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Ausgabe:

1968

Spalte:

457-460

Kategorie:

Systematische Theologie: Allgemeines

Autor/Hrsg.:

Zahrnt, Heinz

Titel/Untertitel:

Die Sache mit Gott 1968

Rezensent:

Hübner, Eberhard

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Theologische Literaturzeitung 93. Jahrgang 1968 Nr. 6

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die christliche Exegese und Dogmatik beschäftigenden „Sache"
vollends dringlich macht. Ist es nur eine Frage der methodischen
Annäherung oder betrifft es die „Sache selbst", wenn diese zusätzlich
zur Schrift durch ein kirchliches Glaubensbewußtsein bzw.
Lehramt verbürgt sein muß?

Immerhin legt sich auch bei der Lektüre des Buches von Petri
der anderwärts noch stärker sich aufdrängende Eindruck nahe,
dafj es künftig - entgegen Karl Rahners wohlgemeinter Fürsprache
beim Fachkollcgen: „Hab Geduld mit dem Excgeten ... Du hast es
leichter"3 - in der katholischen Theologie der Dogmatiker, der als
eigentlicher Sachwalter die Homogenität jener ganzen Lehrentwicklung
vor der Schrift verantworten soll (vgl. 194 ff, 202 ff.),
erheblich schwerer haben werde als der Exeget.

Bonn Hans Gelder

3 In dem Anm. 2 erwähnten Sammclband S. 36 und 38.

Zahrnt, Heinz: Die Sache mit Gott. Die protestantische Theologie
im 20. Jahrhundert. München: Piper [1966]. 512 S 8°
DM 24,-.

In kurzer Zeit hat dieses Buch alle Rekorde der Auflagenhöhe
einer deutschsprachigen theologischen Veröffentlichung gebrochen.
Portan mufj damit gerechnet werden, daß es die Vorstellung von
°er „protestantischen Theologie im 20. Jahrhundert" im allgemeinen
Bcwuf3tsein mitprägt. Das wird Auswirkungen haben auch auf
ic Theologie selber. Angesichts derartiger Perspektiven darf es
erhöhte Aufmerksamkeit beanspruchen.

Zahrnt bekennt sich im Vorwort zum „persönlichen Engagement
". Es hätte dieses Hinweises nicht bedurft, denn nicht nur
direkte Wertungen, sondern auch die Auswahl der behandelten
•Theologen und die sie einander zuordnende Komposition verraten
den Standort des Verfassers. Nur wer Objektivität mit Neutralität
verwechselt, wird ihm das zum Vorwurf machen. Der Gegenstand
der Theologie fordert immer das „Engagement" heraus. Darüber
"'naus verlangt die Schwierigkeit, sich in der gegenwärtigen
»protestantischen Theologie" mit ihrer verwirrenden Disparatheit
auch nur einigermaßen zurechtzufinden, geschweige andere durch
s'c hindurchzuführen, geradezu die eigene Stellungnahme. Sie setzt
sich allerdings der kritischen Nachfrage in besonderem Maße aus.
^aß das Buch nur eine Auswahl aus der Fülle der die „protestantische
Theologie im 20. Jahrhundert" vertretenden Namen enthält,
lst unvermeidlich. Auswahl ist hier aber mehr Tugend als Not. Am
einzelnen charakteristischen Beispiel lassen sich ein Sachverhalt
oder ein Problem besser aufschließen als an einer Vielzahl, untereinander
oft nur in Nuancen differenter Positionen. Das gilt vor
allem, wenn nicht in erster Linie Fachleute, sondern Nichtfachlcutc
angesprochen sind. Zahrnts Buch ist durch besonders rigorose
Auswahl gekennzeichnet. Eigentlich behandelt werden: Karl Barth,
Friedrich Gogartcn, Rudolf Otto, Emil Brunncr, Paul Althaus, Diet-
r'ch Bonhoeffer, Helmut Thiclicke, Jürgen Moltmann, Rudolf Bult-
niann, Ernst Käsemann, Ernst Fuchs, Gerhard Ebeüng, Herbert
Braun, Helmut Gollwitzcr, Wolfhart Panncnberg und Paul Tillich.
Andere Namen sind um diese gruppiert. Das Buch ist demnach
ast ausschließlich an der systematischen Theologie orientiert. Auch
die behandelten Neutcstamcntler interessieren vor allem als Systematiker
, die sie faktisch ebenfalls sind. Werden hinsichtlich der
neutestamentlichen Wissenschaft aber noch einige Fragen, so die
"aeh dem historischen Jesus, angeschnitten, die alttestamentlichc
Wissenschaft, die in der Gegenwart hervorragende Bedeutung gewonnen
hat, fehlt völlig. Das ist ein Mangel, der den Anspruch,
• D i e protestantische Theologie im 20. Jahrhundert" darzustellen,
^abmindert. Er läßt tiefere Gründe vermuten, die in der theo-
ogischen Stellung des Verfassers zu suchen sein dürften. Mit seiner
Beschränkung gewinnt Zahrnt aber sowohl Raum für eine
verhältnismäßig breite Darstellung als auch ohne Schwierigkeiten
r~jf durchgehende Linienführung. Beides kommt der Verständlichen
zugute. Sie ist überhaupt die eigentliche Stärke dieses Buches,
ast jede Seite zeigt den Journalisten, den anschauliche Sprache,
as Vermögen, schwierige Sachverhalte durchsichtig zu machen,
j* Gabe, Zusammenhänge zwischen theologischer und allgemeiner
a9e herzustellen, und Sinn für anekdotische Illustration auszeichnen
. Sein Buch liest sich gut. Daß ihn die Lust am Formu-
■eren bisweilen zum etwas billigen Gag verleitet, nimmt man um
ses Vorzugs willen in Kauf.

