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Ausgabe:

1966

Spalte:

311-312

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Bieder, Werner

Titel/Untertitel:

Das Mysterium Christi und die Mission 1966

Rezensent:

Vicedom, Georg F.

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Seite 1

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311

Theologische Literaturzeitung 91. Jahrgang 1966 Nr. 4

312

MISSIONSWISSENSCHAFT UND OEKUMENE

Bieder, Werner: Das Mysterium Christi und die Mission. Ein Beitrag
zur missionarischen Sakramentalgestalt der Kirche. Zürich: EVZ-Verlag
[19641. H5 S. 8°. Kart. DM 9.80.

Der Verfasser, Missionswissenschaftler und Neutestamentier
in Basel sowie Studienleiter am dortigen Missionsseminar, ist
schon öfter durch neutestamentliche SpezialStudien hervorgetreten.
Er untersucht in der vorliegenden Arbeit den Mysterion-Begriff
der verschiedenen neutest. Schriften in seiner Relevanz zur Zeugnisgestalt
der Kirche und ihrer Mission. Im ersten Kapitel stellt er
das Mysterium Christi den Mysterien der Umwelt Jesu gegenüber.
Jesus ist ein anderer als die Naturkräfte, die zu einem himmlischen
Dasein verhelfen sollen. Die Mysterien sind Geheimkulte,
während die Gottesoffenbarung immer alle Menschen meint. In
den Mysterien besteht das Heil letztlich in der Vergottung, während
Jesus selbst das Heil ist, das durch die öffentliche Verkündigung
vermittelt wird. Die Mysterien können sich den vorgefundenen
Religionen anpassen, Jesu Erlösung ist einmalig. In einem
zweiten Kapitel untersucht der Verfasser den Mysterion-Begriff
des Neuen Testaments, der immer auf die Mission bezogen ist.
Bei den Synoptikern ist es den Jüngern gegeben, die Geheimnisse
zu deuten, die Jesus in den Gleichnissen aussprach. Bei Matthäus
und Lukas wird durch den Begriff der ganze Reichtum des
Christusgeheimnisses beschrieben, der von den Jüngern in der
Missionssituation verkündigt werden muß. Im Römerbrief soll vor
allem das Geheimnis Israel erklärt werden. Der Verstockung
Israels steht die Universalität des Heils gegenüber. Darum sind der
christlichen Kirche, obwohl sie von Israel ausgeht, im Dienst an
Israel Schranken gesetzt. Seine Rettung ist das Ergebnis der freien
Gnade Gottes in der Universalität des Heils. Dem Mysterium
Christi in der Mission stellt sich das Mysterium der Gesetzlosigkeit
gegenüber (2. Thess. 2, 7), ein Gedanke, der in der Offenbarung
des Johannes wieder aufgenommen wird. Es besteht in der
Negation alles Religiösen, der Mensch setzt sich an die Stelle
Gottes, und die Gesetzlosigkeit findet in der Lieblosigkeit ihre
Zuspitzung. Nicht die Mission selbst ist das Aufhaltende (Cull-
mann, Hartenstein), sondern die Wirksamkeit des Heiligen Geistes.
Im 1. Korintherbrief tritt Paulus dem Mysterium der Gnosis durch
das Geheimnis des Kreuzes entgegen. Die in ihm verwirklichte
Gottesliebe ist das Gegenstück zu dem gesättigten Wissen. Damit
bekommt das Christusmysterium den soteriologischen Aspekt,
es ist das Geheimnis der göttlichen Erlösungsgeschichte mit den
Menchen, die verkündigt und erklärt werden muß. Da Gott selbst
die Menschen überwindet und durch den Heiligen Geist die Wandlung
herbeiführt, umschließt das Mysterium den Triumph der
Gnade. Im Kolosserbrief ist die Kirche als der missionierende Leib
Christi verstanden. Darauf weist das verborgene Geheimnis hin,
das Paulus geoffenbart ist. Da auch den Heiden das Evangelium
gehört, werden von der Mission die durch Fleisch und Blut gesetzten
Schranken durchbrochen, ohne daß der Zusammenhang
mit der Muttergemeinde aufgelöst wird. Es ist alles auf die Fülle
Christi ausgerichtet, und damit wird die Gemeinde von Kolossae
mit der ganzen Ökumene verbunden. Die Gemeinde trägt durch
ihre Fürbitte die Mission mit. Es ist interessant, daß Bieder die
verschlossene Tür (4, 3) nicht auf die Hindernisse in der Mission
deutet, sondern auf die Schwierigkeit des Apostels, in seiner
Situation nicht das rechte Wort zu haben. Wenn Gott die Bitte
erhört, kann der Apostel das Geheimnis Christi wieder kundtun.
Nach dem Epheserbrief hat der Vater Jesu Christi selbst das Geheimnis
geoffenbart. Es ist die Versöhnung der ganzen Menschheit
, ja des Alls geschehen. Dadurch wird die Gemeinde zum
Subjekt des missionarischen Handelns. Sie stellt sich auf die Seite
des Schöpfers, der sich durch die apostolische Verkündigung der
ganzen Schöpfung zuwendet. Das Haupt der Gemeinde ist auch das
Haupt des Alls, das sich durch seinen Geist eine missionierende
Kirche schafft. Das Geheimnis ist so groß, daß es nur mit dem
Mysterium der Ehe verglichen werden kann, sie wird zum Bild der
Liebe Gottes zu den Menschen. Dabei wird die Bedeutung der
Ehe und der Familie für die missionarische Dimension der Gemeinde
hervorgehoben. Im 1. Timotheusbrief wird der Mysterion-
Begriff auf die Glaubensgewißheit der Gemeinde bezogen. Ihre

Öffnung für und ihre Zugehörigkeit zu Christus bringt das Ende
der Religion durch ihre Zuwendung zur unerlösten Welt. Darum
wird die Mission von dem Geheimnis ihrer Frömmigkeit umschlossen
(3, 16). Das Evangelium ist die Substanz der christlichen
Missionspredigt. Durch sie wird im Christusmysterium die ganze
Welt zu ihrem Herrn gerufen. Das Geheimnis der sieben Sterne
in der Offenbarung des Johannes umschreibt die Leuchtaufgabe
der Gemeinde und die Verbindung der Mission mit den Engeln
Gottes. Verfällt die Gemeinde der Missionslosigkeit, so wird ihr
Licht ausgelöscht. Durch die letzte Mission Gottes (14, 6) kommt
Gottes Heilsplan mit den Menschen zum Ziel. Das dritte Kapitel
behandelt den Mysterion-Begriff bei den Kirchenvätern, der erst
in der Übersetzung für die Mission fruchtbar wird. Mysterion
wird durch Sakrament wiedergegeben, womit auch die Weihe des
Christen für den Dienst Christi gemeint sein kann. Unter der
Indienstnahme der Menschen, Dinge und Worte offenbart sich
Gott.

In Verbindung mit der Untersuchung des Begriffs entfaltet
der Verfasser tiefe Einsichten in das Verständnis der Mission, die
er unter sieben Thesen in einem Schlußkapitel darlegt. Darnach
ist die Mission ein Geheimnis, das nicht intellektualistisch zerredet
werden kann. Sie versteht sich nur dann recht, wenn sie
dem Werk und der Sendung Jesu dienen will. Bieder hält an der
selbständigen Funktion der Mission neben der Kirche fest, da die
Kirche nicht als Ganze zu den Heiden gehen kann. Die Kirche
müsse wieder den Mut zum missionarischen Spezialistentum finden.
Die Kirche habe vor allem durch das Gebet die Mission verantwortlich
mitzutragen, damit das Mysterium Christi situations-
bezogen verkündigt wird. Diese Verkündigung gehört mit zur
Situation. Das Gebet soll vor allem den heiligen Zwang (1. Kor.
9, 16) in der Gemeinde auslösen. Durch ihn wird verhindert, daß
durch die Problematik der Missionssituation die Sendungsgewiß'
heit erschüttert wird. Durch das Gebet wird sich die Kirche auch
der Front bewußt, an der sie durch die Mission dem Heidentum
gegenübersteht. Der Kampf kann weder durch glossale Rede noch
durch doktrinäre Darlegungen geführt werden, sondern nur durch
die Bezeugung der Heilstaten Gottes. Wenn die Kirche die Mission
treibt, steht sie in der Solidarität des Kampfes. So wird die Mission
eine Gabe an die Kirche zur Erneuerung ihres Lebens.

Diese kurze Skizze läßt kaum den Gedankenreichtum des
Buches erahnen, das ein echter Beitrag zur Misisonstheologie ist-
Trotz der Tiefe des letzten Kapitels scheint in diesem auch der
schwächste Punkt zu liegen. Das Neue Testament kennt neben
der betenden auch eine sendende und opfernde Gemeinde, ja cS
spricht von einer Gemeinde, die durch ihr bloßes Dasein in der
missionarischen Existenz steht. Bieder führt mit Recht die Mission
auf die Wirksamkeit des Heiligen Geistes in der Gemeinde zurück-
Kommt die Betonung der Selbständigkeit der Mission nicht daher,
daß sie wesentlich als missionarische Funktion verstanden wird;
während im Neuen Testament die missionarische Dimension un"
die missionarische Funktion wie zwei Seiten einer Münze sind-
Mission ist, um im Rahmen der Studie zu bleiben, die Folge d«s
Mysteriums Christi in seiner Gemeinde. Sie ist darum nicht S?e'
zialistentum, sondern höchstens Exponent der zeugnishaften Ha''
tung der Kirche. Sic kann darum nicht losgelöst vom Gcsamtleben
der Kirche gedacht werden. Es wäre gut gewesen, wenn der Ver'
fasser diese Zusammenhänge noch etwas genauer herausgearbeifet
hätte.

Ncuendcltelsau Georg F. Vicedom

Bockmiihl, Klaus: Die neuere Missionstheologie. Eine Erinnerung
an die Aufgabe der Kirche. Stuttgart: Calwer Verlag [19641.
gr. 8° m Arbeiten z. Theologie, hrsg. m. A. Jepsen u. O. Michel
Th. Schlatter, I. Reihe, H. 16. Kart. DM 4.80.

B. sieht in seiner Schrift die neuere Missionstheologie .
Deutschland durch Karl Hartenstein und Walter Freytag rcPr^
sentiert und ihr Missionsverständnis als grundlegend für sei
eigene Studie, sieht durch die holländische Theologie des Apos
lats „eine Ebene gewonnen, die zu erreichen der deutschen 1* ^
logie im großen und ganzen noch bevorsteht", und charaktcr'Si
die drei Konferenzen des Internationalen Missionsrates (*Vr
1947, Willingen 1952, Achimota 1957). Dieser Überblick