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Ausgabe:

1961 Nr. 12

Spalte:

945-948

Kategorie:

Psychologie, Religionspsychologie

Autor/Hrsg.:

Thun, Theophil

Titel/Untertitel:

Die Religion des Kindes 1961

Rezensent:

Richter, Liselotte

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945

Theologische Literaturzeitung 1961 Nr. 12

946

PSYCHOLOGIE um RELIGIONSPYCHOLOGIE

Thun, Theophil: Die Religion des Kindes. Eine Untersuchung nach
Klassengesprächen mit katholischen und evangelischen Kindern der
Grundschule. Stuttgart: Klett [1959]. 276 S. 8°. Kart. DM 16.10;
Lw. DM 18.60.

Strunk, Orlo, Jr. [Hrsg.]: Readings in the Psychology of Religion.

New York/NashviUe: Abingdon Press [1959]. 288 S. gr. 8°. Lw.
$ 4.50.

Von ireligionspädagogischem Interesse getrieben, hat Theophil
Thun, Professor an der Pädagogischen Akademie in Paderborn,
das große Thema der Religion des Kindes einer Untersuchung
unterzogen. Als besonderes Motiv war dabei der Wunsch wirksam
, „einen empirischen Beitrag zur Entwicklungspsychologie zu
erarbeiten, und zwar unter dem Aspekt einer relativ weitgehenden
Detaillierung": Untersuchungen in den vier Grundschulklassen
, in Stadt- und Landschule, in katholischen und evangelischen
Schulen. Weiter wünscht der Verf. Klarheit darüber zu
gewinnen, wieweit die Behauptung richtig ist, „daß die Religion
des Kindes nichts Eigenes, Originales, Selbständiges darstelle,
sondern vielmehr eine Art Echo des Gehörten sei". Hier muß
Thun feststellen, daß Übernahme und Aneignung des Tradierten
nicht allein ein Spezifikum der Kindheitsreligion ist, wodurch
diese wesentlich von der Religion der Erwachsenen geschieden
wäre. In mehrfacher Hinsicht hat die Religion des Erwachsenen
weit mehr mit der Kindheitereligion zu tun, als man bisher wahrhaben
wollte. Nach Thuns eigener Aussage bieten die beste
Grundlage zur Erforschung der Kinderreligion die Aussagen der
Kinder selbst. Um Echtheit und Natürlichkeit der Aussagen zu
sichern, muß auf didaktische Lenkung verzichtet werden. Doch
darf eine Anregung der Kinder zur spontanen Äußerung im
Gruppengespräch stattfinden, zugleich ist aber dabei zu vermeiden
, daß infolge kindlich-kollektiver Übersteigerung der Verlauf
des Gesprächs ins Unernste abgleitet.

In vier Grundschulklassen einer katholischen Stadtschule,
einer katholischen Landschule und einer städtischen Gemeinschaftsschule
wurden 26 Fragen in freiem Gespräch erörtert. Es
war dem pädagogischen Geschick des Verf. zu danken, daß ohne
Schwierigkeit das lebhafte Interesse der Kinder geweckt werden
konnte. Dazu kamen noch die Aussagen von vier milieugeschädigten
Kindern im 4. Grundschuljahr. Regelmäßig wurde
eine „Denkstunde" gehalten, bei der sich die Kinder daran gewöhnten
, die Augen zu schließen und stillzusitzen, wenn eine
Frage gestellt wurde, bis 6ie genau wußten, was sie 6agen wollten
. Es brauchte nur zwei Wochen, bis die Denkstunde sich eingebürgert
hatte. Die Kinder warteten mit Spannung auf das
Thema, worüber gesprochen werden sollte, und sie begrüßten die
Unterbrechung des Schultages, da sie hier frei von dem ihnen
Wichtigen sprechen durften. Das Resultat war ein freier, andauernder
Strom von Aussagen, der nur dann vom Lehrer unterbrochen
wurde, wenn die Kinder in gleichlautenden Aussagen
perseverierten.

Es wurden folgende Themen behandelt: Gottesvorstellungen
der Kinder, die Gestalt Jesu Christi, Himmel und Hölle, Engel
und Teufel, Erschaffung der Welt und Auferstehung von den
Toten, Glaube und Unglaube, Gebet, große und kleine Sünden,
die Stimme des Gewissens, die gute Tat, Erlebnis der Kirche und
Erlebnis des Todes. Es kommen dabei nicht so sehr Erlebnisse
wie Vorstellungen ans Licht; fast wirkt es zuweilen wie eine
spielende Beschäftigung mit den Themen. Trotzdem bleibt erstaunlich
, was dabei zutage kommt.

Als Beispiel für Fragen unter dem Thema „Gottesvorstellungen
der Kinder — Von der Begegnung mit Gott" seien genannt
: a) Hast du einmal besonders an den lieben Gott gedacht?
Was hast du gedacht? — b) Hast du dich einmal sehr vor dem lieben
Gott gefürchtet? Wann war das? — c) Hast du schon einmal
geglaubt, den lieben Gott gesehen zu haben? — d) Wir wollen an
den lieben Gott denken. Wie mag er wohl aussehen?

