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Ausgabe:

1967

Spalte:

636-638

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Baumann, Julius

Titel/Untertitel:

Mission und Ökumene in Südwestafrika 1967

Rezensent:

Lehmann, Arno

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Theologische Literaturzeitung 92. Jahrgang 1967 Nr. 8

686

der Kirchenmusik als kirchlicher und als musikalischer Kunst"
(217). - Sowohl die Kunstmusik als auch das Gemeindelied werden
tiefgreifenden Gestaltwandlungen unterworfen. Wenn Orgelmusik
.zum Gebrauch beim öffentlichen Gottesdienste" bestimmt ist,
dann bedeutet das im Normalfall leider zugleich, daß künstlerische
Ansprüche ausgeschlossen sind. - Das (sogenannte) Geistliche
Volkslied entsteht, durch seine dogmatische Indifferenz und betonte
Gefühligkeit gekennzeichnet. »Wie sie so sanfte ruhn" ist
ein typisches Beispiel - von dem man sich jedoch distanzieren
kann, ohne gleich von einem »Friedhofsbild mit Zypressen-,
Moder- und Freundschaftstränenstimmung" (231) sprechen zu
müssen.

Die 95 Thesen, die Klaus Harms zur 300-Jahrfeier der Reformation
verfaßte, gaben den Anstoß zur Erneuerung des Luthertums
. Die kirchliche Restauration erfaßte zunächst Liturgie und
Kirchenlied, von da aus auch das kirchliche Chorwesen (Gründung
der Kirchengesangvereine), und regte ferner die Komponisten an.
Erstmalig machte man sich Gedanken über einen speziellen
Kirchenmusik-Stil. Die Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurde
vom a-cappella-Ideal (Palestrina-Stil) beherrscht, bis Philipp Spitts
die Bachsche Musik als die protestantische Kirchenmusik deklarierte
. Es folgte die Schütz-Restauration - und schließlich brach
sich die Erkenntnis Bahn, daß es d e n Kirchenmusikstil gar nicht
gibt! Fast scheint es eine verborgene Tendenz des Buches zu sein,
die communis opinio über eine Reihe von Großwerken und
Komponisten zu revidieren. So wird beispielsweise von Brahms'
Requiem mit wenigen Kleindruckzeilen äußerst reserviert berichtet
, es sei eine eigenartige Ausprägung des Requiem-Gedankens
; »frei vom protestantischen Choral und dogmatisch indifferent
, spricht es die allgemeinsten Gedanken des in der Aufklärung
eingeführten Totenfestes aus: ein erhabenes Kunstwerk
im Ausstrahlungsbereich des Christentums, aber keine Kirchenmusik
" (244). Von C. H. Grauns »Tod Jesu" muß der Leser nach
den kurz davor stehenden Ausführungen einen viel bedeutenderen
Eindruck gewinnen!

Adam Adrio versteht es, die erregenden Jahre um 1930 mit
Kurt Thomas' Frühwerken und dem aufbrechenden Schaffen all
der anderen Komponisten evangelischer Kirchenmusik vor dem
Leser erstehen zu lassen. Die kirchenmusikalische Erneuerung
kann nicht einseitig als Tat der Kirche verstanden werden, sondern
sie ist eingebettet in die allgemeine geistige und kulturelle Entwicklung
. Trotzdem dürfte man wohl die Zusammenhänge
zwischen liturgischer und kirchenmusikalischer Erneuerung etwas
positiver sehen. Es waren eben echte Zusammenhänge, keine
Parallelen!

Zahlreiche exemplarische Werkbetrachtungen vermitteln einen
Einblick in die Vielfalt des gegenwärtigen Schaffens auf allen
traditionellen Gebieten (Vokale Choralbearbeitung, Motette,
Historie, Passion, Solokantate, Geistliches Konzert, Oratorium,
Orgelmusik). Adrio scheut sich nicht, Wertungen vorzunehmen,
obwohl dies bei zeitgenössischer Musik durch das Fehlen des zeitlichen
Abstandes besonders schwierig ist. Seine Wertungen wirken
nie subjektiv gefärbt, sondern stets sachlich motiviert. Leider
werden die besonderen Probleme, die sich durch das Zukommen
der dodekaphonischen Musik auf die Kirchenmusik ergeben, im
Rahmen des Buches nicht aufgegriffen, schon gar nicht die der
elektronisch erzeugten Klänge.

