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Ausgabe:

1968

Spalte:

472-474

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Leuba, Jean-Louis

Titel/Untertitel:

A la découverte de l'espace oecuménique 1968

Rezensent:

Slenczka, Reinhard

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Theologische Litcraturzcitung 93. Jahrgang 1968 Nr. 6

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lytismus und überhaupt auf eine Vergrößerung ihrer Mitgliedszahl
verzichtet. Deshalb kann an vielen Stellen des Buches vom
Aufhören der Arbeit der Brüder berichtet werden, sei es, daß man
die Arbeit anderen Kirchen überließ (z. B. Grönland, Australien,
auch Brasilien, S. 50), sei es, daß die Arbeit selbst eingeschlafen ist
(z. B. Finnland und Norwegen, S. 229 ff.). Aber auch da, wo von
einer erfolgreichen und gesegneten Arbeit in den letzten Jahrzehnten
berichtet werden kann, wie etwa in den USA, wird die
Frage nach der „Daseinsberechtigung" neben anderen Kirchen, mit
denen man schon längst zusammenarbeitet, sorgsam und ohne
konfessionellen Eigenruhm bedacht (S. 217 f.). Die Unitätssynodc
- die höchste Leitungsinstanz der evangelischen Brüder-Unität -
hat auf ihrer Tagung 1957 dementsprechend jeder Provinz die
Freiheit zum Anschluß an regionale Kirchen gegeben, während
man einen Beitritt zu konfessionellen Weltbünden nicht befürwortete
(S. 51).

Der Sammelband enthält 27 Aufsätze von 22 namhaften Vertretern
der Brüder-Unität. Es fällt auf, dafj aus der zahlenmäßig
stärksten und in vieler Hinsicht auch sehr interessanten Arbeit in
Suriname kein Mitarbeiter vorhanden ist. Den knappen Bericht
von Victor Müller über Suriname (S. 78-83) hätte man sich ausführlicher
gewünscht.

Nach den beiden oben genannten grundlegenden Kapiteln folgt
eine Missionsgeschichte der Brüdergcmcinc (S. 56-115), die deutlich
macht, wie stark der Zwang zur eigenen Kirchen- oder Konfessionsbildung
immer wieder ist. Es folgen drei Sachkapitel: über
kirchliche Ordnungsprobleme (Ortsgemeinde, Kirchenordnung,
Bischofstum), über das Gemeindeleben (Gottesdienst, liturgische
Bräuche, Sitten) - ein sehr klarer und instruktiver Bericht - und
über die Erziehungsarbeit (S. 116-161). Drei weitere Kapitel behandeln
die Arbeit in Großbritannien, Osteuropa und Amerika
(gemeint sind die USA) (S. 162-218). Das abschließende Kapitel
spricht von der zwischenkirchlichen Hilfe in der Diasporaarbeit
(Schweiz, Polen, Skandinavien, Holland) (S. 219-237). Diese Einteilung
ist etwas undurchsichtig. Das hängt mit dem Hauptmangel
des Buches zusammen: Man hätte eine klare Vorentscheidung darüber
fällen sollen, welche Rolle die Geschichte der Brüder-Unität
in einer Darstellung ihrer Gegenwart einnehmen soll. So beginnen
die meisten Aufsätze mit geschichtlichen Rückblicken auf Herrnhut
oder die alte böhmische Brüder-Unität. Die Darstellung der
gegenwärtigen Problematik kommt dann darüber zu kurz, etwa
bei der Tschechoslowakei. Die Berichterstattung über die gegenwärtige
Lage der Brüdergemeine in Deutschland ist auf reichlich
zwei Seiten (S. 120-122) neben einigen verstreuten Notizen auch
unzureichend. Warum die nur noch historisch interessante Arbeit
in Preußen und Polen (S. 189-192) dargestellt wird, zumal ebenso
interessante, aber auch vergangene Gebiete wie das Baltikum und
Sarcpta an der Wolga lediglich im Literaturverzeichnis auftauchen,
versteht man nicht recht. Eine klarere Konzeption hätte die Lektüre
des Buches erleichtert.

Den Aufsätzen folgt ein Anhang von 50 Seiten. Er enthält eine
statistische Übersicht, ein Anschriftenverzeichnis sowie wichtige
Abschnitte aus der Kirchenordnung von 1959, darunter auch der
„Grund der Unität" von 1957 (S. 248-251) - eine beachtliche bekenntnishafte
Erklärung. Schließlich gehört zum Anhang eine umfangreiche
Bibliographie, deren Aufbau und Auswahl etwas zufällig
zu sein scheint, sowie dankenswerterweise ein Sach-, Ortsund
Personenregister.

