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1966

Kategorie:

Kirchengeschichte: Mittelalter

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Neuerscheinungen

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Theologische Literaturzeitung 91. Jahrgang 1966 Nr. 10

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Das Nachwort des Akademie-Verlags, das die Ausgabe des
westdeutschen Verlags nicht hat, enthält freilich einige Bezeichnungen
, die nicht unwidersprochen beiben dürfen. Es geht nicht
an, die Gottesvorstcllung von Cusanus schlechthin als „panthei-
stisch" zu charakterisieren. Richtiger wäre es gewesen, von einem
Pantheistischen Einchlag zu sprechen (S. 143). So sehr in Cusanus
über seine Zeit hinausweisende Gedanken und Erkenntnisse zum
Ausdruck drängen, so muß andererseits darauf geachtet werden,
ihn nicht übermäßig zu modernisieren (oder ihn in die Reihe der
großen Ketzergestalten des Mittelalters zu verweisen). Formulierungen
auf Seite 139 erfordern diesen Einwand. Ferner: Wenn der
Verlag das Werk anzeigt mit einem Hinweis auf die Wirkung
Cusanus'schen Denkens bei dem „Materialisten" Giordano Bruno,
so ist auch hier zu widersprechen, ohne daß an diesem Orte der
Raum verbleibt, um zu belegen, warum es eine arge Verzeichnung
G. Brunos ist, ihn in der erwähnten Weise zu benennen.

Aber diese kritischen Bemerkungen, die gegen eine weltanschauliche
Haltung gesagt werden mußten, die zu der des Cusaners
letztlich in einem unüberbrückbaren Gegensatz steht, wollen in
keiner Weise die eingangs erwähnte Freude über das Herausbringen
des Werkes mindern.

Dresden Rudolf Grabs

Brümann, Katharina: Bonaventuras Hexaemeron als Schriftauslegung
(FS 48, 1966 S. 1—74).

D enzler, Georg: Das sogenannte Morgenländische Schisma im Jahre
1054 (MThZ 17, 1966 S. 24-46).

P y k m a n s , Marc: Mabillon et les interpolations de son Ordo Romanus
XIV (Gregorianum XLV1I, 1966 S. 3 16—333).

Molnär, Amedo: Nuovi studi sui Valdesi in Moravia (Protestante-
simo XXI, 1966 S. 86—91).

Roy, Bruno: Lcs sources de l'office de S. Vincent Ferrier (Sciences
Ecclesiastiques XVIII, 1966 S. 283-304).

Troll, Christian W.: Die Chinamission im Mittelalter (FS 48, 1966 S.
109—150).

W i n k e 1 m a n n , F.: Die Bischöfe Metrophanes und Alexandros von
Byzanz (Byzantinische Zeitschrift 59, 1966 S. 47—71).

KIRCHEN GESCHICHTE: REFORM A TIONSZEIT

Maurer, Wilhelm: Melandithon-Studien. Gütersloh: Gütersloher
Verlagshaus Gerd Mohn [1964]. 163 S. 8° = Schriften des Vereins
für Reformationsgeschichte, 181. Jg. 70. Kart. DM 19.80.

Wer nach einem qualifizierten Beitrag zur vielbehandelten
Prob'ematik „Humanismus und Reformation" fragt, der wird
sich bei den hier in einem Bande zusammengefaßten Melanch'-hon-
Studien Wilhelm Maurers einer Fundgrube freuen können. Es
handelt iich um sechs Vorträge bzw. Aufsätze, deren Erstpublikation
in Sammelbänden und einschlägigen Zeitschriften jeweils
angegeben ist. Obwohl die genannten Periodica zu den meistgelesenen
für die betreffenden Forschungsgebiete gehören und
deshalb vielen Lesern mancher Beitrag bereits bekannt sein
dürfte, muß man es begrüßen, den Ertrag der Arbeit Maurers an
Melanchthon nun auch zusammengefaßt vorzufinden. Selbst wenn
die einzelnen Studien weder nahtlos ineinander übergehen noch
in den Formulierungen von Fall zu Fall aufeinander Rücksicht
nehmen, ergibt sich doch aus der Fülle der vorgetragenen Details
ein Melanchthonbild, das sich dem Verfasser im Laufe seiner
langjährigen Forschung immer mehr verfestigt hat.

Das Erfreulichste an den vorliegenden Studien ist vielleicht
die Tatsache, daß Maurer von sehr verschiedenen Aspekten her
um eine möglichst gerechte, die Vielfalt der Persönlichkeit und
des Werkes Melanchthons im Blick behaltende Würdigung ringt.
Dieses Bemühen ist um so positiver zu werten, als das
Melanchthonverständnis der Gegenwart noch immer keinen allgemein
anerkannten Einstieg in die Problematik gefunden hat.
Deshalb nimmt man es einem Forscher, der sich so ausgiebig dem
Humanismusphänomen bei Melanchthon zugewandt hat, gern ab,
wenn er im Vorwort die Arbeit an „den theologischen Anfängen
des jungen Humanisten" begrüßt. Kurzschlüssige Alternativen
helfen hier nicht weiter, sondern nur exakte Einzelanalysen. Von

diesen her findet Maurer zu dem gleich eingangs formulierten
Ergebnis: „In diesen Anfängen (s. o.) werden im Verhältnis von
Humanismus und Reformation die Kräfte der Anziehung und der
Abstoßung in einer Weise faßbar, die typisch geworden ist für die
ersten Jahrzehnte der Reformation und schicksalhaft für den gesamten
Protestantismus" (S. 7).