Die Darstellung beginnt mit Barth. Gleich zu Anfang wird seine
Umkehrung des theologischen Ansatzes des Neuprotestantismus
als „Die große Wende" herausgestellt: „Statt beim Menschen, bei
seinem Reden und Denken über Gott, setzt Barth bei Gott, bei
seinem Reden und Denken über den Menschen ein" (18 f.). Um
so erstaunlicher ist es, daß im weiteren Verlauf der Darstellung
dieser Ansatz, der in der Tat eine „Wende" war, wieder relativiert
wird. Das gilt zunächst für Barth selber. Schon ein paar Seiten
später wird er lediglich zum Auf-den-Kopf-Stcllcn der Theologie
des 19. Jahrhunderts, insbesondere Schlciermachers, verkleinert
und gefragt, ob Barth überhaupt „einen völlig neuen und eigenständigen
theologischen Ansatz gefunden hat" (44). Die pathetischen
Attribute „Prophet" und „religiös(?)-schöpferisches Genie",
mit denen Zahrnt ihn dekoriert, können seine im wesentlichen
verneinende Antwort nicht aufheben. Barth ist für ihn so fixiert
von dem Gegner, den er bekämpft, daß er in falscher Antithese
die „Erde" aus dem Auge verliert und statt dessen „in die Höhe
empor zum Himmel schaut und dem ewigen Spiel der Trinität
lauscht" (386 - Ähnliche Wendungen werden geradezu zum Stereotyp
, das Barth definieren soll). Es entspricht diesem Urteil, wenn
Zahrnt, in Verkehrung der tatsächlichen Proportion, den Barth
des „Römerbriefs" dem der „Kirchlichen Dogmatik" vorzieht. Denn
der „Römerbrief", „das bisher bedeutendste theologische Buch im
20. Jahrhundert" (45), ist Aufbruch in „Die Wiederentdeckung der
Gottheit Gottes". Es ist aber schon bezeichnend, daß diese Formel
als Überschrift über einem Abschnitt steht, der sich in erster Linie
mit R. Otto beschäftigt, dessen Religionsphänomenologie vor allem
auf Tillich eingewirkt hat. In der „Kirchlichen Dogmatik" ist der
Aufbruch, den Barth einmal anführte, bei ihm selber ins Stocken
geraten. Deswegen wird sie auch recht stiefmütterlich behandelt,
die Breite ihrer Thematik nicht einmal angedeutet. Nach Zahrnt
läuft in ihr alles auf einen „Monolog im Himmel" hinaus, mit dem
Barth sich auf ein trinitarisches Glasperlcnspiel „oberhalb der
Offenbarung", „in der Ewigkeit", in „einer abstrakten Zcitlosigkeit"
und „Geschichtslosigkcit" zurückgezogen und dem „Dialog" mit der
„Situation", der „konkreten Existenz des einzelnen Menschen", der
„geschichtlichen Entwicklung der ganzen Welt" entzogen hat. Auch
wo die Einzelurteile zutreffende Beobachtungen enthalten, sind
sie von hierher gefärbt. Das heißt aber von einem eklatanten
Fehlurteil her. Die einseitige Zeugenliste: Thielicke, Gustav Win-
gren und, untergründig, Tillich, macht es ebensowenig richtig wie
seine weite Verbreitung, die Zahrnts Buch von nun an noch potenzieren
dürfte. Wenn schon nicht infolge Barths eigener Ausführungen
, die wirklich zu erarbeiten allerdings einige Mühe kostet, so
sollte es doch spätestens seit Eberhard Jüngels „Gottes Sein ist
im Werden" nicht mehr so ungebrochen nachgesprochen werden,
wie das hier einmal mehr geschieht. Was den angeblichen Rückzug
aus Welt und Geschichte betrifft, so berührt es beinahe komisch,
daß Zahrnt nicht umhin kann, sowohl festzustellen, daß Barth von
der Frage nach der Predigt ausging, als auch seine Bedeutung finden
deutschen Kirchenkampf zu erwähnen und auf sein und seiner
Schüler politisches Engagement, meist etwas ärgerlich, hinzuweisen
. Mit seinem „Vertrauen" „allein auf den Heiligen Geist" hat es
bei Barth doch wohl Besseres auf sich als das „Trauen" auf des
„Bibelworts magische (!) Wirkkraft" (82). Und die Vorordnung
- nicht, wie Zahrnt meint, die Trennung - des „Was" vor das
„Wie" in der Verkündigung alterniert keineswegs die „theologische
Relevanz" der „Situation", wohl aber weist sie ihr einen Stellenwert
zu, der sie eindeutig als Adressaten des ihr immer vorgängigen
und sie gerade so erhellenden „Wortes Gottes" definiert. In
diesem Zusammenhang hat auch das von Zahrnt immer wieder
beschworene Problem der Sprache durchaus einen Ort. Barth
Fehler solcher, die sich auf ihn berufen, anzulasten, ist ein undifferenziertes
Verfahren.

Geht es in der „protestantischen Theologie im 20. Jahrhundert"
auch um die „Wiederentdeckung der Gottheit Gottes", sie kann sich
nicht auf Kosten des fragenden Menschen in seiner „Situation
" vollziehen. Weil Zahrnt das bei Barth zu sehen meint, ist
er für ihn nur der Initiator einer Entwicklung, die er endgültig
in der „Kirchlichen Dogmatik" nicht mehr vorangetrieben, sondern
blockiert hat, und die nun von anderen weitergetragen
wurde. Die „protestantische Theologie im 20. Jahrhundert" wird
zur Geschichte der Aufnahme der Intention Barths bei gleichzeitiger
Korrektur seines, den des 19. Jahrhunderts umkehrenden An-