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Ausgabe:

1954 Nr. 9

Spalte:

569-571

Kategorie:

Missionswissenschaft

Titel/Untertitel:

Scientia missionum ancilla 1954

Rezensent:

Rosenkranz, Gerhard

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Theologische Literaturzeitung 1954 Nr. 9

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hin geschieht. Wenn der Vf. S. 10 davon ausgeht: „Von Natur aus
findet sich jeder Mensch ... als Einsamer vor", so zeigt sich dieser Ansatz
noch deutlicher. Der Mensch findet sich vielmehr immer in einer
Gemeinschaft vor. Diese Gemeinschaft ist immer vor dem einzelnen
da; wo aber eine solche Gemeinschaft ist, da gibt es die ursprünglichen
Redeformen wie z. B. den Gruß, Formen des Rufes u. ä. Mir scheint
gerade hier ein entscheidender Wandel im Verstehen der Sprache begründet
. Die älteren Theorieen gingen bei der Frage nach der Entstehung
der Sprache vom Einzelmenschen aus. Daß aber der Entstehungsort
der Sprache nicht die Seele des einzelnen, sondern nur die Gemeinschaft
sein kann, daß also die Sprache nur als eine Funktion der Gemeinschaft
verstanden werden kann, wird heute nicht mehr bestritten werden.

Die dritte Frage richtet sich auf die Anlage des erweiterten Buches
: Ist das hier unternommene Werk nicht zu umfassend, und lassen
sich die in dem letzten Teil angeschnittenen Fragen (Kirchenlied, Predigt
, Bekenntnis, Bibel, Dogma, Gebet, Segen u. a.) so summarisch
lösen? Die Arbeit leidet manchmal an einem Zu-viel. Das weitaus Wertvollste
scheint mir das vergleichende Berichten aus der Missionsarbeit
zu sein. Diesen Teil hätte man sich eingehender gewünscht; etwa das
Beispiel auf S. 3 52; das Vaterunser in der Balisprache, ist höchst wertvoll
. Oder: die Beispiele der Taufnamen der Dschagga-Neger S. 449.
Aber diese Beispiele treten erst ins rechte Licht, wenn man sie mit den
sachlich genau entsprechenden Lobnamen des AT vergleicht; (vgl. Martin
Noth: Die israelitischen Personennamen, Stuttgart 1928); es ergeben
sich hier frappierende Parallelen. Für wertvoll halte ich die Anregungen
zur Sprache des Gebets S. 368; aber auch sie müßten auf eine breitere
Grundlage gestellt werden. Hierzu gehört zuletzt der Wunsch, daß die
Hinweise auf die Entartung und die Zersetzung der Sprache genauer ausgearbeitet
werden möchten. Was z.B. S. 213 f. über das Schlagwort
gesagt wird, ist entschieden zu wenig. Das Schlagwort hat in unserer
Zeit eine derartige Bedeutung, daß man es schon in allen seinen Formen
und Möglichkeiten untersuchen muß. Das gleiche gilt für das Modewort
. Es ist schade, daß ein deutlicher Hinweis auf die Gefahr der Modewörter
in der Kirche fehlt. Das Abstraktum nennt der Vf. Dörrwort
(S. 221 ff). Man mag das tun, muß dann aber doch deutlich abgrenzen.
Abstrakta sind für unsere heutige Sprache unentbehrlich. Das sieht der
Vf. auch: „Bis zu einem gewissen Grad ist das Abstrahieren notwendig.
Dann gibt es aber eine Grenze, wo aus dem Notwendigen ein Übel
wird." Wo diese Grenze sein könnte, ist eine wirklich brennende Frage;
die wenigen Hinweise, die hier gegeben werden, sind wertvoll; aber
gerade hier wäre eine umfassende Darstellung notwendig, ausgehend
von dem Tatbestand in der Bibel, wo die Schwerpunkte des konkreten
Sprechens und der Abstraktbildungen sich ja so deutlich abzeichnen.
Eine umfassende Sicht der Abstraktbildungen und ihres Mißbrauches
könnte zu Erkenntnissen führen, die tiefer in unseren heutigen kirchlichen
Sprachgebrauch eingreifen als es die hier gegebenen Andeutungen
vermuten lassen. Erfrischend ist der Spott über das Kurzwort, auch in
der Kirche: erfreulich der Ruf zum einfältigen und klaren Sprechen,
der sich durch die ganze Arbeit zieht.

Auf jeden Fall ist mit diesem Werk eine Fülle von Anregungen
gegeben, denen weiter nachzugehen nicht nur wichtig,
sondern geboten ist. Möchte es zu größerer Ehrfurcht vor den
Wundern der Sprache und zu größerer Wachsamkeit im Umgang
mit der Sprache helfen!

Berlin C. Westermann

MISSIONSWISSENSCHAFT

|M u 1 d c r s - Festschrift:] Scientia Missionum Ancilla. Clarissimo
Doctori Alph. J. M. Mulders. Suae Sanctitatis eubiculario intimo
Dioeccseos bredanae sacerdoti missiologiae professori. Utrecht: Dek-
ker & van de Vegt [1953]. XXVII, 302 S. gr. 8°. hfl. 12.-; geb. 14.-.
Der vorliegende Band setzt in gewichtiger Weise die Reihe
der Aufsatzsammlungen fort, die katholische Missionswissenschaftler
in letzter Zeit aus besonderen Anlässen führenden Kollegen
als Festschriften gewidmet haben. Er ist dem holländischen
Professor A. Mulders zum 60. Geburtstag dargebracht worden
und beginnt mit einer Liste der zahlreichen Veröffentlichungen
des Jubilars (darunter seine ..Inleiding tot de Missiewetenschap",
die in der ThLZ 1953, Heft 6, angezeigt wurde). Imfolgenden
ist versucht worden, den Inhalt der grundsätzlichen Beiträge in
Kürze so wiederzugeben, daß deutlich wird, worin und wie die
katholische Missionswissenschaft ihr Verhältnis zu den verschiedenen
Wissensgebieten sieht, worin das „Katholische" dieser Sicht
liegt, und wo Fragen auftauchen, die sich auch der evangelischen
Missionswissenschaft aufdrängen.

