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Ausgabe:

1961 Nr. 12

Spalte:

939-940

Kategorie:

Systematische Theologie: Allgemeines

Autor/Hrsg.:

Tyrrell, George

Titel/Untertitel:

Das Christentum am Scheideweg 1961

Rezensent:

Grabs, Rudolf

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Seite 1

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939

Theologische Literaturzeitung 1961 Nr. 12

940

Tyrrell, George: Das Christentum am Scheideweg. Eingeleitet u.
übers, v. Ernst Erasmi. Zum 50. Tode6tag George Tyrrell» (15. Juli
1909) hrsg. v. Friedrich Heiler. München - Basel: E. Reinhardt
1959. 191 S. gr. 8°. Lw. DM 13.—.

Herausgeber und Verleger haben sich mit der Veröffentlichung
dieses nachgelassenen Werkes des katholischen Modernisten
G. Tyrrell den Dank all derer erworben, die nicht ohne Erschütterung
der Tragödie des katholischen Modernismus gedenken
. Fr. Heiler als Herausgeber hat das besondere Verdienst, daß
dieses Werk als würdiges Denkmal jenem Katholiken errichtet
wurde, dem nach Söderbloms Worten „unter den Modernisten,
welche Verfolgung erlitten haben, ein besonderer Ehrenkranz
gebührt".

Mit diesem Werk setzen Herausgeber und Verleger fort,
was sie bald nach dem Zusammenbruch (1947) unternahmen. Damals
veröffentlichte Heiler eine dem Andenken „des prophetischen
Künders wahrer Katholizität Wilfred Monod" gewidmete
eingehende Würdigung Alfred L o i s y s, den er den „Vater des
katholischen Modernismus" nannte.

Von Tyrrell erschien in Deutschland noch kurz vor seinem
Tode das gewichtige Buch „Zwischen Scylla und Charybdis" (464
Seiten, 1909 bei Eugen Diederichs). Wer diesen Band, um den
nach mehr als einem halben Jahrhundert wenige wissen, heute
zur Hand nimmt, wird schmerzlich und doch wiederum trostvoll
von dem vorangestellten Worte Miltons berührt werden:

„Denn wer wüßte nicht, daß die Wahrheit stark ist und daß der
Allmächtige allein stärker ist denn sie? Sie bedarf weder politischer
Winkelzüge, noch der Zensuren noch Lizenzen, um zu siegen; das 6ind
nur die Kniffe und Finten, die der Irrtum gegen ihre Macht gebraucht."

Albert Schweitzer erwähnt in „Aus meinem Leben und Denken
", daß ohne Tyrrells Bekanntschaft mit „Von Reimarus zu
Wrede" (Titel der ersten Auflage der „Geschichte der Leben-
Jesu-Forschung") dieser „Jesum nicht mit solcher Entschiedenheit
als ethischen Apokalyptiker" hätte zeichnen können. (Ausg. von
1932, S. 41.)

Das geschah in „Christianity at the Cro6s-Road6", so lautet
der Titel der englischen Original-Ausgabe.

Die Einleitung von Erasmi zeichnet in liebevoller Weise
Tyrrells Weg als den eines „Wahrheitssuchers". Anglikanismus,
Einflüsse Newmans, der Weg zum Romkatholizismus und Jesuiten
, Hinwendung zur Modernistenbewegung, Exkommunikation
und frühzeitiger Tod, alles in allem eine „tragische Seelengeschichte
" eines kühnen Theologen und Denkers, „der zugleich
ein tiefer Mystiker war" (S. 39).

Bei flüchtigem Zusehen könnte vermutet werden, daß der
Titel in die Richtung des liberalen Protestantismus wiese. Der
Katholik Tyrrell, der er bis zum letzten Atemzuge war, weiß sich
von der gegen Ende 6einer kurzen Lebensbahn stark vertretenen
Anschauung, die in Harnacks „Wesen des Christentums" ihren
Höhepunkt fand, sehr unterschieden. Es geht ihm nicht um eine
Reduzierung des christlichen Kerngehalts auf die „Vaterschaft
Gottes" u. ä., sondern um die Transzendenz! Johannes Weiß und
Albert Schweitzer entdeckten für ihre Zeit die fremdartige Hoheit
der Gestalt Jesu in ihrer apokalyptischen Gestimmtheit.
Diese Erkenntnis von der „apokalyptischen Vision Christi" ist
es, die festgehalten werden muß, wenn nicht das eigentliche
Geheimnis des christlichen Glaubens verloren gehen soll! Die
„Modernität" der Theologie Tyrrells, die ihm so viel Leid einbrachte
, besteht darin, daß er um das Bild als Bild weiß, daß er
wohl die Symbolkraft der apokalyptischen Bildersprache Jesu in
riefer Ergriffenheit empfindet, abeT nicht knechtisch an den Buchstaben
gebunden ist. Die Ausdrucks form ist zeitbedingt, aber
gegenüber aller Auflösung der Religion in Moralität gilt, daß
„Religion als 6olche es durchaus mit dem Transzendenten zu
tun" hat (S. 94).

