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Ausgabe:

1954 Nr. 2

Spalte:

119-120

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Vaulx, Bernard de

Titel/Untertitel:

Histoire des missions catholiques françaises 1954

Rezensent:

Rosenkranz, Gerhard

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119

Theologische Literaturzeitung 1954 Nr. 2

120

Frankreichs klassische Literatur im 17. Jahrhundert geht an
der Mission vorüber. Im 18. Jahrhundert aber, als vor allem die
Chinamission in Europa stärkste Beachtung findet, ist das französische
Schrifttum so sehr von der Kritik Montesquieus und I
Voltaires an Europa beherrscht, daß die Heidenmission in ihm,
wenn überhaupt, dann ablehnend erwähnt wird. In Deutschland
spottet Reimarus über sie, und Herder und Goethe sehen in ihr
nicht mehr als ein Kulturwerk, das zudem das Gute im Heidentum
gefährdet. Auch in England läßt die Aufklärung kaum mehr
als eine „leicht pathetische Darstellung der protestantischen Missionare
" zu; häufiger noch werden sie „wegen ihrer hoffnungslosen
Versuche, den indischen Sittlichkeitsstandard zu heben,
lächerlich gemacht". Es hat nicht an literarischen Anwälten der
Mission, wie La Bruyere und Louis Racine, gefehlt; aber ihre
Verteidigung war der Durchschlagskraft der Angriffe Voltaires
und Rousseaus nicht gewachsen, die dazu beigetragen haben,
„daß Tausende von Missionaren verhaftet oder verbrannt wurden
." Eine tragische Figur stellt der Abbe Raynal mit seinen Veröffentlichungen
dar. Er „war den Jesuiten und ihrem Missionswerk
zugetan; aber in aufreizenden Worten übermittelte der
ruhmsüchtige Abt die Ansichten der Philosophen der Generation,
deren Werk die Entfesselung der Französischen Revolution sein
sollte."

Wir hoffen, daß der Verf. bald den zweiten Teil seiner Untersuchungen
veröffentlicht. Die Schöne Literatur des 19. und
20. Jahrhunderts bietet für die Geschichte des Missionsgedankens
außerhalb des theologischen und kirchlichen Schrifttums ein weites
, noch kaum bearbeitetes, höchst bedeutsames Feld.

Tübingen Gerhard Rosenkranz

V a u 1 x, Bernard de: Histoire des missions catholiques francaises. Paris
: Fayard [1951]. 553 S. 8°. ffr. 900.

Der Verf hat mit Bedacht keine Gesamtgeschichte der katholischen
Missionen Frankreichs gegeben, sondern sich darauf beschränkt
, jeweils den ersten Anstoß zu schildern, der von ihnen
zwischen 1200 und 1900 in verschiedenen Teilen der Welt ausgegangen
ist. Was dieser, wie er sie nennt, „französischen Periode
" vorausgegangen ist, sie vorbereitet hat, erwähnt er nur
kurz, soweit es für ihr Verständnis unentbehrlich ist; die der
Pioniermission folgende Arbeit läßt er beiseite. Dadurch hat er
eine Geschlossenheit seiner Darstellung erreicht, die den beträchtlichen
Anteil des französischen Katholizismus an der Weltmission
eindrucksvoll erkennen läßt. Eine umfangreiche Bibliographie
vermittelt Gelegenheiten, die an Einzelheiten reiche Darstellung
durch eigenes Studium zu erweitern und zu vertiefen.

Den Anfang einer französisch-katholischen Mission sieht
der Verf. mit der Chinareise Wilhelm von Rubruks (1253—55)
gegeben. Es blieb das ein Anfang, dem im 14. und 15. Jahrhundert
keine Fortsetzung folgte. Erst das 17. Jahrhundert bringt
nach voraufgehenden Versuchen (1598—1613; 1615—1629) den
Jesuiten den Erfolg ihrer Arbeit in Kanada, den Wiederbeginn
der Mission im Vorderen Orient, zu der sich Frankreich seit den
Kreuzzügen besonders berufen wußte, sowie im Zusammenhang
mit der Fernost-Mission die Gründung der „Societe des Missions
etrangeres de Paris". Im 18. Jahrhundert fallen über die
französisch-katholische Mission die Schatten des chinesischen
Ritenstreites, der philosophischen Konstruktion und Propaganda
des „bon sauvage" und der die Klöster entleerenden Revolution.

Ein neuer Abschnitt ihrer Geschichte, der ihr Höhepunkt
werden sollte, beginnt mit der Gründung der „Congregation des
Sacres-Coeurs de Jesus et de Marie" durch P. Coudrin (1800),
der „Propagation de la Foi" (1822) und der „Societe de Marie"
durch Abbe Colin (1836). Arbeitsfeld der „Picpuciens" Coudrins
und der „Maristen" Colins wird Ozeanien. Im Fernen Osten
blüht die Arbeit der französischen Missionare wieder auf, obwohl
es ihr nicht an Fehlschlägen (Tibet) und Verfolgungen
(China, Indochina, Korea) fehlt; mit besonderen Erwartungen
wendet sie sich Japan zu. Vor allem aber wird Afrika ihr Arbeitsgebiet
. Ihre großen Erfolge in Afrika sind das Verdienst
dreier neuer Kongregationen: der durch Abbe Libermann erneuerten
„Congregation des Peres du Saint-Esprit", der durch Mgr.
de Marion-Brdsillac gegründeten „Missions africaines de Lyon"
und der „peres Blancs" des Kardinals Lavigerie. Zu ihnen kommen
noch in Südafrika die „Oblats de Marie-Immaculee".