Was der Verf. im Vorwort für nur zwei seiner Aufsätze
avisiert, daß sie nämlich „an bestimmten Einzelfragen Gesamtaspekte
entfalten", darf mit gutem Grund auf alle Studien bezogen
werden und gehört zu den großen Vorzügen des Sammelbandes
. Auf diese Weise ist zweierlei erreicht: 1. haben wir zuverlässige
Bausteine für eine noch zu schreibende Melanchthon-
biographie, und 2. wird hier Material bereitgestellt, das zum Verständnis
der Entwicklung des „Protestantismus von 15 30 ab"
(S. 7) ausgezeichnet helfen kann.

Gleich der erste Beitrag kennzeichnet den Spannungsbogen,
der im Lebenswerk Melanchthons zwischen Humanismus und
Reformation vorhanden ist. Vielleicht würde sich mancher eher
den ursprünglichen Titel des Vortrages „Melanchthon, Humanist
und Reformator" gewünscht haben, der jetzt zugunsten der Überschrift
„Melanchthon als Laienchrist" (S. 9) gewichen ist. Die
Schwierigkeit des Begriffs, die Maurer in der Einleitung seines
Vortrags (S. 9) selbst empfunden hat, konnte leider die Titeländerung
nicht verhindern: „Ich will ihn (Melanchthon) beschreiben
als Christenmenschen, als humanistisch gebildeten, dem
Evangelium anhangenden Menschen seiner Zeit. Am liebsten
würde ich ihn als einen Laien ansprechen, wenn ich nicht wüßte,
dieses Wort ist unter uns verpönt, weil gefährlich. Aber gebrauchen
wir es einmal mit allem Vorbehalt für einen Mann,
dem nicht die Leitung der Gemeinde anvertraut ist." Selbst wenn
diese von der Sache und der Etymologie her kaum angängige
Begriffsreduktion nicht von jedem mitvollzogen werden kann,
so ist doch die Zielsetzung des Vortrags klar. Es geht um den
Erweis, daß „der gebildete Humanist Melanchthon ... im reformatorischen
Evangelium Luthers das Einfache gefunden" hat und
nun danach „trachtet . . ., es einzufügen in sein wissenschaftliches
Weltbild, es wirksam werden zu lassen in neuen kirchlichen,
staatlichen und kulturellen Formen" (S. 19). Man muß es von
dem oben zitierten Begriff des ,Laien' her verstehen, wenn
Maurer abschließend über den Baccalaureus der Theologie, der
jahrzehntelang stark besuchte theologische Kollegs gehalten hat,
aussagt: „Als Repräsentant evangelischer Laienfrömmigkeit in
der Welt der Gebildeten ist er ein Diener seiner Kirche geworden."

Schon der erste Aufsatz, der alle Züge einer Rede trägt,
macht die Schwierigkeit der Rezension deutlich. Man sieht sich
außerstande, die Prägnanz der aneinandergereihten vielen Mosaiksteine
weiterzuvermitteln. Man darf auch im folgenden in jedem
Falle damit rechnen, daß die Ergebnisse aus einer tiefgreifenden
Arbeit an den Quellen, und zwar an bis jetzt weniger befragten
Quellen, geschöpft sind. Auf eine Auseinandersetzung mit der
Sekundärliteratur verzichtet Maurer weithin; sie klingt nur sehr
sporadisch in dem Anmerkungsteil an.

Der zweite Aufsatz nimmt die schon vorverhandelte Frage
„Melanchthon als Humanist" (S. 20) erneut auf. Er faßt das
Problem erheblich tiefer an als der erste Beitrag. Der größte Gewinn
dieser Studie ist die treffende Kurzcharakteristik der Geister,
an denen der junge Melanchthon sich schulte: Reuchlin, Erasmus,
Luther. Die Genannten sind dort besonders scharf gezeichnet,
wo ihr Weg denjenigen Melanchthons kreuzte. Melanchthon geht
von dem allgemein zugestandenen Satz aus, „daß die Wurzeln
von Melanchthons geistiger und geistlicher Existenz im Humanismus
liegen, daß das Ringen zwischen Humanismus und Reformation
den Inhalt seines Lebens ausmacht und daß in der
Synthese dieser beiden geschichtlichen Bewegungen die Eigenart
seiner Theologie beschlossen liegt" (S. 20). Maurer unterzieht
sich hinsichtlich der Vorlagen und Vor-Gänger Melanchthons der
Mühe, der Berechtigung obiger These nachzugehen. Was man
auch für Zwingli behaupten kann, bezieht Maurer auf
Melanchthon: „Wie es scheint, ist ihm die faszinierende Kraft
christlichen Glaubens zuerst in dem christlichen Humanismus des
Erasmus entgegengetreten, in der Simplizität, mit der hier christliche
und stoische Ethik in eins gesetzt wurden" (S. 26).