Ed. Löf feld („La raison d'etre de la Missiologie") definiert
die Missionswissenschaft als ein Sondergebiet der Theologie
, das sich, wie jede andere theologische Disziplin, bestimmter
Hilfswissenschaften bedient. Ihre innere Einheit besitzt sie
in ihrer Mitarbeit an der „Einpflanzung der Kirche". Nach außen
zeigt sich ihre „raison d'etre" darin, daß sie der Theologie und
den Profanwissenschaften, vor allem aber der Kirche dient. Der
Missionswissenschaftler durchdenkt die Probleme, die sich aus der
Arbeit der Mission ergeben, hilft dadurch dem Missionar und
steht mit ihm zusammen am Bau des Corpus Mysticum.

A. S e u m o i s („L'evolution de la theologie missionnaire
au XXe siecle") schildert, wie sich die katholische Missionswissenschaft
von dem starken Einfluß Gustav Warnecks, unter dem
sie zu Anfang des Jahrhunderts durch Schmidtlin stand, allmählich
befreit hat und nicht ohne Schwierigkeiten zur Erkenntnis
ihrer besonderen Aufgaben gekommen ist. Er rechnet damit, daß
es in absehbarer Zeit ein Lehrbuch der systematischen Missionswissenschaft
geben wird.

O. Dominguez („Theologia adaptationis et praxis mis-
sionaria") geht davon aus, daß „die Kirche Christi über allen Unterschieden
der Menschen steht": „Non eas supprimit, quia non
venit naturam humanam destruere sed attollere" und folgert die
Notwendigkeit missionarischer Anpassung „ab ipsa catholicitate,
quam vice sua manifestam reddit".

J. deReeper („The importance of Mission Pastoral Theo-
logy") fordert unter Hinweis auf besondere moraltheologische
Entscheidungen, die der Missionar zu treffen hat und für die die
moraltheologischen Standardwerke nicht ausreichen, eine Mis •
sions-Pastoraltheologie.

J. Hof inger („Katechetik und Pädagogik im Dienste der
Mission") verlangt angesichts der wichtigsten Aufgabe des Missionars
, „Katechet im Vollsinn des Wortes" zu sein, eine „gründliche
katechetisch-pädagogische Schulung aller künftigen Missionare
und Laienkatecheten".

J. Beckmann („Die Bedeutung der Missionsgeschichte
für die praktische Missionsarbeit"). Die Missionsgeschichte richtet
den Blick „auf das Wesentliche und das wahre Ziel aller Missionsarbeit
", lehrt, „daß jede fruchtbare und erfolgreiche Missionsarbeit
stets im Geiste wahrer Akkomodation Hand in Hand
ging", und nährt die „echt optimistische missionarische Haltung".
Zudem „bleibt sie als Ganzes ein beredtes Zeugnis für die Echtheit
der Idee, der der Missionar sein Leben geweiht hat".

A. Freitag („Katholische Missionskunde"): Die Missionskunde
als Teilgebiet der Missionswissenschaft muß 1. „aus
zuverlässigen Quellen schöpfen", 2. „die missionskundlichen
Quellen kritisch auswerten", und 3. „systematisch und genetisch
anordnen, zusammenfassen und darstellen." Ihre Aufgabe ist 1.
„die Darstellung des gegenwärtigen heimatlichen Missionswesens
, 2. „die Behandlung des gegenwärtigen Missionsfeldes."
F. bedauert das Fehlen einer „zeitgemäßen allgemeinen Missionskunde
" und fügt eine Zusammenstellung der Werke bei, die zur
Zeit für das Studium der Missionskunde in Frage kommen.

J. P. Steffes („Die Religionswissenschaft im Dienste der
Mission") sieht „im Missionsfelde die Frage nach dem Menschen
gestellt" und in der „Religionswissenschaft mit ihren Sonderzweigen
" (Religionspsychologie, -Soziologie, -geschichte, -philo-
sophie, -vergleichung) „den Schlüssel zur Wesenstiefe und Wesensmitte
dieses Menschen". Für die Bewältigung der Aufgaben,
die sich daraus ergeben, schlägt er die Gründung von Instituten
vor, die auch dabei mitwirken könnten, „eine den Aufgaben der
Hochkulturen, besonders des Ostens, entsprechende Theologie
auszuarbeiten, die auch für die Entfaltung der Kirche von unabsehbarer
Wichtigkeit werden könnte".

R. Mohr („Die gegenwärtige Ethnologie in missionarischer
Sicht') weist auf die wichtigen Forschungsergebnisse der modernen
Völkerkunde hin, die sowohl durch ihre kulturhistorische
wie ihre kulturmorphologische und ihre funktionalistische Schule
dem Missionar wertvolle Dienste zu leisten vermag. An den Missionar
wie an den Ethnologen richtet „die Welt drüben" inmitten
„der schmerzhaften Krise des größten Kulturwandels aller
Zeiten" ihre Bitte um Hilfe.

Die übrigen Beiträge der Festschrift, die weithin die grundsätzlichen
Aufsätze durch bedeutsame Einzelheiten ergänzen, sind: