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Ausgabe:

1963

Spalte:

552-553

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Dewailly, Lucien-Marie

Titel/Untertitel:

Envoyés du Père 1963

Rezensent:

Holsten, Walter

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„Maske" der Eltern regiert sie Gott selbst" (254). Von hier
aus ist Erziehung als eine Gestalt des weltlichen Regiments
Gottes zu interpretieren. Auf diese Weise wird alles säkulare
Verständnis von „Erziehen" abgewehrt und „der Erziehungsbegriff
(erziehen = zu den Pflichten des Standes halten = zur
Zucht halten) in das Daseinsverständnis des Glaubens hineingenommen
" (ebd.). „Der Glaube sieht das Kind nach allen
Seiten hin von Gottes schaffender Gegenwart umgeben. Und so
wird für ihn aus der Erziehung ,zur Zucht' eine Erziehung ,zu
Gottes Dienst' " (ebd.). Erziehung zu Gottes Dienst aber bedeutet
, Hineinführung des Kindes in Stände, in denen Gott
gegenwärtig ist. Diese Gegenwart Gottes in den Ständen ist
stets eine Gegenwart durch das Wort. Denn „Luther kennt
auch im Bereich der Schöpfung keinen anderen Gott als den
Gott des Wortes" (2 59). Mit dieser Auffassung wird eine rein
rationale Sicht der Erziehung unmöglich.

So wird man bei Luther zwischen göttlicher und menschlicher
Erziehung unterscheiden müssen. Die Pädagogie Gottes
führt den Menschen zur Sünden- und Gnadenerkenntnis. Die
menschliche Erziehung, in der Menschen als Gottes Mitarbeiter
und an Gottes Statt wirken, kann nur die äußere Zucht und
Ordnung, die iustitia domestica et mundi, aufrechterhalten
(262 f.).

Was für eine Rolle spielt nun die „christliche Unterweisung
"? Hat Luther sie nicht auch „als eine Art Erziehung
verstanden"? (268) In der Praxis jedenfalls dürfte eine genaue
Grenzlinie zwischen Erziehung und christlicher Unterweisung
nicht zu ziehen sein. Auch der Sprachgebrauch — Luther spricht
von „ziehen mit verbo dei" — weist darauf hin (ebd.). Theologische
und pädagogische Motive überkreuzen sich gerade im
Katechismus, der, wie A. formuliert, „als theologisch-pädagogischer
Schlüssel zur Heiligen Schrift und damit auch zum Leben
der Gemeinde" (272) dient. Dabei haben die theologischen
Reflexionen einen Vorrang vor den pädagogischen Anliegen
(275). Auch die Methode, die auf den ersten Blick von theologischen
Begründungen frei zu sein scheint (275 f.), zeigt Einwirkungen
der theologischen Grundkonzeption. Wenn Luther
im „Deudsch Catechismus" fordert, daß man die Kinder durch
den Hinweis auf Gottes Strenge und Güte Gott fürchten und
vertrauen lehren soll, dann steckt dahinter „eine Verlängerung
der theologischen Unterscheidung von Gesetz und Evangelium
in den pädagogischen Bereich hinein" (284, auch 279 ff., 282 ff.,
291). Im übrigen handelt es sich gerade in der christlichen
Unterweisung um Gottes Erziehung, „d. h. um eine Erziehung,
in der Gott selbst das eigentliche Subjekt sein will" (291).
Hier steht alles auf dem Worte Gottes.

Abschließend wirft A. die Frage auf, woran sich Luthers
pädagogische Äußerungen orientieren? Sie haben ihren zentralen
Bezugspunkt nicht in der Psyche des Kindes, sondern in den
geschichtlichen Realitäten, nämlich in dem Wort der Schrift und
dem „in Gottes Wort gefaßten" (252) Stand (294). Im Unterschied
zu den Schwärmern weiß Luther, daß Gott sich äußerer
Mittel bedient, wenn er an uns handelt. „Gott begegnet uns
nach Luthers Auffassung nicht in einer Sphäre des Zeitlosen
und Übergeschichtlichen, sondern im Bereich der Geschichte. -
Das ist der theologische Hintergrund dafür, daß Luther, wenn
er über pädagogische Probleme reflektiert, seinen Ausgangspunkt
im Stand und in der Heiligen Schrift nimmt.. ." (299).

Asheims Werk, dessen Inhalt hier nur verkürzt angedeutet
werden konnte, macht deutlich, daß man niemals von dem
„Pädagogen" Luther, losgelöst von dem Theologen, sprechen
kann. Luthers pädagogische Aussagen kreisen letztlich immer
wieder um die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und
Erziehung.

