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Ausgabe:

1966

Spalte:

585-586

Kategorie:

Neues Testament

Autor/Hrsg.:

Herford, Robert Travers

Titel/Untertitel:

Die Pharisäer 1966

Rezensent:

Bammel, Ernst

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Seite 1

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585

Theologische Literaturzeitung 91. Jahrgang 1966 Nr. 8

586

Herford, R. Travers, B. A.: Die Pharisäer. Mit einer Einleitung von
N. N. Glatzer. Übers, aus dem Englischen von W. F i s c h e 1. Köln:
Melzer [1961]. XXVII, 296 S. 8°. Lw. DM 22.-.

Nähe zur jüdischen Theologie und sogar Beeinflussung durch
dieselbe ist von jeher charakteristisch für die unitarischen Strömungen
gewesen. Bereits Is. Troki konnte die Traktate der polnischen
Unitarier für sein Kampfbuch gegen das Christentum
zitieren. Aus dieser strukturellen Affinität hat sich bei den Uni-
tariern in späteren Zeitläuften Interesse und Sympathie für die
jüdische Geschichte ergeben. W. Whiston's Josephusübersetzung,
G. R. S. Mead's Jesusbuch, das wesentlich auf den rabbinischen
Quellen beruht und eben Herford's verschiedene Arbeiten sind ein
Zeugnis dafür.

Walter Bauer hatte die erste deutsche Auflage in ThLZ (1928,
Sp. 510) dahin charakterisiert, daß sie keine kritische Darstellung
sei, sondern „ein Bekenntnis . . ., das uns für das, was uns vorenthalten
bleibt, nicht entschädigt". Von der Selbstinterpretation
des Rabbinats ausgehend, die Seitenzweige der Apokalyptik, des
Zelotismus usw. außer acht lassend, die neutestamentlichen Berichte
ablehnend, entwarf H. ein Idealgemälde, das auch nicht durch
eindringende Untersuchungen im Einzelnen, etwa zur Halacha der
Pharisäer (dazu neuerdings viel bei A. Finkel, The Pharisees and
the Teacher of Nazareth 1964) oder zu ihrer Stellung im politischen
Leben des jüdischen Volkes substantiiert ist. Im ganzen schon
durch Wellhausen überwunden, im einzelnen durch die Arbeiten
Billerbecks, Dalmans und Kittels weit übertroffen, stand das Buch
schon bei seinem ersten Erscheinen unter keinem glücklichen Stern.

N. N. Glatzer, der mit Beiträgen zur talmudischen Zeit wie
zum 19. Jahrhundert hervorgetretene frühere Berliner Rabbiner
bat sich nach einem Menschenalter der delikaten Aufgabe unterzogen
, das Buch durch eine Einleitung auf den Stand der Forschung
zu bringen. Er gibt ein sympathisches Bild der judaistischen Bemühungen
H's und ergänzt dessen Darstellung durch einen Überblick
über die Diskussion zum Thema Pharisäismus.

Gl. geht von der Wellhausen'schen These aus, der er andere
Arbeiten, vornehmlich solche jüdischer Gelehrter korrigierend an
die Seite stellt. Er schildert die Bemühungen um die Herausstellung
yon Phasen in der Geschichte der Pharisäer (Baer, Glatzer, Klausner
), charakterisiert die soziologische Betrachtungsweise Finkel-
steins, erwähnt die Erforschung hellenistischer Einflüsse (Bicker-
tnann — D. Daubes Arbeiten sind nicht behandelt) und verweist
auf die Auffächerung der pharisäischen Bewegung, wie sie Ginz-
berg versucht hat. Hier wird viel Erwägenswertes zur Diskussion
gestellt; insbesondere sei auf die zu wenig beachteten Thesen
Baers und Bickermanns hingewiesen. Indes fehlt auch Wichtiges.
Die Erörterungen über den Namen Pharisäer sind übergangen
(verwiesen sei auf den reizvollen Erklärungsversuch T. W.
Manson's, B. J. R. L. 1938 S. 144 ff und notiert sei die kuriose
Theorie des Philippusevangeliums 53). W. Försters Arbeiten (sein
Aufsatz in Z. N. W. 193 5 und seine Zeitgeschichte) sind nicht benutzt
. Erstaunlich ist es, daß Ad. Schlatter, dessen Forschungen
doch unzweifelhaft die größte Bedeutung für die Erhellung des
Pharisäismus zukommt, unerwähnt bleibt. Die Beiträge G. Allon's
(Scripta Hierosol. VII 1961 )und S. Zeitlin's (J. Q. R. 1961) mögen
Gl. noch unbekannt gewesen sein. Bleibt die Einleitung, insofern
sie in die Forschungslage einführen will, unvollständig, so fehlt
ibr ganz der Versuch, die Vielzahl der Thesen auf die Ebene einer
kontinuierlichen Entwicklung zu projizieren und daraus Aufgaben
für die Zukunft zu erheben.

Es ist bezeichnend, daß Gl. nirgendwo diese Forschungsbeiträge
mit dem H'schen Buche in eine Beziehung, sei es der
Weiterführung oder der Ablehnung zu stellen Gelegenheit findet.
Er erklärt nur zum Schluß, daß, solange eine „einseitige Beurteilung
der Pharisäer" — Gl. erlaubt sich den Scherz, Bultmann als
Kronzeugen für dieselbe anzuführen — noch möglich sei, H's Darstellung
eine ausgleichende Funktion erfülle. Man wird nicht
umhin können, dies als eine kaum zureichende Empfehlung anzusehen
.