Gegenüber jenen, die jede Erkenntnismöglichkeit des Transzendenten
verneinen, erinnert Tyrrell in köstlich anmutender
Unbefangenheit daran, daß eine Transzendenz, zu der wir überhaupt
nicht die geringste Vergleichsmöglichkeit hätten, für uns
einfach nicht da wäre. Trotz der großen Unterschiedlichkeit
leuchtet hierbei etwas von dem Wahrheitsgehalt der Goetheschen
Schau auf. („Wär nicht das Auge sonnenhaft.. .".) Freilich, 6agt
Tyrrell, sei die mögliche Erkenntnis des Menschen vom Transzendenten
vielleicht nur der der Maus vom Gesamtwe6en des Menschen
zu vergleichen.

Tyrrell schirmt sich sehr deutlich gegen den Vorwurf ab, daß
unsere Ideen und Bilder vom Transzendenten nicht in der
„Erfahrungsordnung" verwurzelt seien. Er bezeichnet sie als
„Visionen der überirdischen Wirklichkeit". Unsere Not ist es,
daß wir die ewige Wirklichkeit „in der Sprache der diesseitigen
Erfahrung" darzustellen versuchen und so „Unvereinbares miteinander
verkoppeln" (S. 131). Eine wörtliche Deutung dieser
Bilder ist irrig. Und doch ist nicht zu verkennen, daß sich das
Eigenartige begeben hat, wonach das Transzendente sich gleichsam
gerade dies und jenes bestimmte Sinnbild erwählt hat, um
sich realiter zu offenbaren. Tyrrell verdeutlicht das z. B. an dem
Sinnwort des „Vaters" (S. 132).

Der Wert des Werkes — und darum i6t seine Übertragung
ins Deutsche so dankenswert — liegt nicht zuletzt darin, daß es
eine seelsorgerliche Hilfe für den denkenden Menschen sein kann,
daß e6 auf 6eine Weise hilft, Steine aus dem Wege zu räumen,
an denen sich der Fuß des Suchenden in unnützer Weise wund
6tößt. Die römische Kirche seiner Zeit sah Tyrrell am Scheidewege
. Würde sie dem Gläubigen einräumen, den „symbolischen
Charakter der Begriffe und Bilder vom Göttlichen" zu erkennen
? (S. 132) Diese Frage ist nicht nur eine solche an die römische
Kirche!

Das verpflichtende Erbe dieses Märtyrers der Wahrheitserkenntnis
endet mit den Worten:

„Es ist der Geist Christi, der immer wieder die Kirche aus den
Händen ihrer inneren und äußeren Bedränger errettet hat. Denn wo
jener Geist ist, da ist Freiheit. Die Befreiung kommt von unten, von
den Gebundenen, nicht von denen, die binden. . . . Geraten wir nicht
immer tiefer in eine Sackgasse, in eine jener Krisen, die Gottes Stunden
6ind?" (S. 186)

Leipzig Rudolf G rabs

C 1 a r k e, Bowman L.: God and the Symbolic in Tillich.

Anglican Theological Review 43, 1961 S. 302—31 1.
Hartshorne, Charles: Tillich and the Other Great Tradition.

Anglican Theological Review 43, 1961 S. 245—259.
Isaac, Jules: Hat der Antisemitismus christliche Wurzeln?

Evangelische Theologie 21, 1961 S. 339—354.
P 1 a c h t e, Kurt: Vom Geheimnis des Bösen.

Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung 15, 1961 S. 266—270.
Reardon, Bernhard M. G.: Tillich and Anglicanism.

Anglican Theological Review 43, 1961 S. 287—302.
Pittenger, W.Norman: Paul Tillich as a Theologian: An Apprecia-

tion.

Anglican Theological Review 43, 1961 S. 268—286.

ETHIK

Veit, Otto: Soziologie der Freiheit. Vollständige Neubearb. von
„Die Flucht vor der Freiheit". Frankfurt/M.: Klostermann [1957].
276 S. 8°. Kart. DM 16.50; geb. DM 18.50.

In dem Buch des Frankfurter Nationalökonomen und Geldtheoretikers
Otto Veit handelt e6 6ich um die Neuauflage und
vollständige Neubearbeitung seines 1947 im gleichen Verlag erschienenen
Werkes .Flucht vor der Freiheit'. Wie der Titel, so ist
auch die Neubearbeitung selbst gegenüber dem Ursprungswerk
ruhiger, distanzierter, theoretischer geworden. Niemandem darf
es verwehrt sein, dem ursprünglichen Titel und der ursprünglichen
Fassung dennoch den Vorzug zu geben. Hier ist jedoch nur die
neue Fassung zu besprechen.

Sie ist 6chon als anti-spezialistischer Versuch bedeutsam und
im höchsten Maße anerkennenswert. Gerade weil unsere Lebenswirklichkeiten
und die ihnen zugrundeliegenden oder zu Hilfe
eilenden Theorien und Deutungen so unüberschaubar vielfältig
geworden sind, wagen wir es kaum mehr, uns zu wesentlichen
Fragen wirklich umfassend zu äußern. Man exponiert sich nicht
gerne und verbleibt bei seinem Leisten. Veit scheut sich nicht,
in allen Disziplinen, einschließlich der Theologie, kräftig mitzureden
, und er hat das Recht mitzureden; denn er hat — auch den
Theologen! — etwas zu sagen. Nicht der heute auch in der Theologie
so gerne gepflegte soziologische Aspekt aller Dinge ist es,
um dessentwillen ich 60 urteile, sondern der Elan, mit welchem