Die Monita sollen aber in keiner Weise die Dankbarkeit schmälern
, mit der man dieses Buch aus der Hand legt. Die Brüder-
Unität ist keine „Kirche der Welt", aber eine kleine, aktive Dienstgemeinde
, deren Wirken auf allen Kontinenten vorhanden war
oder ist. Sie hat von ihrem böhmischen Ursprung, noch stärker
von Zinzendorf her, eine Fülle von geistlicher Erkenntnis und
bruderschaftlichcr Lebensweise geschenkt erhalten - man denke
nur an Zinzendorfs Tropenidee (S. 41-45). Freilich ist es dieser
Dienstgemeinschaft gerade in den Missionsgebieten nicht erspart
geblieben, Konfession neben anderen Konfessionen zu werden,
volkskirchliche Denkweise und auch einen gewissen Traditionalismus
zu entwickeln. Aber keiner der Verfasser beruhigt sich dabei.
Die Sclbstdarstellung der Brüder-Unität ist keine konfessionskund-
lichc Selbstbcspicgelung, sondern, sagen wir, ein Stückchen ökumenischer
Sauerteig. Die Brüdergemeine teilt die Unsicherheit

über den Weg der Kirchen in einer veränderten Welt, aber in
dieser kleinen Schar von Christen sind doch Gaben lebendig, die
andere Christen durch dieses Buch dargestellt und dargeboten bekommen
. Das Buch hat gerade auch durch seinen Anhang einen
guten Informationswert. Es bleibt abzuwarten, ob es den großen
„Kirchen der Welt" gelingt, in ihren Darstellungen so viel ökumenische
Verpflichtung und Bereitschaft zur Selbstverleugnung zu
zeigen.

Magdeburg Peter Schicketanz

Leuba, Jean-Louis, Prof. Dr.: A la decouverte de l'cspace oecu-
menique. Neuchatel: Dclachaux et Niestie [1967]. 237 S. gr. 8° =
Bibliothcque Thcologiquc.

Sicher bildet die Ökumene heute nicht mehr einen weißen
Fleck auf der Landkarte der Theologie, wie es nach dem Titel
dieser Aufsatzsammlung scheinen mag. Aber Leuba gehört zweifellos
zu den Theologen, die als Entdecker in den letzten zwei bis
drei Jahrzehnten dazu beigetragen haben, daß in dem unbekannten
Gebiet Wege gebahnt und Wegweiser aufgestellt wurden. Was
heute irritiert, ist vermutlich weniger das Fehlen, sondern die
Vielzahl der Wege.

Aus dem Zeitraum zwischen 1947 und 1966 sind in diesem
Band vierzehn Beiträge gesammelt, die alle um das Thema einer
ökumenischen Theologie und einer theologischen Begründung für
das Gespräch zwischen den getrennten Kirchen kreisen. Geordnet
sind sie unter vier „Itineraricn" in biblischer, historischer, systematischer
und ökumenischer Sicht. Acht dieser Arbeiten sind auch
in deutschen Zeitschriften und Sammclbändcn veröffentlicht worden
.

Das systematische Leitmotiv ist durchgehend die formale Dialektik
oder auch der Dualismus von „Institution und Ereignis", ein
Thema, das Leuba in seinem gleichnamigen Buch 1950 (dt. 1957)
monographisch am Beispiel der neutestamentlichen Christologie
und Ekklesiologie behandelt hat. In der deutschen Theologie
haben die Erwägungen von Leuba bisher nur einen sehr geringen
Widerhall gefunden. Dies dürfte, von einzelnen exegetischen, historischen
und konfessionskundlichen Einwänden abgesehen, seine
Ursache darin haben, daß dieser Schematismus vorwiegend auf die
inncrgeschichtliche Erscheinungsweise der Kirche gerichtet ist. Die
Spannung zwischen geschichtlicher Vorläufigkeit und eschatologi-
scher Vollendung, zwischen Verheißung und Erfüllung, tritt dahinter
zurück. Die eschatologischc Dimension spielt bei Leuba,
wenn sie freilich auch nicht ganz fehlt, eine untergeordnete Rolle.

In dem zweiten Aufsatz der Sammlung geht Leuba auf die
kritischen Einwände ein, die besonders von französischen Theologen
, reformierten und römisch-katholischen, gegen sein Buch erhoben
worden sind. Es ist bezeichnend, wie scharf dabei die
Gegensätzlichkeit in der Betonung der Kontingcnz auf der einen
und der Institution auf der anderen Seite hervortritt, wo es Leuba
gerade um den Versuch einer theologischen Vermittlung der Extreme
ging. „Protestanten und Katholiken lehnen also nach demselben
Grundprinzip den essentiellen Dualismus ab, obwohl sie,
von beiläufigen Unterschieden im Vokabular abgesehen, in seiner
exegetischen Feststellung übereinstimmen" (45). Die Christologie
von Chalcedon erscheint schließlich als das Vorbild und Prinzip
der Vermittlung von Institution und Ereignis, übertragen auf die
Ekklesiologie. Diese Synthese bestimmt auch die folgenden Untersuchungen
zum Verhältnis von Geist und Tradition nach dem
Neuen Testament wie auch über das ökumenische Konzil in der
reformierten Theologie.

Die vermittelnde Funktion der Formel von „Institution und Ereignis
" findet in den weiteren Beiträgen ihre Anwendung in der
Kritik an der protestantischen Ekklesiologie sowie im theologischen
Gespräch mit der römisch-katholischen Kirche. Zwischen bei-
dem steht eine grundsätzliche Erwägung zum Verständnis der
christlichen Einheit.

Beispiel für ein rein aktualistisches Verständnis der Kirche ist
die Ekklesiologie Karl Barths. Das Problem der Kirche ist „einer
der großen weißen Flecken" in der „Kirchlichen Dogmatik" - eine
Feststellung, die deshalb überrascht, weil es dazu immerhin mehrere
recht umfangreiche Abschnitte gibt. Gemeint ist also wohl
weniger die Ekklesiologie an sich, sondern die dogmatische Reflexion
über die geschichtliche Gestalt und Wirklichkeit der Kirche.