Audi heute noch steht Frankreich hinsichtlich der Zahl der
katholischen Missionare an erster Stelle unter den Völkern vor
Belgien, Italien, Deutschland, Holland, Spanien. Es ist jedoch ein
Rückgang zu vermerken: 1946 waren nicht mehr, wie 1900, zwei
Drittel, sondern nur noch rund 30 Prozent aller katholischen
Missionare Franzosen. Sie gehören außer den genannten französischen
Kongregationen den verschiedensten Orden an. Der Tatsache
, daß in zunehmendem Umfang neben den Missionar der
eingeborene Priester tritt, mißt der Verf. die Bedeutung zu, die
ihr zukommt. Er erwähnt auch, in seiner Einleitung, die Frage
des Verhältnisses der französischen Mission zur Politik, insbesondere
zur Kolonialpolitik. Seine Antwort darauf ist jedoch zu
apologetisch; die Frage selbst bedarf einer eingehenderen und kritischeren
Untersuchung.

Tübingen Gerhard Rosenkranz

Referate über theologische Dissertationen in Maschinenschrift

(Fortsetzung von Heft 1 19 54, Sp. 51—60)

Teil I, 1 geht davon aus, daß Dannhauer noch keine formale Scheidung
zwisdien Dogmatik und Ethik vornimmt. Entscheidend wird für
seine Ethik das Verhältnis von Gesetz und Evangelium. Das Gesetz ist
für ihn nicht nur „neben einkommen" (Rom. 5, 20), sondern steht als
höchste sittlidie Norm über dem Evangelium. „Lege tarn formaliter
quam virtualiter intimata, consequenter etiam Evangelii obedientiam,
quae sub generali obedientia a lege requisita, continetur". Dies hat
eine wesentlich moralische Auffassung der Sünde sowie eine synergistische
Darstellung des Glaubensbegriffes und der Lehre von der
Heiligung zur Folge. Es ist ein beständiges Schwanken zwischen Thco-
zentrismus und Synergismus, fidealcr und legaler Sphäre, zu beobachten.
Das Gewissen bildet daher eine Art Vollkommenheitsbarometer.

Möckel, Karl-Heinz: Die Eigenart des Straßburger orthodoxen
Luthertums in seiner Ethik, dargestellt an Johann Conrad Dannhauer
. Diss. Greifswald 1952. Vll, 139 S.

Die Dissertation behandelt folgende Unterthemen: Einleitung:
1. Gegenwärtiger Stand der Dannhauerforschung 2. Leben und Wirken
Dannhauers; I. Die Ethik Dannhauers: 1. Die Herausführung der Ethik
aus der Dogmatik 2. Die Lehre von Gesetz und Gewissen als prinzipielle
Ethik; 3. Tugendlehre und Kasuistik als spezielle Ethik; II. Die
Einflüsse auf Dannhauers Ethik: 1. Der katholische Einfluß 2. Der lutherische
Einfluß 3. Der puritanisch-reformierte Einfluß. Anhang: Blick
von Dannhauer auf die Ethik Speners.

Der 1. Teil der Einleitung zeigt, wie die Dannhauer-Kritik einem
bedeutsamen Wandel unterworfen war. Bis in die achtziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts galt die im wesentlichen negative Kritik Tholucks
an diesem Lehrer Speners. Der positive Umschwung setzte ein mit den
Schriften des Straßburger Pfarrers Wilhelm Horning.

Der 2. Teil, ausgehend von den politischen und konfessionellen
Verhältnissen des Elsaß zur Zeit Dannhauers, läßt erkennen, daß Dannhauer
, geb. 1603 zu Köndringen im Breisgau, gest. 1666 in Straßburg
als Universitätsprofessor, Münsterprediger und Präses des Straßburgcr
Kirchenkonvents, nicht nur an den theologischen Lehrfragen, sondern
gleicherweise an den kirchlichen Lebensfragen interessiert war. Von
Dannhauer ist neben Spener der Rostocker Frühpietist Lütkemann be

Teil 1,2 hat das Ringen Dannhauers mit den Begriffen lex mo-
ralis naturalis, lex positiva (Dekalog) und Gewissen zum wichtigsten
Gegenstand der Ausführungen. Dannhauer geht aus von der lex mo-
ralis naturalis. Ihre hauptsächlich negative Verwendung und die merkwürdig
verschwommene Voraussetzung eines spezifisch menschlichen
habitus moralis bereiten den Primat des Dekaloges vor. Als „Sprachrohr
" der lex moralis naturalis tritt aber dennoch in der weiteren Verwicklung
das Gewissen auf. Beide Prinzipien der Ethik, Dekalog und
Gewissen, werden weitgehendst als identisch verstanden. Der Gebrauch
des Gewissens ist notwendig, um der immer mehr hervortretenden negativen
Wendung des Dekaloges zu begegnen. „Conscientia est motor,

einflußt. Victor, dominus, obligator". Mit der Fixierung des intellectus practicus