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Ausgabe:

1959 Nr. 10

Spalte:

740-742

Kategorie:

Religionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Ringgren, Helmer

Titel/Untertitel:

Die Religionen der Völker 1959

Rezensent:

Mensching, Gustav

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739

Theologische Literaturzeitung 1959 Nr. 10

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7t>); ich kann die Kostümfrage mangels Abbildungen nicht entscheiden.
Schade, daß 243, Anm. 59 (2. A. 249, Anm. 59) die Stelle im Lib. epilog.
nicht angegeben ist. — Weswegen ist eigentlich auf S. 133 u. 137 der
2. Aufl. im Unterschied zu S. 131 u. 134 der l.Aufl. gesagt, daß sog.

Zentralgrab habe nur „wahrscheinlich" in den Clivus hineingeragt, was
mit S. 134 (2. A.). wo der alte Text stehengeblieben ist, in Spannung
6teht? Das Grab muß sich in den Clivus hinein erstreckt haben und
I mehr als nur ein Drittel, s. E 136, 139, v. Gerkan a.a.O. 91.

RELIGIONSWISSENSCHAFT

Birkeland, Harris: The Lord Guideth. Studies on Primitive Islam.
Oslo: Aschehoug in Komm. 1956. 140 S. 4" = Skrifter utg. av Det
Norske Videnskaps-Akademi i Oslo. II. Hist.-Filos. Kl. 1956, 2.

Diese genaue Untersuchung von fünf frühesten Koransuren:
93 f., 105 f., 108 (die mich erst nach drei Jahren erreichte),
verdient einen eigenen Hinweis auch in dieser Zeitschrift wegen
ihrer grundsätzlichen Klärung von Kommentaren zu heiligen
Texten. Birkeland wählt die Korankommentare von Tabari, gestorben
923, Zamachschari, gest. 1144, und Razi, gest. 1209. Bei
der ständigen Wiederholung des Stoffes „andere Kommentare
zu befragen, ist vollständig überflüssig" (B 136), zumal da die
zwei letztgenannten eine verschiedene scholastische Methodik
vertreten. Nur wegen seiner großen Beliebtheit wird noch
herangezogen das bequeme Handbuch von Baidawi, gest. um
1300, und der jüngere Kommentar des Alusi, da dieser einige
vernachlässigte alte Notizen bewahrt hat.

B. räumt in den Kommentaren gründlich auf. Das Revolutionäre
ist gerade seine schlichte Nüchternheit. Er erklärt den
Wortlaut rein philologisch und historisch. Es geht um
Muhammeds erste religiöse Stufe, um sein Erlebnis eines Herrn,
welcher ihn persönlich lenkt, sowie das Geschick und die Geschäfte
der Koreisch-Kaufleute des heimatlichen Mekka. Zwar
haben islamische Historiker über die Anfänge ihres Propheten
ehrlich berichtet; man spürt sogar ein Bestreben, das religiös so
wirksame Leidensmotiv auch in den Islam aufzunehmen, d. h.
aus der Emigration (Hedschra) des zuhause Erfolglosen nach
Medina die verzweifelte Flucht eines Verstoßenen zu machen.
Doch Armut, Verzagen und ehemalige Zugehörigkeit zu einer
heidnischen Gemeinschaft: das wollte nicht mehr passen zum begnadeten
„Gesandten Gottes". Seit seinem zweiten Jahrhundert
entwickelte auch der Islam das Dogma von der Unfehlbarkeit
Oszma) seines Stifters. Er sei von Anfang an bewahrt vor
Sünde, Elend oder gar vor Teilnahme am Götzendienst. Entwik-
kclt ist dies Dogma in der Form von sich ständig steigernden
Traditionssätzen, die je mit einer Kette von Gewährsmännern
eingeführt werden. Diese Stützen (isnad) bieten ebenso wie die
Traditionsinhalte (matn) selbst die Möglichkeit zur Kritik der
Überlieferung und zur Bloßlegung des ursprünglichen Sinnes.
Mit philologischer Akribie gelangt B. im Vergleich zu den hohen
Worten der Kommentare zu reichlich banalen Ergebnissen: des
Herrn Führung im persönlichen Geschick des Propheten gipfelt
in der reichen Heirat dieses wirtschaftlich Unselbständigen und
von der Führerschicht Ausgeschlossenen (abtar) mit seiner wohlhabenden
Prinzipalin Chadidscha. Sie wird von B. mehr als ein
dutzendmal genannt. Um diesen tatsächlichen neuen Wohlstand
(kauthar) gehe es in Sure 108, nicht um ein Vertrösten auf einen
Wunderfluß Kauthar im Paradies. Die beglückende Weitung der
Brust in Sure 94 bedeute das Aufhören der wirtschaftlich und
stimmungsmäßig drückenden Enge, nicht den späteren, übrigens
nicht spezifisch islamischen Wunderbericht, daß Engel ihm die
Brust geöffnet und ein neues reines Herz hineingesenkt hätten.
Sure 108,2 „bete zu deinem Herrn und opfere" wurde in Kommentaren
gekünstelt verharmlost. Sure 106, die sympathische
Begrüßung des Karawanenhandels der Koreisch, welcher Mekka
vor Hunger schützte - übrigens mit gleichen Worten, wie in
einem heidnischen Hamasa-Gedicht (B. 127) — versuchte man, in
die medinische Zeit zu verlegen, obwohl damals die Koreisch-
Karawanen durchaus nicht sicher waren, da Muhammed selbst sie
überfiel. Noch nirgends in diesen fünf Suren wird gegen die alten
Götter gekämpft. Es handelt sich um das Erlebnis eines Herrn
(rabb - nur so!), welcher den Propheten selbst und seine Heimat
lenke und darum Verehrung verdiene.