Man kann es verstehen, daß der Verlag, die Marktlage ausnutzend
, eine zweite Auflage veranstaltet hat. Schwerlich begreiflich
ist es indes, daß er dem Druck keine Aufmerksamkeit zugewandt
, Fehler (z. B. die unvollständige Anmerkung auf S. 78) nicht
in Ordnung gebracht hat.

Alles in allem: es ist fast grotesk, daß das klassische Buch
Jul. Wellhausens dem lesenden Publikum nahezu unzugänglich ist,
während eine problematische Darstellung mit mancher Mühe und
doch ohne rechten Erfolg neu eingekleidet wird.

Erlangen Ernst Bammel

Bartsch, Hans Werner, Pfarrer Dr. theol.: Entmythologisierende
Auslegung. Aufsätze aus den Jahren 1940 bis 1960. Hamburg: Reich
1962. 209 S. gr. 8° = Theologische Forschung, XXVI. Veröff. Kart.
DM 16.-.

Die von H. W. Bartsch unter dem Titel „Entmythologisierende
Auslegung" vorgelegten Aufsätze entstammen der Zeit
zwischen 1940 und 1960 und erörtern in einer reichen Fülle von
Studien die beiden Kernprobleme dieses Zeitraumes innerhalb
der neutestamentlichen Wissenschaft, die ihrerseits die Gesamtdiskussion
der Gesamttheologie weitgehend bestimmt hat: 1. das
hermeneutische Problem unter der Fragestellung der Entmytho-
logisierung; 2. die Frage nach dem historischen Jesus. Die aus
diesem Problem im letzten halben Jahrzehnt herausgewachsene
dritte Fragestellung nach dem Sinn des Glaubens an Gott, wie sie
vor allem durch Herbert Braun intendiert ist, konnte dagegen in
ihnen noch keine Berücksichtigung finden.

Die theologische Konzeption, die in den Aufsätzen H. W.
Bartschs sichtbar wird, weist eine eindrucksvolle Geschlossenheit
auf. Sie kreisen um die doppelte Frage: „Ist... die christliche Verkündigung
einer Bindung an historische Ereignisse enthoben? . . .
Wie hat die christliche Verkündigung heute von den Taten und
Worten Christi zu reden?" (S. 13). Die Antwort auf diese beiden
Fragen gibt Bartsch mit 3em Titel seiner Aufsatzsammlung: Entmythologisierende
, d. h. geschichtlich-existentiale und nicht
historisch-metaphysische Auslegung. „Gegenwärtige Verkündigung
und Auslegung der neutestamentlichen Texte sind also
grundsätzlich das Gleiche. Wie die Geschichten des Neuen Testaments
aufgezeichnet sind, „daß ihr glaubt, daß Jesus sei Christus,
der Sohn Gottes" (Joh. 20, 31), so sind sie heute mit der gleichen
Zielsetzung zu verkündigen" (S. 28 f). An einer in die Sammlung
aufgenommenen Predigt über Matth. 8, 23—27 wird das beispielhaft
deutlich.

Ausgangspunkt der theologischen Konzeption Bartschs ist
die Erkenntnis, daß „das Osterereignis als der Angelpunkt der
Verkündigung der ersten Gemeinde" zu bezeichnen ist. Das wird
unter wiederholter Berufung auf Martin Kähler und Martin
Dibelius ausgesprochen und in Abgrenzung zu Rudolf Bultmann,
dessen Position der von Martin Kähler am Schluß der Aufsatzsammlung
auf S. 206—209 konfrontiert wird. Zu seiner Position
wird gesagt, es sei bei ihm „die strenge geschichtliche Bindung
nicht berücksichtigt, die die NTliche Botschaft an das Osterereignis
und damit an die Person Christi bindet" (S. 14), weil für
ihn statt des Osterereignisses das Kreuz das Heilsereignis geworden
und dadurch die Reihenfolge in der Sicht der Urchristenheit
umgekehrt sei (S. 17), denn erst durch Ostern sei es zum Glauben
auch an den Gekreuzigten gekommen. Man wird an dieser Stelle
bemerken müssen, daß für die neutestamentliche Botschaft das
Zusammen von Kreuz und Ostern entscheidend ist, denn ohne
Ostern ist das Kreuz eine menschliche Tragödie, und ohne das
Kreuz ist Ostern ein Mirakel; erst im Zusammen ist das Geschehen
Offenbarung und Heilshandeln Gottes zugleich. Jedoch
nicht auf diesen Zusammenhang, sondern auf den von Ostern
und Parusie richtet sich die Aufmerksamkeit des Verfassers. Er
wird u. a. abgehandelt an der Frage der Parusieverzögerung in
Auseinandersetzung mit E. Gräßer und H. Conzelmann. Dabei
macht Bartsch für Lukas die u. E. zutreffende Beobachtung, daß
Lukas die Parusie von einem Teil von Ereignissen distanziert, die
er dem geschichtlichen Ablauf zurechnet und nicht mehr mit der
bevorstehenden Parusie verbindet. Dazu gehört der jüdische
Krieg mit der Zerstörung von Jerusalem, aber auch das Ostergeschehen
selbst, das von der Parusie gelöst wird, ohne daß deshalb
die Parusieerwartung aufgegeben würde.

Das Verhältnis von Ostern und Parusie stellt sich Bartsch so
dar, daß zunächst die Auferstehung Jesu als erster Akt der