Blumes im Vorwort geäußerter Grundsatz, der Musikwissenschaftler
habe davon auszugehen, „daß Kirchenmusik in erster
Linie Musik ist" (S. IX), während die theologischen Aspekte an
anderer Stelle angebracht seien, wird im allgemeinen in allen
Beiträgen durchgehalten. Nur Adrio durchbricht diesen Grundsatz
einige Male - und muß theologische Rückfragen in Kauf nehmen:
Die cantus-firmus-freien Orgelkompositionen der Gegenwart „gehorchen
primär musikalisch-künstlerischen Gesetzen auf dem Instrument
Orgel, nicht aber liturgischen Forderungen, wenn auch
der eine oder andere Satz dieses oder jenes Komponisten geist-
hcner Aussage nahekommen oder gar verbunden sein mag" (336).
Was heißt das: „geistliche Aussage" eines Instrumentalwerkes? -
Uber Heinz Werner Zimmermanns Motetten schreibt Adrio: „Der
Komponist scheint selbst die Kluft zwischen den unvereinbaren
religiösen und profanen Kräften verspürt zu haben; es bedurfte

offenbar der ergänzenden Einbeziehung des c. f.-Prinzips, um die
stilistische Divergenz mit der zugleich der Interpretation des
Schriftwortes dienenden Symbolkraft des Chorals zu überbrücken"
(309). Nach welchen stilistischen Kriterien will Adrio religiöse
und profane, geistliche und weltliche Musik unterscheiden? Es
wäre hilfreich gewesen, wenn er auf diese Frage, die sich also
auch bei einer nicht theologischen Betrachtung der Kirchenmusik
der Gegenwart aufzudrängen scheint, eingegangen wäre. Eine
solche Hilfe erwartet der Leser auch bei der sonst völlig ungeschützten
Behauptung: „Mit der Hinwendung zum Ideal der polyphonen
Linearität war der musikalisch-stilistische Weg eingeschlagen
, auf dem . . . allein (!) echte (!) Kirchenmusik wieder
möglich werden konnte" (281).

Die kurz gefaßten Beiträge von Walter Blankenburg über die
reformierte Kirchenmusik und die Musik der Brüdergemeine liest
man mit viel Gewinn. Sie zeigen, wie die Kirchenmusikgeschichte
in der letzten Generation nicht nur die Kenntnisse vertieft, sondern
auch erweitert hat, und geben Anregungen für weitere musikwissenschaftliche
Forschung.

Dresden Christoph AI brecht

MISSIONSWISSENSCHAFT
UND ÖKUMENE

B a u m a n n , Julius: Mission und Ökumene in Südwestafrika,

dargestellt am Lebenswerk von Hermann Heinrich Vedder.
Leiden-Köln: Brill 1965. XIII, 168 S., 1 Kte. gr. 8° = Ökumenische
Studien, hrsg. v. E. Benz, VII. Lw. hfl. DM 28.-.
An dem mit zwei Ehrendoktoraten ausgezeichneten Präses Dr.
H. Vedder wird aufgewiesen, was ein „einfacher Missionar" sein
kann, was sein Leben ausmacht, in welcher Weise er beim Aufbau
einer jungen Kirche beteiligt war und welche wissenschaftlichen
Leistungen er, den man als Sprachforscher, Völkerkundler und
Historiker zu rühmen wußte, vollbracht hat.

Die aus reichem Quellenmaterial gearbeitete Marburger Dissertation
zeichnet zunächst den Werdegang des in der Erweckungs-
luft des Ravensberger Landes groß gewordenen Heinrich Vedder,
dessen Mutter von Pastor Volkening konfirmiert worden war. Der
„Missionszögling" hatte keine leichte theologische Schule und
mußte neben Englisch und Holländisch auch Latein, Griechisch und
Hebräisch lernen. Man wird es heute als ein theologisches Unicum
ansehen dürfen, daß einem Manne, der draußen in mehreren
afrikanischen Sprachen zu unterrichten und zu predigen hatte, der
sich zum Sprachforscher und Bibelübersetzer auswuchs und dem
eine Professur angeboten wurde, der theol. Unterricht gab und
Direktor einer Ausbildungsstätte, des Augustineum, sein mußte,
der also in der Bewältigung vieler und neuer Probleme, als Wissenschaftler
und später auch als Präses einer jungen Kirche ungleich
schwierigere geistige Leistungen zu vollbringen hatte als
der sprichwörtliche „schlichte Dorfpastor" seiner Zeit, im Ordina-
tions-Zeugnis „ein Recht auf Anstellung in der evang. Kirche
unseres Landes nicht erteilt" werden konnte. Durch eine glückliche
Inkonsequenz reichte indessen die Ordination „inter paganos"
aus, um in Swakopmund als „Gemeindepfarrer" Dienst tun zu
können.

Nach dem Werdegang wird sodann auf gut fünfzig Seiten die
vielfältige und problemreiche Arbeit in Südwestafrika geschildert,
die auch Vedders Wirken als Senator der Südafrikanischen Union
umschließt. Wie viele andere Missionare auch wurde Vedder zum
Anwalt der Eingeborenen: „Sein beharrliches Eintreten für die
Herero fand Beachtung" (S. 24).

Der 2. Hauptteil handelt von Vedders Schriftauslegung und der
Missionspraxis. Dabei wird vor allem auf seine „Hauskapelle" von
3650 Schriftbetrachtungen zurückgegriffen, die durchgängig vom
Standort der Erweckungstheologie aus für Andachtszwecke geschrieben
sind.

Vedders theologische Position wird in acht Kapiteln (Schriftlehre
, Gotteserkenntnis, Christologie, Ekklesiologie mit einem
Exkurs über den Gemeindeaufbau, Sakramentslehre, Volk und