Haben Luthers Äußerungen Aktualität im Blick auf unsere
heutige „religionspädagogische Situation"? Darauf geht A. in
seinem „Schlußwort" (309—311) nur sehr vorsichtig ein. U.a.
betont er: 1. Luthers Konzentration auf das Evangelium bedeutet
nicht „einen kirchlichen Rückzug aus einem seiner Eigengesetzlichkeit
überlassenen Bereich der Erziehung" (309). Die
kirchliche, sagen wir besser: die biblische Vermahnung zum guten
Werk der Erziehung darf nicht verstummen. 2. Luthers Ant-

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wort wirft die Frage auf „nach der jedem konkreten erzieherischen
Tun vorausgehenden Grundhaltung" (ebd.). 3. Die Möglichkeit
einer christlichen Lehre von der Erziehung ist von jeder
„christlich-pädagogischen Lebensanschauung" mit einem idealisierten
Menschenbild zu unterscheiden. 4. Luther müht sich
nicht um ein christlich-pädagogisches System. Es geht ihm um
bestimmte Fragenkreise, „wo von Seiten der Kirche in Erziehungsfragen
konkrete Hilfe möglich und notwendig ist" (310).

Aufs Ganze gesehen werden wir sagen können: Asheims
vortreffliches Buch füllt eine empfindliche Lücke in der bisherigen
Lutherforschung aus. Es macht zugleich — nebenbei — eindringlich
deutlich, daß wir bei all unseren Bemühungen um
eine Erhellung des Phänomens der Erziehung nicht an einer
theologischen Deutung vorbeigehen dürfen. Es könnte sein, daß
wir sonst das Wesen der Erziehung selbst nicht ins rechte
Blickfeld bekommen.

Darmstadt Friedrich Hah n

Henningsen, Jürgen: Autobiographie und Erziehungswissenschaft.

Neue Sammlung 2, 1962 S. 450—461.
Jentsch, Werner: Erziehung im personalen Zeitalter. Theologische

und anthropologische Aspekte zur Jungen- und Mädchenerziehung.

Pastoralblätter 102, 1962 S. 499—514 und S. 554—571.
Kchrbach, Karl Theodor: Religionsunterricht und Religionslehrer

an der Höheren Schule.

Stimmen der Zeit 170 (87. Jg. 1961/62) S. 340—354.

Stell wag, Helena W.: Die eizieherische Funktion des Kindes.
Neue Sammlung 3, 1963 S. 16—27.

Willam, Franz Michel: Die Katechetische Erneuerung als gesamt-
kirchlicher Vorgang.

Orientierung (Zürich) 26, 1962 S. 116—117 und 127—129.

MISSIONSWISSENSCHAFT

Lutherische! Missionsjahrbuch 1962. Hrsg. im Auftrag der
Bayerischen Missionskonferenz von Walther Ruf. Nürnberg: Selbstverlag
der Bayerischen Mission«konferenz [1962]. 184 S. 8°. Kart.
DM 3.75.

Dieses Jahrbuch teilt die so wichtigen Statistiken, die
Bibliographie und das Adressenwerk mit dem Jahrbuch Evang.
Mission. Es teilt mit ihm also auf S. 174 unter 7C auch eine unautorisierte
und nicht zutreffende Personalmitteilung.

Einem biblischen Geleitwort von Willy Gerber und einer
Predigt von Bischof Dietzfelbinger schließen sich gute Beiträge
an: Ludwig Adolf Petri und die Mission (Meyer-Roscher); ein
Bericht über die II. Allafrikanische Lutherische Konferenz in
Antsitabe (Johann Launhardt); eine höchst aufschlußreiche Untersuchung
darüber, ob ,Brot für die Welt' an die Stelle der Mission
tritt (Martin Pörksen) und ein Kurzartikel über „Das Leid
in der Verkündigung" (Walther Hellinger), wobei man freilich
eine andere Überschrift für angemessener halten möchte. 4 ausgeführte
Missionsstunden bieten sich Pfarrern als Direkthilfen
an. Willkommen wird vielen die Rundschau sein: Luth. Weltmission
heute (G. Günther); Die Mission der Vereinigten
Evang.-Luth. Kirche in Australien (Max Lohe); Die isländische
luth. Mission (F. M. Halldorsen); 75 Jahre Sächs. Miss.-Konferenz
(Willy Gerber) und Hinweise auf die Jubiläen der Leipziger
und der Goßner Mission, der Batakkirche, der Neuguineamission
und der Bethelmission.

Halle/S. Arno Lehmann

Dewailly, L.-M., O. P.: Envoycs du pere. Mission et Apostoli-
cite. Paris: Editions de l'Orante [1960]. 159 S. 8° = Lumiere et
Nations, Collection dirigee par A. Retif.

Die drei Kapitel des Buches (I. Qu'est-ce qu'une Mission?
II. Mission de I'Eglise et Apostolicite. III. Breve Histoire de
l'adjectif „Apostolique") geben drei Aufsätze wieder, die i'"
Laufe von zwölf Jahren entstanden und mit reichen Anmerkungen
versehen sind. Angeschlossen sind eine Bibliographie zum
ersten Kapitel, ein Index biblischer Stellen und ein Autoren-
und Sachregister. Die Darstellung ist dadurch ausgezeichnet,
daß die Mission streng theozentrisch orientiert ist, so daß man
dem Buche auch den Titel „Missio Dei" geben könnte. Missionstheologie
wird daher bestimmt als „Theologie des Werkes der

Theologische Literaturzeitung 88. Jahrgang 1963 Nr. 7