Vom religionspädagogischen Standpunkt könnte die letzte
Frage nicht unbedenklich erscheinen, auch wegen der möglichen
Suggestionswirkung. Doch ist bei den Kindern im 1. Schuljahr
die starke Betonung der Farben in reicher Variation interessant.

Allerdings ist es eine Frage, ob die Aussagen für die Ausführungen
des Verf. über die Verbindung zwischen Farbe und Emotion
bei Kindern eine hinreichende Grundlage bieten. Aber ein
wichtiges Problem ist es, und der Verf. hat das Recht, die Ergebnisse
der Kinderpsychologie bei der Erörterung des Materials zu
benutzen.

Im Abschnitt „Von Himmel und Hölle, von den Engeln
und dem Teufel" hebt Thun hervor, daß das religiöse Gebiet
für Kinder eine Welt der ständigen Veränderung und Bewegung
ist, worin vieles, was gestern noch galt, im Laufe kurzer Zeit
nicht mehr gültig i6t. Das Material zeigt die Überwindung der
religiös verbrämten Märchenphantasie durch eine wachsende Zuwendung
zur Christusgestalt und das Ringen um einen spirituellen
Gottesbegriff unter Abhebung von allen märchenhaften,
mythischen und anthropomorphen Vorstellungen. Das könnte
zu der Annahme führen, daß da6 Abstreifen früherer primitiver
Auffassungen und der Aufbau eines geistigen Verständnisses
ein einfacher Entwicklungsvorgang wäre, der unter Voraussetzung
günstiger Umweltverhältnisse von selbst geschähe. Dies
ist jedoch nach Thun nicht der Fall. In gewisser Weise von selbst,
wenn auch oft unvollständig, geht der Abbau frühkindlich-
märchenhafter Vorstellungen vor 6ich. Aber der Aufbau einer
neuen, theologisch angemessenen Auffassung hängt vor allem
ab von einer verständnisvollen geistlichen Führung in Kirche,
Schule und Elternhaus.

Mit einem Abschnitt über die „Grundbefindlichkeiten der
Religion des Kindes" schließt die reichhaltige Untersuchung, die
eine besonders wertvolle Bereicherung der religionspsychologischen
Literatur darstellt und zugleich ein wichtiger Beitrag zur
Religionspädagogik ist. Man kann den Verf. zur Durchführung
seiner Untersuchung beglückwünschen. So ist das Schlußkapitel
besonders wertvoll dadurch, daß der Verf. zu der Feststellung
kommt, daß „die Anthropomorphismen weniger aus der eigenen
begrenzten Weltauffassung der Kinder als von außen zugeführt
werden".

Die Literaturkenntni6 des Verf. ist umfassend. Keine deutsche
Untersuchung über das Thema fehlt, mit Ausnahme von A.
Burgardsmeier: Gott und Himmel in der psychischen Welt der
Jugend, Düsseldorf 1951.

Das zweite hier anzumeldende religionspsychologische Buch
von Orlo Strunk hält leider nicht die gleiche Niveauhöhe. Es gehört
zu den in Amerika verbreiteten Publikationen, die nicht
originale Lehrbücher sind, sondern 6ich darauf beschränken, sog.
textbooks zu sein, und Lesetexte für AnfängeT in einer für
unsere wissenschaftlichen Anforderungen diffizile Zusammenhänge
barbarisch vergröbernden Auswahl kleinster Quellenstückchen
geben, ohne daß daraus ein klares Bild von Entwicklung
und Methode des Forschungsgebietes ersichtlich wäre. Sie machen
meist unfähig, ein Originalwerk vollständig zu lesen,
was ja allein wissenschaftlich erzieht, indem der Leser
lernt, den Intentionen des Verfassers bis in ihre letzten Gründe
zu folgen, was jedoch durch eine Verkürzung nach Art jener
Lesetexte unmöglich gemacht wird. Immerhin ist es das erste
Buch dieser Art in U.S.A. übeT Religionspsychologie. Der Inhalt
der ausgewählten kurzen Abschnitte ist unter folgenden Gesichtspunkten
zusammengestellt: "Does the selection contribute to an
appreciation of classical p6ychology of religion? — Is the article
or excerpt especially provocative, original, or potentially stimu-
lating? — Is the article available or relative inacccssible to
6tudents of the psychology of religion?" Strunk meint, es gäbe
Zeichen einer Wiederbelebung des Interesses an der Religionspsychologie
, doch bestände die Gefahr, daß dann die historischen
und klassischen Werke dieser Disziplin aus früheren Epochen
übersehen und vergessen werden. Statt nun aber passende Abschnitte
solcher Werke zu bieten, bringt Strunk nur Auszüge aus
historischen Übersichtsartikeln, wobei man mal für mal auf
Wiederholungen stößt. Die Verteilung der Epochen ist nicht
sachgemäß und 6ehr ungleichmäßig. So wird über den kleinen
Zeitraum von 1920— 1926 ein Artikel von über 13 Seiten von
E. L. Schaub mit Aufzählung aller religionspsychologischen Literatur
dieses kurzen Abschnittes gebracht. Andere, wichtigere
Epochen kommen gar nicht oder so dürftig zu Worte, daß kein
Bild der Entwicklung entsteht. Derjenige, welcher vorher nichts