Birkelands Studie ist anregend über die Islamforschung hinaus
. Was ist ein Kommentar? Keine bloße Darstellung des Wortlauts
. Hierfür haben die Araber selbst gute Hilfsmittel bereitgestellt
in den Belegstellen (schawahid) aus der klassischen
Sprache, vorab aus der Dichtkunst. Für Kommentare aber ist ein
Koranvers vor allem die Fundgnibe für einen bereits geglaubten
Satz, für welchen das heilige Buch die Bestätigung liefern soll,
und diese hat Gültigkeit für den Kreis, und nur für den Kreis,
in dem der betreffende Glaubenssatz allgemeine Anerkennung
(idschma) gefunden hat. Ein solcher Kreis wird auch daran gewöhnt
, daß das zu Beweisende einfach hineingeschoben, während
Nicht-passendes ausdrücklich abgelehnt oder überhaupt verschwiegen
wird, wie schon Tabari den alten Erklärer, Muhammeds
Vetter Ibn Abbas, nur noch selten berücksichtigt. Zu Sure 93, 5:
dein Herr „wird dir sicherlich geben, so daß du zufrieden wirst"
und zu Sure 108, 1 „Wir gaben dir den Überfluß" ergänzen die
Kommentare (außer jenem geheimnisvollen Paradiesesfluß) als
Geschenke: Islamglaube, Prophetenamt, Siege in den Razzien
(so das Originalwort für Muhammeds Kriege), auch Jenscitsgüter,
vor allem das Vorrecht der Fürsprache (schala'a) am Jüngsten
Tage. Wenn Alusi 26 Deutungen für kauthar sammelt, dann
nieint er eben nicht die eine ursprüngliche.
Referent möchte zwischen Wortlaut-Erklärung und Kommentar
trennen. Er lernte den Koran kennen an einer Stätte, wo es keinen
Kommentar gab, nur Lexikon und Grammatik. Als er daraufhin
zunächst sunnitische Kommentare sah, kam er gar nicht auf
den Gedanken, daß diese den ursprünglichen Sinn darböten. Er
war dann aber auch nicht weiter erschüttert, als er bei Nöldckc.
dem großen Kenner von Koran und sunnitischen Erklärungen,
über den Kommentar des Schiiten Abu 1-Husain Qummi das Urteil
las: „ein elendes Gewebe von Lügen und Dummheiten", wie
es noch heute in der Geschichte der Arabischen Literatur I 192
zu lesen steht. Kommentare sind trotz ihres Beiwerks aus Lexikon
, Grammatik und Historie vor allem Dokumente der Dogmen
geschichte. Gerade ihre Widersprüche sind wichtig und — richtig.
Welcher Religion, Teilsekte oder Sonderrichtung ein Kommentar
entstammt, zeigt sich sofort beim Aufschlagen. Im Fluß der lebendigen
theologischen Denkarbeit stehend und an ihr sich ausrichtend
, schwellen sie immer stärker an. Ein Beispiel: zur
Koreisch-Sure 106, 4 der Herr „macht sie sicher vor Furcht" erwähnt
Zamachschari noch als sonderbar neuartig (biefa), Razi
aber uneingeschränkt die Deutung „sicher gegen die Furcht vor
dem Verlust des Chalifates". Was mag dazu ein demokratischer
Charidschit, wa6 ein hierokratischer Schiit gesagt habcnl Und
was meint dazu heute ein orientalischer Historiker? Das viel'
berufene idschma' ist in Wirklichkeit eine Vielheit von Partei-
Ichrcn.

Birkeland sei anerkennend gedankt, daß er beides klar
herausgestellt hat, sowohl den ältesten Koran aus Muhammeds
Anfängen, als auch die selbständige Eigenart der Kommentare
aber eben als dogmen-bildender und dogmen-gebundener Lehrbücher
.

Itumburp Rudolf St roth ma nn

R i n g g r e n, Hclmcr, u. Ake v. S t r ö m : Die Religionen der Völker

Grundriß der allgemeinen Religionsgeschichte. Deutsche Ausgabe *•
Inga Rinegren und Christel Matthias Schröder. Stuttgart: Kröner
[1959]. VIII, 538 S. kl. 8" - Kröners Taschenausgabe Bd. 291. Lw
DM 13.50.

Der soeben in der Reihe der Taschenausgaben des Verlage
Kröner erschienene Grundriß der allgemeinen RcIigionsgc6chichte
ist eine Gemeinschaftsarbeit zweier schwedischer Dozenten fyr
Religionsgeschichte an der Universität Uppsala. Die schwedische
Ausgabe erschien 1957 unter dem Titel „Rcligionerna i historia
och nutid". Wie aus dem Nachwort des Herausgebers und Mitarbeiters
an der deutschen Übersetzung, Chr. M. Schröder, hervorgeht
, ist das Buch in seiner schwedischen Fassung in erste
Linie für den schwedischen Universitätsunterricht bestimmt. Vem
selben Zweck wird es auf Grund der Fülle des dargebotenen ia