß für den Leser die Quellenstücke gewissermaßen die
Belege bringen. Für „Die Reformation in Schottland" fehlt diese
Einleitung. Die einzelnen Quellenstücke sind mit einer kurzen
Überschrift versehen.

Das vorliegende Buch ist bereits 1964 in New York in englischer
Sprache erschienen. Sieben Mitarbeiter übersetzten dafür die
Quellcnstücke. Es überrascht nicht, daß in einer für englische
Leser bestimmten Qucllcnsammlung auch die englische Reformationsgeschichte
berücksichtigt wird. Auch für den deutschen Leser
haben diese Stücke ihren besonderen Reiz, da sie ihm nicht so
vertraut sind. In dem Bericht über die Ermordung des Kardinals
Beaton (328-331) wird ihm eine gewaltsame Form der Reformation
vor Augen gestellt, die er aus seiner Heimat nicht kennt.

Der Band bietet aber auch Stoffe, die man unter dem Titel
Reformation nicht ohne weiteres erwartet. So verdienstvoll der
Versuch ist, auch die innerkatholischen Reformversuche neben der
Reformation sichtbar zu machen, so wird die Missionstätigkeit
von Franz Xavicr in Asien doch nicht dazugerechnet werden können
, ohne daß der Begriff „Reformation" zu einem Ausdruck für
„Kirchcngeschichte im 16. Jahrhundert" erweitert bzw. entleert
wird.

Mancher Leser wird auch eine Auskunft über den Wert der
Quellen vermissen, in welchem zeitlichen Abstand von dem Ereignis
sie aufgezeichnet wurden und wer sie verfaßt hat. In einigen
Überschriften wird der Verfasser genannt und bei den Briefen
das Datum hinzugefügt, aber im Quellennachweis ist nur der Fundort
angegeben. Wenn es sich um eine Quellensammlung handelt,
wie z. B. die Luther-Ausgabe von Walch, erfährt der Leser überhaupt
nichts über die Verfasserschaft. So wird z. B. der Bericht
eines Besuchers in Wittenberg geboten (37 f.), aber verschwiegen,
daß der Besucher Dantiscus war und dessen Begegnung mit Luther
1525 stattfand.

Herdieckerhoff hat bei den deutschen Übersetzungen auf bereits
vorhandene Übersetzungen zurückgegriffen. Dagegen ist nichts
einzuwenden, wenn es sich um gute Übersetzungen handelt. Aber
die Übersetzung des Frühneuhochdeutschen bringt eigene Probleme
mit sich. Manche Übersetzer halten sich eng an den Wortlaut
und gleichen weitgehend nur die Orthographie dem Duden
an, wie z. B. Kaulfuß-Diesch, andere übersetzen die Wörter, weil
sie deren Bedeutungswandel stärker berücksichtigen und den
Leser vor Mißverständnissen bewahren wollen, wie z. B. Aland.
Einige der verwendeten Übersetzungen stammen aus dem 19. Jahrhundert
und haben daher die orthographischen Eigenheiten dieser
Zeit behalten. Aus „Luthers Leben in Predigten" des Johannes
Mathesius wird einmal (28 f.) der Text in der frühneuhochdeutschen
Schreibweise wiedergegeben und ein andermal (29-31) eine
Übersetzung geboten. Es ist auch nicht ganz unbedenklich, die
Übersetzungen von Walch zu übernehmen, der ja eben für seine
Zeit übersetzte. So wird z. B. in der Ablaßpredigt - bei der nicht
eindeutig feststeht, ob sie Tetzcl gehalten hat - aus „Mörder und
Verleumder" bei Walch „Lasterhafte". Auch sonst begegnet man
bei Walch einer freien Wiedergabe von Sätzen. Ein besonderes
Verfahren wurde bei der Wiedergabe der Protestation in Speyer
angewendet. Der Text wird dem Leser aus Walch geboten und
durch eingeschobene Ergänzungen und Übersetzungen erläutert,
obgleich die Ausgabe der „Deutschen Reichstagsakten" den Text
inzwischen neu ediert hat. Es hätte nahegelegen, entweder den
ursprünglichen Text vorzulegen und diesen zu erläutern oder ihn
zu übersetzen, was bei diesem Juristenbandwurm hätte zu einer
Verstehenshilfe werden können.

Das Buch enthält am Schluß neben einem Personenregister in
Auswahl auch Erklärungen wichtiger Namen und Begriffe. Es ist
nicht immer leicht, mit wenigen Worten eine befriedigende Erklärung
zu finden, dennoch soll auf einige Dinge hingewiesen
werden: Die Ablaßlehre der „heutigen katholischen Theologie" ist
zu sehr mit der Anschauung einiger Reformkatholiken gleichgesetzt
. Die Ablaßkonstitution „Indulgentiarum doctrina" vom
1. Januar 1967 müßte berücksichtigt werden. Friedrich der Weise
hat zwar jeden persönlichen Kontakt mit Luther vermieden, aber
ihn doch gesehen, so z. B. auf dem Reichstag in Worms. Johann
Friedrich der Großmütige (1503-1554) war nicht der Sohn, sondern
der Neffe Friedrichs des Weisen. Unter ihm entstand auch